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Ana Sofia Elias, Rosalind Gill, Christina Scharff (Hg.): Aesthetic Labour. Rethinking Beauty Politics in Neoliberalism.

London: Palgrave 2017. Print-ISBN: 978-1-137-47764-4. 402 S., Preis: € 35,30.

Rezensiert von: Louise Haitz

Die Herausgeberinnen reagieren mit ihrem Band "Aesthetic Labour" auf eine von ihnen proklamierte Ex- und Intensivierung der "Beauty Pressures" auf Frauen, die in neoliberal aktualisierten Schönheitspolitiken spezifisch subjektiviert werden. Sie versammeln 21 Aufsätze von mehr als 21 Forscherinnen, die verschiedene Aspekte der global vorherrschenden "Beauty Politics" in sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungen beleuchten. Der Band ist in drei Teile aufgeteilt: I. "Aesthetic Labouring", II. "Risk, Work and (Post)Feminist Beauty", III. "Empowerment, Confidence and Subjectivity".

 

In der sehr guten Einleitung erläutern Elias, Gill und Scharff ihren Ansatz, den sie zugleich in den Kontext neuer und historischer feministischer Forschungen stellen. Sie fokussieren mit der "Appearance" ein altes Thema feministisch-kritischer Forschung, konturieren dieses jedoch mit den drei Begrifflichkeiten 1.) "Neoliberalism", und dessen unaufhörlicher Anrufung unternehmerischer, sich selbst optimierender Subjekte (S. 5); 2.) "Work/Labour", welche die Arbeit am, den Konsum für das gute Aussehen im Job wie im Privaten, und die Arbeit in der Beauty-Industrie adressierbar machen; diesen Begriffen, die die kapitalismuskritische Herangehensweise anzeigen, wird 3.) eine "Psychosocial Perspective" beigestellt, welche die Verschränkung von Subjekt(ivität) und Kultur beschreibbar macht und ermöglicht, nicht lediglich auf die Arbeit am physischen, sondern auch am psychischen Leben einzugehen. Z. B. beobachten Elias et al.: Die Forderung nach Qualitäten wie "confidence, happiness and authenticity" hat Konjunktur (S. 5). Dem werden in Teil III des Bandes vier Aufsätze gewidmet:

 

Sarah Banet-Weiser setzt sich mit 'Empowerment' als Werbestrategie auseinander, die sich bei großen Kosmetikmarken ebenso wie bei erfolgreichen "Beauty Vloggers", die in ihren Tutorials Kosmetika verkaufen, findet. Ihre einleuchtende Schlussfolgerung: Diese Form von Selbstbewusstsein empowert unternehmerische, nicht feministische Subjekte (S. 280).

Laura Favaro beobachtet in ihrem Aufsatz "Confidence Chic as Neoliberal Governmentality" die Normalisierung des Mangels an Selbstbewusstsein in Frauenzeitschriften. Dabei würden Selbstliebe und Selbsthass gleichermaßen zur Aufgabe und Schuld der individualisierten Frauen selbst erklärt (vgl. S. 286).

Betitelt mit einem Zitat aus einem russischen Selbsthilfebuch für junge, gut situierte Frauen "The Bottom Line Is That the Problem Is You" analysieren Maria Adamson und Suvi Salmenniemi die widersprüchliche Anforderung an hetero Frauen, selbstbewusst statt klammernd zu sein, jedoch keinesfalls "too independent", um hetero Männer nicht zu verschrecken (S. 309).

Rachel Wood bringt ihre Analyse der zeitgenössischen Sexratgeber der Frauenzeitschrift Cosmopolitan auf den entlarvenden Punkt: "What must be achieved is the successful embodiment of 'body confidence'" (S. 323) – eine Verkörperung, die durch Konsum und die 'richtige Einstellung ' erreicht werden soll.

 

Diese Analyse, die "confidence" als Teil neoliberaler ästhetisierter Arbeit am Selbst begreift, verdankt sich der Konzeptualisierung des "Postfeminismus", die maßgeblich von und in Anschluss an die Herausgeberin Gill sowie Angela McRobbie erarbeitet worden ist. Der Postfeminismus, der Teile feministischer Politik aufgreift, während insbesondere die feministisch und ökonomiekritisch politisierenden Teile abgewickelt werden, wird von den Herausgeberinnen als "Key Term" für feministische Forschung ausgewiesen (S. 24), und mit Gill als eine transnational zirkulierende Sensibilität begriffen (ebd.). "Postfeminismus" bezeichnet also eine gegenderte Form des Neoliberalismus, die es kritisch zu analysieren gilt (S. 24f). Beinahe alle der vorliegenden Aufsätze argumentieren mit dieser Analyse neoliberaler Anrufungen weiblicher Subjekte, was stets einleuchtend ist, doch teils redundant wird. Besonders hervorzuheben ist die detaillierte Differenzierungs- und Historisierungsarbeit, welche die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung bezüglich widerstreitender feministischer Positionen und Ansätze leisten. Sie bietet einen eindrücklichen Überblick über den Forschungsstand.

