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Geert Lovink: Im Bann der Plattformen. Die nächste Runde der Netzkritik.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-3368-9. 262 S., Preis: € 24,99.

Rezensiert von: Katja Grashöfer

In seiner 2017 erschienenen Publikation Im Bann der Plattformen (engl.: Social Media Abyss, 2016) löst Geert Lovink ein, was er im Untertitel verspricht: Die nächste Runde der Netzkritik fokussiert auf Online-Plattformen, die laut Lovink alles andere als 'sozial' sind. Technische Zentralisierung, ökonomische Monopolisierung und kulturelle Dissoziation sind die Folge eines zu Social-Media-Apps verengten Internets, dessen anfängliche Freiräume und Freiheitsträume ihr utopisches Potential eingebüßt haben. Stattdessen regiert die kapitalistische Gewinnsucht allerorten und bedient sich dazu der Daten der Netzwerk-Nutzer_innen. Überwachung statt Ermächtigung, Wallet Garden statt freier Entfaltung. Das Soziale ist dabei bloß noch "ein Spezialeffekt der Software" (S. 42).

 

Geert Lovink, Leiter des Institute of Network Cultures an der Hochschule Amsterdam und seit Jahren einer der bekanntesten Netzkritiker, veröffentlicht nach Zero Comments (2008) und Das halbwegs Soziale (2012) mit seiner neusten Publikation einmal mehr eine aktuelle Standortbestimmung mit Aufforderungscharakter. Seine Rhetorik ist bisweilen drastisch ("dann haben wir den Krieg schon vor Jahren verloren", S. 83), seine Behauptungen sind rigoros ("wird das Soziale zu einem Platzhalter für eine Art zwischenmenschlicher Schutthalde", S. 33). Die Leser_innen werden im Duktus einer agitierenden Rede immer wieder durch die Verwendung der 'Wir-Form' und des Imperativs ("Wir müssen", S. 83 / "Lasst uns", S. 85) angesprochen. Lovink hat etwas zu sagen und will gehört werden.

 

Dabei macht er gleich in der Einleitung deutlich, dass seine Kritik nicht eigens um der Kritik willen, sondern vor dem Hintergrund alternativer Vorschläge stattfindet. Folgerichtig grenzt Lovink sich mehrfach von einer "Offline-Romantik" (S. 84 u. a.) ab. Stattdessen fordert er "langfristige Kollaborationen" (S. 25) und "Netzwerke mit Konsequenzen" (S. 27). Lovink macht seine Affinität zum Medium deutlich. Er positioniert sich dezidiert nicht als konservativer Rufer einer Sehnsucht nach der Vor-Internet-Zeit, sondern als progressiver Provokateur und alternativer Visionär.

 

Seine Kritik setzt dabei an drei zentralen Inhalten an: einer Kritik der Plattformen (Filter Bubble, Nutzer_in als Datenobjekt, Profiling, Data Mining), einer Kritik des Marktes (Monopolisierung, Algorithmen als Steuerungsmechanismen, Hochfrequenzhandel) und einer Kritik der Forschung (institutionelle Defizite, insbesondere Randstellung der Geisteswissenschaften, analytische und theoretische Schwächen).

 

Seit Edward Snowdens Enthüllungen wissen Nutzer_innen um die Überwachung ihrer Online-Aktivitäten. Jeder Klick, jede Kommunikation wird registriert und kann ausgewertet werden. Dieses neue Bewusstsein führt laut Lovink zu einer "existentiellen Unsicherheit" (S. 80). Denn es gilt: "Alles, worauf wir jemals geklickt haben, kann und wird gegen uns verwendet werden." (S. 74)

 

Lovink weist darauf hin, dass die sogenannten Sozialen Plattformen auf ökonomischer Ebene in parasitärer Weise von den Aktivitäten ihrer Nutzer_innen leben, d. h. ökonomisch von ihnen profitieren (vgl. S. 101). In Konsequenz fordert er eine gerechte Entlohnung für Content-Produzent_innen (vgl. S. 94) und verweist zudem auf die Notwendigkeit, neue Einkommensmodelle zu schaffen, die das 'Freie' und 'Offene' (Stichwort 'Open Source') berücksichtigen (vgl. S. 91f und S. 102).

