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Marcus Junkelmann: Hollywoods Traum von Rom. "Gladiator" und die Tradition des Monumentalfilms. (Kulturgeschichte der antiken Welt 94).

Mainz am Rhein: Philipp von Zabern 2004. ISBN 3-8053-2905-9. 462 S. mit Abb. Preis: € 59,90/sfr 102,--.

Rezensiert von: Bruno Weinhals

"Warum wurden so lange keine Filme dieser Art gedreht, warum gerade jetzt? Wie setzt sich 'Gladiator' mit seinen großen Vorbildern auseinander, was hat er mit ihnen gemeinsam, worin unterscheidet er sich? Wie kommt er bei Publikum und Kritik an? Und was ist vom Standpunkt des Historikers und Archäologen zu diesem Film zu sagen?" (S. 5)

 

Marcus Junkelmann, Historiker und Spezialist für in Ausrüstung und Kampftechnik historisch exakte Nachstellung von Gladiatorenkämpfen, nimmt die "Wiedergeburt eines totgeglaubten Genres", so der Titel des ersten Kapitels, aus dem auch das Zitat stammt, zum Anlaß, um Machart und Eigenheiten der Historienfilme zu untersuchen, genauer: Er untersucht die Besonderheiten des Genres an einigen ausgewählten Vorgängern von Gladiator , und verhindert dadurch, sein Thema in einer Unzahl ephemerer Filme zu ersticken. Ihn interessiert etwa, daß und wie die Historienfilme, speziell: die Römerfilme, immer wieder auf eine bestimmte Art von Malerei zurückgreifen; daß sie stark von Bezügen und Zitaten innerhalb des Genres geprägt sind; als Historiker interessiert er sich besonders für die historische Authentizität der Ausstattung.

Das abgestorbene Genre und seine überraschende Wiedererweckung bestimmen den Aufbau des Buchs. In einem Kapitel ("Das Bild von der Geschichte in einer postliteraten Welt") beschäftigt sich Junkelmann mit dem Bild der Antike, das durch Historienfilme bestimmt wurde und wird: In vielen Fernsehdokumentationen, die Seriosität von sich behaupten, werden Ausschnitte aus Spielfilmen eingesetzt, um zu zeigen, wie man sich die Antike vorstellen soll. "Die 'Roms', die in der Populärkultur geschaffen werden, sind so durchdringend und so verwurzelt in zeitgenössischen Vorstellungen, daß Fernsehprogramme, die es sich vorgenommen haben, das 'wirkliche' Rom zu zeigen, Ausschnitte aus Hollywoods Historienepen benutzen, um das alte Rom wieder zum Leben zu erwecken", zitiert Junkelmann (S. 13).

Weiters beschäftigt er sich in einem ausführlichen Kapitel mit dem Problem der historischen Authentizität. Wieviel Freiheit darf man einem Regisseur zugestehen, wenn es um Alltagsdinge geht? Für Junkelmann als Historiker ist diese Freiheit nicht sehr groß. In "Past Imperfect" stellt er eine große Anzahl von Meinungen zusammen, die seine Ansicht stützen; die wenigen Gegenstimmen kommen mehrheitlich von Regisseuren und sind etwas pejorativ ausgewählt. Junkelmann gelingt es hier leider nicht, über eine kommentierte Sammlung von Meinungen hinauszugehen. Dieser Mangel ist angesichts des konservativen Kunst- und Theaterverständnisses des Autors besonders ärgerlich: "Originalität um jeden Preis und Innovation als Selbstzweck wurden erst von den Kunstkritikern (nicht vom Publikum!) des späten 19. und des 20. Jahrhunderts zu absoluten Werten erhoben." (S. 102) Eine falsche Behauptung: Mit dem Beginn des Kunstmarkts im Italien des 15. Jahrhunderts mußten die Maler sich und ihre besonderen Fähigkeiten betonen; das berühmte Selbstbildnis Parmigianinos im Rasierspiegel von 1524, ein Musterbeispiel von "Originalität um jeden Preis", wurde von der Notwendigkeit erzwungen, beim Publikum (den möglichen Gönnern) aufzufallen und ist 500 Jahre alt. Ähnliches über das Theater: "Bewußte Anachronismen zum Zwecke der Verfremdung, der Herausarbeitung von Analogien und ironischen Elementen sind ja nun dem modernen Theaterbesucher seit vielen Jahrzehnten mehr als vertraute Phänomene. Dieses vorgeblich unkonventionelle, mittlerweile aber reichlich abgedroschene Stilmittel dient zwar oft genug nur der Selbstprofilierung von Regisseuren und Designern und der Provokation des Publikums, wenn man es nicht überhaupt nur wählt, um sich die Kosten einer aufwendigen Kostüminszenierung [sic!] zu sparen [...]." (S. 34) "Gewiß kann man 'Julius Caesar' auch in modernen Klamotten spielen, doch verliert dann das Drama oder der Film schlagartig den Charakter des Historischen, der Vergangenheitsbeschwörung und wird zur didaktischen Parabel, zum allgemein-menschlichen Lehrstück." (S. 117)

