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Jörg von Brincken/Andreas Englhart, Einführung in die moderne Theaterwissenschaft.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. (Einführungen Germanistik). ISBN 978-3-534-19099-7. 158 S. Preis: € 14,90.

Rezensiert von: Klaus Illmayer

Das Angebot an Einführungen in das Fach Theaterwissenschaft ist im Vergleich zu manch anderen Geistes- und Kulturwissenschaften recht überschaubar. Der Einführung in die Theaterwissenschaft von Christopher Balme in der inzwischen 4. durchgesehenen Auflage (2008) ist in den letzten Jahren lediglich Andreas Kottes Theaterwissenschaft. Eine Einführung (2005) zur Seite gestellt worden. Insofern bemühen sich Brincken und Englhart mit ihrer Einführung in die moderne Theaterwissenschaft eine Lücke zu schließen, wenngleich sie recht beeindruckend aufzeigen, an welchen Schwierigkeiten ein solches Projekt zu scheitern vermag.

 

Die beiden Autoren, ihrerseits wissenschaftliche Mitarbeiter am Münchner Institut für Theaterwissenschaft, haben ihr Buch in sechs Kapitel aufgeteilt und spannen den Bogen ihrer Darstellung von den "Grundlagen" und einem "Forschungsbericht" über Ausführungen zu "Theaterästhetik und -theorie" sowie "Historischen Formationen" bis zur "Analyse der Aufführung", um mit vier praktischen Beispielen abzuschließen. Neben einem Personen- und einem Sachregister findet sich eine kommentierte Bibliografie, deren Aufbau aber nicht überzeugen kann. Denn die Literatur wurde in drei nicht zweifelsfrei nachvollziehbare Kategorien ("Einführungen und Übersichtswerke", "Literatur zur Inszenierungs- und Aufführungsanalyse" und "Weitere Literatur") aufgeteilt, wodurch sich die entsprechende Zuordnung der im Text angegebenen Kurzbelege mühsam gestaltet.

 

Irreführend erweist sich zudem der Titel des Buches, der vielleicht auch der Verlagspolitik geschuldet ist. Denn die Autoren gehen von einer an keiner Stelle aufgeklärten Vorstellung einer 'modernen Theaterwissenschaft' aus. Wer nun meint, daraus folgt unter Einbeziehung neuester theaterwissenschaftlicher Literatur ein Aufzeigen des Entwicklungspotentials des Faches in den letzten Jahren, wird eine Enttäuschung erleben. Zwar wird ein Forschungsüberblick angeboten, der in Ansätzen eine solche Erwartungshaltung befriedigen kann, aber es fehlt ein über die bloße Aufzählung neuerer methodischer und theoretischer Zugänge hinausweisender, ernst zu nehmender Diskurs mit der im Rückschluss aus dem Titel zu extrahierenden 'nicht mehr modernen' Theaterwissenschaft. So wird von den beiden Autoren Balmes Einführung in die Theaterwissenschaft immer wieder affirmativ zu Belegzwecken herangezogen, während Kottes Theaterwissenschaft. Eine Einführung nicht einmal in das Literaturverzeichnis Aufnahme gefunden hat.

 

Das Kapitel zu "Theaterästhetik und -theorie" wiederum bietet lediglich einen schlaglichtartigen Teilüberblick, ohne auf darin verwendete Begriffe wie etwa 'Mimesis' einer Einführung gemäß ausführlicher einzugehen. Die Autoren behandeln hierbei zunächst "Einfühlung und Distanz: Schauspieltheorien von Diderot bis heute", setzen sich danach mit "Theaterraum und Szenografie" auseinander, um schließlich der "Theatralen Wirkungsästhetik" viel Aufmerksamkeit zu widmen, wobei auch aktuelle Debatten zu Liminalität, Liveness, Intensität, Präsenz, Atmosphäre und Performativität dargestellt werden. Da zur Erläuterung dieser Debatten aber zumeist in affirmativer Weise Kurzzusammenfassungen von Primärliteratur präsentiert werden, finden differierende Positionen oder kontrastierende Zugänge keinen ausreichenden Platz für eine kritische Auseinandersetzung. Ob der im Titel geführte Terminus 'moderne Theaterwissenschaft' diesem Zugang gerecht wird, ist anzuzweifeln.

