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Stefanie Göweil: Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung. Ein geschlechterkritischer Blick auf Gesellschaft und Schule.

Gießen: Psychosozial-Verlag 2017. (Reihe: Forschung Psychosozial). ISBN 978-3-8379-2677-4. 309 S., Preis: € 39,90.

Rezensiert von: Sabine Prokop

Stefanie Göweil, Philosophin und Germanistin, die die Fächer Deutsch, Psychologie/Philosophie sowie Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an einem Wiener Gymnasium unterrichtet, stellt die Frage, was "gar nicht so neu im angeblich so Neuen des neoliberalen Ideals der Selbstunternehmer_in?" (S. 39) ist, und erarbeitet sowohl detailliert als auch tiefschürfend Grenzen und Chancen einer individualisierten Geschlechterordnung. Unter Anerkennung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen blickt sie – ausgehend von Österreich – auf das Bildungssystem als einem der Orte, wo "der neue Geschlechtervertrag an die Frau gebracht wird" (S. 39). Die Begeisterung und Hingabe der Autorin ist deutlich spürbar und stärkt die Bereitschaft der Leser_innen, sich auf die anspruchsvolle Darstellung von philosophischer, psychoanalytischer und feministischer sowie post-feministischer Theoriebildung einzulassen. Das 300-seitige Buch ist nichts zum schnell Lesen, aber ideal für vertiefende Auseinandersetzung mit dem Patriarchat als komplexem System von Benennung und Verschiebung sowie mit der symbolischen Ordnung der Geschlechter (weshalb die Begriffe Frau und Mann im Buch ohne Gendersternchen* benannt werden, sonst setzt Göweil verschiedene Möglichkeiten der gendergerechte/re/n Sprache ein). Dabei dient die Problematik der Subjektwerdung als roter Faden in den verschlungenen und immer wieder in weiteren und neuen Zusammenhängen wiederkehrenden Überlegungen. Das Buch bleibt jedoch nicht bei der dialektischen, inter- und transdisziplinären Analyse stehen, sondern zeigt Auswege auf, die weit über den schulischen Bereich hinausgehend gesellschaftlich relevant sein können und sollen.

 

Göweil versucht durch einen Exkurs in das feministische, diskursanalytische Theoriegebäude zu belegen, dass speziell "in einer Zeit, in der vorgegeben wird, 'der' Feminismus habe all seine Ziele erreicht, sei erfolgreich gewesen, […] durch das implizite 'Verbot' des Begriffs 'Frau' eine sprachliche Geschichtlichkeit bzw. die leisen Spuren einer sich entwickelnden sprachlichen Geschichtlichkeit zum Verschwinden gebracht" (S. 282) werden. Ihre These zu diesem zunehmenden Verschwinden des Begriffs "'Frau' aus dem Wortschatz zur Thematisierung geschlechtlicher" (S. 21) und gesellschaftlicher Ungleichheit ist, dass "Frauen gerade durch die Dethematisierung von Geschlecht in der Immanenz gehalten und ökonomisch-gesellschaftlich funktionalisiert werden" (S. 46). Als "Ausweg aus dieser De-Thematisierung von Geschlecht" (S. 106) und um diese "mit der Individualisierung zusammenzudenken" (S. 106) hinterfragt Göweil die moderne Freiheit und Individualität hinsichtlich ihres Zusammenhangs mit kapitalistischen Produktionsweisen. "Ohne das Potenzial der Individualisierung per se zu leugnen" (S. 39), erforscht sie die "Grenzen der modernen Individualisierung von Geschlecht" (S. 39) und die Konsequenzen, die "sich daraus für feministisches Engagement und emanzipatorisches Handeln ergeben" (S. 39). Sie fragt: "Was wäre nötig, um die weibliche Individualisierung aus ihrer Komplizenschaft mit dem neoliberalen Regime zu befreien und wo böten sich dafür Ansatzpunkte?" (S. 39).