Nach den "Leiden des historischen Beraters" kommt der Autor zu einem weiteren grundlegenden Kapitel. "Kino mit unzureichenden Mitteln – Das Erbe des 19. Jahrhunderts" führt den Leser in die Schreckenskammern der Kunstgeschichte. Nach Regisseur Ridley Scotts Selbstauskunft war Jean-Léon Gérômes Bild "Pollice verso" ("Mit dem Daumen nach unten") die große Inspirationsquelle für den Gladiator -Film. Junkelmann in seiner Beschreibung des 1872 entstandenen Bilds: "die schwüle [...] Atmosphäre" (S. 63), "ihr [der dargestellten Szene] sadomasochistischer Charakter" (S. 64). Am Beispiel von Gérôme und anderen, ähnlich dekadenten Malern (Thomas Couture, Simeon Solomon, Edward Poyntner, Lawrence Alma-Tadema, Henryk Siemiradzki) untersucht der Autor die Beziehungen zum späteren Historienfilm sowie die Stimmigkeit der gemalten Realien. Angesichts der Schrecklichkeit dieser Machwerke wundert es nicht, daß der Historienfilm einen so schlechten Ruf bekommen hat. Wer sich solcher Vorlagen bedient, ist von Anfang an diskreditiert. Über Henryk Siemiradzkis Bild "Christliche Dirke" (oder "Die Ästhetik des Nero"), 1897 entstanden, schreibt Junkelmann, es "wird die Hinrichtung einer auf einen Stier gebundenen nackten Märtyrerin vor Augen geführt, historische Belehrung, christliche Erbauung und unverhohlenen Sadomasochismus zu einer schwülen Mixtur verbindend". (S. 81)

In weiteren Kapiteln beschäftigt sich der Autor u.a. mit "Anziehen und Ausziehen" (Kleidung in Historienfilmen) und mit dem "Prolog oder: Die Stimme der Geschichte".

Die nächsten Kapitel gehen speziell auf den Gladiator -Film ein: "Kampf, Rache, Erlösung und der Untergang eines Weltreichs – Die Handlung von 'Gladiator' im Vergleich mit 'The Fall of the Roman Empire' und mit der historischen Überlieferung", "'Laßt die Hölle los!': Die Schlachtensequenz", "Die Welt der Arena: Das perfekte Guckloch in die römische Welt". "Die Größe Roms" untersucht die Filmarchitektur, "Rom als Traum und Rom als Alptraum" handelt von Politik, von politischen Intrigen in Römerfilmen. Mit "Dem Tod zurücklächeln", Junkelmanns interessanter Interpretation des Gladiator , schließt der Text. Alle diese ausführlichen Kapitel sind von der historischen Kenntnis der Autors geprägt, der bis in die Details den Unstimmigkeiten nachgeht. "Und noch eines macht der grandiose unhistorische Schluß erneut klar: Dies ist kein Film über reale geschichtliche Ereignisse und über reale geschichtliche Individuen, sondern über archetypische Personifikationen der dunklen und der lichten Idee von Rom. Und es ist erst recht nicht ein Film über das reale Rom, weder das vergangene, noch das gegenwärtige, sondern über Rom als überzeitlicher Traum. Er vereinigt in sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Tod und Weiterleben." (S. 360) Angesichts dieses Absatzes, mit dem das Buch endet, fragt es sich, warum der Autor dem Film auch kleinste historische Unkorrektheiten ankreidet. Wenn ja doch alles überzeitlich und archetypisch ist, kann die Zeit, also auch der exakte historische Zeitpunkt, nicht wichtig sein. Als antiquarischer Kenner der Realien hat Junkelmann ein Buch geschrieben, und ein zweites, dem ersten widersprechendes, als Verehrer des Films.

Das Buch enthält 15 Kapitel auf 360 engbedruckten Seiten, dazu zahlreiche Abbildungen und ausführliche Anmerkungen sowie eine Biblio- und Filmographie. Es ist sein Geld durchaus wert, da man vieles erhält: Anteil am außerordentlichen archäologischen Wissen des Autors über die materielle Kultur der Römer, das ihn allerdings immer wieder zu einer rein antiquarischen Bewertung verführt; einigen Ärger über diese durch nichts begründete antiquarische Bewertung; aus beidem folgend die Notwendigkeit, sich über einige Fragen selbst klar zu werden.

 

Veröffentlicht am 28.02.2005 (Archiv)

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