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Lefèvre, Eckard: Terenz' und Menanders Eunuchus. (Zetemata 117).

C.H. Beck: München 2003. ISBN 3-406-51742-0. 220 S. Preis: € 51,30/sfr 81,50.

Rezensiert von: Matthias Johannes Pernerstorfer

Nach den Untersuchungen zum Phormio (1978), zum Heautontimorumenos (1994) und zur Hecyra (1999) legt Eckard Lefèvre mit Terenz' und Menanders Eunuchus seine vierte Monographie zu einer Komödie des Terenz vor.

 

In der Tradition des nicht mehr bestehenden Freiburger Sonderforschungsbereiches Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit (S. 13) stehen Diagnose und Interpretation der Eingriffe des römischen Dichters in das Eunuchos-Onriginal im Zuge des Dichtungsprozesses im Zentrum des Interesses (die zweite Quelle für den Eunuchus, der Kolax des Menander, ist für Lefèvre nur als Quelle bedeutend). Das Ziel der Untersuchung ist es, Terenz als kreativen Dichter zu erweisen, der in der Tradition von Plautus und dem italischen Stegreifspiel aus einer "relativ ruhig" (S. 80) ablaufenden griechischen Komödie ein burleskes Bühnenspiel macht. Lefèvre kommt zu dem Ergebnis, daß die Szenen II 1, III 1-2, 4, IV 1, 4, V 4, 6-7, 9 keine Entsprechung im Eunuchus-Original haben und Terenz auch innerhalb einzelner Szenen über weite Strecken schöpferisch tätig ist.

 

Terenz' und Menanders Eunuchus gliedert sich in vier Teile - 'Rezeption' (S. 15-48), 'Analyse' (S. 49-81), 'Struktur' (S. 83-160) und 'Weltbild' (S. 161-194). Es enthält eine in Terenzphilologie und Rezeptionsgeschichte unterteilte Bibliographie (S. 199-208) sowie ein Namen-, Sach- und Stellenregister (S. 209-220).

Der Aufbau des Buches erschwert ein kritisches Nachvollziehen der Argumentation zur Originalitätsfrage (dieser widmet sich die vorliegende Rezension in erster Linie). Manche Fragestellungen werden an mehreren Stellen behandelt, ohne daß an einer Stelle sämtliche Argumente gegenübergestellt würden. Überschneidungen finden vor allem in den Teilen 'Analyse' und 'Struktur' statt. Im Teil 'Weltbild' wäre es der Anschaulichkeit zuträglich gewesen, wenn Lefèvre die Figurencharakterisierungen nicht in zwei Abschnitte geteilt, sondern die einander entsprechenden Figuren nebeneinander beschrieben hätte. Sofern man die Figuren von Menander und Terenz anhand von Lefèvres Buch miteinander vergleichen möchte, bleibt einem das Blättern zwischen den Figurencharakterisierungen sowie den vorhergegangenen Untersuchungen nicht erspart. Die netzhafte Form der Darstellung paßt für eine digitalisierte Präsentation, in welcher per Mausklick zwischen einzelnen Passagen hin- und hergesprungen werden kann, für das Lesepublikum stellt sie jedoch ein Problem dar. Zudem wird auf diese Weise die Tatsache verdeckt, daß die Argumentationen, auf die verwiesen wird, oft hypothetischer Natur sind. Hypothesen stützen auf diese Weise Hypothesen, ohne daß sie als solche auf den ersten Blick erkennbar wären.

 

Lefèvre geht es nicht um eine Einführung in die Problematik der Originalitätsfrage zum Eunuchus oder um eine strukturierte umfassende Diskussion der einzelnen Fragen. Terenz' und Menanders Eunuchus ist vielmehr ein Gespräch mit den Größen der analytischen Forschungstradition - G. Jachmann, U. Knoche und H. Drexler -, die ihren Höhepunkt in den 40er Jahren hatte. "Wie die vorliegende Monographie zu zeigen versucht, hat eine Fülle trefflicher Beobachtungen auch heute noch Gültigkeit" (S. 43). Die analytischen Untersuchungen sind für Lefèvre aufgrund ihrer "Diagnose" und nicht ihrer Schlüsse wichtig, wie er ausdrücklich betont. Lefèvre nimmt eine Vielzahl von z. T. sehr langen Zitaten in den Text auf und kommentiert diese oft nur. So schreibt er zur Pythias/Parmeno-Komödie im 5. Akt explizit: "Statt daß der Gang der Auseinandersetzungen nachgezeichnet wird, seien hier gleich die beiden Schlüsse gezogen, die unumgänglich erscheinen" (S. 69). Den Gesamtüberblick über diese Szenen müssen sich die Lesenden selbst erarbeiten.

