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Marie-Luise Angerer, Vom Begehren nach dem Affekt.

Zürich/Berlin: Diaphanes 2007. ISBN 978-3-935300-92-6. 224 S. Broschur, Fadenheftung, 24 Abbildungen. Preis: € 24,90.

Rezensiert von: Vera Kropf

Ich fühle – also bin ich? Marie-Luise Angerer diagnostiziert in Vom Begehren nach dem Affekt die Ausbreitung einer affektiven Epidemie. Diese äußert sich gleichermaßen in der Euphorie über die Fußballweltmeisterschaft 2006, dem "postideologischen" emotionalisierten Politikverständnis unserer Tage, dem "performative turn" in der Kunst und der Affektbegeisterung in Medien- und Kulturtheorie.

 

All diese Phänomene sind Manifestationen einer mehrschichtigen Umwälzung, eines "somatischen, affektiven turns" (S. 10). Ja, im allgegenwärtigen Interesse an Emotionen, Gefühlen und Affekten sieht Angerer in Anlehnung an Foucault sogar die Formierung eines (neuen) Dispositivs, "in dem philosophische, kunst- und medientheoretische Diskurse mit molekularbiologischen, kybernetischen und kognitionspsychologischen zu einer neuen 'Wahrheit des Menschen' verlötet werden" (S. 7) – ein durchaus gefährliches Dispositiv, das im Begriff ist, die Sexualität und das für sie charakteristische Begehren aus dem Denken des Humanen zu verdrängen.

Die Autorin, seit Anfang 2007 Rektorin an der Kunsthochschule für Medien Köln, hat in ihrem jüngsten Buch jahrelange Forschungen über das Begehren und den Affekt in Medientheorie, Philosophie, Psychoanalyse, Gender Studies und zeitgenössischer Kunst äußerst komprimiert und zugespitzt. Den Verästelungen einer gotischen Kathedrale vergleichbar sind in dem äußerlich recht schlanken Band verschiedene Theorien und Aspekte des Themas so verdichtet miteinander in Verbindung gebracht, dass vermutlich allein die vollständige Aufzählung der angeführten AutorInnen den Rahmen dieser Buchbesprechung sprengen würde. In diesem Sinne möge die nachfolgende Zusammenfassung als ein Blitzlicht verstanden werden, das wesentliche Aspekte aus der komplexen Architektur des Textes beleuchtet.

Im ersten Kapitel "Affective Troubles in Medien und Kunst" kritisiert Angerer die neue Zentrierung auf ein Affektives, das vielfach als selbstevident angenommen wird. Aber eben dieses sich scheinbar selbst Erklärende des Affekts sollte stutzig machen und dazu anregen, es im Sinne von "affective troubles" zu reflektieren und zu diskutieren. Es scheint jedoch gerade die Sehnsucht nach einer Wahrheit jenseits von sprachlicher Repräsentation zu sein, die hinter dem Interesse an einer Theorie des affektiven Körpers als Zentrum des medialen Bilderuniversums steht. Hand in Hand damit gehen die medientheoretische Feier des Digitalen als Universaltechnologie, welche die conditio humana zu transzendieren vermag, und der Versuch der Kybernetik, "das Programm des menschlichen Gehirns dem Programm intelligenter Maschinen zu implementieren" (S. 31). Was das Affektive und die Technologie des Digitalen gemeinsam haben, ist – so Angerer an anderer Stelle – das Begehren, einen unmittelbaren Zugang zum Gehirn bzw. zum Organismus herzustellen. Mit dem Digitalen als Medium, das über das Mediale, über das Vermittelte hinauszugehen vermag, und der Stilisierung des "Gefühl[s] als Medium" (S. 22) zwischen Körper und Geist wird die Rolle des bewusst handelnden Subjekts zunehmend problematisch und die Grenzziehung des Menschlichen zu Tier/Maschine brüchig.

