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Lavinia Heller (Hg.): Kultur und Übersetzung. Studien zu einem begrifflichen Verhältnis.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Interkulturalität. Studien zur Sprache, Literatur und Gesellschaft, Bd. 8). Print-ISBN: 978-3-8376-2963-7. 305 S., Preis: € 34,99.

Rezensiert von: Birgit Haberpeuntner

Was geschieht in akademischen Kulturen, "wenn sich Grundbegriffe ändern, wenn neue Begriffe eingeführt und bewährte in den Hintergrund gerückt werden, oder wenn bereits tradierte Begriffe eine andere Position innerhalb der Theoriearchitektur bzw. eines Fachdiskurses zugewiesen bekommen" (S. 8)? Diesen Fragestellungen widmeten sich die Teilnehmer_innen einer Tagung, die 2013 in Mainz vom Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft zum Zweck des "(selbst-)kritischen Austausch[s]" (ebd.) über Disziplinen hinweg ausgerichtet wurde. Die Tagung, sowie der vorliegende Tagungsband, Kultur und Übersetzung, verfolgen damit ein Programm, das vor allem vor dem Hintergrund der seit Jahren rege geführten Debatte zu dem begrifflichen Spannungsfeld zwischen 'Kultur' und 'Übersetzung' als besonders ambitioniert erscheint.

 

Die junge Disziplin der Translationswissenschaft hat sich, wie auch die Herausgeberin, Lavinia Heller, in der Einleitung anmerkt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade dadurch von der Linguistik (und auch von der Komparatistik) losgesagt, dass sie den soziokulturellen Bedingungen und Dimensionen der Translation Rechnung tragen will. In der Translationswissenschaft war demnach ein (in die disziplinäre Selbstbezeichnung übernommener) cultural turn wegweisend, der in einer 'kulturellen Anreicherung' des disziplinären Translationsverständnisses resultierte.

 

Jahre später zirkuliert nun in den Kulturwissenschaften der Begriff des translational turn, den Doris Bachmann-Medick 2006 ins Spiel gebracht hat. Der Übersetzungsbegriff war gewandert und dabei insbesondere in jenen kultursensitiven Disziplinen auf reges Interesse gestoßen, die sich nicht bzw. nicht primär der Translation im Sinne sprachlicher Übersetzung zuwandten. Übersetzung wurde so von linguistischen und literarischen Parametern losgesprochen und als Analysewerkzeug in Untersuchungen unterschiedlicher Gegenstände dienstbar gemacht. Diese Bewegung über das Linguistische und Literarische hinaus wurde schließlich in unterschiedlichen Kontexten oft durch die Explikation des Kulturellen und damit im Begriff der 'kulturellen Übersetzung' markiert.

 

Dass dies vielen Translationswissenschaftler_innen vor dem Hintergrund der eigenen Disziplinengeschichte als fragwürdig erscheint, liegt auf der Hand. "Is there any sense in which translation is not somehow cultural?", fragte beispielsweise Andrew Chesterman 2009 in einem Forum der Zeitschrift Translation Studies, das Respondenzen zu einem Impulstext von Boris Buden und Stefan Nowotny versammelte und den Begriff der 'cultural translation' problematisierte. Auf diese Debatte wird auch im Band Kultur und Übersetzung verwiesen, insbesondere auf die als problematisch erachtete "Entgrenzung" (S. 52) oder "Erweiterung" (S. 101) des Übersetzungsbegriffs.

 

Wie Lavinia Heller betont, soll es jedoch im vorliegenden Band gerade nicht darum gehen, Konflikte zwischen Befürworter_innen eines engen / weiten Übersetzungsbegriffs auszutragen (oder gar aufzulösen), sondern um die Möglichkeit des transdisziplinären Austauschs über die Auswirkungen begrifflicher Verschiebungen. Dementsprechend wurden die Referate und Ko-Referate während der Tagung jeweils mit Teilnehmer_innen aus unterschiedlichen Disziplinen besetzt (Sprach- und Kulturwissenschaften, Translationswissenschaft, Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Rechtsgeschichte, Literatur- und Medienwissenschaften); die Inputs aus den Diskussionen wurden in die vorliegende Publikation miteingebunden.

 

Eröffnet wird der Band mit einem translationshistorischen Streifzug durch eine frühe Wende im europäischen Übersetzungsdenken. Andreas Gipper untersucht die Übersetzungen und kommentierenden Vorworte Leonardo Brunis und zeigt, wie im Italien des 14. und 15. Jahrhunderts 'Kultur' und 'Übersetzung' aufeinandertreffen. Es folgt ein Beitrag von Luc van Doorslaer, der die Translationswissenschaft mit Ansätzen der Digital Humanities verbindet, um die Verwendung des Kulturbegriffs anhand der beschlagworteten Translation Studies Bibliography in translationswissenschaftlichen Studien zu verfolgen.

