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Friedrich Balke/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.): Medien der Bürokratie.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: Archiv für Mediengeschichte, Bd. 16). ISBN: 978-3-7705-6128-5. 176 S., 2 s/w Grafiken, 15 s/w Abb., 2 s/w Karten, Preis: € 19,90.

Rezensiert von: Ulrike Wirth

Medien der Bürokratie – das lässt an staubige Aktendeckel und ewig ladende Webformulare denken. Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl haben alles andere als einen spektakulären Titel gewählt, geben damit aber ein ambitioniertes Vorhaben zu erkennen. Wird doch mit dieser Setzung nicht nur auf die Analyse operativer Verfahrenstechniken, sondern auf eine gewaltige, zweifach gebrochene Übersetzungsleistung hingewiesen: Wer die rekursive Dopplung der äußeren Wirklichkeit als Welt in den Akten und als physische Realität dieser Akten in der Welt symmetrisch untersuchen will, muss Medien nicht bloß instrumentell als Kulturtechniken der Bürokratie sondern Bürokratie(-geschichte) gleichermaßen in Abhängigkeit der Medien denken und hierbei auch deren ungesteuerte Effekte in den Blick nehmen. Wen die Abgründe einer solchen Programmatik nicht schwindelig, sondern neugierig machen, der/dem bietet der 16. Band des Archivs für Mediengeschichte eine kenntnisreiche, transdisziplinäre Textsammlung.

 

Die drei Herausgeber greifen in ihrem Vorwort sowohl den theoretischen Kanon auf – besonderes Gewicht wird in Medien der Bürokratie Niklas Luhmanns systemtheoretischen Schriften und Max Webers soziologischer Bürokratietheorie beigemessen – als auch hartnäckige, historisch überkommene Vorstellungen von Bürokratie und (ihren) Medien. Denn die etymologische Wurzel des Büros steckt im "altfranzösischen bure oder burel" und bezeichnete "ursprünglich de[n] mit einem besonderen Wollstoff bespannte[n], also eigens präparierte[n] Schreibtisch" (Editorial S. 6). Durch metonymische Verschiebung wurde daraus der Ort, wo Kittlers "Herrschaft der Schreibtische" ausgeübt wird, und dieser Ort erwecke immer noch die Vorstellung eines Primats der Schriftlichkeit. Dabei tragen doch auch mündliche, formelle und informelle Absprachen am Gang oder in Meetings zur Entscheidungsfindung bei und überhaupt sei das Mündliche nicht das Amediale (vgl. S. 5), wie etwa Marcus Twellmanns Beitrag "Mündliche Rede: auch ein Medium der Bürokratie" (S. 29–39) im Kontext der Rechtsprechung wie der basisdemokratischen Gremien argumentiert. Twellmann kritisiert zugleich einen "präsenzmetaphysischen Phonozentrismus" (S. 33), der 'Gemeinschaft' als authentischere Sozietät der 'Gesellschaft' gegenüberstellt, als auch die Komplexitätssteigerungslogik einer modernistischen Soziologie, welche die direkte Demokratie kleiner Verbände nur als Residualphänomen wahrnimmt (vgl. S. 36). (Ob ein dezidiert medienwissenschaftliches Jahrbuch den rhetorischen Gegner 'mündliche Amedialität' überhaupt braucht, sei dahingestellt.)

 

Die insgesamt 14 Beiträge, obgleich sie so unterschiedlichen Gebieten wie etwa der Rechts- oder der Literaturwissenschaft entstammen, eint allesamt primär ein medientheoretischer Fokus. Die Theoriebildungen und Perspektiven zur Bürokratie kreisen um Fragen nach den (fehlenden) Lücken von System und Umwelt bzw. Karte und Gebiet, Herrschaftslogiken und Subjektivierungstypen, schriftlichen und – eben – mündlichen Medialitäten, Fortschritts- und Rationalisierungsparadigmen, Verwaltungskulturen, (dem Aufschub von) Entscheidungen, aber auch der zermürbenden Langeweile im Büro. Den Zusammenfall von Karte und Gebiet als Phantasma eines umfassenden Blicks macht etwa Antonia von Schöning mit "Die Verwaltung der Dinge und das Phantasma der Bürokratie" (S. 53–63) zum Thema. Im Mittelpunkt steht das ehrgeizige Projekt von Jacques Bertillon, der 1889 mit seinem "Atlas de statistique graphique" bemüht war, die Stadt Paris in Diagramme komplexer Beziehungen zu transformieren. Historische Mittler und Medien der Grenzziehung zwischen der Bürokratie und ihrem Außen begegnen aber auch in Gestalt der "Figur des Beobachters im Ministerium für Staatssicherheit" (Sophia Gräfe, "Bürokratisierte Wahrnehmung. Die Figur des Beobachters im Ministerium für Staatssicherheit", S. 77–86) oder dem Kopierer, der SchülerInnen zu ihren eigenen SekretärInnen macht (vgl. Thorsten Lorenz, "Die Schule des Büros. Die Verwaltung des Geistes durch Medien-Sekretariate", S. 141–150).

