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Helmar Schramm: Das verschüttete Schweigen. Texte für und wider das Theater, die Kunst und die Gesellschaft. Hg. v. Erhard Ertel/Joachim Fiebach/Michael Lorber und Anne Schramm.

Berlin: Theater der Zeit 2017 (Recherchen 132). ISBN 978-3-95749-102-2. 356 S., Preis: € 22,–.

Rezensiert von: Theresa Eisele

Das Kaleidoskop, so verrät es die editorische Notiz zum Band Das verschüttete Schweigen, war das Lieblingsspielzeug von Helmar Schramm. Er habe eine Sammlung in seiner Kreuzberger Wohnung aufbewahrt und diese gelegentlich an Themenabenden Mitarbeitenden und Studierenden vorgeführt. Die vorangestellte Anekdote ist programmatisch für den nun vorliegenden Band, der erstmals wesentliche Texte des 2015 verstorbenen Theaterwissenschaftlers versammelt. Die Textauswahl – zusammengestellt und herausgegeben von Erhard Ertel, Joachim Fiebach, Michael Lorber und Anne Schramm – vermittelt das "kaleidoskophafte Denken" (S. 11) Schramms, der in seinen Arbeiten über vier Jahrzehnte hinweg eine sich wandelnde Welt stets neu ins Verhältnis setzte.

 

Die 29 Beiträge, entstanden zwischen 1980 und 2014, sind chronologisch abgedruckt und bis auf den ersten sowie letzten Beitrag bereits publiziert. Neben viel beachteten Grundlagentexten, etwa den Studien zur Theatralität und den theatralen Kulturen des 17. Jahrhunderts, umfasst der Band frühe Theaterkritiken genauso, wie ein recht persönliches, bislang unveröffentlichtes Fragment (Eine knallrote Kugel, undatiert) sowie die literarische Erinnerung Mit vollem Mund spricht man nicht (1983) und das unvollendet gebliebene Denkprotokoll Modell + Risiko (2014). Dem herausgebenden Team ist damit zweierlei gelungen: einerseits, die verstreuten Texte Schramms in einem Buch und in einheitlicher sowie ergänzter Zitation zugänglich zu machen und andererseits, dessen vielfältiges Schreiben und Forschen darzulegen. Zwei Jahre nach dem Tod von Helmar Schramm ist so, auf Initiative langjähriger Weggefährtinnen und Weggefährten, ein übersichtliches Studienbuch entstanden, das präsente wie vernachlässigte Texte des Theaterwissenschaftlers (seit 1995 Professor für Theaterwissenschaft, zunächst an der Universität Leipzig, ab 1998 an der Freien Universität Berlin) gleichermaßen in den Forschungsdiskurs zurückgibt.

 

Eröffnet wird der Band von Joachim Fiebach, der in seinem Aufsatz Schramms Motiv vom "Wuchern des Theatralen im Gewebe der Gesellschaft" aufnimmt und damit gleichsam auf die Lektüre der Aufsätze einstimmt, beschäftigen sich diese doch mehrheitlich mit den "theatralen Dimensionen gesellschaftlicher Realitäten" (S. 15). Ein 1987 veröffentlichter Text über Frank Castorf bildet das Scharnier zwischen den frühen publizistischen Arbeiten Schramms – neu ediert wurden etwa Theaterkritiken zu Arbusows Erwartung in Wittenberg (1980) und zur DDR-Erstaufführung von Die heilige Hure (1984) – und den folgenden wissenschaftlichen Analysen. Unter dem Titel Dem Zuschauer auf den Leib rücken legt Helmar Schramm Castorfs Inszenierungen als konzeptionelle Entwürfe dar und fokussiert jenseits vom "literaturfixierten Blick" (S. 42) auf dessen Theater zwischen Musikalität, körperlichem Spiel, rhythmischer Organisation, absurder Komik und Tanz. Die Re-Lektüre des auf das "praktische Spiel als eigenständiges Mittel" (S. 41) zielenden Textes hat nun, 30 Jahre später und im Rückblick auf Castorfs Volksbühnen-Intendanz, eine neue Aktualität.

