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Inka Kording und Anton Philipp Knittel (Hg.): Heinrich von Kleist. Neue Wege der Forschung.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003. ISBN 3-534-15813-X. 299 S. Preis: € 25,60/sfr 42,30.

Rezensiert von: Monika Meister

Flüchtiger Halt - Ein Sammelband zu Heinrich von Kleist im Kontext neuerer Forschungsliteratur. Der von Anton Philipp Knittel und Inka Kording herausgegebene, kürzlich erschienene Band der Reihe Neue Wege der Forschung ist Heinrich von Kleist (zum 225. Geburtstag des Dichters) gewidmet.

 

Der von Anton Philipp Knittel und Inka Kording herausgegebene, kürzlich erschienene Band der Reihe Neue Wege der Forschung ist Heinrich von Kleist (zum 225. Geburtstag des Dichters) gewidmet. Es sind hier - in der Nachfolge der beiden von Walter Müller-Seidel 1967 und 1981 erschienenen Bände, allerdings mit deutlich anderen Akzentsetzungen - bedeutende, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kleists Werk dokumentierende Texte von renommierten Kleist-Forschern versammelt, deren Wiederabdrucke gemeinsam mit den drei für diesen Band konzipierten Forschungsberichten zu neuer Lektüre herausfordern.

Kleist ist nicht zu Ende zu lesen, auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Oeuvre und Leben des Dichters findet stets neue Zugänge. Selbstredend spiegeln sich in den Methoden und Strategien der Untersuchungen zu Kleists Poesie die jeweils gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurse wider, ja man könnte die avancierte Forschungsliteratur zu Kleist als Parameter höchster Standards metatheoretischer Reflexionen bezeichnen. War an der Sekundärliteratur bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem auch die von Ideologien geprägte Rezeptionsgeschichte - Kleist steht hier nicht allein, auch an Hölderlin, Lessing oder Grabbe etwa lässt sich dies nachvollziehen - abzulesen, so fokussieren seit einigen Jahrzehnten gänzlich neue Perspektiven Kleists Texturen.

Den Herausgebern konnte es nicht darum gehen, eine Anthologie bedeutender Beiträge zur Kleist-Forschung vorzulegen, sondern prägnante, an Kleists "paradoxalen Schreib-Formen" sich entzündende Deutungen erneut zugänglich zu machen. Die Auswahl zeigt, worum es geht: Die zur Ré-lécture der Texte Kleists provozierenden Ansätze der AutorInnen sollen zur weiteren Forschung anregen. Sie sind aber auch als in die Materie einführende Grundlagentexte für Studierende zu empfehlen.

Die Auswahl ist bewusst beschränkt auf literaturwissenschaftliche Studien, theater-, film- und medienwissenschaftliche Zugänge wie auch musik- und kunstwissenschaftliche sind ausgeklammert, was aber nicht heißen soll, dass diese Disziplinen nicht von einer Lektüre profitieren könnten. Auch gehen die Herausgeber nicht von einem die institutionelle Forschung repräsentierenden Kanon der Interpretationen aus, sondern einige "Neue Wege der Forschung" sollen zu einem "schillernden wie faszinierenden Wegenetz" (S. 9) verknüpft werden.

Der Band eröffnet mit dem 1981 erschienenen, bis heute gültigen Text von Helga Gallas "Die Suche nach dem Gesetz oder die Anerkennung des Begehrens - eine struktural-psychoanalytische Interpretation des 'Michael Kohlhaas'". Der forschungsgeschichtlich bedeutsame Beitrag - Gallas wandte als eine der Ersten Lacans psychoanalytisch-strukturalistische Theorie auf Texte Kleists an - weist an der Signifikanz des Textes die Maskierung eines Begehrens nach und durch die offensichtlichen Bedeutungen des Textes hindurch kommt das "Subjekt des Textbegehrens" in den Blick. Sich selbst ins Spiel bringend, setzt die Autorin dieses Begehren zu sich als Analysierender in Bezug (S. 38) und stellt Korrespondenzen her, deren Voraussetzungen und Konsequenzen auch die blinden Flecken reflektieren, ohne sie auflösen zu wollen.