Weiters ist festzustellen, daß ähnlich wie hier oftmals rhetorische Mittel anstelle von Argumenten eingesetzt werden. Häufig werden Feststellungen getroffen, die erst im Anschluß daran, in einem anderen Kapitel oder gar nicht begründet werden. Die Analyse der Exposition etwa beginnt mit einem polemischen Zitat von G. Jachmann: "Natürlich hatte Menanders Eunuchos einen Prolog, und zwar vor dem Anfang (...)" (S. 48). Dieses Zitat suggeriert eine Sicherheit, die dadurch unterlaufen wird, daß der Philologe seine Polemik gegen anderslautende Interpretationen richtet. Nicht für alle erscheinen solche Schlüsse 'natürlich' bzw. 'unumgänglich'. Im Blick auf eine Komödie, die dermaßen kontroversiell diskutiert wurde, liegt offenbar kein Schluß auf der Hand. Kurz nach der eben zitierten Stelle folgt die Behauptung, daß Terenz "mindestens 110-115, 143b-149 und 202-206 in die menandrische Eingangsszene einwebt" (S. 49 - im selben Kontext gebraucht Lefèvre auf S. 89 'wenigstens'). Auch 'mindestens' ist rhetorisch eingesetzt, da Argumente für eine Entsprechung von 143b-149 im Eunuchos vorliegen.

Doch nun zu einigen Punkten im Detail:

Vorgeschichte: "Thais hatte auf Rhodos einen Liebhaber, mit dem sie nach Athen ging, wo dieser starb (...). Dann (...) lernte sie Thraso, darauf (...) Phaedria kennen (...). Das ist weder einfallsreich noch elegant erzählt, sondern gekleckert. Man fragt sich, welche Funktion der erste Liebhaber hat" (S. 57). Thais/Chrysis braucht den ersten Mann zur Erlangung ihrer finanziellen Unabhängigkeit, die für ihr selbständiges Handeln unabdingbar ist. Es ist deshalb unwahrscheinlich, daß der erste Liebhaber mit dem Rivalen des Phaedria im Eunuchos identisch gewesen ist. Thais/Chrysis ist keine billige Prostituierte, sondern eine reiche Nicht-Athenerin, die in Athen Rechtschutz sucht, ohne dafür ein Verhältnis mit einem Athener Bürger eingehen zu müssen.

Lefèvre nimmt an, Terenz hätte die Doppelung der Exclusio Phaedrias erfunden und in diesem Sinne die Ankunft des Soldaten gegenüber der griechischen Vorlage um einen Tag vorverlegt (S. 58f.). Auf S. 57 wird dies stillschweigend vorausgesetzt ("Am Tag des Spiels wurde der Freund mit Pamphila zurückerwartet"). Auf der folgenden Seite schreibt Lefèvre: "wenn aber Gnatho erst hodie nach Athen kommt (234), wird auch Thraso erst 'heute' ankommen". Daß Gnatho am Tag der Spielhandlung in der Stadt ankommt, ist einem Monolog entnommen, dessen Vorlage aus dem Kolax an einem Tag zu spielen pflegen" (S. 59), ist auf den Misumenos des Menander stammt. Mir ist nicht klar, wie Lefèvre in diesem Zusammenhang von einer 'unmenandrischen Inkonsequenz' sprechen kann (S. 94). Die Unstimmigkeit in den Zeitangaben dürfte von der Kontamination der beiden Vorlagen und nicht von terenzischen Erweiterungen im 1. Akt herrühren. Das allzu psychologisierende Argument, daß "die Zuneigung zwischen Thais und Phaedria für Menander aus[schließt], daß die Exclusio länger als einen Tag dauert", kann ich nicht nachvollziehen. Der Verweis auf Persius 5, 161-174, wo nichts auf eine Ausschließung hindeutet, birgt kein Argument, da der Ausschnitt, den Persius wiedergibt, nicht die gesamte erste Szene abdeckt. Gegen Lefèvres 'Argument', "daß die Stücke der Nea an einem Tag zu spielen pflegen" (S. 59), ist auf den Misumenos hinzuweisen, der mit einer Nachtszene beginnt - ein abgeschlossener Spieltag liegt nicht vor.