Es ist der "Abschied vom Humanen", der, wie in "Human / Posthuman / Transhuman"

dargelegt, von Lebensphilosophie, Kybernetik und Neurobiologie eingeleitet wurde. Schon Foucault prophezeite, dass das "Denken vom Menschen" verschwinden würde. Seit dem Niedergang des cartesischen Cogitos, das schon bei Kant brüchig geworden und nicht mehr "voll wie ein Ei" ist (Deleuze, zit. nach S. 41), wird das Ich als begrenztes erfahren. Diese theoriegeschichtliche Entwicklung gipfelt in Sprachphilosophie und Psychoanalyse mit ihrer Konzeption des Subjekts als symbolisch verfasstes. Das Humane, so Angerer mit Heidegger, hat seine Heimat in der Sprache. Aber der gegenwärtige Wandel im Denken, die Konjunktur von Theorien des Affektiven, welche Sprache und Repräsentation in Zweifel ziehen, treibt die Aushöhlung dieser Subjektkonzeption voran und führt damit das Humane in die Krise. Die Bewegung von der Sprache zum Affekt ist der Entwicklung von human zu posthuman bzw. transhuman eingeschrieben.

Angerer führt die "Affektiven Theorieläufe", die diese Bewegung vollziehen, unter Berufung auf Bergson, Spinoza, Neurobiologie und Systemtheorie aus, und sie beschreibt, wie diese Theorien die Überwindung der Geist/Körper-Dichotomie versprechen und nach der Verbindung von Biologischem und Kulturellem, Geistes- und Naturwissenschaften streben. Die Idee des Affekts als spontane, unverfälschte Äußerung des Leibes steht im Zentrum einer Psychologie, die "mit dem kybernetischen Selbstregulierungsgedanken flirtet" (S. 68). Aus den Reihen der AffekttheoretikerInnen – und gerade auch feministische Diskurse haben zum "somatischen turn" beigetragen – hagelt es Angriffe auf die Psychoanalyse und deren Fokussierung auf die Repräsentation. Speziell Lacan wird beschuldigt, den Affekt ignoriert zu haben. Jedoch ist nach Lacan der Affekt nicht verdrängt, sondern lediglich verschoben, und zwar "wie eine Schiffsladung verrutscht" (S. 124). Gerade diese primäre Rolle, die Lacan dem Affekt abspricht, kommt ihm aber laut Silvan Tomkins, einem der Begründer der Affekttheorie, zu, insbesondere der Scham als einem "Primär-Affekt". Der Affektbegriff soll bei Tomkins den seiner Meinung nach zu eng gefassten Begriff des Triebes ablösen. Doch Angerer stellt fest, dass diese Definitionen des Affekts einerseits nur knapp am freudschen Triebbegriff vorbeischiffen und andrerseits die zentralen Begrifflichkeiten – wie Affekt, Gefühl, Emotion – oft unklar und uneinheitlich sind.

Im Kapitel "Vom Cybersex zu Abstract Sex" beschreibt die Autorin die Bedrohung der Sexualität und des ihr eigenen Begehrens nach dem Anderen (Lacan) durch die Fokussierung auf das Somatische und Affektive. In der psychoanalytischen Definition beinhaltet Sexualität über die bloße Bedürfnisbefriedigung hinaus immer die "Dimension des Begehrens und des Anspruchs" (S. 85). Doch die digital beschleunigten Metamorphosen (die Cyborg, Die Fliege), das "Tier-Werden" (Deleuze/Guattari), höhlen das begehrende Subjekt so weit aus, dass sich unter der Haut kein Ich mehr finden lässt, das einen Anderen begehren kann. Diese tief greifenden Mutationen des Begehrens gipfeln in seiner völligen Dekomposition – wie etwa in der Theorie eines "Abstract Sex" (Luciana Parisi), der nur mehr eine Frage des Austausches auf unterschiedlichen Ebenen ist, ein quasi motivationsloses "genetic mixing in organisms" (Margulies, zit. nach S. 99).