Von Jürgen Schröders im Kleist-Jahrbuch 1985 publizierten Aufsatz "Kleists Novelle 'Der Findling'. Ein Plädoyer für Nicolo", der nach den Funktionsprinzipien dieser Novelle Kleists fragt, über Wolf Kittlers 1988 erschienenen Text "Militärisches Kommando und tragisches Geschick. Zur Funktion der Schrift im Werk des preußischen Dichters Heinrich von Kleist", in welchem Kleists "vaterländisches" Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg im Zentrum der Analyse steht, bis zu Roland Reuß' "Einführung in Kleists Erzählen" am Beispiel der Verlobung in St. Domingo, in dessen Betrachtung der "autonome und selbstbezügliche" Zusammenhang sprachlicher Momente (S. 84) in Bezug zu Editionsfragen steht, reichen die für die Forschung relevanten Perspektiven dieser Beiträge.

Wie vielfältig und wandlungsfähig die Forschungsansätze zu Kleists Poesie sind, belegen weiterhin auch die hier wieder abgedruckten Texte jüngeren Datums: Gernot Müllers den Kontext der bildenden Kunst reflektierender Text "Die 'Penthesileia' als poetisches Panorama", 1995 erschienen; Bianca Theisens "Kleists Paradoxien des Lesens" (1996), deren Fokus auf das schillernde Spiel von Bedeutungen in der Bildbeschreibung Kleists, Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft, gerichtet ist. Günter Blamberger setzt sich in seinem im Jahr 2000 erschienenen Beitrag mit dem Modell des Duells bei Kleist in Hinblick auf eine Wendung von der idealistischen Repräsentanz zur Performanz auseinander, wobei er Kleists Grazie-Begriff in den Kontext alter aristokratischer Verhaltenslehren fügt, wie sie beispielhaft in Castigliones Il libro del cortiegiano dargelegt sind. Aus László Földényis bestechendem, alphabetisch angeordnetem Buch Im Netz der Wörter (1999) sind die Texte "Grazie" und "Schlüsselloch" entnommen. Grazie ist hier gefasst als "unbewußte Vollkommenheit" (S. 153), das Schlüsselloch als symbolischer Ort der Brechung verschiedener Perspektiven verstanden. Jeder Blick steht für eine unvergleichliche Wahrnehmung, "jede Figur sieht etwas anderes" (S. 156). Von dem ebenfalls weithin bekannten Kleist-Forscher Bernhard Greiner ist hier der Text "Mediale Wende des Schönen - 'freies Spiel' der Sprache und 'unaussprechlicher Mensch'" wieder abgedruckt, der sich in einer Analyse mit Kleists Über die Allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden auseinandersetzt.

In Gerhard Neumanns ebenfalls im Jahre 2000 erschienenem Text "Anekdote und Novelle: Zum Problem literarischer Mimesis im Werk Heinrich von Kleists" ist die Frage nach Kleists Erzählstrategien in Bezug auf die Wahrheit der Geschichte gestellt. Neumann wendet sich den zwei Weisen des Erzählens von Geschichte zu, "dem prägnanten Augen-Blick der Anekdote und dem erzählerischen System der Novelle" (S. 178), um daran den Erweis zu erbringen, dass es sich in Kleists Texten um "Mimesis des nicht Erzählbaren" (S. 199) handelt.

Die für diesen Band verfassten Forschungsberichte schließlich vergegenwärtigen beispielhaft die zentralen Linien der literaturwissenschaftlichen Kleist-Rezeption der letzten Jahrzehnte: Justus Fetscher setzt sich mit Amphitryon (1978-2001) , Birgit Hansen in ihrem Beitrag "Poetik der Irritation" mit der Penthesilea-Forschung (1977-2002) und Bernd Hamacher mit Michael Kohlhaas auseinander.

Abgesehen von konkreten Einblicken in die Kleist-Forschung, die gewiss in nächster Zukunft mit neuen Impulsen und Erkenntnissen für ein Weiter-Denken an den Texten Kleists aufwarten wird, stellt dieser von Inka Kording und Anton Philipp Knittel herausgegebene Band eine gelungene Grundlage zur Einschätzung der Forschungspositionen der letzten Jahrzehnte dar, die von bedeutsamen Wendungen auch wissenschaftlicher Paradigmen gekennzeichnet sind.

 

Veröffentlicht am 02.02.2004 (Archiv)

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