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Jennifer Eickelmann: 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter. Phänomene mediatisierter Missachtung aus Perspektive der Gender Media Studies.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-4053-3. 332 S., Preis: € 32,99.

Rezensiert von: Julia Preisker

Ausgehend von den Debatten über 'Hate Speech' im Netz erarbeitet Jennifer Eickelmann in ihrem Buch 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter ein Konzept über verletzende Sprache, welches insbesondere die Konstitution von Subjekten im Spannungsfeld von Realität und Virtualität in den Fokus rückt. In Anlehnung an Judith Butler, Donna Haraway und Karen Barad kommt die Autorin zu einer Betrachtungsweise, die "Subjekte und ihre Körper […] erst durch performativ wirksame Intraaktionen von Mensch und Technologie im Entstehen" begreift (S. 280). In Bezug auf verletzende Sprache im Netz bedeutet dies folglich, dass "eine machtförmige und potenziell gewaltsame Internetpraxis diese Medienkörper verändern, angreifen, verletzen kann" (ebd.).

 

Grundsätzlich geht die Autorin – performativitätstheoretisch gedacht – von Butlers These aus, dass Subjekte sprachlich konstituiert werden, wodurch Sprache eine Handlungsmacht zugestanden wird. Daran anschließend stellt sie die Frage nach dem konstitutiven Potenzial mediatisierter (Sprech-)Akte. Die Verletzungsmacht mediatisierter Sprache wird dabei auf unterschiedlichen Realitätsebenen gedacht, die in einem komplexen hybriden Verhältnis zueinanderstehen. Um die Frage nach der Materialisierung von mediatisierter Sprache im Netz und damit die Aufhebung der Grenzen zwischen Virtualität und Realität bearbeitbar zu machen, nutzt Eickelmann die Konzepte von Barad sowie Bruno Latour, "da beide Ansätze für sich beanspruchen, die oben aufgeworfene Trennung zu unterlaufen und Prozesse der Materialisierung entsprechend jenseits klassischer Dualismen diskutieren zu können" (S. 31).

 

Eickelmann nimmt in ihrer Arbeit eine Differenzierung von Begrifflichkeiten wie 'Hate Speech', 'Cybermobbing', 'Trollen' oder 'Shitstorm' vor und erarbeitet in der Folge ein Konzept der "mediatisierten Empörung", die sich bei verletzender Sprache zur "mediatisierten Missachtung" transformiert. Die Ausarbeitung dieser mediatisierten Missachtung im Kontext von souverän gedachten Subjekten sowie ihre materiellen Effekte stehen im Zentrum ihrer materialreichen Analyse. Eine grundlegende These ist dabei, "dass internetbasierte Dienste und Diskurse einen noch zu diskutierenden Effekt auf die Materialisierung des Lebens insgesamt haben" (S. 17). Dieses konstitutive Moment medientechnologisch bedingter Kommunikation ergibt eine Denkweise nicht von den Subjekten her – Adressierende und Adressierte –, sondern aus den Effekten selbst heraus.

Die damit angedeutete Abkehr von einem "Konzept souveräner Subjektivität" (S. 23) – die als zentraler Punkt der Arbeit zu verstehen ist – verbindet die Autorin mit der Methode des diffraktiven Vorgehens (Kapitel 2), das verschiedene Relationalitäten und Ebenen ineinander verschränkt, statt sie (im Gegensatz zur Reflexion, vgl. S. 25) neben- und getrennt voneinander zu verstehen. 

Dies entspricht dem dualismuskritischen Ansatz, indem vermeintliche Gegenpole wie "Gender und Medien, das Menschliche und das Technische" (ebd.) aber auch Virtualität/Realität und später Opfer/Täter_in als Interferenzen betrachtet werden. Eingebunden wird hier auch Butlers Performativitätstheorie, die ähnlich wie Barads Konzept des 'Agentiellen Realismus' Gleichzeitigkeiten und Prozesse in den Vordergrund rückt, die wiederum Brüche, Widersprüche und Neuaneignungen einer widerständigen Praxis zulassen.

