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Jen Harvie, theatre & the city. Joe Kelleher, theatre & politics.

Basingstoke: Palgrave Macmillan 2009. (theatre &). ISBN 978-0-230-20522-2, 978-0-230-20523-9. 104 S., 96 S. Preis: £ 4,99/€ 6,99.

Rezensiert von: Katharina Wessely

Die Reihe "theatre&" der britischen TheaterwissenschaftlerInnen Jen Harvie und Dan Rebellato mit dem hübschen Untertitel small books on theatre & everything else hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die ruhelose interdisziplinäre Energie des Theaters zu erkunden, "asking how the theatre might illuminate the world and how the world might illuminate the theatre" (Harvie, S. x).

 

Was damit auf den ersten Blick nach einem wahren Monsterunterfangen aussieht, entpuppt sich als Reihe von Einzelstudien, die es sich nicht nur zum Ziel setzt, den aktuellen Stand der Forschung zum jeweiligen Aspekt darzustellen, sondern dies auch auf eine Art und Weise zu tun, die über das Fachpublikum hinaus eine breitere LeserInnenschaft anspricht. Die Bücher, richtiger Büchlein (knapp 90 kleinformatige Seiten), sollen "readable in one sitting by anyone with a curiosity about the subject" sein (Harvie, S. x).

 

Diesem Anspruch werden zumindest die Bände theatre & politics und theatre & the city nun auch tatsächlich gerecht – ohne dabei das Reflexionsniveau nach unten zu schrauben. Ermöglicht wird dies zuerst einmal durch eine klare Sprache, die eineN als deutschsprachige LeserIn wieder einmal daran erinnert, wieviel flüssiger und ansprechender die englische Wissenschaftssprache oft ist. Die AutorInnen beider Bände bringen dabei auch sich selbst als TheaterbesucherIn bzw. LeserIn von Texten über Theater in die Darstellung ein, indem sie zum einen auf aktuelle Theaterereignisse und damit auf eigene Erfahrungen Bezug nehmen, zum anderen indem sie einen klaren Standpunkt in der wissenschafltichen Diskussion ihres Themas einnehmen. Diesen muss man zwar nicht in allen Punkten teilen, nachvollziehbar wird er aber allemal. Zum zweiten ist auch die Struktur der Bücher klar gegliedert, wobei insbesondere zwei Gemeinsamkeiten auffallen: Beide AutorInnen stellen den jeweiligen Kapiteln klare Definitionen der Schlüsselbegriffe voran; und beide Texte machen es einem durch vielfache Vor- und Rückverweise, sowie explizite Bezugnahmen auf bereits Gesagtes leicht, dem roten Faden zu folgen. Weiters positiv anzumerken ist, dass in beiden Büchern der Bibliographie ein kurzer Kommentarteil vorangestellt ist, in dem die AutorInnen herausstreichen, welche Texte sie für welche Fragestellungen für besonders aufschlussreich halten.

 

theatre & the city von Jen Harvie, einer der Herausgeberinnen der Reihe, stellt damit wohl auch so etwas wie ein paradigmatisches Beispiel der Reihe dar. Das Buch präsentiert zwei im angloamerikanischen Raum besonders einflussreiche aktuelle Zugänge zum Themenkomplex Theater und Stadt, nämlich 'cultural materialism' und 'performative analysis'. Über die Darstellung dieser Zugänge hinaus, bei der sowohl deren Vorteile als auch deren Grenzen aus Sicht der Autorin aufgezeigt werden, versucht Harvey abschließend, die beiden Ansätze zu vereinen, um so mittels eines komplexeren Analyseinstruments den komplexen Zusammenhängen von Theater und Stadt näher zu kommen. Den beiden Methoden-Kapiteln ist ein gewissermaßen dramenhistorisches Kapitel vorangestellt ("City and texts"), das sich mit der Behandlung der Stadt und des städtischen Lebens in Dramen von der Antike bis in die Gegenwart beschäftigt. Nicht nur wegen des langen Zeitraums, der auf 11 Seiten nur eine sehr kursorische Behandlung der jeweiligen Veränderungen erlaubt und der ab der Neuzeit starken Konzentration auf das englische Drama ist dieses Kapitel das schwächste des Buches, sondern auch, weil die Interessen der Autorin offensichtlich woanders liegen. Dies wird jedoch durch die drei folgenden Kapitel, in denen die beiden Analysemethoden vorgestellt und verknüpft werden, leicht wettgemacht.