 

Methodisch geht es Göweil mit ihrem Buch um einen "fruchtbaren, produktiven Dialog zwischen zentralen Theoretiker*innen des Poststrukturalismus, der Psychoanalyse und der feministischen Philosophie/Theorie" (S. 49). Insbesondere bei Judith Butler und Luce Irigaray will sie "falschen Polarisierungen und reduktionistischen Gegenüberstellungen der Theorien entgegen [...] arbeiten" (S. 49). Wenn sie etwa die "Konstruiertheit von geschlechtlichen Unterschieden selbst" (S. 45) als ein Konstrukt und die Reduktion des weiblichen Geschlechts wieder auf einen Spiegel des Männlichen hinterfragt, argumentiert Göweil mit Irigaray. Deren Theorie der sexuellen Differenz erscheint ihr "als eine Möglichkeit, dem Narzissmus dieser neoliberalen 'Übermenschen'" (S. 221), beziehungsweise der neoliberalen Aushöhlung der ursprünglichen Bedeutung des Gender-Begriffs durch die Imperative der Selbstoptimierung zu entgehen. Sie vermutet darin, "auch im Angesicht der sich europa- und weltweit aufdrängenden Thematik der Migration neue Lösungsansätze jenseits des männlichen Imaginären von Abschottung und Einverleibung" (S. 277). Mit Butler hingegen schlägt Göweil statt der Souveränität des Individuums vor, "die Verletzbarkeit jedes menschlichen Lebens zum Ausgangspunkt" (S. 69) von Forderungen nach "Recht auf Mitsprache, auf politische Ansprachen unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, Ethnie oder Alter" (S. 69) zu machen. Dieses Fordern finde aber zu wenig statt, viel zu oft werde auch seitens der Frauen geschwiegen.

 

Das "Schweigen der Frauen, der Verzicht auf Kritik" (S. 48) ist laut Göweil eine der zentralen Konditionen des neuen Geschlechtervertrags, den es zu brechen gilt. Wenn Frauen 'alles', also Karriere und Haushalt, Kindererziehung und glückliche Beziehung etc. schaffen wollen, sieht sie eine "Komplizenschaft der Frauen mit dem neoliberalen Regime bzw. dem, was Butler als leidenschaftliches Verhaftetsein mit der Macht" (S. 140) bezeichnet. Die Frau als Subjekt werde vom selben Diskurs, der "stillschweigend die Erledigung reproduktiver Arbeiten durch sie voraussetzt" (S. 161), als befreit angerufen. So verschleiere beispielsweise die für Schulbücher immer wieder geforderte Nicht-Mehr-Darstellung von hausfraulichen Tätigkeiten die Benennung der faktischen Situation und unterbindet so eine Diskussion darüber, wie reproduktive Tätigkeiten und Zuständigkeiten in der Gesellschaft gerecht aufgeteilt bzw. gesellschaftlich organisiert werden könnten. Göweil sieht das als "eine neue Spielart des Schweigens. Das Reden kreist dabei um ein neues Interpretationsverbot: die Differenz der Geschlechter. In der traditionellen Ordnung der Geschlechter 'anatomisch' und 'biologisch' fixiert, wird sie heute tendenziell geleugnet. Oder, anders ausgedrückt: Die Geschlechterdifferenz ist aus dem zeitgenössischen Katalog der legitimerweise thematisierbaren und thematisierten Differenzen gestrichen worden" (S. 183). Grundlegend wichtig wäre, dass Frauen die Möglichkeit haben, "gegenhegemoniale Lesearten einbringen zu können und damit die Konzeption von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einer Weiterentwicklung zu unterziehen" (S. 117). Doch um Gerechtigkeit einfordern zu können, braucht es zunächst ein Bewusstsein der erlebten Ungerechtigkeit. Wird der Zusammenhang von Benachteiligungen mit dem weiblichen Geschlecht nicht mehr als solcher wahrgenommen, besteht die Tendenz, dass geschlechtliche Diskriminierung individualisiert und psychologisiert wird, konstatiert Göweil.

