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Karen A. Ritzenhoff/Angela Krewani (Hg.): The Apocalypse in Film. Dystopias, Disasters, and Other Visions about the End of the World.

Lanham/Boulder u.a.: Rowman & Littlefield 2016. ISBN 978-1-4422-6027-6. 231 S. Preis: $ 59,82.

Rezensiert von: Brigitte Stocker

Die Apokalypse, im Prinzip das finale Ereignis schlechthin, wiederholt sich seit den  Darstellungen des biblischen Jüngsten Gerichts in Kunst und Literatur durch die Jahrhunderte hindurch. Seit der Erfindung des Mediums Film finden sich in der Populärkultur unzählbare Beispiele für diesen Topos, wobei es sich meistens um Fiktionen einer postapokalyptischen Welt handelt, in der sich eine Minderheit von Überlebenden bewähren muss. Nicht immer wird dem Zuseher erläutert, in welcher Weise sich die Katastrophe abgespielt hat. Darstellungen des biblischen Weltgerichts wurden im Laufe der Zeit ersetzt durch Naturkatastrophen, Kometeneinschläge, Desaster als Folge von technischem Fortschritt und menschlicher Hybris und natürlich nukleare Katastrophenszenarien.

 

Angesichts dieser Fülle an Weltuntergängen ist es kein Wunder, dass die kulturwissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Topos zunehmen. Seit etwa 10 Jahren gibt es auch geradezu eine Sintflut an Seminar- und Masterarbeiten zur Apokalypse, in letzter Zeit speziell zur Spielart der Zombieapokalypse.

 

Der vorliegende Band widmet sich der Apokalypse im Film und stellt das Ergebnis einer 2013 in Marburg stattgefundenen, internationalen Konferenz mit dem Titel Melancholia: Imaging the End of the World dar. In fünf Teilen versuchen die AutorInnen, häufig ausgehend von Melancholia von Lars von Trier das Phänomen des Weltuntergangs im Film vom Stummfilm bis in die Gegenwart zu umspannen. Dabei soll versucht werden, den Ursachen und Hintergründen von sozialen Ängste und Massenphobien analytisch näherzukommen. Es soll ein breites Spektrum an Problematiken und historischen Momenten, die sich mit Visionen des Weltuntergangs in Film, Fernsehen und digitalen Medien beschäftigen, angeboten werden.

 

Die Einleitung verweist bereits auf die biblische Herkunft des Weltgerichts und der Apokalypse als ein judäo-christliches Erbe, dessen Bedrohungsszenario in der Moderne durch die Hauptgefahr des technologischen Fortschritts und der damit einhergehenden menschlichen Hybris ersetzt wird.

 

Aus dem Trauma von 9/11, so die Autorinnen in der Einleitung, entstand das Genre des amerikanischen Desasterfilms, der sich mit der traumatischen Erfahrung von Terrorismus und der explosionsartigen Entwicklung von Technologie, Krieg und ökologischer Zerstörung beschäftigt.

 

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Beitrag von Peter Krämer "The Legacy of Dr. Strangelove", der die Rezeptionsgeschichte von Kubricks überaus erfolgreichem Film über die nukleare Katastrophe nachzeichnet. Krämer zeigt, welch großen Einfluss Dr. Strangelove auf Regisseure wie James Cameron und Filme wie Avatar oder Gravity ausgeübt hat (wenn auch hier indirekt über Kubricks 2001).

 

Die AutorInnen des Bandes betrachten diese Themen aus einer Vielzahl von theoretischen Disziplinen und Interessen, etwa aus der Perspektive von Gender, Hegemonie, Postkapitalismus und natürlich Neoliberalismus. Circa ab hier beschleicht einen der Verdacht, die Analyse bereits aus einem anderen historischen Kontext zu betrachten. Im Angesicht einer zutiefst unsicheren globalen Situation, von Brexit, Trump und Fake News blickt man fast wehmütig auf die Zeiten der Neoliberalismuskritik.