Zur Stützung seiner These führt Lefèvre weiters ein langes Zitat von H. Drexler an, in welchem dieser sein Unverständnis der Szene ausspricht. Es endet folgendermaßen: "Nur die exclusio des Phaedria hat als erregendes Moment für den ersten Akt Bedeutung. Hierfür allein ist sie erfunden. Dem Übrigen darf man nicht weiter nachdenken" (S. 58). Das ist zwar pathetisch formuliert, dennoch lohnt es sich weiterzudenken. Thais/Chrysis könnte sich am Vortag mit dem Rivalen und Pamphila getroffen und sich über die 'Unversehrtheit' des Mädchens informiert haben. Diese Information ist für sie wichtig, denn sonst würde sie umsonst ihre Liebe aufs Spiel setzen. Der Ausschluß des Phaedria am Vortag läßt sich demnach dramaturgisch rechtfertigen. Mit dieser Überlegung wird die Interpretation der Verse 143b-149 als rein terenzisch hinfällig. Dasselbe gilt für die Verse 83, 85, 137-143a (S. 83), die infolge dessen ebenfalls eine Vorlage bei Menander haben könnten.

Thraso: Lefèvre schreibt, es sei "eine verbreitete Ansicht", "daß der Rivale im Eunuchos wie in dem römischen Stück ein stratiotes war", um dann hinzuzufügen, "aber man wird doch Klotz' lapidarer Folgerung zustimmen müssen: 'Wenn Terenz die Personen des Soldaten und des Parasiten in seinen Eunuchus übertragen hat, so ist es sicher, daß im Eunuchos des Menander weder ein Soldat noch ein Parasit eine Rolle gespielt haben'" (S. 55). Offensichtlich ist es nicht so 'sicher', und man wird nicht 'zustimmen müssen', sonst wäre die gegenteilige keine 'verbreitete' Ansicht. Lefèvres Hinweis, es bedürfe zur Verstärkung von vorhandenen Charakterzügen nicht der Kontamination, halte ich für treffend. Zudem ist ein Händler als Patron, wie ihn Thais/Chrysis sucht, eher geeignet als ein Soldat. Fragwürdig erscheint, daß das oft vertretene Argument, es sei in den bekannten Stücken der Neuen Komödie und der Palliata kein Händler als Rivale eines jungen Liebhabers zu finden, Soldaten hingegen recht häufig, nicht einmal erwähnt wird.

Doppelung der Geschenke: An diesem Punkt wird Lefèvres Argumentation kurios. Ein Vergleich der Personen-Geschenke, die Thraso und Phaedria Thais machen, erscheint Lefèvre als "Musterbeispiel einer Dublette", und er schreibt, "entschließt man sich dazu, eine Aufmerksamkeit als menandrische Vorgabe, die andere als terenzische Zufügung zu betrachten, wird man Phaedrias Gaben römischen Ursprungs verdächtigen" (S. 59). Weshalb man sich dazu entschließen sollte, wird nicht gesagt. Anstößig ist für Lefèvre die finanzielle Eigenständigkeit, die Phaedria von anderen jungen Liebhabern der Komödie unterscheidet, aufgrund von Konventionen der Neuen Komödie, die alles andere als sicher sind (auch Thais unterscheidet sich eben darin von anderen Hetären!). "Vielleicht ist die Lösung darin zu sehen, daß es bei Menander überhaupt keinen Eunuchen gab" (S. 60). Parmeno sei ohne die Existenz eines realen Eunuchen der Plan, Chaerea könne sich als Eunuch verkleiden, eingefallen. Damit diese These plausibel erscheint, versucht Lefèvre nachzweisen, daß das Gespräch über den realen Eunuchen (356-361) eine Erfindung des Terenz ist. Er schreibt, ohne einen Grund dafür anzugeben, es sei unrealistisch (deshalb von Terenz), daß Chaerea auch am Vortag dienstfrei hatte, und er müsse doch das Haus der Thais kennen. Ich möchte einerseits darauf hinweisen, daß die Häuser auf der Bühne Menanders nicht aneinandergebaute Nachbarhäuser sein müssen (z. B. im Dyskolos) und daß Chaerea dem Personal der Thais/Chrysis nicht bekannt sein darf, wenn der Eunuchenplan funktionieren soll. Für Lefèvre ergibt sich aus dieser 'Argumentation', daß Terenz auch die "'überflüssige[n]'" (S. 61) Szenen II 1 und IV 4 ohne Vorlage geschrieben hat. Wenn man neben Gnatho und Thraso auch den Eunuchen und die Äthiopierin und überdies den Großteil von Pythias' Part aus dem Eunuchos schneidet, ist verständlich, weshalb das Stück bei Menander "relativ ruhig" (S. 80) ablief.

