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Jens Eder, Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse.

Marburg: Schüren Verlag 2008. 832 S. Fadenheftung, einige Abb. ISBN 978-3-89472-488-7. Preis: € 58,-.

Rezensiert von: Claus Tieber

Die Frage nach einem Modell zur Figurenanalyse wird in der universitären Praxis des Öfteren gestellt. Diplomarbeiten, welche Themen wie Stars, Typen oder die Repräsentation bestimmter gesellschaftlicher Gruppen analysieren wollen, sind zumeist auf der Suche nach geeigneten Analysemodellen.

 

Wird man als Betreuer in die Verlegenheit gebraucht, ein derartiges Modell nennen zu sollen, musste man bislang mit Verweisen auf vereinzelte Stellen da und dort antworten. Ein taugliches, allumfassendes und praktisch anwendbares Modell gab es bislang nicht. Dem wurde nun Abhilfe geschaffen. Jens Eder, frisch gebackener Professor für Medienwissenschaft an der Universität Mainz, hat sich des Themas in der denkbar umfassendsten Art und Weise angenommen.

 

Denn es ist ja nicht so, dass sich die Filmwissenschaft und verwandte Disziplinen keine Gedanken zur Thematik der fiktionalen Figur gemacht hätten. Ganz im Gegenteil. Wie Eder schreibt, haben "viele nur wenig und nur wenige viel zum Bereich der Figur geschrieben" (S. 40). Eder stellt die Ansätze aus den diversen Richtungen und Schulen der Filmwissenschaft - strukturalistische, psychoanalytische und kognitive Theorien sowie die Versuche mehrere Ansätze zu vereinen - ausgiebig vor. Was der bisherigen Beschäftigung mit der Figur allerdings fehlte, war ein für viele, wenn nicht für alle Fragestellungen brauchbares Analysemodell zu schaffen, welches besagte Vorarbeiten aufnimmt und integriert. Genau dies ist Eders Absicht, die er in dem Buch erfolgreich ausführt. Gesellt man der Aufspaltung der Figurenanalyse nach verschiedenen Schulen, noch die nach Produktion, Textanalyse und Rezeption hinzu, wird rasch klar, wie schwierig und unübersichtlich das Gebiet ist, auf das sich Eder hier begibt.

 

Das Interessante und Innovative an Eders Ansatz stellt seine Betonung der Rezeption dar. Die Analyse einer Figur ist laut Eder unvollständig, wenn sie nur auf der Ebene des filmischen Textes verharrt ohne die intendierte und reale Rezeption mit zu berücksichtigen. "Der Weg zur Figur führt in jedem Fall über Rezeption und Kommunikation" (S. 107) heißt es an einer Stelle und an einer anderen: "Figurenanalyse ist im Grunde nichts anderes als eine systematische Rekonstruktion und Elaboration verschiedener Rezeptionsformen auf der Basis möglichst genauer Daten und Beobachtungen" (S. 133). Diese von der Rezeption ausgehende breite Definition von Figurenanalyse findet ihr Analysemodell schließlich in dem, was Eder "die Uhr der Figur" (131ff.) nennt. Diese besteht aus vier Bereichen, innerhalb derer Figuren analysiert werden können.

 

Diese Bereiche bilden denn auch die folgenden Kapitel des fast 800 Seiten starken Bandes: "Die Figur als Artefakt", "Die Figur als fiktives Wesen", "Die Figur als Symbol" und "Die Figur als Symptom". Die Figur als Artefakt untersucht die Produktionsseite und inkludiert die Intentionen der Filmemacher. Die Figur als fiktives Wesen beschäftigt sich ganz traditionell mit dem filmischen Text. Die Figur als Symbol und als Symptom untersuchen jeweils die verschiedenen Bedeutungen, die in Figuren hineingelesen werden können, ihren symbolischen Gehalt ebenso wie den historisch politischen Kontext, in dem sie entstanden sind.

 

Als roter Faden, als Beispiel, an dem Eder immer wieder die Praktikabilität seines Modells demonstriert, dient ihm Casablanca (USA 1942, Regie: Michal Curtiz). Dass der Autor bei nur einem einzigen Film bleibt und andere Beispiele nur dort heranzieht, wo es nötig ist, gehört zu den methodischen Stärken des Buches. Ein einfacher, aber umso wirkungsvollerer 'Trick', der auch in Theorieseminaren bestens funktionieren sollte.

 

Mitunter verwundert es ein wenig, wenn Eder avancierte film- und literaturwissenschaftliche Theorie auf einer Ebene mit Drehbuchliteratur behandelt. Zwar verweist er auf die normative Funktion der Ratgeber-Literatur, dennoch verwendet er sie auch zu analytischen Zwecken. Die Analyse von Drehbüchern und des Produktionsprozesses bringt jedoch weit mehr Erkenntnisse hervor, wenn sie nach wissenschaftlichen Methoden erfolgt und nicht als Überprüfung der Einhaltung vermeintlicher Gesetze oder Regeln aus Manualen. Die Analyse von Filmfiguren ist an Hand von Eders Fragekatalogen, mit denen er die einzelnen Kapitel abschließt, viel ergiebiger als mit Hilfe von Syd Field, Christopher Vogler et al. Anders formuliert: Drehbuchliteratur ist im wissenschaftlichen Kontext als Primär- nicht als Sekundärquelle zu behandeln. Besagte Fragekataloge gehören zu den Positiva des Bandes, die Eders Modell praktisch nutzbar machen.

 

Wenn man also das nächste Mal nach einem Modell zur Figurenanalyse gefragt wird, kann man auf Eders Buch verweisen. Es bietet einen umfangreichen theoretischen Background sowie einen praktischen Leitfaden für diese zentrale Frage (nicht nur) der Filmwissenschaft. Dank seines Modells, dank der "Uhr der Figur" ist eine differenzierte Analyse leichter machbar als zuvor. Ganz ohne Vorbehalte kann man ein 800seitiges Buch, das zum Preis von 58 Euro verkauft wird, jedoch nicht empfehlen. Wer nämlich nur ein Anleitung zur Analyse sucht, muss sich durch hunderte Seiten durchkämpfen, welche den Forschungsstand und Eders Begründung seines Modells mitunter allzu ausführlich wiedergeben. Dass bei diesem Umfang Redundanzen nicht ausbleiben, kann nicht verwundern. Dies tut dem Umstand jedoch keinen Abbruch, dass Eder in diesem Buch ein differenziertes, umfassendes und interdisziplinäres Modell zur Figurenanalyse liefert. Dieses nun auch anzuwenden, es auf seine praktische Tauglichkeit hin zu überprüfen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, bleibt die Aufgabe aller daran Interessierten.

 

Veröffentlicht am 17.11.2009 (Ausgabe 2009/2)

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