 

Inhaltlich setzt sich das darauffolgende Kapitel mit den "Prozesse[n] der Subjektivierung im Netz" (S. 25) auseinander. Dabei betrachtet Eickelmann Subjektkonstitutionen "im Spannungsfeld von Mensch und Technologie" (S. 26) ohne medienspezifische Phänomene wie Dauervernetzung, Distanzlosigkeit, gesteigerte Mobilität und die stetige Veränderbarkeit des Datenmaterials unberücksichtigt zu lassen. Genau hier siedelt die Autorin die Frage nach der Konstitution von Geschlecht an, da "Gender und Medientechnik in einem konstitutiven relationalen Verhältnis zueinander" stehen (S. 85).

Damit zusammenhängend wird die performative Herstellung von Subjektivität mittels der Hypermedialität des Internet herausgearbeitet: Entgegen gängiger Annahmen von Selbstpräsentations- und Dauersichtbarkeitskonzepten erzeuge die digitale Vernetzung eben kein autonomes Subjekt, weshalb sich die Wirkmacht eines Sprechaktes "aus der Prozessualität, Historizität wie Diskursivität" (S. 96) des Aktes selbst heraus konstituiert.

Dennoch ist die hier angebrachte Analyse nicht techno-pessimistisch zu verstehen. Eickelmann denkt die Möglichkeitsräume und das handlungsmächtige Potenzial der User_innen stets mit – angelehnt an Foucaults differenzierten Begriff der Macht (vgl. S. 112) und durch Butlers Denkweise der Wiederholung statt Determinierung, die ebenfalls Möglichkeitsräume einer widerständigen Praxis eröffnet. Diese Auffassung steht einer souveränitätskritischen Perspektive deshalb nicht widersprüchlich gegenüber, da die Autorin die Materialisierungen nicht von den Sprechenden, sondern von den Effekten her denkt. Ob also mediatisierte Missachtung funktioniert, ist nicht durch die Intention der Sprechenden garantiert. Ebenso wenig kann vorhergesagt werden, ob und welche Art der widerständigen Praktik gegen mediatisierte Missachtung Erfolg haben kann.

 

In Folge wird das oppositionelle Konzept von 'Hate Speech' und 'Free Speech' hinterfragt. Mithilfe Derridas différance-Begriff hält Eickelmann fest, dass beide Positionen "konstitutiv aufeinander angewiesen" (S. 141) sind, also das Eine aus dem Anderen hervorgeht und somit keine gegensätzlichen Pole darstellen können. Die Gemeinsamkeit beider Diskurse besteht im behaupteten Souveränitätsphantasma (vgl. S. 142). Butlers Betrachtungen der Prozesshaftigkeit von Subjektivationen folgend distanziert sich Eickelmann von der Souveränitäts-Annahme, indem sie Subjektivitäten eingebunden in "komplexe[] politische[], historische[], medientechnologische[] und ökonomische[] Entwicklungen" sieht (S. 144). Aus diesem Grund versteht sie mediatisierte Missachtung nicht – dem Hate Speech-Diskurs entgegensetzt – als illokutionäre, sondern als perlokutionäre Sprechakte, "deren Effekte nicht im Vorhinein festgelegt werden können" (S. 144). Diese souveränitätskritische Perspektive ermöglicht es mediatisierte Missachtung sowie Subjekte als Ergebnisse "diskursive[r] Aushandlungsprozesse zu begreifen" (S. 145).

 

Dies schlägt sich auch in der Ausdifferenzierung der Diskurse dreier unterschiedlicher Figurationen mediatisierter Missachtung im Netz nieder, nämlich jenen des Trollens, des Cybermobbings und des Shitstorms, die auf unterschiedliche Weise vergeschlechtigte sowie vergeschlechtigende Dualismen evozieren. Konsequent werden hier die drei aufgeworfenen Figurationen nicht als etwas Feststehendes verstanden. Eickelmann arbeitet die Intraaktionen innerhalb der "wechselseitigen performativen Herstellung von Gender und Internet" (S. 151) heraus, wodurch der prozesshafte Charakter beider immer mitgedacht wird. Alle Figurationen werden dabei von ihr als Normen und Souveränitäten stabilisierend beschrieben.