 

Auch im Bildungsdiskurs und speziell in der Institution Schule sieht die Autorin im Benennen der Differenz (vor allem der Geschlechter) eine zentrale Kategorie, kritisiert allerdings, dass den "Erfahrungen von Schüler_innen vorschnell einen Namen zu geben, sie voreilig auf einen Begriff zu bringen" (S. 125) eine massive Offenbarung von heterosexueller Macht manifestiere. Das Modell der psychoanalytischen Pädagogik hingegen fordere dazu auf, "als Lehrer_in selbst Forscher_in und Erkennende_r im Umgang mit dem eigenen Unbewussten und der eigenen psychischen Abwehr zu werden" (S. 196) und sich "dem Anderen aus[zu]setzen, die Erfahrung der Begrenztheit auf sich [zu] nehmen, die Negativität auf sich [zu] nehmen" (S. 204), also sich als Lehrer_in "von institutionellen Allmachtsfantasien, von dem Bedürfnis, von Schüler_innen gemocht zu werden, von dem Verlangen nach unmittelbarem positiven Feedback und vor der Angst vor Differenz und Konflikt" (S. 204) zu lösen. Das bedeutet zugleich eine reibungsvolle Auseinandersetzung mit dem System Schule und "ein gewisses Maß an Bedrohung für alle Beteiligten" (S. 267).

 

Das Buch ist in sieben Kapitel inklusive Zusammenfassung mit Schlussfolgerungen und Ausblick (S. 279-288) gegliedert, wobei nach den sehr dichten theoretischen Diskussionen in der Einleitung/Kapitel 1 (S. 13-49) und Kapitel 2 "Selbstkannibalismus – ein neoliberales Novum?" (S. 49-106), in Kapitel 3, "Entsubjektivierung als ethisches Commitment und emanzipatorisch-politische Praxis" (S. 107-162), dann eben diese Praxis nahe rückt, was durch Einbeziehung der praxisrelevanten Fragen eine zugängliche oder alltagsrelevante Perspektivierung der philosophisch-theoretischen Kapitel davor bietet und so die Lesbarkeit merklich erleichtert. Kapitel 4, "Das Performative Potenzial des Ethischen" (S. 163-193), variiert im Vorangegangenen dargestellte Gedankengänge in neuen Zusammenhängen. Trotzdem gingen mir (nicht nur) hier mehr Zwischenkapitel für die Orientierung im Gesamtkonvolut ab. Das vergleichsweise schlanke Kapitel 5 zu den "Prinzipien der psychoanalytischen und Kritischen Pädagogik" (S. 195-214) ist ebenso wie Kapitel 6, "Die Kultivierung sexueller Differenz und ihre Bedeutung für die schulische Praxis" (S. 215-277), wieder entsprechend praxisnah. Hier bietet diese Publikation unter anderem detailliertes Zahlenmaterial zum früh zwischen den einzelnen Schultypen und somit Bildungswegen differenzierenden österreichischen Schulsystem. Ebenfalls sehr anschaulich und aufschlussreich ist Göweils Kritik am kompetenzorientierten Unterricht im Anschluss an Foucaults Prinzipien der Disziplinierung (wie etwa der Detailversessenheit, Organisation eines analytischen Raumes, der Funktionalisierung des Raumes oder der Organisation serieller Zeit und von Übung) aus Überwachen und Strafen (1994) (S. 251f). Ihre Diagnose ist, dass "jedes schulische 'undoing' schnell seine Glaubwürdigkeit" (S. 243) verliert, solange sich "Sexismus und Rassismus institutionell und individuell 'rechnen'" (S. 243). Doch wenn es – nicht nur – Jugendlichen gelingt, so schließt Göweil, "die Frage nach dem Begehren und damit die Frage nach dem Für-sich- und Für-andere-Sein neu zu klären, bietet sich damit auch die Möglichkeit für eine bewusstere Gestaltung der eigenen Geschlechtlichkeit. Nicht eine geschlechterlose Gesellschaft wäre das Ziel, sondern eine 'geschlechterbewusstere'." (S. 270)

 

In Stefanie Göweils vielfältigen, letztendlich auch explizit praxisaffinen, über weite Strecken allerdings sehr komplexen Gedanken und Argumentationsketten, die teils (für mich als Nicht-Philosoph_in) höchst anspruchsvoll zu lesen waren, finden sich immer wieder wunderbare Fundstücke, Aha-Momente zum Mitnehmen. Und hoffentlich im Alltag umsetzen – denn derzeit gilt leider immer noch: "Einen Platz haben, der keiner ist – dies ist eine sehr passende Bezeichnung für die Situation von Frauen und Mädchen in einer heteronormativen Gesellschaft." (S. 283)

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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