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Veronika Zangl, Poetik nach dem Holocaust. Erinnerungen – Tatsachen – Geschichten.

München: Wilhelm Fink 2009. ISBN 978-3-7705-4467-7. 232 Seiten. Preis: € 26,90.

Rezensiert von: Georg Tscholl

In seinen Ermittlungen gegen sich selbst hat Imre Kertész immer wieder zu Protokoll gegeben, Auschwitz erfunden zu haben. Er schreibe, schließlich, Romane. Mit den peniblen Mitteln der Kunst, als Schriftsteller nur, kann er Erfahrungen zu beschreiben versuchen, die sich jeder Beschreibung entziehen müssen, jedenfalls einer, die, was sie tut, nicht unterschlägt: Schreiben, das Bescheid weiß.

 

"Die Wirklichkeit von Konzentrations- und Vernichtungslagern zeichnet sich durch ein Auseinanderbrechen von Wirklichkeit und 'Ich', von Realität und Einbildungskraft aus. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass eine grundlegend subjektive Erfahrung des Holocaust nicht möglich ist beziehungsweise als subjektive Erfahrung auf den Einzelnen beschränkt bleibt […]. Ein nicht zu unterschätzendes Potential der Poetik liegt schließlich darin, zur Gestaltung entsprechender narrativer Rahmen beizutragen." Insofern "Poetik" nämlich auch von jeher "keine 'Privatangelegenheit'" sei, "sondern grundsätzlich dem Bereich der Öffentlichkeit" angehöre (S. 219). Wo zweifellos auch Veronika Zangls ganz ausgezeichnete Auseinandersetzungen mit "Erinnerungen", "Tatsachen" und "Geschichten" ihren Platz haben. Ihr Buch, aber schon die eingebrachten Texte sind nicht leicht, aus gutem Grund nicht einfach abhol- und verfügbar, und ihrer Schwere begegnet Zangl mit Sorgfalt; sie selbst dürfte sich für keine der literarischen Strategien, die im Verbund so etwas wie eine Poetik nach dem Holocaust nach- bzw. vorzeichnen lassen, aussprechen, wägt vielmehr ab, referiert, stellt Un- und Möglichkeiten vor: zu erinnern, zu schreiben.

 

Um die Tücken der Darstellung geht es ihr, um heikle Repräsentation überhaupt, wobei sie das eigene Scheitern in Kauf nimmt. Es wird, mit Kants paradoxaler Struktur des Erhabenen, vielleicht sogar Programm, aber gleichsam im Hintergrund und niemals kokett, nicht um sich freizuspielen. Eine Poetik nach dem Holocaust muss, mit Blanchot, ein Desaster sein, involviert sich und hält noch als Metaerzählung ihre "Gegenstände" nicht aus. Zangls Feststellungen haben eingestandenermaßen eine Geschichte,  sie können daher auch unentschieden sein, verschiebbar; sie liest genau und beharrt nicht, bleibt den Texten gegenüber offen und formuliert so, indem sie seinem Schreiben nachgeht (besonders in Kapitel V), auch eine Ethik des Lesens nach dem Holocaust. Wenngleich eben kein Schreiben oder Lesen, und schon gar nicht das wissenschaftliche, von vorne, von neuem sich anfangen ließe. Es ist vielmehr, im Sinne der Rede Paul Celans in Bremen im Januar 1958, etwas dazugekommen. Und Zäsuren setzen Kontinuitäten voraus.

 

Mag sein, dass mit dem Holocaust avantgardistische Vorbehalte und Fragen, die Erfahrung insgesamt, das Erinnern betreffend (Nietzsche, Freud), aktualisiert, akut geworden sind und dass die Postmoderne genau darauf reagieren würde (Robert Eaglestone), aber Zangl warnt doch vor "der Übertragung jener erkenntnistheoretischen Phänomene […] auf epistemologische Konzepte im Allgemeinen" (S. 101). Denn wo umgekehrt Wahrnehmung als Konstruktion entlarvt wird, Wirklichkeit als gemachte, droht, scheint's, zusehends auch die "Realität des Holocaust" zu verschwinden (S. 218). Dabei ist, was nicht mitgeteilt, nicht dargestellt werden kann, noch lange nicht nicht passiert. Gerade weil der Holocaust stattgefunden hat, wird auch Veronika Zangl einen ihrer wichtigsten Gewährsmänner, Imre Kertész, zitieren (S. 102), fällt es so schwer, sich ihn vorzustellen. Und es machte, im Gegenteil, poetologischen Aufwand nötig und ästhetische Fragen so dringend.

