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Vincenzo Mazza: Albert Camus et L’État de siège. Genèse d’un spectacle.

Paris: Classiques Garnier 2017. (Reihe: Études sur le théâtre et les arts de la scène, Bd. 9). ISBN 978-2-406-06549-4. 459 S., Preis: € 49,00.

Rezensiert von: Laurette Burgholzer

Als 2017 L'État de siège von Albert Camus, ganze 59 Jahre nach der Uraufführung, erstmals wieder in einem großen Haus inszeniert wurde – im Pariser Théâtre de la Ville, in der Regie von Emmanuel Demarcy-Mota – interpretierte das französische und US-amerikanische (Gastspiel-)Publikum im Kontext bevorstehender Wahlen und erfolgter Regierungswechsel das Stück als Prophezeiung: Der auf die Bühne gebrachte Belagerungszustand durch finstere Mächte, repräsentiert durch eine personifizierte Pest, spreche vom Aufstieg des Front National, von den neuen politischen Zuständen unter Trump. Ebenfalls 59 Jahre nach der Stückpremiere erschien mit Albert Camus et 'L'État de siège'. Genèse d'un spectacle eine theaterhistoriographische Monographie, die die beinahe vergessene Uraufführung von 1948 thematisiert. Zugleich entwickelt sie, von diesem mikrohistorischen Kreuzungspunkt ausgehend, ein Bild der theaterpraktischen, literarischen, künstlerischen, politischen Verflechtungen in Frankreich von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit.

 

"L'acteur règne dans le périssable. […] La convention du théâtre, c'est que le cœur ne s'exprime et ne se fait comprendre que par les gestes et dans le corps […]. Le corps est roi" (S. 121f). Camus verwendet in Le Mythe de Sisyphe (1942) die Figur des Schauspielers, um die absurde Kondition des Menschen darzulegen. Im Gegensatz zu manch anderen LiteratInnen und PhilosophInnen, die der Welt der – mitunter imaginierten – Theaterpraxis Elemente entlehnen und sie zu Metaphern umwandeln, fußt Camus' Bild vom Herrscher im Reich der vergänglichen Körper auf persönlicher Implikation und Erfahrung. Dass Camus nicht nur Literat, Journalist und Dramatiker war, entsprechend der im deutschsprachigen und frankophonen Raum dominierenden Wahrnehmung, sondern auch seit seiner Zeit in Algier Regie geführt hat, als Schauspieler auf der Bühne stand, und Direktor eines großen Theaters, L'Athénée, werden sollte (was durch seinen Unfalltod verhindert wurde), wird aus der vorliegenden Publikation deutlich, die mit der Entstehung von L'État de siège den Fokus auf die Reflexions-, Schreib- und Inszenierungsarbeit an einem Stück legt, das realistische, idealistische und allegorische Figuren, Chor- und Pantomimeszenen, Belagerung und Beulenpest, NS-Regime und spanischen Bürgerkrieg umfasst.

 

Erschienen ist der Band im Traditionsverlag Classiques Garnier, der heute als Literatur- und Wissenschaftsverlag diverse geschichts-, kunst-, sprach-, sozial-, wirtschaftswissenschaftliche Reihen und Zeitschriften im Programm hat. Die Reihe Études sur le théâtre et les arts de la scène umfasst bislang zehn theater- und literaturwissenschaftliche Bände zu historischem und gegenwärtigem Theater, die einzelne Persönlichkeiten, z. B. Maurice Maeterlinck, ins Zentrum rücken, oder thematische Schwerpunkte setzen, wie etwa postkoloniale Dramatik oder Narration und Postdramatik. Der in Frankreich sowohl in der Inszenierungspraxis als auch in der Theaterwissenschaft nach wie vor merklich hohe Rang literarischer AutorInnen und ihrer Textproduktion lässt sich auch am neunten Band dieser Reihe unschwer erkennen: Im Gegensatz zu neuen Erkenntnissen zur Autorschaft an L'État de siège, die das Buch präsentiert, und die dem Regisseur Jean-Louis Barrault mindestens die Position eines Ko-Autors einräumen, wird im Buchtitel lediglich Camus' Name genannt.

