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Susan Leigh Star: Grenzobjekte und Medienforschung.

Hrsg. v. Sebastian Gießmann/Nadine Taha. Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Locating Media | Situierte Medien, Bd. 10). Print-ISBN: 978-3-8376-3126-5. 536 S., Preis: € 29,99 (print)/Open Access (digital)*.

Rezensiert von: Melanie Konrad

Susan Leigh Star war eine US-amerikanische Soziologin, Feministin, Technik- und Wissenschaftsforscherin deren Denken in der Chicago School of Sociology und dem symbolischen Interaktionismus verwurzelt ist. Sie beschäftigte sich in Kooperation mit anderen Forscher_innen ab den 1980ern mit Wissenschaftsphilosophie, Sozio-Informatik, Artificial-Intelligence-Forschung und Bürokratie-, Wissens- und Wissenschaftskulturen. Es war ihr ein Anliegen über die kooperative Produktion von Wissen unter heterogenen Bedingungen zwischen Menschen und zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten in Erarbeitung einer jeweils adäquaten Grounded Theory zu reflektieren. Interessant für die Medienforschung im engeren Sinn sind vor allem ihre medienethnografischen und medientheoretischen Zugänge zur Informationsverarbeitung anhand "vermittelnde(r) Praktiken und Objekte" (S. 14), ihre frühen Arbeiten zu Computerforschung (Computer-Supported Cooperative Work, CSCW) und marginalisierter Arbeit sowie ihre Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie von Michel Callon, John Law und Bruno Latour.

 

Sebastian Gießmann und Nadine Taha von der Universität Siegen haben 2017 ein Buch zu Susan Leigh Stars wissenschaftlichen Arbeiten herausgegeben. Das Buch erfüllt dabei verschiedene Funktionen: Einerseits werden damit Stars wichtigste Texte gebündelt und in deutscher Sprache publiziert, andererseits bot sich damit auch die Möglichkeit einer systematischen Kontextualisierung und Kommentierung der Texte. Das Buch ist infolgedessen so aufgebaut, dass neben übersetzten Texten von Star und Schreibpartner_innen kommentierende Texte anderer Medien- und Praxistheoretiker_innen gestellt wurden, sodass diese in unmittelbaren Dialog treten und eine Einbettung in aktuelle medienwissenschaftliche Debatten und eine Nuancierung auf jeweils spezifische Fragestellungen erfahren können. Die kommentierenden Texte entstanden im Rahmen des Workshops "Translation of Boundary Objects", der im Mai 2015 an der Universität Siegen stattfand. Hervorzuheben ist auch der besonders dichte und umfangreiche Einleitungstext von Gießmann und Taha, der in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten von Star einführt. Das Buch gliedert sich hiernach in drei Hauptkapitel, die sich um die Begriffe 'Grenzobjekte', 'Marginalität und Arbeit' sowie 'Infrastrukturen und Praxisgemeinschaften' drehen.

 

Die umfangreiche Einleitung spinnt einen roten Faden zu Stars Werk, der den Leser_innen hilft Stars Konzepte einzuordnen, und bespricht wichtige Stationen ihres Lebens und einflussreiche Menschen und Ereignisse, um besser zu verstehen, wie sie ihre Positionen entwickelt hat. Susan Leigh Kippax wurde 1954 in Rhode Island in eine Working-Class-Familie geboren. Sie studierte zuerst Social Relations am Radcliff-College in Harvard und belegte dort vor allem Philosophie-Kurse, brach ihr Studium aber ab, heiratete und zog nach Venezuela um eine Kommune mitzugründen. Sie kehrte jedoch bald ans College zurück um sich intensiviert mit feministischen und ökologischen Fragen zu beschäftigen.