 

Als Zielpublikum ihrer Einführung stellen sich die Autoren einen "vorwiegend literaturwissenschaftlich orientierten" (S. 7) Leserkreis vor, was wohl auch damit zusammenhängt, dass das Buch in der Verlagsreihe "Einführungen Germanistik“ veröffentlicht wurde. So mag es in diesem Zusammenhang zwar verwundern, dass in keinster Weise auf Dramentheorie eingegangen wird, der stattdessen gewählte Ansatz "die von der Literaturwissenschaft nur peripher berücksichtigten Wechselwirkungen zwischen dem dramatischen Text, den Eigengesetzlichkeiten der Theaterästhetik und den institutionellen Bedingungen der Theaterkultur" (S. 7) zu thematisieren, hat allerdings durchaus seine Berechtigung.

 

Insofern kann als eine durchgängige Linie in den verschiedenen Darstellungen das Bemühen der Autoren hervorgehoben werden, immer wieder das Verhältnis zwischen literarischem Text und theatraler Umsetzung aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen. Als Konsequenz ihres Zugangs setzten die Autoren Inszenierungs- und Aufführungsanalyse ins Zentrum ihrer Einführung, wobei - wie es sich bereits in den Themen des Kapitels zu "Theaterästhetik und -theorie" andeutet - vielerorts auf phänomenologisch geprägte Methoden zurückgegriffen wird. Damit verbunden ist eine an mehreren Stellen geäußerte, aber nicht nachzuvollziehende Abwehrhaltung gegenüber postmodernen Zugängen und Analysemethoden.

 

So wird beispielsweise zu aktueller deutschsprachiger Dramatik apodiktisch festgehalten, dass diese "im Sinne einer Post-Postmoderne und in Abgrenzung zu den 68ern, ein[en] neue[n] Realismus" (S. 106) fordere. Als offensichtlich ernst gemeinte Begründung für diese Hinwendung zum Realismus wird von den Autoren angegeben, dass die "Kinder der 68er-Generation" eine "Sehnsucht [...] nach Stabilität in der Bewegung, nach Identität in der Dezentrierung, nach Verantwortung, Verlässlichkeit, Treue und Ethik" hätten, wobei "[i]nstinktiv erkannt [wird], dass das, was die etablierten Älteren als Reaktion diffamieren, auch die Subversion einer permanenten Bewegung sein kann, welche zuweilen ein Merkmal für Totalitarismus ist" (S. 105). Da ansonsten auf gesellschaftspolitische Aspekte hinsichtlich Publikum, Rezeption und Darstellung großteils verzichtet wird, irritiert diese in ihrer Verallgemeinerung absurde Analyse einigermaßen, soll hier aber auch den Tonfall wiedergeben, mit dem an einigen Stellen dieser Einführung operiert wird.

 

Überraschend ist diese Formulierung auch deswegen, weil die Autoren zwar zu Beginn ihrer Einführung im Kapitel "Grundlagen" auf unnötige Weise den Werktreue-Begriff behandeln, es ihnen aber im darauf folgenden Kapitel "Forschungsbericht" gelingt, einiges gut zu machen und mit einer Darstellung über "Neuere Forschungsfelder im Überblick" eine erwartungsvolle Haltung zu generieren. Dabei werden über zehn Seiten unterschiedlichste Forschungszugänge referiert, womit einige wertvolle Lektüreempfehlungen, besonders auch aus dem Feld der später verschmähten 'Postmoderne', verbunden sind.

 

Aber bereits hier regt sich an einigen Stellen Zweifel hinsichtlich der Verständnisbereitschaft der Autoren gegenüber den dargelegten neueren Forschungsfeldern, so wenn zu den Queer Studies vermerkt wird, dass deren Untersuchungsgebiet "die Praktiken innerhalb des nicht-heterosexuellen Bereichs" seien, weswegen sich die Queer Studies "folglich nicht unmittelbar mit der Sexualität auseinandersetzen" (S. 30) müssten. Diese unüberlegte Behauptung ist einfach nur falsch und die weiteren Kapitel zeigen leider, dass es wenig Interesse gibt, sich auf die vorgestellten neueren Forschungsfelder einzulassen.

