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Artur Pełka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama.

Bielefeld: transcript 2016. ISBN 978-3-8376-3484-6. 228 S., Preis: € 34,99.

Rezensiert von: David Krych

Die "politische Potenz der Sprache" (S. 21) in deutschsprachigen Theatertexten bestimmt der an der Universität Łódź tätige Theater- und Literaturwissenschaftler Artur Pełka zum Kern- und Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Unter dem Titel Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels diskutiert der Autor Theater- oder Textarbeiten, die sich mit zentralen und an Konsequenzen reichen politischen Ereignissen resp. 'Krisen' seit 9/11 auseinandersetzen.

 

Der Analyse von Theatertexten – u.a. von Werner Fritsch, Thomas Freyer oder Elfriede Jelinek – geht eine sich über die Hälfte des Buchs erstreckende theoretische Reflexion voraus, in der Pełka politische Diskurse mit theatertheoretischen Fragestellungen verschränkt. Als Dreh- und Angelpunkt erkennt der Autor die als 9/11 bezeichneten Ereignisse sowie deren Folgen, die er mit grundlegenden philosophischen Texten von Jacques Derrida ("Schurken"), Slavoj Žižek ("Willkommen in der Wüste des Realen"), Judith Butler ("Gefährliches Leben") und Jean Baudrillard ("Der Geist des Terrorismus") theoretisch perspektiviert. – Eine Passage aus dem letztgenannten Text diente höchstwahrscheinlich als Inspiration für den Titel des Buches, denn Baudrillard schreibt u. a.: "Das Spektakel des Terrorismus zwingt uns den Terrorismus des Spektakels auf" (S. 37).

 

Ziel dieser politik-philosophisch geprägten Erwägungen ist es, das über das Ästhetische hinausreichende "Politikum des Theaters und seiner Literatur" (S. 20) zu reflektieren. Demnach sieht der Autor in der Historisierung der Postmoderne gleichermaßen die Absage zur Haltung, "das Leben sei eine Performance" (S. 44), um sich stattdessen einer anthropologischen Grundierung und Repolitisierung von Theater zuzuwenden.

 

Mit dieser Beobachtung leitet Pełka Reflexionen und Kritik zum postdramatischen Theater ein, wobei das Verhältnis von Text und Theater in den Mittelpunkt rückt. So wird die in der postdramatischen Theorie popagierte "Existenz einer ästhetischen Wahrheit" (S. 48) mittels der Enthierarchisierung theatraler Mittel kurzerhand in ein Widerspruchsverhältnis überführt, weil "diese immanente Enthierarchisierung eine neue Hierarchie als ästhetische Dominanz und Überlegenheit des Postdramatischen schafft" (ebd.). Die in diesem Zusammenhang weiterführenden Abwägungen des Autors geben mitunter einen beachtlichen Überblick zum Diskurs einer möglichen Textgebundenheit deutschsprachigen Theaters und kreisen stetig um die Frage der Autorschaft, die er mit der bereits erwähnten Politisierung von Theater bzw. Theatertexten in Verbindung bringt. Dabei sieht Pełka zwei Möglichkeiten des Politischen im Theater, nämlich entweder "im performativen Akt der Unterbrechung vom politisch determinierten Alltagsbewusstsein oder in der dramatisch kommunizierten politischen Botschaft" (S. 57).

 

Diese Überlegungen zur formal oder inhaltlich bedingten Politisierung von Theater münden in die fundamentale Annahme, dass Theater eine "strukturelle Politizität" (ebd.) zugrunde liege, "weil es wohl oder übel in einem politischen System verankert" (S. 58) sei. Der Autor versucht diesen Standpunkt durch eine Chronologie von theaterhistorischen – oder vielmehr theaterliterarischen – Belegen zu festigen: Sophokles, die religiösen Schauspiele des Mittelalters, William Shakespeare, Friedrich Schiller, Georg Büchner, Wsewolod Meyerhold, Nikolai Evreinov, Erwin Piscator, Ernst Toller, Leni Riefenstahl oder Heiner Müller dienen als Belege für diese politische Universaltheatergeschichte. Der hier pauschalisierend anmutende Streifzug von der Antike bis in die Gegenwart auf rund zehn Seiten hinterlässt leider den Eindruck einer schemenhaften Einführung. Ob dieser Blick tatsächlich zu einer Historisierung des Theaterpolitischen beiträgt – oder vielmehr zu einer politischen Ontologisierung und Hegemonisierung bestimmter Theaterformen, scheint jedoch fraglich.