 

Im Anschluss daran fragt Michael Schreiber, wohin sich der Übersetzungsbegriff aktuell entwickle. Er beginnt mit der Debatte zur Entgrenzung des Übersetzungsbegriffs, und stellt dieser die Eingrenzung und Verlagerung hin zu neuen Begriffen im Bereich der Berufspraxis, sowie die begriffliche Uneinheitlichkeit im Bereich der Translationsdidaktik gegenüber. Es folgt ein Beitrag von Jörn Albrecht, der das Konzept der Kultur und die Rolle der Kulturwissenschaft in der Translationswissenschaft nachzeichnet. Er präsentiert ein eingängiges Bild der Translationswissenschaft als geräumiges, dreistöckiges Haus (Übersetzungstechnik, -systematik, -wesen), und wendet sich dann dem Verhältnis von Übersetzungsforschung und Kulturwissenschaft zu, die er in einer eigenen Wissenschaftssystematik verortet.

 

Mit dem Beitrag der Herausgeberin Lavinia Heller folgt ein Wendepunkt in der Publikation. Heller expliziert darin die "Provokation dieses [translational] turn für die Translationswissenschaft" (S. 95), die bereits in den vorherigen Beiträgen als Subtext spürbar ist, und führt aus, wie im kulturwissenschaftlichen Übersetzungsdiskurs die Translationswissenschaft auf Jakobsons "translation proper" (S. 98) festgenagelt werde. Die kulturwissenschaftliche Perspektive positioniere sich als kritischer und umfangreicher, und damit als hegemonial höherstehend. Das führe dazu, dass die Kulturwissenschaft vorgäbe in der Lage zu sein, "zusätzlich zu ihren eigenen [Problemstellungen], auch die der Translationswissenschaft zu lösen." (S. 100, FN 5) Heller kommt zur Schussfolgerung, dass sich Erkenntnisinteressen tatsächlich nur partiell überschneiden: Ausgehend von der Strukturmetapher 'Kultur als Übersetzung' widme sich die Kulturwissenschaft großteils der einen und die Translationswissenschaft der anderen Seite. Ein Transfer von Begriffskonstruktionen sei darum aufgrund der unterschiedlichen Gegenstandsbezüge nicht zielführend, Reflexionsanstöße gäbe es aber sehr wohl.

 

Einige der translationswissenschaftlich verankerten Beiträge im Band bringen durchaus das Bestreben zum Ausdruck, kulturwissenschaftlich orientierte Perspektiven – aus anderen Disziplinen und aus den eigenen Reihen – zu berücksichtigen und ernst zu nehmen. Dennoch findet auf weiten Strecken genau jene wissenschaftsrhetorische Funktion Anwendung, die den Kulturwissenschaften im Hinblick auf die Anverwandlung des Übersetzungsbegriffs unterstellt wird: Es werden Ziele, Ansprüche und Methoden eines einheitlich kulturwissenschaftlichen Übersetzungsdenkens konstruiert, das fast ausschließlich an Boris Buden und Doris Bachmann-Medick festgemacht wird. So entsteht trotz allem guten Willen das Bild zweier Fronten – einer translations- und einer kulturwissenschaftlichen.

 

Auf Hellers Beitrag folgen schließlich kulturwissenschaftlich orientierte Studien, die im Anschluss an diese Argumentation in die schwierige Position geraten, sich beweisen zu müssen. Shingo Shimada zeichnet nach, wie das Konzept der Würde in die japanische Gesellschaft übersetzt wurde. Er geht hier von einer ganz kleinen sprachlichen Einheit aus und zeichnet die makrokulturelle Wirkung dieser durch Störungen markierten Übersetzungsbewegung nach. Die nächsten beiden, von zwei Mitgliedern der Graduiertenschule "Gesellschaft und Kultur in Bewegung" der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg stammenden Beiträge teilen sich den konzeptuellen Rahmen. James M. Thompson beschäftigt sich mit dem Kulturbegriff im internationalen Recht und schlägt vor, in Bezug auf die Überlegungen seines Kollegen, des Anthropologen Richard Rottenburg, Übersetzung als "das Herausnehmen, Verlegen oder Bewegen und Wiedereinbetten einer Idee, eines Artefakts oder einer Person in einen anderen Kontext" (S. 137) zu verstehen. Matthias Kaufmann wiederum wendet sein Übersetzungsverständnis auf den wandernden Begriff des subjektiven Rechts an. Er verweist dabei ebenso auf Rottenburg, aber auch auf Einflüsse aus der analytischen Philosophie und der Akteur-Netzwerk-Theorie.

 

Fabian Link setzt diese theoretische Linie fort und wendet Latours Akteur-Netzwerk-, bzw. Übersetzungsdenken in einer wissenschaftsgeschichtlichen Aufarbeitung der Emigration und Remigration des Frankfurter Instituts für Sozialforschung an. Er demonstriert dabei, dass dieser Zugang wissenschaftsgeschichtlichen Studien zu trans-/internationalen Transfers eine klare Struktur geben kann, und die Sensibilisierung für unterschiedliche Aspekte transformierender Übergangsbewegungen ermöglicht. Annett Jubara verfolgt ähnliche Erkundungen, in ihrem Fall jedoch ausgehend von einer besonderen Form der Übersetzung: In Stegreifübersetzungen interpretierte und aktualisierte der Philosoph Alexandre Kojève den deutschen Hegel, woraufhin in der französischen – und auch in der deutschen – Rezeption Kojèves Hegel oft nur mehr 'als Hegel' gelesen wurde. Kojève performe so, als "verschwindender Vermittler" (S. 232), in seiner Modernisierung Hegels "das Subjekt, das kein Subjekt ist" (S. 224) und damit seine eigene Philosophie.