 

Auf 459 Seiten bietet der Band eine Chronologie, vier Anhänge mit transkribierten bzw. beschriebenen Archivdokumenten und -konvoluten, eine personen- und stückbezogen sortierte, ausführliche Bibliographie, einen Namensindex, sowie die historiographische Abhandlung, welche in vier große Kapitel untergliedert ist: Mit "L'État de siège avant Camus. Les prolégomènes" (S. 31) beginnt die Spurensuche ausgerechnet mit dem Zusammentreffen von Barrault mit Jean-Paul Sartre während der NS-Besetzung von Paris. Der zweite Teil, "Les protagonistes et la préparation de L'État de siège" (S. 109) resümiert die zeitlich vorangehenden und nachfolgenden Theaterambitionen und -erfahrungen von Camus und Barrault, sowie die Begegnung und Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner und Maler Balthus. Im dritten Großkapitel wird nach den expliziten und impliziten Quellen bzw. Vorbildern im Entstehungsprozess des Stücks gefragt, dazu zählen drei miteinander in Beziehung tretende, für Literatur- und Theatergeschichte bedeutende Texte – Daniel Defoes A journal of the plague year (1722), Antonin Artauds 1934 veröffentlichter Text Le théâtre et la peste, und Camus' Roman La Peste (1947) –, die unterschiedlichen Stückmanuskripte von Barrault und Camus, sowie die direkte und indirekte Prägung der beiden durch die Theaterreformversuche von Jacques Copeau. Der vierte Teil, "L'exégèse d'un moment éphémère. Le spectacle" (S. 259), analysiert die Rezeption des am 27. Oktober 1948 im Théâtre Marigny in Paris uraufgeführten Stücks durch die Presse sowie durch Zeitgenossen aus der Literatur- und Theaterszene.

 

Die offensichtlichste Originalität der Monographie besteht in der Wahl des Forschungsobjekts: Ein am Verriss durch die Presse gescheitertes Stück über das Leiden und Rebellieren einer Stadtbevölkerung im Belagerungszustand, das lediglich um die Jahreswende 1948/49 in Paris aufgeführt wurde, steht im Zentrum. Kein Publikumsmagnet, kein Theaterskandal – also Scheitern als Chance für die Theaterwissenschaft? Tatsächlich steht nicht die Aufführung im Zentrum, sondern, so wie es der Untertitel suggeriert, die "genèse", die Entstehungsgeschichte des Stücks. Diese Prämisse bringt eine Reihe interessanter Erkenntnisse und unerwarteter Zusammenhänge ans Licht: Nicht nur die dramatische Autorschaft des Nobelpreisträgers Camus muss ausgeweitet werden auf das Zweiergespann Camus-Barrault, auch die Beiträge und vorangehenden Kontakte mit Antonin Artaud, Charles Dullin, Jacques Copeau, Jean-Paul Sartre, Étienne Decroux entspinnen sich beim Lesen zu einem komplexen Netz gehegter Theaterprojekte und -revolutionen, Schauspielpädagogik, literarischer Konkurrenzsituationen, Theaterarbeit unter NS-Herrschaft und politischer Ideologielandschaft im Nachkriegsfrankreich.

 

Die Monographie macht deutlich, dass die Genesis von L'État de siège nicht mit "am Anfang war das Wort" beginnen kann. Die Basis legen Mitte der 1930er-Jahre Barrault und Artaud mit gemeinsamen Überlegungen zu den Zusammenhängen von Theater und Pest: Infektion, epidemische Verbreitung und Transformation, Leiden und Reinigen stecken den Assoziationsraum ab. Eine theatrale Verhandlung der Materie wird geplant, ausgehend von Defoe. Doch erst 1942, unter der Occupation – Artaud ist zu diesem Zeitpunkt interniert – verfolgt Barrault das Thema der Pest weiter, als "cataclysme […]. Je voulais montrer comment une société et tout individu parviennent à la purification par les forces noires" (S. 38). Sartre, der wie auch Barrault zu diesem Zeitpunkt in Dullins Schauspielschule unterrichtet, erfährt vom Projekt und vermittelt den Kontakt zu Camus, denn dieser arbeite an einem Roman zur Thematik. Camus will sich auf Barraults Stückprojekt einlassen, doch erst nach der Veröffentlichung von La Peste im März 1947 beginnt die Zusammenarbeit.