 

Mit Studien zu Robert Rauschenberg (Lichtraumcollagen, 1990), Hypochondrie (1992) oder zum Verhältnis von Technikgeschichte und Verhaltensökonomie (2005) präsentiert sich Schramm als Grenzgänger im Spannungsfeld zwischen Theater, Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Seine Texte zeugen vom Ringen um eine gesellschaftspolitisch engagierte Theaterwissenschaft jenseits dramenzentrierter und ästhetischer Kategorien. Sie eignen sich deshalb auch als Wegmarken der Fachgeschichte. Seine Aufsätze, etwa jener zur Theatralität und Öffentlichkeit (1990), sind gebettet in breitere Suchbewegungen der deutschsprachigen Theaterwissenschaft der 1990er Jahre, Theater als kulturelles Verhältnis zu fassen und theaterwissenschaftliche Methodik für kulturhistorische Phänomene zu schärfen. Stetig die Perspektive auf theatrale Aspekte jenseits des bürgerlichen Theatergebäudes öffnend, nimmt Schramm verschiedentlich Anläufe, das Verhältnis von Theatralität und Öffentlichkeit bzw. Theater und Öffentlichkeit zu bestimmen. Er befragt deren Interferenz, sowohl für die Theatergeschichte der Frühen Neuzeit, als auch – aus zweierlei Zeitgenossenschaft heraus – für die DDR und die BRD.

 

In Theatralität und Öffentlichkeit skizziert Schramm ein semantisches Feld anhand dreier "archäologischer Suchfelder" (S. 93), um eine Begriffsgeschichte von "Theater" zu umreißen und gleichsam das Verhältnis von Theatralität und Öffentlichkeit zu fassen: Theater als metaphorisches Modell, als rhetorisches Medium und als schöne Kunst. Er suchte damit dem "weltweiten Umbruch kultureller Praktiken" (S. 95) gerecht zu werden und die "theatralischen Seiten des gesellschaftlichen Lebens" begriffsgeschichtlich zu fassen. So wendet er sich beispielsweise der Theatermetaphorik als "Bemühen, sich einen Begriff von der Welt zu machen" zu (S. 101).

 

Schramms eigenes theoretisches und methodisches Wandern an den Rändern einer Theaterbegrifflichkeit ist stets auch Jonglage zwischen präziser Ausweitung und "entfesselter Eigendynamik" (S. 95) der Begriffe, mit und nach denen Theaterwissenschaft forscht. Immer wieder beharrt Schramm auf einer Neu- und Selbstverortung der Theaterwissenschaft. Es gelte, auch "ungewöhnliche Bezüge im theaterhistorischen Raum" (S. 182) zu entdecken. Er selbst legt diese Bezüge dar, etwa, wenn er sich mit den theatralischen Dimensionen der Alchemie (Das offene Buch der Alchemie und die stumme Sprache des Theaters. Theatralität als Schlüssel gegenwärtiger Theaterforschung, 1995) oder mit dem Zeremoniell des Spalierstehens (1995) befasst.

 

Auf das noch im 17. Jahrhundert geläufige Theatrum im Sinne von Schauplatz zurückgreifend, plädiert Schramm auch in seinem Aufsatz zur Vermessung der Hölle. Über den Zusammenhang von Theatralität und Denkstil (1995) für eine begriffliche Erweiterung und die Überschreitung "institutionalisierter Grenzen" (S. 164): Theaterwissenschaft, ob als Kunst-, Kultur- oder Medienwissenschaft betrieben, müsse tradierte Grenzziehungen, beispielsweise jene entlang des institutionalisierten Theaters, in Frage stellen. Theaterforschung könne mit einem kulturwissenschaftlich angewendeten Theaterdispositiv einen "originären Beitrag zur Erschließung historischer Felder" (S. 164) leisten. Neben der Verortung dieser verschiedenen Gegenstandsfelder spricht sich Schramm für einen "neuen Denkstil" (S. 166) aus, der der von ihm immer wieder behaupteten Korrelation von Theater- und Wissenschaftsgeschichte gerecht werde.