 

Das Kapitel "cultural materialism, theatre and the city" zeigt die Prämissen dieses Zugangs nachvollziehbar auf und durchleuchtet davon ausgehend die Institution Theater auf verschiedenen Ebenen, als Aufführungsort, als Ort, der Kapital konzentriert, als Ort der TheaterarbeiterInnen und der BesucherInnen. In einer abschließenden Bewertung der Methode stellt sie fest, dass die starke Fokussierung auf die materiellen Grundlagen des Theaters, so wichtig diese auch sind, allerdings oft dazu führt, den Kapitalismus und seine Folgen als unausweichlich vorauszusetzen und somit eine negative, fast zynische Position einzunehmen, in der Theaterpraxis immer das System unterstützt, egal wie emanzipatorisch diese Praxis sich selbst versteht.

 

Das Gegenteil sieht sie im Kapitel "City and performativity: performing the city" bei folgendem Zugang am Werk. 'Performative analysis' betont demnach die grundsätzlich für alle vorhandenen Möglichkeiten, die (Produktions-, aber auch Lebens-)Bedingungen zu hinterfragen, was Harvie an einigen Beispielen aus der Geschichte der performance zeigt. Gerade darin sieht sie allerdings auch die Gefahr, zu optimistisch bezüglich des befreienden Potentials von performances zu werden. Neben einer größeren Ausgewogenheit zwischen Zynismus und Naivität geht es ihr im folgenden Versuch, die beiden Methoden miteinander zu verschalten, aber auch darum, den komplexen und widersprüchlichen Tendenzen des zeitgenössischen Theaters gerecht zu werden, das gleichzeitig materiellen und anderen Bedingungen unterworfen ist und nichtsdestotrotz ein subversives Potential bereithält. Auch die Trennung der beiden Untersuchungsgegenstände in traditionelles Theater einerseits, performance andererseits, muss deshalb nach Meinung der Autorin überwunden werden. Etwas unklar bleibt allerdings, wie diese verknüpften Methoden genau aussehen sollen. Die Neubenennungen als 'materialist performativity' und 'performative materialism' deuten bereits ein erstes Problem an: Es handelt sich weiterhin um 'zwei' (einander nun zwar aufgeschlossen gegenüberstehende) Methoden, und nicht um 'eine' komplexe. Doch nichtsdestotrotz sind die kreativen Überlegungen zur Überwindung alter Denkmuster eine spannende Lektüre, wie dies überhaupt von dem ganzen Buch gesagt werden kann.

 

theatre & politics von Joe Kelleher ist gleichfalls ein äußerst anregender Text, der sich nicht nur mit politischem Theater im engeren Sinne beschäftigt, sondern der größeren Frage nachgeht, was passiert, wenn Politik und Theater aufeinander treffen. Ausgangspunkt dafür sind im einleitenden Kapitel "Politics" zwei dokumentarische Fotos politischer 'Szenen'. Von diesen konkreten Beispielen aus, auf die er im Verlauf des Textes auch immer wieder zurückkommen wird, entwickelt Kelleher eine Definition von 'politics', die eng zusammenhängt mit "concerns about participation, ownership, membership and exclusion" (S. 5). Die zentrale Frage, ob Theater heute noch zum politischen Handeln anregen kann, beantwortet Kelleher folgendermaßen: "In much of what follows, I suggest that it may be in theatre‘s unreliability, its seeming fragility and tendency to untruth, its tendency to cast a mask over its own face, and its inability - politically speaking - to stop the police when they march forward, that its greatest political potential is to be found." (S. 14). Von diesen Prämissen ausgehend betrachten die folgenden Kapitel ("Theatre" - "Work" - "Pleasure" - "Political theatre?" - "Stubborn messengers") mit unterschiedlichem Fokus historische und aktuelle Theaterinszenierungen sowie Texte zum politischen Theater.

 

Wie schon theatre and the city besticht auch dieser Text durch seine Anschaulichkeit, die klare Sprache und Struktur sowie anregende Überlegungen zu einem komplexen Themenfeld, in denen klar Stellung bezogen wird und gleichzeitig bisherige Arbeiten zum Thema einbezogen und dargestellt werden. Auch wenn einzelne Standpunkte der AutorInnen nicht immer geteilt werden müssen, können die Bücher der Reihe "theatre &" nur jedem/r ans Herz gelegt werden, der/die sich mit dem Funktionieren von Theater und den Zusammenhängen von Theater und 'Wirklichkeit' beschäftigt.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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