 

Ist das Ende der Menschheit gleich das Ende der Welt?

 

Der Beitrag von Philip Hammond und Hugh Ortega Breton diskutiert das populärkulturelle Phänomen einer sogenannten Öko-Apokalypse. Die Autoren hinterfragen, wie der Umwelt-Diskurs und die Populärkultur Gruppen repräsentieren und wie Eliten eine Öko-Apokalypse im politischen Diskurs instrumentalisieren. ˇi˛ek  

und Badiou folgend charakterisieren sie Umweltschutz als "neues Opium für die Massen": "Nothing better than a touch of ecology and catastrophe to unite the social classes." Sie argumentieren mit Erik Swyngedouw, dass Environmentalismus postpolitisch sei und einen Prozess der Depolitisierung eingeleitet habe. Visionen der Öko-Apokalypse seien symptomatisch für eine postpolitische Einstellung, innerhalb derer die Dringlichkeit einer Klimakatastrophe die demokratische Debatte darüber, wie eine mögliche Zukunft gestaltet sein könnte, beendet.

Um ihre Thesen zu untermauern, werden The Day after Tomorrow und The Age of Stupid herangezogen, beides Filme, die zwar Darstellungen der Katastrophe des Klimawandels zeigen und zweifelsohne der Populärkultur angehören, aber nicht gerade dazu taugen, um sich fundiert mit einem ökologischen Diskurs auseinanderzusetzen. Die hässliche Prägung des "Climate-Porn" ist geschaffen.

 

Die hier diskutierten Probleme sind spannend und scheinen von hochsensibler Natur. Angesichts der Tatsache, dass in der Zwischenzeit Klimawandelleugner die größte Wirtschaftsmacht der Welt übernommen haben, wird einem bei dieser Diskussion mehr als mulmig.

Auch der Begriff der Elite wird im Beitrag von Hammond und Breton nicht näher definiert. Da aber Rechtspopulisten diesen Terminus manipulativ als Kampfvokabel verwenden, um sich von Politikern, die liberale Demokratien repräsentieren, abzugrenzen, sollte man damit etwas vorsichtiger hantieren. Auch die konstruierte Dichotomie von sozial versus ökologisch erscheint nicht ganz up to date.

 

Der Stand der Diskussion um das Ende der Welt scheint den historischen Ereignissen rund um die Präsidentschaftswahlen in den USA und den Brexit nachzuhinken: denn seit der Neoliberalismus von Rechtsaußen überholt wurde, seit Klimawandel-Leugner die Geschicke des Planeten lenken, kann man mit der Behauptung, das Evozieren ökologischer Katastrophen fungiere nur als Ersatz für politische Visionen, nicht mehr viel anfangen.

In der geisteswissenschaftlichen Diskussion über die Katastrophe manifestieren sich weiterhin die althergebrachten Dichotomien Natur-Kultur oder ökologisch-sozial. Der Mensch betrachtet sich dabei immer als außerhalb seiner Umwelt ohne sich dessen bewusst zu sein. Ökologen und Umweltschützer prognostizieren deswegen ein baldiges Ende des Anthropozäns (was die Humanities gar nicht gerne hören, gilt ihnen doch der Mensch als Nabel der Welt).

 

Einen Dualismus von sozial gerechter Politik versus ökologische Verantwortung aufrecht zu erhalten, erscheint angesichts der politischen Tatsachen nicht realistisch. Der verzweifelte Kampf der Native Americans bei Standing Rock gegen die Ölpipeline durch ihre Reservate, hat gezeigt, dass es nichts weiter braucht, als mit bescheidenen Mitteln des zivilen Ungehorsams für das Recht auf sauberes Wasser einzutreten, um als Terrorist behandelt zu werden. Dass es dabei auch um Bürgerrechte und gesellschaftliche Probleme geht, und die Verteidigung ökologischer Ressourcen eine der politisch und gesellschaftlich relevantesten Themen unserer Zeit ist, ist evident. Es steht außer Frage, dass Menschen- und Umweltrechte eng miteinander verwoben sind.