 

Dies betrifft auch die ebenfalls im Kapitel "Forschungsbericht" enthaltene Abhandlung über die "Theaterwissenschaft von ihren Anfängen bis heute". Zwar wird hier im Vergleich zu fachgeschichtlichen Darstellungen in anderen Einführungsbüchern der enge Zusammenhang der Institutionalisierung des Faches mit dem Nationalsozialismus reflektierter ausgebreitet, so wenn darauf verwiesen wird, dass sich die Theaterwissenschaft "als methodisch anschlussfähig an die Ideologie des Nationalsozialismus" (S. 20) erwiesen hat, was auch kurz anhand von Arbeiten Heinz Kindermanns und Carl Niessens angedeutet wird. Von dieser Reflexion ist aber im später folgenden Kapitel über "Historische Formationen" in der Darstellung des "Politischen Theaters im 20. Jahrhundert" nur noch bedingt etwas zu spüren, da dort nur in einem kurzen Absatz das nationalsozialistische Theater thematisiert wird, noch dazu mit der einzigen Feststellung, dass das "faschistische Regime [...] wie das stalinistische den publikumsnäheren und erfolgreicheren Realismus auf der Bühne" (S. 96) bevorzugte. Anstatt zumindest in der Folge auf Kontinuitäten einzugehen, wird zunächst über das "deutsche Theater in der Nachkriegszeit" lamentiert, das "in seiner Innovationskraft eher gelähmt" erschien, um danach befriedigt festzustellen, dass dieses Theater "Anfang der 60er Jahre [...] wieder Weltgeltung zu erlangen" (S. 96) begann.

 

Das Kapitel über "Historische Formationen" ist im Gesamten als gescheiterte Zusammenfassung zu betrachten. Nahegelegt wird eine lineare Deutung der Entwicklung von Theater, wobei die verschiedenen Entwicklungsetappen als abgeschlossen und widerspruchsfrei dargestellt werden. Der im Teilkapitel zu den "neueren Forschungsfeldern" vorgetragenen Forderung nach einer Hinterfragung des "bis dato herrschende[n] eurozentrische[n], männlichkeits- und mehrheitsdominierte[n] Blick[s] auf kulturelle Phänomene und Artefakte" (S. 26) wird de facto eine Absage erteilt, wenn in der Folge nur eine Geschichte des europäischen Theaters und hierbei hauptsächlich des deutschen Theaters erzählt wird. Theatrale Formen abseits der mehrheitsdominierten Theatergeschichtsdarstellungen werden, wenn überhaupt, nur in Nebensätzen erwähnt.

 

Verwendbarer gestalten sich die beiden letzten Kapitel zur Inszenierungs- und Aufführungsanalyse, wenngleich auf Fragen nach gesellschaftlichen Wechselwirkungen theatraler Formen grosso modo verzichtet wird. Stattdessen stehen phänomenologische Aspekte im Mittelpunkt, die in den angeschlossenen praktischen Beispielen großteils nachvollziehbar umgesetzt werden. Analysiert werden dabei Inszenierungen von Thalheimer, Wilson und Castorf und eine Aktion von Schlingensief.

 

Die Einführung in die moderne Theaterwissenschaft kann in der derzeitigen Form als Lehrbuch nicht empfohlen werden, da durchgehend eine Tendenz zur vermeintlichen Abgeschlossenheit und zur apodiktisch vorgetragenen Eindeutigkeit festzustellen ist. Einer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung wird nur bedingt Platz gelassen. Unklar bleibt zudem, welches Publikum die Autoren tatsächlich ansprechen möchten. So differieren die einzelnen Teilkapitel sprachlich ungemein. Die Palette reicht dabei von ungenau reflektierten Beobachtungen bis zu dichten, mit einem Übermaß an Bedeutung aufgeladenen Passagen. Nicht nur hier zeigen sich Inkohärenzen, auch beim Zusammenwirken zwischen den verschiedenen Kapiteln und Teilkapiteln fehlt die Abstimmung, was der Lesbarkeit des Buches enorm schadet. Dazu kommt, dass die Autoren ihre Verwendung des Begriffs 'Theater' nicht erläutern, wodurch vielleicht einige der Einschränkungen bzw. eingeschlagenen Wege besser nachvollziehbar geworden wären. Es ist zu hoffen, dass bei einer zweiten Auflage eine umfangreiche Überarbeitung das Projekt noch zu retten vermag.

 

Veröffentlicht am 17.11.2009 (Ausgabe 2009/2)

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