Im Schlusskapitel "Sexualizing Affect" plädiert Angerer dafür, die Sexualität, das Begehren – kurz: den psychoanalytischen Standpunkt – in den Diskurs zurückzuholen. Das Unbewusste wird in kybernetischen, neuropsychologischen Debatten zum Teil nur mehr als eine Adaptionsqualifikation verstanden, die Menschen den Maschinen voraushaben – als "Automaten, die, ohne zu wissen, richtig reagieren, weil ihre Spontaneität mit ihrer Umwelt direkt kommuniziert" (S. 103). Dieser verkürzten Sichtweise entgegnend ist es an der Zeit, das Unbewusste wieder als ein "dynamisches Potenzial" (Freud) zu begreifen, das das Individuum übersteigt und das Begehren als das "unbewusste Wissen der Triebe" (Lacan), welches die Sexualität antreibt. Eine entsexualisierte Definition des Humanen über den Affekt möchte die Distanz zwischen Geist und Körper, dem Ich und dem Anderen als nicht-existent darstellen. Das Begehren aber entsteht aus eben der Spaltung, der nicht schließbaren Lücke, deren Überwindung es anstrebt. Die Sexualität – als elementarer kultureller Motor – braucht ein begehrendes Subjekt ebenso wie diesem Subjekt ein sprachlich verfasstes Bewusstsein und ein "unberechenbares" Unbewusstes zugestanden werden müssen. Die somatische Definition des Menschen als affektgesteuertes Wesen blendet mit dem Sexuellen auch alle Tiefendimensionen des Humanen aus.

Das "Begehren nach dem Affekt", nach dem das Buch benannt ist, ist doppelt zu verstehen: einmal als Bestandsaufnahme oder Diagnose eines (diskursiven) Begehrens, das auf den Affekt und auf seine scheinbar so viel versprechende Erforschung gerichtet ist, und zweitens im Sinne der Frage nach dem Zustand des (dem Affekt zeitlich nachgeordneten) Begehrens "nach" dem Affekt. In einer Zeit, in der das Affektive als vermeintlich "primäre Kraft" das Sexuelle entthront hat und die "Wahrheit des Affektiven" den Menschen zwischen biologischen und technischen Definitionen zu zermalmen droht, hat der Standpunkt des Begehrens das Potenzial, das Subjekt wieder einzusetzen. Für das affektive Dispositiv kann eine "Verlagerung auf das Sichtbare diagnostiziert werden, in dem das Sagbare sich nur mehr 'zeigt' (evident ist)." (S. 120). Den Affekt zu sexualisieren, das Begehren zurück in die Diskussion zu holen, kann als subversives Mittel verstanden werden, dieser Verflachung entgegenzuwirken und der vermeintlichen Evidenz des Affektiven den lacanschen Spiegel vorzuhalten.

In Vom Begehren nach dem Affekt bezieht Marie-Luise Angerer eine kritische Position zu erkenntnistheoretischen Missständen im Zeitalter der digitalen Kultur. Diese breit angelegte Untersuchung geht in ihrer philosophischen Fundierung und durch umfassende Einbeziehung psychoanalytischer, naturwissenschaftlicher, kunsttheoretischer und kulturwissenschaftlicher Standpunkte über das traditionelle Gebiet der Medientheorie weit hinaus. Der Text gibt sich in seiner Dichte, Komplexität und Kompromisslosigkeit nicht gerade leicht verständlich, eröffnet aber dem/der entschlossenen LeserIn erstaunliche neue Perspektiven auf das gerade in der heutigen Zeit hochaktuelle Grundproblem des Verhältnisses von "Wahrheit" und Wissenskultur, Medium und Subjekt.

 

Veröffentlicht am 15.04.2008 (Ausgabe 2008/1)

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