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Sonja Hnilica/Elisabeth Timm (Hg.): Das Einfamilienhaus.

Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 1/2017. ISBN 978-3-8376-3809-7. 176 S., Preis: € 14,99.

Rezensiert von: Patrick Aprent und Melanie Konrad

Der vorliegende Band der Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2017 beschäftigt sich mit der materiellen und symbolischen Bedeutung des 'Einfamilienhauses' seit der Frühen Neuzeit. Sowohl für das Adelshaus, das Einfamilienhaus im Vorort, die Praxis des Heimwerkens sowie die aktuelle Neubewertung des Einfamilienhauses gilt, dass sie mit sozio-kulturellen und sozio-politischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit eng verzahnt sind. Im einführenden Text "Das Einfamilienhaus als neue anonyme Architektur. Bestand und Begehren" befassen sich die Autorinnen Sonja Hnilica und Elisabeth Timm mit dem suburbanen Einfamilienhaus als materiellem und kulturellem Erbe des 20. Jahrhunderts. Themenbereiche, wie die 'Freiheit' und 'Wohlstand' symbolisierende Wirkkraft des Einfamilienhauses, die Verschränkung mit Konsum-, Mobilitäts- und Medienverhalten im 20. Jahrhundert, die über diese Wohnform herausgebildete gesellschaftliche Ordnung (Kleinfamilie, Mittelschicht) sowie die heute zu lösenden Probleme in Strukturpolitik und Stadtentwicklung, werden allesamt überblicksartig skizziert und problematisiert. Ausgang ist ein historischer Abriss über die Entstehung dieser Bautypologie und im speziellen die Verflechtung mit politischen und sozioökonomischen Zuständen seiner Zeit. Weiters wird die (historische) wissenschaftliche Rezeption sowie der verfehlte Fachdiskurs zum Massenphänomen Einfamilienhaus beleuchtet. Der Text, welcher somit auch einen kurzen Ausblick auf das vorliegende Buch gibt, betont abschließend die Wichtigkeit, die fachspezifischen Positionen neu zusammenzubringen, um den 'Bestand' Einfamilienhaus besser zu verstehen.

 

Michael Hechts Text "Das Adels-Haus in der Frühen Neuzeit" (S. 29–48) behandelt das eigentümliche Ineinanderfallen von Architektur, Wohnsitz, Arbeitsteilung und Familiengefüge im Falle der vormodernen europäischen Elite und gibt einen Überblick über Forschungsstand und aktuelle kulturwissenschaftliche Debatten zum 'Haus' als in materieller sowie semantischer Hinsicht sozialer Institution des Adels. Das 'Haus' als "genealogisches Konzept" (S. 31) und Synonym für 'Adelsgeschlecht' spielt für die Organisation der Aristokratie eine ganz zentrale Rolle, da Privilegien und Güter vererbt wurden und die Abstammungskette – zwar mit oft vermeintlich mythischen Vorfahren – von besonderer Bedeutung war. Das 'Haus', so beschreibt Hecht, meinte dabei im 12. und 13. Jahrhundert vor allem die materiellen Besitztümer, die eine Familie zu einer bestimmten Zeit besaß. Diese Bedeutung wandelte sich ab dem 15. Jahrhundert zur Bezeichnung des sozio-politischen Einflussbereichs von Familien. So sprach man nicht von "'Habsburg', 'Wittelsbach' oder 'Wettin', sondern vom 'Haus Österreich', 'Haus Bayern' und 'Haus Sachsen'" (S. 32). Das Haus selbst sollte dem Stand entsprechend ausgestattet sein und symbolisierte damit ebenso jene "Statuskonkurrenz" (S. 42), die auf allen Ebenen des Adels, zwischen einzelnen Häusern, aber auch zwischen unterschiedlichen Zweigen von Familien oder zwischen Brüdern oder Cousins herrschte.

 