 

Was ist eigentlich unter Bürokratie zu verstehen, wann fällt der Begriff historisch erstmalig und artikuliert sich darin nicht immer schon eine herrschaftskritische Anklage? Diese grundlegenden Verständnisfragen werden sowohl im Vorwort der Herausgeber als auch in den Beiträgen selbst aus historischer Perspektive und Hinweisen zu aktuellen Diskursen immer wieder neu aufgeworfen und durchziehen den Sammelband als roten Faden. Ebenso bildet das Verhältnis zwischen Bürokratie- und Medienkritik einen verbindenden analytischen Fokus wie ihn etwa Burkhardt Wolf mit "Medien der Bürokratiekritik. Paperwork im Zeitalter der 'Verwaltungskultur'" (S. 41–51) auslotet.

 

Wenn zudem konstatiert werden kann, "dass Bürokratien, im öffentlichen ebenso wie im privaten Leben, unsere Lage bestimmen" (S. 5), ist damit nicht nur das Frustrationspotential wie auch das sicherheitspolizeiliche Dispositiv einer ubiquitären (digitalen) Verwaltungslogik adressiert, sondern im Kern auch bereits jene polemische und teils konspirative Aufladung, die sich oftmals in Allgemeinplätzen der Bürokratiekritik – gleich welcher politischer Provenienz – niederschlägt. Tradierte Vorstellungen von abgeschirmten, inneren Vorgängen als "Arkana" der Verwaltung dienen jedoch nicht nur dazu, diese als Ausgangspunkte für die eigene Stellungnahme heranzuziehen und Neuperspektivierungen anzubieten, sie bilden auch die inhaltlichen Schwerpunkte der Beiträge mit literarischem Einschlag, die sich prominent Franz Kafka und David Foster Wallace widmen. Es besteht eine fruchtbare Verbindung von erzählter Bürokratie und ihren psychopathologischen Begleiterscheinungen, ihren totalitären Phantasmen und ihrer existentiellen Langeweile. So erkennt Jake Fraser in "Die Welt der Akten: Kafka und amtliches Schreiben" (S. 87–98) in einem bislang wenig untersuchten Kurztext Kafkas (Eingabe an ein Amt, 1922) den Schlüssel zu dessen Schlossroman und somit die "Grundlage einer Kafka'schen Theorie der Bürokratie" (S. 88.). Schließlich handele es sich bei der Eingabe an ein Amt um ein 'Paralipomenom', etwas nachträglich Übergangenes, das eine Lücke sowohl anzeigt, als auch gleichzeitig ausfüllt (vgl. ebd.). Die (fehlende) Lücke, um die es Fraser hier geht, ist jene zwischen Karte und Gebiet, dem Schloss und seiner Umgebung, und sie anthropomorphisiert sich in der Person des Landvermessers K.

Torsten Hahn widmet sich ebenfalls Kafkas Schloss, sein Schwerpunkt liegt mit "'Weiterfunktionieren'! Bürokratisches System, Medien und Entscheidung in Franz Kafkas Das Schloß" (S. 99–107) jedoch "auf dem potentiell endlose[n] Aufschub jeder Entscheidung" (S. 104) als systemimmanenter Autopoiesis. Simon Roloff wiederum sieht ein "literarisches Äquivalent für die epistemologischen Operationen von Actor-Network-Theory und Kulturtechnikforschung" ("Peoria, 1985", S. 121–129, hier S. 126) in David Foster Wallace posthum erschienenen Roman The Pale King (2011). Der bleiche König der Steuerbehörde sitzt aber nicht an geheimen Hebeln der Macht, Wallace' Bürokratieroman trägt keine verschwörungstheoretischen Züge, sondern lotet die durch Langeweile induzierte Erschöpfung aus.

 

 

Die strukturelle Rahmung, also Beginn und Ende im Inhaltsverzeichnis, übernehmen zwei rechtswissenschaftliche Texte, die zudem auch den historischen Zeitrahmen zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert weit aufspannen. Die Rechtshistorikerin Susanne Lepsius widmet sich der Justizbürokratie in der oberitalienischen Kommune Lucca des Spätmittelalters und arbeitet die Aufgabenbereiche der Boten und Herolde heraus. Boten oblag als Sprachrohren des Gerichts insbesondere die Auffindung und Vorladung der Angeklagten, deren tatsächliches Erscheinen vor Gericht mitunter nur durch körperlichen Zwang gewährleistet werden konnte (vgl. "Verlängerte Arme und Lautsprecher des Gerichts. Boten und Herolde in der Justizbürokratie des spätmittelalterlichen Lucca", S. 15–28, hier S. 15.). Herolde dagegen hatten dafür Sorge zu tragen, dass sich eine öffentliche Gerichtsbarkeit überhaupt konstituieren konnte bzw. gerichtliche Entscheidungen auch eine Öffentlichkeit hatten (vgl. ebd. sowie S. 22). Fabian Steinhauer nimmt ein mediales Ereignis zum Anlass, eine weitreichende Auseinandersetzung mit der (Kontra-)Signatur vorzunehmen und dabei auf juristische Techniken als Medienkulturtechniken zu sprechen zu kommen. Dem Autopen, der mithilfe einer Schablone die Unterschrift des/der Abwesenden nicht kopiert, sondern tatsächlich mittels Stift über das Schriftstück zieht, kam 2011 besondere Aufmerksamkeit zu, da US-Präsident Barack Obama terminlich verhindert war und erstmalig ein Gesetz (der 'Patriot Act') durch einen Autopen verabschiedet, also unter- wie gegengezeichnet wurde (vgl. "Der Patriot Act und der Autopen. Eine Geschichte zur Theorie der (Kontra-)Signaturen", S. 163–176).