 

Teil III des Bandes schließt mit drei weiteren Aufsätzen, die unter dem Stichwort "Subjectivity" firmieren. Rachel O'Neil beschäftigt sich mit "The Aesthetics of Sexual Discontent" wie sie in der "Community-Industry" (S. 335) der sogenannten Pick-up-Artists (PuAs) geäußert werden. Die normative Unzufriedenheit der Frauen mit ihren Körpern wird, so zeigt O'Neil anhand ihrer Interviews, auch von heterosexuellen Männern übernommen – sie fordern normative ästhetische Arbeit ein und sind unzufrieden mit den Körpern ihrer 'Freundinnen', die für PuAs ökonomistisch bewertete Beute und keine Partnerinnen sind (S. 344f).

 

Amy Shields Dobson et al. beschäftigen sich mit FGCS - "Female Genital Cosmetic Surgery" in Australien. In der Analyse ihrer qualitativen Interviews arbeiten sie heraus, dass Frauen ihre Entscheidung für die Schönheits-OP ihrer Genitalien damit rechtfertigen, dass sie diese "nur für sich", unabhängig von ihren Partnern getroffen hätten. Die Autorinnen stellen die interessante Frage, was die psychischen Kosten eines solchen neoliberalen Selbstverständnisses sind, das konstant die relationalen Bezüge ausblenden soll (S. 363).

 

Im letzten Aufsatz des Bandes analysiert Dana Kaplan anhand eines populären Bildbands wie sich die Anforderungen an die flexible und dennoch berechenbare Arbeitnehmer_in in Israel in einen spezifischen Style übersetzen: den Sinn für die eigene Singularität, die Fähigkeit (modisch) mit der Zeit zu gehen und zugleich, 'sich treu zu bleiben' (S. 380).

 

Teil II des Bandes füllen die Themen Risiko, Arbeit und (post)feministische Schönheit.

Simidele Dosekun bezeichnet das Schönheitshandeln nigerianischer Frauen, die sich 'hyperfeminin' stylen als 'risk-management' (S. 174). Da die Praktiken (Gelnägel, falsche Wimpern etc.) nachhaltig schaden können, werden z. B. Pausen eingelegt, um den Körper erneut für das risikoreiche Styling bereit zu machen. Dosekun begreift dies sehr überzeugend mit Lauren Berlants Begriff des 'cruel optmism', ermöglicht diese Praxis doch das Festhalten an "cruel feminine attachments" (S. 175).

Laurie Oullette beschreibt die "Glamourisation of Beauty Service Work in Media Culture" in den USA. Der Dienstleistungssektor wird als Ort 'kreativer Selbstverwirklichung' von "Topstylisten", die in Reality-TV Shows strahlen, aufgewertet. Dies jedoch auf Kosten solidarisch-politischer Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen (S. 183-198).

 

Shirley Anne Tate fokussiert in ihrem Aufsatz "Skin: Post-feminist Bleaching Culture and the Political Vulnerability of Blackness" auf die ökonomisch-politischen Dimensionen der Rassifizierung von dunkler Haut in der "pigmentocracy" (S. 200). Sie kritisiert die Psychopathologisierung des Bleachings, wenn sie lediglich durch individualistische Selbstliebe und Schwarze Authentizitätsvorstellungen bekämpft wird. Stattdessen erklärt sie erstaunlicherweise das Bleaching zur politischen Praxis, die auf die, sonst unsichtbar bleibende weiße Suprematie aufmerksam mache (S. 210).

 

Monika Sengul-Jones setzt sich mit der "Gendered and Racialised Aesthetic Labour on Online Freelance Marketplaces" auseinander. Aus Interviews mit sechs Freelancerinnen aus den USA, Europa und Indien, arbeitet sie die ästhetischen Anforderungen an die selbständigen Unternehmerinnen heraus, die vor allem auf online Präsenzen fokussieren (S. 215-230). Um eine ähnliche Fragestellung geht es bei Ngaire Donaghue, die "'academic style' blogs" aus GB untersucht, in denen junge Akademikerinnen über ihr, teils frustrierend zu lesendes, Problem sprechen, ihre Lust an femininer Kleidung mit ihrem Wunsch als Feministinnen erkannt zu werden, in Einklang zu bringen. Donaghue bemerkt, dass in den Blogs eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der älteren feministischen Kritik an femininer Kleidung fehle, was eine gute Antwort auf das scheinbare Dilemma des lustvollen und/oder feministischen Stylings ist (S. 231-247).

 

Teil II schließt mit einem Gespräch, das Shilpa Phadke mit indischen Müttern über feministische Mutterschaft führt. Die Frauen navigieren durch ein Meer widersprüchlicher Anforderungen zwischen Feminismus und Mainstream, Anpassung und Widerstand – der Vorwurf eine 'schlechte' Mutter zu sein erfolgt dabei in jedem Fall. Phadke betont dem entgegnend das 'Wir' feministischer Mutterschaft als Teil der kollektiven Bewegung, statt individualisiertes Problem (S. 260).