 

Ausgehend von aufgearbeitetem Archivmaterial, darunter von Barrault verfasste Szenarien und von Camus ausformulierte Szenendialoge in sukzessiven Varianten, schlüsselt Vincenzo Mazza auf, welche Anteile – Stückhandlung und Bühnenaktion, Figuren, Strukturen – jeweils Camus oder Barrault zugerechnet werden können. Ausschlaggebend für bestimmte Figurenzeichnungen und Regieentscheidungen durch Barrault – insbesondere die personifizierte Pest, Funktionär eines mysteriösen, übermenschlichen Regimes im NS-Offizierskostüm, im Gefolge des Todes in Gestalt einer Sekretärin – ist die unmittelbare Vergangenheit. Camus hingegen bringt Elemente ins Spiel, die andere Interpretationen ermöglichen: Cadix als Ort der Handlung, und eine nihilistische und immerzu betrunkene Figur mit Narrenqualitäten namens Nada bringen Spanien-Bezüge ein, die für Camus biographisch mitbedingt sind. Assoziationen zum Spanischen Bürgerkrieg und Totalitarismus im Allgemeinen, die seit Beginn seiner Theaterarbeit und vor allem für den politisch engagierten Journalisten Camus zentral sind, wurden jedoch von der Pariser Presse vernachlässigt. Vielmehr wird kommentiert, drei Jahre nach dem Fall des NS-Regimes habe man genug von der Thematik. Das Ganze "rappelle un peu trop le style allemand" (S. 275).

 

Paul Claudel beurteilt die Inszenierung von L'État de siège, in welcher Deklamationspathos, Pantomime, Chorszenen aufeinandertreffen, als "salade vivante, grouillante" (S. 327), und resümiert mit diesem Sprachbild die mehrheitlich negative Kritik in der Presse, die, über die inhaltliche Frage hinausgehend, wenig Geschmack an der szenischen Formgebung findet, deren nonverbale, stilisierte Szenen in den Augen einiger Theaterkritiker eher für (unseriöse) Varietébühnen gemacht seien. Die Schuld wird bei Barrault gesucht, denn allein ein Regisseur – "monstre omnipotent et tentaculaire" (S. 277) – könne ein literarisches Werk derart deformieren. Zwischen den Zeilen können LeserInnen hier auch einiges über die Macht, die politische und religiöse Motivation der Theaterkritik im Frankreich der 1940er-Jahre erfahren, sowie über den schleichenden Übergang vom alles überstrahlenden Autoren-Subjekt zur Etablierung der Theaterregie als eigenständigem künstlerischem Akt.

 

Ausschlaggebend dafür, dass L'État de siège lange Zeit nicht erforscht wurde, ist nicht zuletzt die Quellenlage: Das umfassende, in Paris und Aix-en-Provence aufbewahrte Archivmaterial ist erst seit dem 1996 erfolgten Ankauf des Theaternachlasses von Barrault und Madeleine Renaud durch die Französische Nationalbibliothek öffentlich zugänglich geworden. Der vorliegende Band wertet nur einen Bruchteil der Archivdokumente aus; die Vorgehensweise ist allerdings überzeugend, denn konsequent werden personelle und textuelle Knoten geknüpft, in einem breiteren Zeithorizont, der dem "genèse"-Gedanken gerecht wird. Drei inhaltliche Aspekte der Publikation machen sie zudem für LeserInnen jenseits des Zirkels der Camus-Connaisseure relevant: Einerseits wird anhand einer Fallstudie Theaterschaffen als kollektiver Prozess mit komplexen Rollenverteilungen erforscht. Zum anderen wird deutlich, auf welche Weise versucht wird, Experimente der Theaterreform der 1910er- und 1920er-Jahre, mit Körpertheater und Chören, mythologischen Themen und nicht-psychologischen Figuren, in der Nachkriegszeit zu reaktivieren. Letztendlich kommt durch die Ausführungen zum personifizierten, gänzlich destruktiven oder womöglich doch heilsamen, Übel in L'État de siège der Wunsch nach einem neuen Buch auf – einer Geschichte von Pest und Theater.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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