 

In weiterer Folge widmet sich Pełka einer theoretischen Auslotung des Verhältnisses von postdramatischen und dramatischen Theaterformen. Die im postdramatischen Theater weitaus stärkere Fokussierung auf einen "Sinnverlust zugunsten eines sinnlichen Gewinns" (S. 74) auf Basis einer "Ablösung des mimetischen Schauspieltheaters durch ein selbstreferentielles Körper-Theater" (S. 73) sowie weiterführende mediale und existentielle Reflexionen bündelt der Autor zu der These, dass das postdramatische Theater sich nicht nur zu einem mystisch-spirituellen Erlebnis diskursiviert habe, sondern, "dass das Theater in der säkularisierten, zunehmend atheistischen westlichen Welt zu einem Quasi-Religionsersatz" (S. 77) geworden sei. Der Autor schließt diese Überlegungen mit der nachvollziehbaren Frage ab, inwiefern die Theorie postdramatischen Theaters eine deutsche Erfindung sei und sich letztlich mit dem Regietheater überlappe. Dem seit den 1960er-Jahren zunehmenden Thema der Gewalt gelten die den ersten Teil des Buchs abschließenden Überlegungen, die sowohl die Darstellung von Gewalt in Aufführungen als auch Textanalysen einbeziehen.

 

Der zweite Teil von Pełkas Buch widmet sich einzelnen Fallanalysen. Unterteilt in die Abschnitte "Angriff" (S. 97-117), "Amok" (S. 119-137) und "Flucht" (S. 139-174) werden jeweils zwei Theatertexte bzw. Theaterproduktionen analysiert und kontextualisiert. Beginnend mit Fritschs Hydra Krieg. Traumspiel, das 2003 am Landestheater Linz uraufgeführt wurde, untersucht Pełka u. a. den Theatertext unter einer bisher vernachlässigten Genderperspektive, wobei er Anleihen aus Heiner Müllers Medea-Projekt (1992) sowie aus Die Hamletmaschine (1977) herausarbeitet. Das zweite Fallbeispiel sind Kathrin Rögglas 2002 am Wiener Volkstheater uraufgeführten fake reports. Während bei der davorliegenden Analyse hauptsächlich ästhetisch immanente Aspekte im Vordergrund standen, rückt bei der Betrachtung von Rögglas Text das "allgemeine Charakteristikum des neuen Dokumentarismus" (S. 111) in den Vordergrund, das "Berichterstattung mit Literarizität, Authentizität mit Selbstreflexion und spielerische Experimentierfreunde verbindet" (ebd.). Eine Problematik, die sich bei diesen zwei Beispielen wiederholt bemerkbar macht, ist die Unschärfe hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes: zuweilen bleibt unklar, ob der Autor vom Theatertext oder einer Inszenierung bzw. Aufführung spricht.

 