 

Im Zeitalter neuer Zahlungsmodelle und Währungen erscheint Geld als "gestaltete[r] Gegenstand" (S. 111). Mobiles Geld in Afrika (S. 114ff) ist dabei nur ein Beispiel, das Lovink im Zusammenhang mit einer sich verändernden Finanzwelt anführt (vgl. S. 121). Bezüglich des Bitcoins konstatiert er, dieser trage zur sozialen Ungleichheit bei (vgl. S. 138) und kritisiert "Schürf-Modell" (S. 141) und "Hortungsprinzip" (ebd.) der Währung. Was als Alternative begann, sei schnell von der herrschenden, kapitalistischen Logik vereinnahmt worden: der Anhäufung individuellen Reichtums (vgl. ebd.).

 

Lovink beschreibt auf seinem neuerlichen Streifzug durch die Welt der Netzkritik weitere Beobachtungen anhand von Fallbeispielen. Dazu zählen so diverse Phänomene wie die i-network-Mailingliste in Uganda (S. 143ff) und seine Lektüren der Literatur des US-amerikanischen Autors Jonathan Franzen (S. 163ff). Im Zusammenhang mit dem Begriff des 'Mappings', verstanden als Verbindung von Mobilität und IT, sowie dem 'Internet of Things' verweist er auf die Bedeutung materieller Ressourcen (vgl. S. 208). Organisierte Netzwerke werden als Alternative für "intensive Kollaborationen" (S. 245) jenseits konzentrierter Konzernmacht diskutiert.

 

Immer wieder setzt Lovink sich mit dem Status der Wissenschaft auseinander. Er verweist auf die zentrale Rolle von Forschung für die Entwicklung von Netzwerkstrukturen, die Wege jenseits einer sich nur immer weiter verstärkenden kapitalistischen Tendenz aufzeigen soll, so dass nicht nur Wenige, sondern Viele von Netzwerken profitieren können. Lovink fordert die Academia zu einer mutigen Theorieproduktion auf (vgl. S. 81f). Dazu benötigt es seiner Ansicht nach keiner Software-getriebenen Geisteswissenschaft, die Daten visualisiert, aber im Kern ohne technische Expertise bleibt (vgl. S. 41). Er fordert "eine digital fundierte, postkoloniale Theorie lebendiger Netzwerke und Organisationsformen" (S. 41). Nicht die Wirkungen, sondern die Architektur von Technologie soll in den Mittelpunkt rücken (vgl. S. 63). Unter diesen Voraussetzungen wünscht Lovink sich ein entschiedeneres Auftreten der Forschenden im öffentlichen Diskurs, das seinem Wunsch nach politisch wirksam werden soll. Denn einen ebenso großen wie bisher ungenutzt bleibenden Einfluss spricht er der Politik (namentlich 'Brüssel', vgl. S. 72) zu und konstatiert, dass nicht nur Technologie politisch, sondern auch Politik technisch sei (vgl. S. 27).

 

Lovinks argumentatives Vorgehen besteht darin, Entwicklungen zu beschreiben und Fragen zu stellen, um in Kritik zu münden. Dabei stehen Auseinandersetzungen mit den Arbeiten anderer Wissenschaftler_innen (u. a. Baudrillard, Löffler, Galloway, Thacker, Warck, Sassen) neben seinen eigenen Beobachtungen und Kommunikationen, die er aus Projekten (Unlike Us, MoneyLab), Interviews, dem Austausch per Mail und biografischen Erfahrungen (S. 94ff) bezieht.

 

Lovink nimmt eine strategische Gegenposition im Diskurs um die Utopien und Ideologien des Internets, der Netzwerke und Plattformen ein, die dazu führt, dass seine Redeweise an der ein oder anderen Stelle in ihrer Direktheit verkürzt wirkt. Sein Anschreiben gegen eine unreflektierte Idealisierung der Online-Welt hinterfragt die großen Zusammenhänge von Ökonomie, Politik und Sozialität der gegenwärtigen Gesellschaften. Die Negierung und Desillusionierung gängiger Freiheitsphantasmen mündet in die Aufforderung sich des emanzipatorischen Potentials erneut und neu zu bemächtigen, um die "offene Architektur" (S. 256) von Netzwerken wieder zum Vorschein zu bringen und für alle gleichermaßen profitabel zu machen – ökonomisch, technisch, sozial, kulturell. Dazu müssen die unsichtbaren Strukturen und verborgenen Mechanismen ins Licht gesetzt, die Black Boxes im aufklärerischen Duktus geöffnet werden.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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