 

Was bietet der Band noch? Frederick Wasser bezieht sich ebenso auf von Triers Melancholia und liefert eine Analyse des Helden in der Risikogesellschaft. Wasser geht weiter über Spielbergs E.T. und Jurassic Park bis zu Emmerichs Desasterfilmen. Er zieht den Schluss, dass alle diese Filme ein Kämpfen im Angesicht der Katastrophe präsentieren und ein Narrativ des neoliberalen Überlebenskampfes anbieten. Wasser wirft die Frage auf, ob dieses Narrativ der Risk-society eine Antwort auf das unterdrückte Schuldgefühl des Neoliberalismus ist.

Charles-Antoine Courcoux betrachtet etwa Emmerichs 2012 aus einer Gender-Perspektive und benennt in seinem Beitrag die Politik, die der Katastrophe in 2012 unterliegt, mit dem Neologismus 'ecomasculinist'. Der weiße amerikanische Mann der Mittelklasse ist die Leitfigur der Weltordnung.

Im 12. Kapitel des Bandes tauchen endlich Zombies auf. Zombies repräsentieren die logische Folgerung einer kapitalistischen Gesellschaft, doch da die Zombiethematik schon ziemlich abgefrühstückt ist, findet sich hier leider nichts wirklich Neues.

Interessant ist der Beitrag "Opposing Thatcherism" im letzten Kapitel des Bandes. Die Autorin beschäftigt sich nicht mit populärkulturellen Filmen, sondern etwa mit Derek Jarmans The Last of England und mit Peter Greenaways A TV Dante. Jarmans Film zeigt, wie stark apokalyptisches Denken in den Diskurs über die Moderne eingebettet ist und wie der Wechsel vom religiösen Denken über den Weltuntergang hin zu einem säkularen verläuft. Sehr spannend ist die Analyse der intermedialen Bezüge etwa zu T.S. Eliots The Waste Land in Jarmans experimentellem Film.

 

Der Band scheint ein grundsätzliches Problem aktueller akademischer Studien mit Bezug zum Tagesgeschehen sichtbar zu machen: Wann immer sich eine akademische Arbeit auf tagespolitisches Geschehen konzentriert, droht die Analyse dem schnellen zeitgeschichtlichen Wandel hinterherzuhinken. Die Ereignisse überholen in kürzester Zeit das Ergebnis der Studie. Es bleibt zu beobachten, wie die Filmindustrie auf die zunehmende Unsicherheit der Weltordnung reagiert. Eine Tendenz scheint sich schon abzuzeichnen: Mit zunehmendem politischem Chaos und realen Bedrohungsszenarien schwindet die populärkulturelle Lust am Desaster. Das Auf- und Abschwellen des Interesses an Katastrophenszenarien zeigt wie oberflächlich die Auseinandersetzung damit ist. An der ökologischen Bedrohung der Existenzgrundlagen hat sich in der Zwischenzeit ja nichts geändert, diese hat sich lediglich stetig intensiviert, in manchen Regionen der Erde sogar rapide.

 

Der Guardian brachte kürzlich einen Artikel, in dem bemerkt wurde, dass ein möglicher Atomkrieg wieder absolut denkbar sei. Der Topos des Weltuntergangs hat einen neuen Aufschwung erhalten und sogar eine nukleare Bedrohung erscheint wieder hochaktuell und keinesfalls als rhetorische Finte, um die Masse in Hysterie zu versetzen. Die Ignoranz, mit der Wohlstandsrevoluzzer der Ersten Welt über ökologische Probleme, die sie nur peripher betreffen, hinweggehen, erinnert an Karl Kraus' Diktum:

"Der Zustand, in dem wir leben, ist der wahre Weltuntergang: der stabile."

 

Veröffentlicht am 15.11.2017 (Ausgabe 2017/2)

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