Unter dem Titel "Zur Rezeption des Bauernhauses durch die Architekten der Moderne in Deutschland um 1900" (S. 49–71) untersucht Jeannette Redensek, wie das Bauernhaus am Ende des Wilhelminismus in den Fokus breiter wissenschaftlicher Aufmerksamkeit rückte, wie man es vorbildhaft für die Gestaltung eines modernen Arbeiter_innenwohnhauses – sowie der Identität der Arbeiter_innenklasse selbst – zu instrumentalisieren versuchte, und dadurch auch als Lösung für den Aufbau einer deutschen Nationalkultur begriff. Als die Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf das Bauernhaus aufmerksam wurde, gab es nach Redensek bereits beträchtliches Forschungsmaterial aus der Philologie, Geografie und Ethnografie, welches besonders präzise regionale Stile dokumentierte, sowie darauf aufbauende ideologische Theorien. 1905 fand schließlich die Konferenz "Die künstlerische Gestaltung des Arbeiter-Wohnhauses" in Hagen statt, an der führende Architekten, Stadtplaner sowie Repräsentanten aus Kunst und Design teilnahmen. Zwei Konferenzteilnehmer werden in weiterer Folge von der Autorin genauer untersucht: Karl Ernst Osthaus, der Initiator der Konferenz, und der Architekt Hermann Muthesius. Für Osthaus würde, so analysiert Redensek, sich der wahre Stil der Moderne über das Arbeiterwohnhaus und die Massen der Industriearbeiter_innen entwickeln. Die einfache häusliche Kultur war für ihn Grundlage der großen Denkmäler der Baukunst sowie von Kultur, und demnach führte der Weg vom historischen Bauernhaus, über das moderne Arbeiterwohnhaus, wieder zu einer modernen deutschen Kultur. Muthesius teilte diese Meinung. Beide knüpften an zeitgenössische Theorien an, nach denen sich die Epoche der Moderne über industrielle Massenfertigung und die Arbeiter_innenklasse charakterisieren würde, und wonach der Genius einer Nation von unten komme, aus dem einfachsten Alltagsleben. Für die wachsende Mittelschicht sowie die neue Arbeiter_innenklasse, musste überhaupt erst eine Identität samt ästhetischer Kultur gestaltet werden. Hier spielte die 'Ursprünglichkeit' des Bauern- und Bäuerinnenstands und seine Baukultur eine wesentliche Rolle, über welche man die Arbeiter_innenklasse außerhalb ihrer Funktion in der industriellen Produktionskette aufbauen und gestalten wollte. Das Bauernhaus, das ergibt Redenseks spannende historisierende Untersuchung, eignete sich über Authentizität, Funktionalismus und Tradition dazu, der Arbeiter_innenschicht ein 'Zuhause' zu geben, und in weiterer Folge die Gesellschaft in eine "harmonische Gemeinschaft zu verwandeln" (S. 65).

 

Der Text von Alexandra Staub "Von Stunde Null bis Tempo 100" (S. 73–95) behandelt den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und die Impulse, die dabei von den USA ausgingen. Die USA setzten nach Staub insbesondere auf die Maximierung von Wohlstand im Sinne der Ermöglichung des Konsums von bis dahin unerreichbaren Luxusgütern für die breite Masse der Bevölkerung – darunter auch das Einfamilienhaus. Abgesehen von Bauernhäusern, waren Einfamilienhäuser lange Zeit eine Wohnform für Aristokratie und Großbürgertum. Für die Befürworter_innen des Einfamilienhauses ging es laut Staub darum, die Werte der Kleinfamilie zu stärken und die Leute durch ein komfortables Zuhause davon abzuhalten, sich an öffentlichen Orten zu politisieren. Nach dem Krieg herrschte aufgrund der großflächigen Zerstörung und des Zuzugs Vertriebener deutschsprachiger Minderheiten aus Osteuropa große Wohnungsnot. Zur Lösung des Problems wurden zwei Wohnformen diskutiert: das vom französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier und von den Deutschen Ludwig Hilberseimer und Ludwig Mies van der Rohe befürwortete "Hochhaus in einer Parklandschaft" und das in den USA erprobte und durch den Marshall-Plan unterstütze "Einfamilienhaus in der Vorstadtsiedlung" (S. 78). Durch das Zweite Wohnbaugesetz der konservativen Adenauer-Regierung von 1956 wurde schließlich die Förderung der "patriarchalische(n) Familienstruktur" (S. 82) durch das Einfamilienhaus als Garant politischer Stabilität gesetzlich verankert. Das Einfamilienhaus, so Staub, ist jene architektonische Form, die am stärksten die individuelle Motorisierung der Bevölkerung durch Autos und Straßenbau beförderte – beide Entwicklungen haben die Raumordnung seit dem Zweiten Weltkrieg in westlichen Industrienationen maßgeblich bestimmt.