 

Sein grundsätzliches Interesse für die Zusammenhänge von Theater, Gesellschaft und Wissenschaft zieht sich, von diesen Aufsätzen ausgehend, durch weitere, im vorliegenden Band ebenfalls versammelte Arbeiten. So kristallisieren sich während der Lektüre größere Themengebiete heraus, die immer wieder aufgegriffen, neu verhandelt oder zueinander in Beziehung gesetzt werden. Neben dem Zusammendenken von Schrift, Philosophie und Theater als "Theatrum Philosophicum" – beispielsweise in den Überlegungen zu Brecht und Bacon (Das Haus der Täuschungen, 1987) oder zu Montaignes Inszenierungen von Text (1992) – spiegeln die edierten Beiträge eine verstärkte Wendung Schramms ab Mitte der 1990er Jahre zu theatralen Aspekten des 17. Jahrhunderts und den damit verbundenen "Bühnen des Wissens".

 

Die Hinwendung zu diesen frühneuzeitlichen Bühnen kultureller Praktiken schlug sich auch in Schramms 1996 publizierter Habilitationsschrift Karneval des Denkens nieder und ist im vorliegenden Sammelband besonders überzeugend im Beitrag zu Feuerwerk und Raketentechnik um 1700 dargelegt. Unter Einbezug schlagender ikonographischer Quellen analysiert Schramm das Feuerwerk im 17. Jahrhundert als "pyrotechnisches Theater" (S. 223), schließt hierüber auf Machtstrukturen sowie auf die Mechanisierung von Weltbildern und wirbt damit insbesondere für die methodischen Möglichkeiten einer als Kulturwissenschaft betriebenen Theaterwissenschaft, historische wie gegenwärtige Wirklichkeiten zu beschreiben.

 

In der Beschreibung dieser von ihm wahrgenommenen Wirklichkeiten setzt Schramm, das legen die versammelten Texte verschiedentlich dar, unverkennbar eigene stilistische Akzente. Sein Schreiben und Nachdenken ist komplex ineinander geschachtelt, von plastischer Bildlichkeit durchdrungen und dies mehrheitlich nicht auf Kosten sondern zugunsten der analytischen Präzision. Sein "unökonomisches Denken" entzieht sich damit einerseits einer einfachen Anschlussfähigkeit, ist aber andererseits ein dichter Fundus theaterhistoriographischen Arbeitens, den es stets neu zu entdecken gilt. Die Textsammlung gibt einen Einblick in diesen dichten Fundus, der über die darin konkret besprochenen theaterhistorischen Gegenstände hinaus auch eine Haltung zum historischen Material vermittelt, die – stilistisch eigenwillig und "strikt gegenwartsorientiert" (S. 95) – Erkenntnismöglichkeiten gewährt und so Inspiration und Diskussionsgrundlage sein kann für weitere theaterwissenschaftliche Forschung.

 

In seinen Erinnerungen an Max Picard – 2004 unter dem Titel Schweigen lernen publiziert und nun titelgebend für den besprochenen Band – legt Helmar Schramm schließlich ganz plastisch sein Verständnis vom akademischen Forschen dar: Erneut wissenschaftliche Analyse und literarisch verdichtete Metaphorik collagierend, versinnbildlicht er die Arbeit des Wissenschaftlers mit dem eines Archäologen. Ein Archäologe, der sich, um Sehen, Hören und Erfahren zu lernen, im "Niemandsland zwischen den Disziplinen" auf die Suche nach der "Begegnung mit der Wildnis des Schweigens" begibt – auf die Suche nach dem "verschütteten Schweigen" (S. 267).

 

Veröffentlicht am 15.11.2017 (Ausgabe 2017/2)

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