Das zweite mit "Amok" übertitelte Kapitel mit Fallbeispielen gibt zunächst das herkömmliche Verständnis dieses Begriffs im Sinne eines wahllosen Angriffs auf mehrere Menschen auf, und argumentiert, dass Amokläufe mit Rassismus und Xenophobie in Verbindung zu bringen seien. Dies gilt offenkundig für das erste Beispiel, nämlich Der Kick von Andres Veiel und Gesinde Schmidt, das die Misshandlung und Ermordung von Marinus Schöberl im brandenburgischen Potzlow im Jahr 2002 aufgreift. Pełka analysiert diesen Text vordergründig aus der Perspektive des Dokumentartheaters der 1960er-Jahre, kommt aber dann zu dem Ergebnis, dass in Der Kick eine "Polyperspektivität" (S. 127) überwiege, die keine Lösungen anbietet, sondern in erster Linie Probleme verdeutlicht. Mit dem zweiten Fallbeispiel findet eine geopolitische Verlagerung in die 'alten' Bundesländer der BRD statt: Die Analyse von Freyers Amoklauf mein Kinderspiel, der auf das Schulmassaker am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im Jahr 2002 Bezug nimmt, zeigt eine andere Form dokumentarischen Theaters (wobei das umgangssprachliche Verständnis von Amokläufen allerdings wieder zu greifen scheint). Die größte Stärke dieses Kapitels liegt in der vom Autor durchgeführten Montage der gewählten Theatertexte bzw. -produktionen, denen eine explizite innerdeutsche Problematik eignet, nämlich die historische und politische Aufarbeitung der "Wende", und zwar außerhalb des üblichen westdeutschen Erfolgsnarrativs.

 

Die beiden letzten Fallbeispiele im Kapitel "Flucht" widmen sich Ereignissen, die insbesondere die österreichische Flüchtlingsdebatte geprägt haben. Mit Dirk Lauckes Für alle reicht es nicht, das sich u. a. auf die Flüchtlingstragödie bei Parndorf im August 2015 bezieht, eröffnet der Autor den Blick auf einen Theatertext, der gleichermaßen naturalistische als auch stark symbolische Elemente aufweist. Eine längere Analyse widmet Pełka dann Jelineks Die Schutzbefohlenen, das auf die Zustände im Traiskirchener Flüchtlingslager, auf das Refugee Protest Camp Vienna in der Votivkirche, auf das Bootsunglück vor Lampedusa 2013 sowie auf Aischylos Die Schutzflehenden Bezug nimmt. In dieser Untersuchung wird Jelineks politisches Schreiben mitberücksichtigt, denn der Autor spannt zusätzlich einen theoretisch weiten Bogen zu Positionen von Martin Heidegger, Giorgio Agamben und Susan Sontag. An diesem Kapitel wird evident, dass Pełka eine sehr umfassende Expertise in den Arbeiten von Jelinek hat, so dass ihm auch hier der Bezug zum Theorieteil seines Buchs problemlos gelingt. Der Abschluss der vorliegenden Arbeit ist zweigeteilt: Zum einen wird anhand Marius von Mayenburgs Der Stein der Theatertext als eine "sich in einem Gedächtnisraum" (S. 192) ausdehnende Größe bestimmt, zum anderen wird in dem letzten Kapitel "Anstelle eines Fazits" ein Plädoyer für die Herausforderungen der Theaterwissenschaft im Kontext aktueller politischer Entwicklungen gehalten.

 

Pełka liefert mit Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels eine Studie, die teilweise sehr heterogene Diskurse gekonnt in Verbindung bringt. Insbesondere in seinen politischen und philosophischen Kontextualisierungen vermittelt der Autor ein eigenständiges Nachdenken und Schreiben über Theater. Als weiterer theoretischer Mehrwert erweisen sich zweifelsohne auch seine Reflexionen über den Theatertext – was in Anbetracht einer scheinbaren Superioritätsstellung postdramatischer Theorien eine Herausforderung darstellt. Die Qualität dieser bemerkenswerten Arbeit schmälert hingegen die zuweilen fehlende sprachliche (und damit auch inhaltliche!) Präzision: etwa, wenn unklar bleibt, ob von Texten oder Aufführungen die Rede ist, vor allem aber auch in einigen exponierten Formulierungen. Wenn etwa unhinterfragt von "Flüchtlingsmassen", die "Europa überfluten" (S. 27), gesprochen wird, oder wenn bezüglich von Mayenburgs Der Stein das "Schicksal zweier deutschen Familien und einer jüdischen Familie" (S. 181) diskutiert wird, dann wendet sich die "politische Potenz der Sprache" gegen den Autor. — Trotzdem dominieren in dieser Studie anregende Überlegungen zu fachlich und politisch relevanten Themen, so dass eine Leseempfehlung definitiv ausgesprochen werden kann.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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