 

Der darauffolgende Text von Jonathan Voges, der sich um das "Heimwerken als Aneignungspraxis des Einfamilienhauses" (S. 97–115) dreht, schließt hier in Hinblick auf Individualisierungs- und Aneignungsmodi an. Heimwerken bezeichnet dabei insbesondere männlich konnotierte Arbeiten, die auch durch professionelle Handwerker_innen erledigt werden könnten, wie Maurer-, Tischler- und Anstreicherarbeiten. Von der Notwendigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Heimwerken zu einer mit der Zeit eigentümlich lustvoll praktizierten und repräsentierten, quasi klassenübergreifenden Freizeitbeschäftigung, die unter anderem eine beachtliche Ratgeberliteratur und die Entstehung von Baumärkten als dem 'Männergeschäft' schlechthin zur Folge hatte. Voges analysiert in seinem Beitrag unter anderem Texte des Heimwerkerliteraten Otto Werkmeister. Dieser streicht vor allem das Sparen von Geld, Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und die Aneignung des Hauses als Heim durch den 'Hausvater' als Vorzüge des Heimwerkens hervor. Besonders um den Schritt von der Behausung zum Zuhause zu leisten, mussten schier endlos Arbeitskraft investiert und Do-it-yourself-Praktiken umgesetzt werden. Das über diese Praktiken konstituierte Heimwerkersubjekt leistet kontinuierlich Arbeit am Haus und am damit verbundenen Selbst und verkörpert somit nicht zuletzt kleinbürgerlich-materialistische Ideale, indem vom Heim auf den Charakter der Bewohner_innen und umgekehrt geschlossen wird.

 

"Das Eigenheim im Grünen" (S. 117–131) ist ein Text von Marcus Menzl und ergründet das Phänomen der Reurbanisierung, das einen Zentralisierungsschub hin zu den Kernbereichen von Städten nach Jahrzehnten der Abwanderung in die Vorstädte meint. Gesprochen wird auch von relativer Zentralisierung, bei der sowohl Kernbereiche von Städten als auch ihr Umland Zuzug verzeichnen – damit hängen Gentrifizierungsprozesse und Änderungen im Verhältnis zum sog. 'Eigenheim im Grünen' zusammen. Menzl attestiert auf Grundlage von insgesamt 45 qualitativen problemzentrierten Interviews mit bildungsbürgerlichen Mittelschichtsfamilien, dass sich die Wohnbedürfnisse ausdifferenziert hätten. Die Idealform für wohlhabende Familien sei nun die geräumige Stadtwohnung mit Wochenendhaus am Land geworden, um den Zugang zu guten Jobs und Infrastruktur als auch zu Natur und Erholungsräumen zu sichern. Ein bedeutender Faktor für diese Entwicklung ist laut Menzl die Emanzipation der Frauen, denn vor allem Familiengründungen in der Vorstadt bzw. in ländlichen Gebieten können dazu führen, dass gut ausgebildete Frauen aus ihrem sozialen Netz in der Stadt gerissen werden und außerdem keine ihren Qualifikationen und Vorstellungen entsprechende Arbeit mehr im näheren Umfeld finden können. Der "Wohntraum vom Eigenheim im Grünen" (S. 123), mit den damit verbundenen Wünschen nach Zugang zu Natur und Freiräumen, kann – so fasst Menzl die psychosozialen Folgen dieser Wohnräume zusammen – schnell in Gefühle der Entfremdung innerhalb der Familie, für gut ausgebildete Frauen in die soziale und berufliche Isolation und für die Männer zum "Leben in zwei Welten" (S. 125) kippen.

 

Im Band wird außerdem das "The Eternal Sukha Project" vorgestellt sowie im Debattenteil ("Altbauten in der Vorstadt" ab S. 141) abschließend der Text "Diskrete Stadtlandschaften" (S. 143–148) von Christoph Luchsinger weiterführend diskutiert und kontextualisiert.

 

Der Band ist gut verständlich gestaltet und spannt einen beachtlichen historischen Bogen – er beginnt mit einem Text zum Adelshaus in der Frühen Neuzeit und resümiert in der Gegenwart. Gefehlt haben uns jedoch einerseits eine globalere Sichtweise und andererseits Beiträge zur inneren Struktur oder den medialen Innenwelten des Einfamilienhauses sowie zu Fragen von Smart Homes und der Zukunft des Wohnens bzw. 'Auswegen' und Alternativen zum Einfamilienhaus. Das Buch ist sehr gut geeignet, um wichtige Problematisierungsansätze kennenzulernen und bietet interessante Schlaglichter auf die historische Entwicklung und die Bedeutung des Einfamilienhauses als geerbte Struktur aus dem 20. Jahrhundert, hätte aber noch klarere Perspektiven herausarbeiten/aufzeigen können, wie mit diesem 'Bestand' heute umzugehen sei, was vielleicht ein hierauf folgender Band leisten könnte.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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