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Klaus Kastberger/Kerstin Reimann, Ödön von Horváth. Kasimir und Karoline. Hg. unter Mitarbeit von Julia Hamminger und Martin Vejvar. Bd. 4 von: Klaus Kastberger (Hg.), Ödön von Horváth. Wiener Ausgabe sämtlicher Werke. Historisch-kritische Edition. Am Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

Berlin/New York: Walter de Gruyter 2009. ISBN 978-3-11-019614-6. 590 S., geb., m. Abb. Preis € 289,-.

Rezensiert von: Johann Hüttner

Die Wiener Ausgabe sämtlicher Werke Ödön von Horváths ist eine historisch-kritische textgenetische Edition und wird alle Werke (auch Fragmente) sowie alle verfügbaren Briefe und Lebensdokumente des Autors umfassen. Basis bilden die umfangreichen Materialien aus dem Nachlass Ödön von Horváths im Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek (inklusive von Leihgaben der Wienbibliothek). Kasimir und Karoline als Band 4 ist der erste erschienene. Umfänge und Erscheinungsabfolgen sind bei solchen Unternehmungen schwer planbar, und man kann den Herausgebern und dem Verlag nur alles Gute wünschen – nicht jede historisch-kritische Ausgabe hat es bis zum letzten Band geschafft.

 

Das gesamte Unternehmen ist auf 18 Bände ausgelegt, bestehend aus zwölf Stücke-, vier Prosabänden (darunter Fragmente und Werkprojekte), einem Band Autobiographisches/Theoretisches/Vermischtes und einem Band Briefe sowie Lebensdokumente. Horváths Nachlass kam 1962 aus Familienbesitz ans Archiv der Akademie der Künste in Berlin, aufgrund der problematischen Bearbeitung des Nachlasses verlangten und erhielten die Erben jedoch den Berliner Bestand zurück. Dieser wurde daraufhin 1990 gemeinsam von der Handschriftensammlung der damaligen Wiener Stadt- und Landesbibliothek (heute Wienbibliothek) und der Österreichischen Nationalbibliothek erworben. Letztere übertrug dann ihren Anteil an das Österreichische Literaturarchiv.

 

Bislang gab es zwar eine Reihe von Ausgaben der Werke Horváths, doch sie hatten aus philologischer Sicht editorische Mängel. Traugott Krischke, Nachlassverwalter von 1969 bis 1980, war als Herausgeber zum Teil ungenau und von den Irrtümern des Berliner Archivs, werkgenetische Informationen bzw. falsche Zusammenhänge betreffend, abhängig. Oft blieb unklar, wohin mit den Schnipseln und ausgeschiedenen Seiten.[1]  Eine werkgenetische Ausgabe wurde also schon seit längerem als Desideratum empfunden. Sie kann sicherlich der Horváth-Forschung neue Impulse geben und vor allem textbezogenen Untersuchungen eine gesicherte Basis bieten – zumal sich Horváths penible Arbeitstechnik durch Zerschneiden, Zusammenkleben, Montieren, Überarbeiten seiner Texte auszeichnete und er sich dadurch wiederholtes Abschreiben ersparte. Die scheinbare Einfachheit seiner Sprache oder die Struktur der Stücke sind Folge eines komplexen Prozesses. Eine frühe Form von copy and paste? Es handelt sich also nicht um hingeworfene Sätze, ganz im Gegenteil. Das zu erkennen, bedarf einer Edition wie der vorliegenden.

 

Die einzelnen Bände der Wiener Ausgabe werden jeweils in Vorwort, Text- und Kommentarteil gegliedert. So soll der Entstehungsprozess der Werke transparent gemacht und ein schrittweiser Nachvollzug bis in die Letztfassung der Texte ermöglicht werden. Das Vorwort zu Kasimir und Karoline skizziert die Entstehungsgeschichte unter Miteinbeziehung zeitgenössischer Rezeption, wobei man hier vor allem Traugott Krischkes Dokumentation Horváth auf der Bühne 1926 – 1938 (Wien 1991) sehr verpflichtet ist. Ansonsten wird auf die Rezeption wenig eingegangen. Der Textteil reiht die genetischen Materialien chronologisch. Dem Lesetext ist ein kritisch-genetischer Apparat beigegeben. Dieser macht die Änderungsprozesse des Autors deutlich, auf denen die konstituierten Fassungen basieren, ferner verzeichnet er alle Eingriffe der Herausgeber. Die Endfassung des Werkes wird zusätzlich in emendierter Form dargestellt. Die Ausgabe zielt in Auswahl und Textkonstitution auf Lesbarkeit. Graphische Anordnung und wissenschaftliche Methode gehen hier Hand in Hand, denn nur durch den großen Satzspiegel, die vielen Faksimiles war wohl das Konzept der Ausgabe umzusetzen. Dafür ist v.a. dem Verlag de Gruyter zu danken.