 

Die diffraktive Methode findet konsequenterweise auch im Bereich der Fallanalysen Anwendung, die in ihrer Strukturierung selbst einen Mehrwert darstellen. Die Beispiele werden in unterschiedliche Diskursformationen eingebunden und zugleich zergliedert, wodurch Zusammenhänge in der performativen Herstellung von (Geschlechter-)Positionen sowie die spezifische Medialität resp. die spezifischen Diskurse nachvollziehbar gemacht werden.

 

So wird der 'Fall' um Anita Sarkeesian nicht auf ihre Person individuell zugeschrieben, sondern in einen größeren Kontext diskursiver Formationen wie die Spielenden, die Entwickler_innen, Journalist_innen, wissenschaftliche Disziplinen und das Produkt selbst (das Spiel), aber auch den medientechnologischen und -kulturellen Raum (z. B. Image Boards) eingebunden und ihre jeweiligen Intraaktionen herausgearbeitet. Auch in Bezug auf die Frage nach widerständigen Praktiken nutzt Eickelmann das Potenzial der diffraktiven Lesart, indem sie das dialektische Verhältnis von Medienöffentlichkeiten betont, das die Verletzbarkeit konstitutiv mitbestimmt, zugleich aber "im Sinne der Herstellung von Zeugenschaft und damit die Ermöglichung von Komplizenschaft zentral für die Frage nach den Möglichkeiten zur Rekonfiguration von Relationalitäten" ist (S. 228).

Die zweite Fall-Analyse, die sich mit dem YouTube-Video der 15-jährigen Amanda Todd befasst, erfolgt aus einer Lesart über Diskursformationen des Bekenntnisses und des Sentimentalen. Eickelmann argumentiert hieraus die Konstitution eines "weibliche[n] Opfertypus […], der als verletzungsoffen gilt" (S. 244), wie er innerhalb des Diskurses über Geschlechterdualismen verhandelt wird. Ob hierfür die Analogie zur filmtheoretischen Figur des Melodrams tatsächlich ausschlaggebend war, bleibt zu hinterfragen.

Abschließend argumentiert Eickelmann schlüssig, inwiefern die Erfahrung der Adressierten aufzeigt, dass eine vorher als widerständige Praxis beschriebene Möglichkeit der Wiederholung nicht zwingend eine Rekonfiguration mediatisierter Missachtung darstellt, sondern, "dass Wiederholungen je nach Öffentlichkeit und Kontext immer auch riskant sind, da keineswegs sichergestellt ist, dass jene Wiederholung verschiebende Effekte zur Folge haben wird" (S. 275).

 

Die Relevanz dieses Buchs ergibt sich zweifelsohne aus dessen thematischer Aktualität, insbesondere aber durch die differenzierte und differenzierende Herangehensweise der Autorin. So wird die spezifische Medialität des Internets, die sich vor allem über die multimediale Hybridisierung vieler Medienformate und Zeichensysteme definiert, in die Gedanken über mediatisierte Missachtung im Netz eingeschlossen. Diese wiederum wird in einen Zusammenhang von Geschlechterkonstitution gestellt und demnach als "wirklichkeitskonstituierend" (S. 22) verstanden. Dies evoziert ein Denken über Intraaktionen von Realität und Virtualität und ermöglicht das Erarbeiten der realweltlichen Effekte mediatisierter Missachtung. Für eine gute Leseorientierung in dieser doch komplexen Denkstruktur sorgt die kurze Einführung aller zentralen Begriffe theoretischer und methodologischer Art (mediatisierte Missachtung, Diffraktion, Intraaktion u. a.); eine Vorgehensweise, die sich konsequent im gesamten Analyse-Verlauf widerspiegelt, wodurch sich Eickelmanns Denkweise äußerst präzise strukturiert.

Der Verständlichkeit zuwider läuft leider das auffällig häufig gegen den Lesefluss gerichtete Layout. Zudem hätte man sich – der Komplexität des Themas sowie dem präzisen Sprachgebrauch der Autorin angemessen – ein aufmerksameres Lektorat seitens des Verlags gewünscht. Doch diese Formalitäten schmälern den inhaltlichen Wert des vorliegenden Buchs keineswegs, so dass damit ein bedeutsamer Beitrag zu sowohl aktuellen als auch zukünftigen Debatten und Diskursen über 'Hate Speech im digitalen Zeitalter' geliefert wird.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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