 

Die wichtigen Themen der 1968er-Bewegung prägten Stars wissenschaftliche Auseinandersetzung stark. Insbesondere methodologische Fragen wurden für sie interessant, da sie durch die Hinwendung zu Vertreterinnen eines intersektionalen Feminismus, wie Cherríe Lawrence Molaga und Gloria Anzaldúa, begann race-, klassen- und geschlechterkritisch bspw. blinde Flecken der zu dieser Zeit entstehenden Hirnforschung aufzuzeigen, die die Gehirnhälften streng in 'männlich' und 'weiblich' einteilte. Star promovierte zu diesem Thema 1983 bei Anselm Strauss, der zu Medizinsoziologie arbeitete und den Ansatz der Grounded Theory als Weiterentwicklung des symbolischen Interaktionismus in den 1960ern erarbeitete. Stars Doktorarbeit wurde 1989 als Regions of the Mind publiziert und ist den Laboratory Studies zuzuordnen. 1989 erschienen zudem die Aufsätze zum Naturkundemuseum von Berkley und "Structure of Ill-Structured Solutions" – die wichtigsten Texte zum Konzept der 'Grenzobjekte' bei Star.

 

Grenzobjekte entstehen für Star aus kooperativer Bearbeitung (nicht unbedingt unter Konsens) aber in "Interaktionen und unter Machtverhältnissen" (S. 33). Sie entstehen durch diese Bearbeitung, indem "Informationen sichtbar, lesbar, berechenbar und zugänglich gemacht werden" (S. 34) und können daher zwischen heterogenen sozialen Sphären vermitteln. Sie haben keine Medienspezifik als solche, sondern "handeln von einer situierten Vermittlungsspezifik des Sozialen" (S. 39), sind "n-dimensional" (S. 215) und entsprechen damit medienökologischen Auffassungen von Relationalität im buchstäblichen Sinne. 'Grenze' meint bei den Grenzobjekten damit eher eine Schwelle zwischen unterschiedlichen sozialen Wissensformationen und wird als Ort des Übersetzungsprozesses 'vieler zu vielen' aufgefasst. In einem von Stars letzten Texten, "This is not a Boundary Object", widmete sie sich 2010 noch einmal den Grenzobjekten und bespricht sie in Zusammenhang mit Standardisierungen und Kritik, die an das Konzept herangetragen wurde. Zentrale Fragen sind für sie daher die Beschaffenheit und "das Ausmaß der unsichtbaren Arbeit, der alle wissenschaftlichen Experimente und Darstellungen unterliegen, und die Materialität, die dazu dient, die Durchführung von Wissenschaft zu vermitteln" (S. 218).

 

Für Star hängt Standardisierung stark mit unsichtbarer Arbeit zusammen, etwa so wie auch Identität mit Marginalität zusammenhängt. Anhand des sog. "Zwiebelaufsatzes" (1990/91) konnte sie zeigen, wie über Marginalität (ihre eigentlich unbedeutende Zwiebelallergie) Gemeinkosten verteilt werden, "die mit der Art verbunden sind, wie Individuen, Organisationen und standardisierte Technologien aufeinandertreffen." (S. 250) Wenn Star nämlich Essen ohne Zwiebeln bestellte, musste sie feststellen, dass sie bspw. im Fastfood-Lokal wesentlich länger warten musste, oder ihr nicht geglaubt wurde oder sich Zwiebeln zumindest als Deko auf ihrem Essen wiederfanden und zwar überall auf der Welt und in Restaurants und Lokalen mit ganz unterschiedlicher Servicequalität. Daraus zog sie Schlüsse zum Umgang mit Standardisierungen: Hätte eine signifikante Anzahl von Menschen nämlich ähnliche Bedürfnisse gehabt wie sie, wären Standardisierungen in der Gastronomie und im Einzelhandel vermutlich eher zu ihren Gunsten ausgefallen. Star beschreibt Abweichungen aber nicht als Randbereiche oder Abgesonderte, sondern als Mutationen: "Diese sind das, was sich permanent entzieht und widersetzt, aber gleichwohl in Beziehung zum Standardisierten steht. Das ist nicht Nonkonformität, sondern Heterogenität. Oder um es mit Donna Haraway zu formulieren: Dies ist das Cyborg-Ich." (S. 255)

 