 

Im Kommentarteil findet sich ein chronologisches Verzeichnis, das alle vorhandenen Textträger formal und inhaltlich beschreibt und Argumente für die Reihung der darauf befindlichen Entwürfe und Textstufen sowie für die Konstitution der innerhalb der Textstufen vorliegenden Fassungen liefert. Simulationsgrafiken (sehr aufschlussreich, jedoch gewöhnungsbedürftig) dienen zur Darstellung komplexer genetischer Vorgänge. Das Material zu Kasimir und Karoline bildet mit etwa 330 Blatt handschriftlicher Entwürfe und Typoskripte eines der umfangreichsten genetischen Konvolute im Nachlass Horváths. Veränderungen und Entwicklungen sind in den Materialien gut nachvollziehbar. Wort- und Sacherklärungen fanden in dieser Edition – wohl bewusst – keinen Raum, sind sie doch durch Heranziehen anderer Hilfsmittel dem Benützer erschließbar.

 

Der Beginn der Arbeit Horváths an Kasimir und Karoline steht in engem Zusammenhang mit dem nachfolgenden Stück Glaube Liebe Hoffnung. Es wurde von Arcadia, dem Theaterverlag des Ullstein Verlags, als unverkäufliches hektografiertes Bühnenmanuskript vertrieben. Vermutlich hoffte Horváth auf eine gedruckte Ausgabe von Kasimir und Karoline, doch erst 1961 war es so weit, als Traugott Krischke das Stück in den bei Rowohlt erschienenen Sammelband Ödön von Horváth: Stücke aufnahm, mit dem Horváth als moderner Klassiker etabliert wurde.

 

Die Bearbeiter der Wiener Ausgabe vermuten einen Konflikt zwischen Autor und dem Regisseur der Uraufführung Francesco von Mendelssohn. Mendelssohn wollte das Ambiente des Oktoberfests herausstreichen, während es Horváth eher um die existenzielle Grundierung seiner Figuren ging. Aus den Materialien geht aber hervor, dass der Autor dem Drängen des Regisseurs nachgab und sich vermutlich während der Probenarbeiten zur Uraufführung erneut auf die Oktoberfest-Thematik konzentrierte. Die erste öffentliche Aufführung fand als 'dramaturgische Probe' am 18. November im Leipziger Schauspielhaus statt, eine Woche später, am 25. November 1932, kam es in derselben Besetzung zur eigentlichen Uraufführung im Komödienhaus Berlin. Möglicherweise wurden textliche Eingriffe am Weg von Leipzig nach Berlin vorgenommen. Die Kritik der Leipziger 'Probe' war gespalten, auch zur Berliner Aufführung gab es geteilte Kritikerstimmen. Ein Gastspiel der Gruppe Ernst Lönner im Februar 1935 im Theater Die Komödie in Wien (mit zusätzlichen Liedertexten von Georg Alfred und Ernst Lönner) wurde hingegen von der Kritik sehr positiv aufgenommen (S. 10-13).

 

Die Gebrauchsanweisung (sie soll in Band 17: Autobiographisches/Theoretisches/Vermischtes kritisch ediert werden), leistet als Anleitung zur Inszenierung von Horváth Stücken bis heute wertvolle Dienste. Da der Autor in der Gebrauchsanweisung seine dramaturgischen Grundsätze anhand von Kasimir und Karoline illustriert, war man – gestützt auf die Anmerkungen in den Ausgaben von Traugott Krischke – der Meinung, dieser Text sei erst nach der Uraufführung des Stücks entstanden. Das Gegenteil ist der Fall. Teile der umfangreichsten Fassung der Gebrauchsanweisung übernahm Horváth in die schriftliche Version des Interviews mit Willi Cronauer, das im Bayrischen Rundfunk am 5. April 1932 gesendet wurde. Die Gebrauchsanweisung sei daher als Willensäußerung des Autors hinsichtlich der erst bevorstehenden Inszenierung von Kasimir und Karoline und als eine Reaktion auf die Uraufführung der Geschichten aus dem Wiener Wald zu verstehen (vgl. S. 13).

Die Edition legt Material vor und versucht einen genetischen Zusammenhang herzustellen, komplexe Vorgänge nachvollziehbar zu machen und somit einen Einblick in den Arbeits- und Schaffensprozess des Autors zu geben. Damit ist hoffentlich eine Basis geschaffen, die nicht nur der Horváth-Forschung neue Perspektiven ermöglicht, die auch - weil nicht interpretierend, sondern Interpretationen ermöglichend - vielen Generationen als Standard dienen kann. Der Verlag wies in der Präsentation optimistischerweise auf das säurefreie Papier hin, das immerhin 300 Jahre Haltbarkeit garantieren soll. Im Prospekt wird aber auch die Vertriebsform als eBook beworben.

 

Editorisches Arbeiten erfordert neben den wissenschaftlichen Ansprüchen auch kriminologisches Denken. Historisch-kritische Ausgaben 'liest' man aber nicht wie einen Krimi, man arbeitet damit. Zielgruppe sind Wissenschaftler, Institute und Bibliotheken. Für den normalen Leser wäre ein Ladenpreis von 289,-- Euro ohnehin kaum erschwinglich. Es wäre wünschenswert, wenn auch Theater (Dramaturgen und Regisseure) zu den Käufern gehörten. Die Anregungen sind vielfältig, die Perlen bräuchten nur aufgelesen zu werden.

 

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[1] Vgl. dazu Klaus Kastberger, Revisionen im Wiener Wald. Horváths Stück aus werkgenetischer Sicht, in: Ödön von Horváth. Unendliche Dummheit – dumme Unendlichkeit, hg. v. Klaus Kastberger, Wien 2001, S. 108-130.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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