 

Eine Position, die zuletzt von Georges Didi-Huberman nachhaltig verfochten wurde (Images malgré tout/Bilder trotz allem): "Auschwitz ist ausschließlich vorstellbar". Die Dar- und Vorstellungsversuche malgré tout geraten zu "Widerlegungen" einer systematischen Politik des "eliminatorischen Antisemitismus" (Daniel J. Goldhagen), die alles förmlich totgeschwiegen haben wollte; die Endlösung sollte gerade keine Zeugen haben. Trotzdem lieber "in den absoluten Begriffen des 'Unsagbaren' und 'Unvorstellbaren'" zu sprechen, schrieb Didi-Huberman, kann - auch - bequem sein und - auch - heißen, das trotz allem Gesagte, das trotz allem Vorgestellte zu revidieren. Aber wer möchte den Bildern und Texten ihre "unvermeidliche Lückenhaftigkeit" vorwerfen? Beziehungsweise, wie Veronika Zangl klarstellt, ausgerechnet "von den Überlebenden radikaler Vernichtungspolitik die schöpferische Kraft" erwarten, "erschöpfte Narrative zu erneuern" (S. 219)? Zangl baut, wenn sie ihn kommentiert, Didi-Huberman weiter. Sie hat ihren Buchtitel nicht zufällig gewählt, ihre Arbeit findet dezidiert heute statt, ist "Ausblick", denn "[...] sämtliche Poetiken der Unterbrechung, des Uneigentlichen und Scheiterns verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Holocaust immer nur im Rahmen einer Denkstruktur möglich ist, die dem Ereignis nicht entspricht, innerhalb derer es aber dennoch möglich war, dieses Ereignis hervorzubringen. Aus dieser Diskrepanz ergibt sich der seltsame Widerspruch zwischen der Annahme eines Zivilisationsbruchs bei der gleichzeitigen Feststellung von Kontinuitäten" (S. 208).

 

Denn: Die Konzentrations- und Vernichtungslager gehören keiner Vergangenheit an, sie sind Gegenwart - die aller. Dieselbe Gesellschaft, insistiert Imre Kertész, die sie reflektiert und diskutiert, hat die Konzentrations- und Vernichtungslager auch möglich gemacht. Weshalb "der Grund für die Schwierigkeiten oder die Unmöglichkeit der Zeugenschaft nicht nur im Ereignis des Holocaust selbst, nicht in fehlenden narrativen Rahmen für dieses Ereignis […], sondern auch in den mangelnden narrativen Rahmen nach dem Holocaust" zu suchen ist (S. 167). Erfahrung bedarf eines Außen, das auf sie antwortet, sie bestätigt. Aber wird sie dadurch schon fraglich? Muss, was nicht verstanden werden kann, auch mit Verständnislosigkeit rechnen (Jean Améry)? Sprache ist Übersetzung. Aber schon die Erfahrungen, solche überhaupt noch gemacht haben und erinnern zu können - notabene gegen die erklärten Absichten der Nationalsozialisten -, sind es. Alles andere als selbstverständlich, können ihre Repräsentationen sich selbst bedrohen. Man wird dann, mahnt Lyotard, der die Notwendigkeit von Darstellungen keinesfalls bestreitet (Alternativen gibt es keine), damit fertig geworden sein. Veronika Zangl verfolgt ihre Fragen, "in welcher Weise eine Tatsache wie der Holocaust erinnert werden kann, ohne an dessen Vergessen mitzuwirken" (S. 105), konsequent poetisch. Aber weil sie verstehen will, auch unter welchen - eben zunächst: ästhetischen - Bedingungen so etwas wie Verstehen möglich, unmöglich gemacht wurde und wird, ist ihre vorzügliche Poetik nach dem Holocaust, außerdem, eminent politisch.

 

Veröffentlicht am 06.05.2009 (Ausgabe 2009/1)

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