Im zweiten großen Kapitel des Buches geht es um Auseinandersetzungen mit der "Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Arbeit" im Kontext von Computer-Supported Cooperative Work (CSCW), denn was als Arbeit gilt und dementsprechend auch entlohnt wird, wird unterschiedlich definiert. Im Text "Schichten des Schweigens, Arenen der Stimme" (1999) den Star gemeinsam mit Anselm Strauss geschrieben hat, wird von mindestens vier unterschiedlichen Modi der (Un-)Sichtbarkeit gesprochen, je nachdem ob die Arbeitnehmerin oder ihre Arbeit (un-)sichtbar ist oder beides. Im Fall von Hausangestellten wird anhand von Judith Rollins Between Women (1987) aufgezeigt, wie diese zumeist von den Arbeitgeberinnen beaufsichtigt, aber sozial nicht wahrgenommen werden, ähnlich 'Nicht-Personen' nach Goffman. Durch stummen Widerstand und Sabotage können sich Hausangestellte jedoch auch unter ihren extremen Arbeitsbedingungen (Isolation und Diskriminierung aufgrund von race und Gender) ihre Autonomie erhalten oder Freiräume schaffen. Ein weiteres Beispiel dieses Forschungsinteresses ist ein Projekt zur Identifizierung unsichtbarer Arbeit von Pflegekräften ("Infrastructure and Organizational Transformation. Classifying Nurses' Work", 1995). Die Erkenntnisse aus diesen Studien flossen in die Beschäftigung mit CSCW, denn "in der Gestaltung großangelegter vernetzter Systeme kann dieser Prozess [Verhältnis der (Un-)Sichtbarkeit von Hintergrundarbeit] kaskadieren" (S. 300) und negative Effekte bis zum Zusammenbruch des Systems produzieren. Solche Beobachtungen haben jedoch für alle Bereiche, in denen es zu unsichtbarer Arbeit kommt, einen gewissen Geltungsanspruch – denken wir nur an das Verhältnis von (Un-)Sichtbarkeit von Hintergrundarbeit in der wissenschaftlichen oder kulturellen Praxis. Unsichtbarkeit sei aber auch nicht immer schlecht, weil sie vor übertriebener Kontrolle schützen kann und unsichtbare Arbeiten sollen auch nicht immer notwendigerweise sichtbar gemacht werden, aber dass sie vorhanden sind, muss erkannt und mitbedacht werden, so Star.

 

Im abschließenden Kapitel kommen viele Stränge in gesteigerter Komplexität zusammen, die über die Befassung mit Grenzobjekten und unsichtbarer, marginalisierter Arbeit kenntlich geworden sind: Es geht nämlich um Infrastrukturen und ihre Bedeutung als "großangelegte Informationsräume" (S. 359). So verhandelt der Text "Schritte zu einer Ökologie von Infrastruktur" (1995/96) anhand des Worm Community Service (WCS) (Software zur Forschung an Nematoden die zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms gebraucht werden) Überlegungen zu Informations- und Wissensverarbeitungssystemen, die für die alltägliche wissenschaftliche Praxis unerlässlich sind. Vernetzt wurden mit dem WCS ca. 1400 Wissenschafter_innen in 120 Laboratorien verstreut über die ganze Welt. Die Texte, die von Star in diesem Kapitel versammelt sind, verstärken ihren Anspruch, dass es lohnend ist, sich auch mit vordergründig langweiligen Dingen wie Infrastrukturen zu beschäftigen. In diese scheinbar neutralen Strukturen sind nämlich politische Kämpfe eingeschrieben oder es treten bei genauerer Betrachtung Medienspezifiken zutage, die zunächst unsichtbar bleiben.

 

Aus einer medienkulturwissenschaftlichen und technikphilosophischen Perspektive sind Susan Leigh Stars Überlegungen zu Medien, (wissenschaftlicher) Arbeit und Informationsinfrastrukturen absolut lesenswert, auch weil Star mit großem Interessen die Computerisierung der Wissenschaften und die Entwicklung zahlreicher noch immer aktueller feministischer Debatten verfolgt und reflektiert hat.

 

 

* Open Access PDF/EPUB verfügbar unter: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3126-5/grenzobjekte-und-medienforschung/

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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