Parmeno: Die Figur des Parmeno erachtet Lefèvre als von Terenz besonders erweitert. Jegliche komische Funktion wird ihm, was Menander betrifft, abgesprochen. Mit K. Büchner behauptet Lefèvre, "Parmenos Dabeisein [in Szene I 2] stört" (S. 90), möchte ihn jedoch nicht ganz aus dieser Szene verbannen. Bei seinen Einwürfen handelt es sich jedoch nicht nur um 'unmenandrische' dumme Scherze, sondern der Spott des Sklaven hat die Funktion, den Charakter der Thais als einer 'guten' Hetäre hervorzuheben.

Gravierender als an dieser Stelle ist Lefèvres Eingriff in den 5. Akt, wo er Parmeno ganz als terenzisches Produkt interpretiert. Die ganze 'Pythias/Parmeno-Komödie' sei von Terenz erfunden. Mehreren Kritikpunkten in dem langen Zitat von G. Jachmann von S. 67-69 ist zuzustimmen, doch ist fraglich, ob sie Grund genug sind, die Szenen V4 und V6 aus dem Handlungsgefüge des Eunuchos zu entfernen - Parmeno ist es, der im 1. Akt Thais durch seine Vorurteile unrecht tut und der im 2. Akt durch den Eunuchenplan für die Turbulenzen des 3. Aktes verantwortlich ist. Er hat eine 'Bestrafung' verdient. Fraglich ist deshalb weiters folgende Überlegung: "Sollte im Eunuchos die freundliche Verspottung einer Person vorgekommen sein, (...) käme vor allem Simon in Betracht (...), der den Hetären abgeneigt war (...). Dafür durfte man sich schon ein wenig schadlos an ihm halten - taten das Parmeno und Pythias?" (S. 159). Dafür finden sich keinerlei Indizien.

Die analytisch orientierte Philologie kann ein Fundament schaffen, auf dem sich eine theaterwissenschaftliche Annäherung an die Neue Komödie lohnt. Die Ergebnisse von Lefèvres Untersuchung Terenz' und Menanders Eunuchus sind nur bedingt ein gutes Beispiel dafür. Dennoch kann eine Lektüre anregend wirken: Sie fordert zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Eunuchus auf:

a) Lefèvre leistet einen wichtigen Beitrag zur Rezeption dieser Komödie, weist aber darauf hin, daß "eine umfassende Wirkungsgeschichte (...) ein Desiderat [bleibt]" (S. 9).

b) Durch Lefèvres produktive Rezeption früher Philologen wie Melanchthon, Riccius oder Schrevelius (16. bzw. 17. Jh.) wird offenkundig, daß die Terenzphilologie nicht erst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert rezeptionswürdige Ergebnisse erzielt.

c) Lefèvres Einarbeitung der oftmals trefflichen Beobachtungen in Donats Terenzkommentar (4. Jh. n. Chr.) läßt eine Übersetzung desselben wünschenswert erscheinen, um eine theaterwissenschaftliche Rezeption zu ermöglichen.

d) Lefèvres Ausführungen zu 'verbal fireworks' (S. 127-147, vgl. auch Lefèvres frühere Arbeiten zu Terenz) können einen Grundstein für eine großangelegte wirkungspoetologische Untersuchung zu den Komödien von Terenz darstellen - aber auch von jenen des Plautus.

 

Veröffentlicht am 19.04.2004 (Archiv)

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