 

Zwar ist es begrüßenswert, wenn thematisch weit gesteckte Periodika Beiträge nicht bloß nach dem Diktat tagespolitischer Aktualität und Relevanz auswählen, es fällt dennoch auf, dass etwa E-Government eine Sache ist, die im Fließtext sowie in den Fußnoten nur en passant Erwähnung findet. Ebenso wenig ist es möglich, Sarah Sanders detaillierte akteur-netzwerk-theoretische Analyse der zentralen Immigrationsstelle Ellis Island zu lesen (vgl. "Raumteiler, Treppen, Pulte. Möbel und Mittler der Immigrationsadministration auf Ellis Island New York", S. 65–76.) und sich nicht zu fragen, was denn etwa eine mikropolitische Untersuchung administrativer Vorgänge rund um Migration und Asyl im 21. Jahrhundert zu Tage fördern würde. Wenn hier Kritik an der Zusammenstellung des Sammelbands geübt wird, so speist sich diese vor allem aus dem Wunsch nach einer Fortsetzung. So sehr denn auch Jake Frasers, Torsten Hahns und Simon Roloffs hermeneutische Leistungen Lust machen, die entsprechenden Bücher von Kafka und Wallace zu lesen, bildet der Bezug, den die Literatur zur Bürokratie aufrechterhält doch einen emblematischen Kanon paranoider Szenarien heraus, dem durchaus auch Heiteres aus Film und Fernsehen – etwa die Gemeindeverwaltungssatire Parks and Recreation (USA, 2009–2015) mit ihrem personenorientierten Schwerpunkt – hätte gegenübergestellt werden können.

 

Da Hanna Engelmeiers Beitrag "Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. Ankündigungen und Versprechen des 'akademischen Unbewussten'" (S. 131–140) den Fokus bereits auf die Tiefenstrukturen der Akademia legt, möchte die Autorin der Rezension an dieser Stelle die eigene, gedoppelte Perspektive zu erkennen geben: Nicht nur theoriegeleitetes Interesse beförderte den Wunsch, den Sammelband zu rezensieren, sondern auch die mehrjährige Praxiserfahrung in der universitären Verwaltung. Burkhardt Wolfs kritische Erläuterungen bzgl. einer serviceorientierten Verwaltungskultur, die sich zuvorderst am betriebswirtschaftlichen Sprech und dessen Maximen orientiert, hat schmerzvolle Resonanzen hervorgerufen. Amüsiert wiederum kann Niklas Luhmanns Handbuch einer 'Kunst des bürokratischen Handelns' (vgl. Julian Müller/Niklas Barth, "B wie Bürokratische Tugenden. Ein Handbrevier für den Bürobewohner, Speyer 1964", S. 109–119) weiterempfohlen werden und natürlich ruft auch die kafkaeske Suspension von Entscheidungen oder zumindest deren Aufschub beifälliges Nicken hervor, wenn dabei an den eigenen Arbeitsplatz gedacht wird. Zum Abschluss daher noch eine Anekdote aus der Praxis der administrativen Seite des universitären Alltags, die mit Estelle Blaschkes historischer Untersuchung des Mikrofilms ("Installed For Your Protection: Mikrofilm als Medium der Bürokratie", S. 151–162) insofern korrespondiert, als darin ein Kernproblem jeglicher Archivierung artikuliert wird: So konnten auf Mikrofilm zwar eine Vielzahl an Daten gespeichert werden, ein spezifisches Dokument auf einer Filmrolle zu verorten gestaltete sich jedoch als mühselig und langwierig (vgl. S. 161) Ebendiese Schwierigkeiten bei der Suche nach den Akten wurden an der Universität im Zuge des Medienwechsels von der analogen zur digitalen Aktenbearbeitung transformiert. Wo das Archiv der analogen Ära einlud, den mit Geschäftszahl oder Matrikelnummer gekennzeichneten Akt schlicht an der falschen Stelle einzureihen und ein Wiederauffinden zu verunmöglichen, stößt die digitale Aktenverwaltung den Büromenschen indes auf neue Herausforderungen. Kann der Akt doch nur gefunden werden, wenn die Parameter der Datenbank auch erlauben, danach zu suchen. Dies setzt jedoch voraus, dass basale operative Anforderungen überhaupt kommuniziert wurden und stellt damit ein Problem der fehleranfälligsten aller medialen Vermittlung dar – human-to-human-relations.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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