 

Jan Surman versucht im Anschluss, ausgehend von einer Untersuchung 'kultureller Übersetzung' in der K-.u.-k.-Monarchie, einen translatorischen Kulturbegriff zu entwickeln. Anhand zweier Beispiele thematisiert er kulturelle Übersetzung ohne Sprachwechsel, und Sprachwechsel ohne kulturelle Übersetzung, und argumentiert, dass eine Gleichsetzung von Kultur und Sprache in diesem Kontext "methodische[m] Nationalismus" (S. 251) gleichkomme. Vor diesem Hintergrund möchte er, in Anlehnung an Nietzsche, Csáky/Malinowski und Bhabha, einen translatorischen Kulturbegriff erarbeiten. Der folgende Beitrag schließt hier an. Birgit Wagner problematisiert anhand einer Kritik von Bhabhas The Location of Culture die grundsätzlich fehlende Bereitschaft zu begrifflicher Bestimmung, sowie das schwer zu designierende Verhältnis zwischen sprachlicher und kultureller Übersetzung. Sie demonstriert anhand eines Fallbeispiels die Verschränkungen zwischen sprachlicher und kultureller Übersetzung und zeigt, dass "literarische Übersetzungen […] auch kulturelle Übersetzung" (S. 273) praktizieren. Das Resultat solcher Prozesse gäbe in jedem Fall Aufschluss über kulturelle Differenzen und Machtverhältnisse, und werde somit zum "privilegierten Objekt kritischer Kulturanalyse." (S. 273)

 

Im abschließenden Beitrag wird eine Bewegung angedeutet, die Übersetzung an ihre Grenzen bringt. Gabriella Sgambatis Arbeit ist philologisch verankert, erkundet aber ganz besondere Grenzphänomene, bzw. Phänomene, die Grenzen verwischen: Es geht um die Übersetzung von Mehrsprachigkeit und Selbstübersetzung. Da sie sich, wie sie sagt, von Bachmann-Medicks "kulturwissenschaftliche[m], im Zuge des translational turn entwickelte[n] Translationsbegriff" (S. 278) anleiten lässt, erscheint dieser Beitrag als versöhnlicher Abschluss, der sich auf diese kulturwissenschaftliche Perspektive beruft, zugleich aber ganz grundlegend von literarischen Texten ausgeht und konkrete, interlinguale Übersetzungspraktiken diskutiert.

 

Dennoch: Die Fronten wirken streckenweise verhärtet, die Befunde fatal: Übersetzungspraxis, -didaktik und Kulturwissenschaft seien bald nicht mehr in der Lage miteinander zu reden, weil sich die jeweiligen Übersetzungsbegriffe "nicht mehr überschneiden" (S. 58) würden; über die Übersetzungstechnik und -praxis würde bei zu starker Kulturorientierung einfach hinweggesehen, Kultur werde zum Fluchtweg "aus dem Käfig der Sprache" (S. 85). Gleichzeitig demonstrieren kulturwissenschaftlich orientierte Ansätze oft tatsächlich eine Indifferenz, bzw. fehlende Annäherungsbereitschaft gegenüber jener Disziplin, auf deren master term (S. 95) sie sich beziehen. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass man natürlich "keineswegs" beanspruche, "die richtige" (S. 145) Form des Gebrauchs zu vertreten – plötzlich wird aber "bloße sprachliche Übersetzung" zu einem "unwichtige[n] Randphänomen" (S. 150). Dafür werden Menschen zu einer der "produktiveren und effizienteren Formen der Übersetzung" (S. 137) oder gar "Translat[e] sensu stricto" (S. 251) – ein folgenschwerer argumentativer Schritt, der mit dem oft getätigten Verweis auf "die ursprüngliche Bedeutung des Übersetzungsbegriffs (translatio)" (S. 244) recht spärlich begründet bleibt.

 

Was geschieht in akademischen Kulturen, wenn sich Grundbegriffe ändern? Dieser Band liefert ein eindrucksvolles Bild davon, und darin liegt sein besonderer Mehrwert. Darüber hinaus ist es durchaus anregend, den unterschiedlichen und unterschiedlich zielführenden Ansätzen zu folgen, die im Spannungsfeld der Begriffe 'Kultur' und 'Übersetzung' in verschiedenen Disziplinen Anwendung finden. Konflikte werden in der Tat nicht aufgelöst, doch die Differenzen werden sichtbar – je nach Ansicht eine durchwegs gelungene oder gescheiterte Übersetzungsleistung.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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