 

Teil I des Bandes versammelt neben der Einleitung sieben Aufsätze zum Themenfeld "Aesthetic Labouring". Michelle M. analysiert Werbungen in Frauen- und Modezeitschriften aus Singapur für japanische Marken, aus Großbritannien und den USA, die Kosmetikprodukte als "Seriously Girly Fun!" bewerben. Lazar bemerkt wie darin Schönheitshandeln zur spielerischen und feminin-natürlichen Freizeitbeschäftigung verklärt, d. h. die (Konsum-)Arbeit daran verschleiert wird (S. 56).

 

Virginia Braun wiedererfindet die Geschichte über den Kunstkritiker Ruskin, der im 19. Jahrhundert die schöne Effie heiratete, jedoch mutmaßlich aus Ekel vor ihrer behaarten, statt wie in Kunstwerken marmorglatten Vulva, nie die Ehe vollzog (S. 68). Brauns Effie von 2016 rasiert selbstverständlich ihre Schamhaare und unterzieht sich, da ihr Mann den Sex verweigert, einer chirurgischen Schamlippenverkleinerung. Braun schafft es in einer Imitation von Klatschmagazin und Socialmedia-Posts aktuelle ästhetische Normen für Vulven zu veranschaulichen und sie mit jenen des 19. Jahrhunderts zu kontrastieren. Sie schließt mit der Erkenntnis: "the contemporary western vulva and the vulva of the nineteenth century are ontologically different objects." (S. 78).

 

Breanne Fahs geht mithilfe qualitativer Interviews den "Regulatory Politics of Disgust" nach (S. 84). Sie begreift dabei den Ekel als "powerful social regulator" (S. 91). Einen angemessenen Ekel gegenüber dem nicht korrekt bearbeiteten fetten, behaarten oder menstruierenden Körper zu verspüren wird von Fahs als moralische Anforderung an das neoliberale Subjekt ausgewiesen (vgl. S. 94), das dadurch individualisiert und zur Arbeit am (ästhetischen) Körper angehalten wird.

 

Der Aufsatz von Sara De Benedictis und Shani Orgad beschäftigt sich mit zwei popkulturellen Präsentationen von "middle-class 'stay-at-Home Mothers'" und den vermittelten Anforderungen an begehrenswerte, erfolgreiche Weiblichkeit und Mutterschaft. Die Beispiele sind Jools Oliver (Ehefrau des englischen Fernsehkochs Jamie) und Bridget Jones, Helen Fieldings Romanfigur, die im analysierten Roman alleinerziehende Mutter ist. Benedictis und Orgad schließen mit der Beobachtung, dass beide Figuren – die attraktive Jools, der alles leicht von der Hand geht ebenso wie die schusselige Bridget, deren Tollpatschigkeit über die Tatsächlichkeit der Über/Anforderungen hinwegtäuscht – die Reproduktions-Arbeit verschleiern (S. 114).

 

Jie Yang setzt sich mit der Carearbeit im Dienstleistungssektor der "Wellness Industry in China" auseinander. Die Ganzheitlichkeit der traditionellen chinesischen Medizin ergreift auch die Dienstleisterinnen, die sowohl ihre Arbeitskraft als auch in Ausstrahlung, Körperform und Liebenswürdigkeit ihr Produkt – die Wellness – verkaufen müssen, um erfolgreich zu sein (S. 117-132).

 

Adrienne Evans und Sarah Riley nehmen die "Entrepreneural Practices of Becoming a Doll" in den Blick. Zu "Puppen" werden junge Frauen aus postsowjetischen Staaten, die mit Clips, in denen sie sich wie Puppen oder Disneyprinzessinnen schminken unternehmerischen Erfolg erzielen (wollen). Dabei bewegen sie sich zwischen der neoliberalen Anforderung ein "authentisches Selbst" zu performieren und der absoluten Selbstkommodifizierung, was eine unheimliche "Zombie-Weiblichkeit" erzeuge (S. 144 f).

 

Scarlett Brown setzt sich in ihrer autobiographischen Forschung mit "Aesthetic Labour in Academia" auseinander. Sie analysiert die ästhetisierten Regeln der akademischen Professionalität und die Beschämung und Disziplinierung, die durch Verhaltensregeln und Kleidung ausgeübt werden (S. 158).

 

Der Band ermöglicht einen Einblick in diverse, internationale Aspekte neoliberaler Schönheitspolitiken. Die durchgehend feministische Perspektive, mit einem genauen Gespür für Gouvernementalität und Postfeminismus ist sehr gewinnbringend. Ein kleines Manko entsteht mit der Beschränkung auf Zweigeschlechtlichkeit. Insgesamt ist der Band jedoch sehr gelungen und sei insbesondere jenen empfohlen, die an der Existenz von "Beauty Pressures" zweifeln.

 

Veröffentlicht am 15.05.2018 (Ausgabe 2018/1)

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