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Petra Maria Meyer (Hg.), acoustic turn.

München: Fink 2008. ISBN 978-3-7705-4389-2. 723 S., zahlr. s/w Abb., 2 DVD. Preis: € 88,-/sfr 149,-.

Rezensiert von: Christine Ehardt

"Das Ohr ist der bevorzugte Sinn der Aufmerksamkeit. Es wacht gewissermaßen an der Grenze, jenseits deren das Auge nicht mehr sieht." (Paul Valéry, Hefte. Frankfurt am Main 1993, S. 33) Der interdisziplinäre Tagungsband Acoustic turn, herausgegeben von der Theater- und Medienwissenschafterin Petra Maria Meyer, setzt auf einen programmatischen Titel, um dem Hörsinn (wissenschaftliche) Aufmerksamkeit zu verleihen.

 

Während die paradigmatischen 'turns' der letzten Jahrzehnte vom 'linguistic turn' bis hin zum 'iconic turn', vor allem auf eine Neubewertung und Aufwertung eigener Wissensdisziplinen abzielten, diskutiert der Sammelband akustische Phänomene als integrativen Teil von Kultur- und Medienwissenschaft. Der Stellenwert des Hörens wird damit zu Recht nicht in eine Hierarchie der Sinne eingeordnet, sondern versteht sich im Sinne Valérys als komplementäre Praktik der Wirklichkeitswahrnehmung.

 

Akustische Phänomene erfahren derzeit in Wissenschaft und Kunst wachsende Beachtung. Audioflashmobs, performative Hörwerke (wie etwa von der deutschen (Radio-)Gruppe Ligna im Tanzquartier Wien jüngst uraufgeführt) oder internationale Konferenzen zu den Themen "Resonanz" (Berlin 2006) und "Auditive Medienkulturen" (Siegen 2010) veranschaulichen das neu erwachte Interesse am Akustischen.

 

Der medientechnische Fortschritt bietet immer wieder veränderte Bedingungsfaktoren sowohl für Sprechen und Sprache in mündlicher Kommunikation als auch für die Künste, die vor allem im 20. Jahrhundert mit lautpoetischen und radiophonen Konzeptionen Stimme und Geste in neuer performativer Weise freisetzten.

Der umfangreiche Sammelband greift diese Strömungen und Tendenzen auf und bringt sie in einen theoretischen und wissenschaftshistorischen Kontext. Meyer versammelt dabei aktuelle wissenschaftliche Ansätze einer auditiven Medienkultur sowie historische Texte von Sergej M. Eisenstein, Arsenij Avraamov oder Pierre Schaeffer und aktuelle künstlerische Positionen wie etwa von Gerhard Rühm und Christina Kubisch. Unterteilt in fünf Sektionen wird die Verbindungslinie zwischen den Sinneswahrnehmungen, vorwiegend zwischen dem Hören und Sehen, ausgelotet.

 

Den Beginn macht das "Philosophische Richtungshören" (S. 33). Darunter versteht Meyer die phänomenologische und philosophische Auslotung der Bedeutung des Hörens und des Hörbaren. Meyer häuft dafür in ihrem Einstiegsartikel historische Belege innerhalb der Philosophie und Phänomenologie an. Die etwas zu weit gestreute Liste der von ihr herangezogenen Vertreter reicht von Pythagoras und  Heraklit über Leibniz bis hin zu Bergson, Heidegger und Lacan.

Daran anschließend gibt der Beitrag des Philosophen Hermann Schmitz Einblicke in eine Phänomenologie der Wahrnehmung. Schmitz stellt darin die Frage nach den audiovisuellen Wechselbeziehungen einer leiblichen Kommunikation, also nach den Grundbedingungen und Möglichkeiten einer dialogischen, die körperlichen Grenzen erweiternden, Umwelterfahrung.  

 

Der zweite Teil setzt sich vor allem mit künstlerischen Positionen zwischen "lautpoetischen, radiophonen und theatralen Kompositionen" (S. 167) auseinander. Gerhard Rühm und Gertrude Cepl-Kaufmann zeigen anhand literarischer Beispiele die historische Entwicklung der Wort- und Sprachkunst auf. Ebenfalls in diesem Kapitel enthalten ist Andreas Wangs Artikel "Zwischen Dunkelheit und Aufklärung. Der Erfolg des Radios in einer sich verändernden Welt", Wang beschäftigt sich darin, übrigens als einziger Beiträger des Bandes, explizit mit dem Hörspiel als genuine Kunstform des Radios.

 

Musiktheoretische Positionen bilden die dritte Sektion: Unter dem Titel "Musik als Indikator veränderter Hörgewohnheiten" geben die Musiker Arsenij Avraamov und Pierre Schaeffer zeitgenössische Einblicke in die russische und französische Avantgarde.

 

Michel Chions wegweisende Studien zu einer akustischen Filmschau werden anhand von zwei Aufsätzen des französischen Komponisten und Filmwissenschaftlers exemplarisch vorgestellt. Chion erweitert den Begriff 'acousmêtre', also des Hör- aber nicht Sichtbaren, zum methodischen Ausgangspunkt seiner filmwissenschaftlichen Untersuchungen. So zeigt er anhand von filmhistorischem Material  in seinem Aufsatz "Die audiovisuelle Phrasierung" die Funktion akustischer Filmelemente zur Festlegung einer zeitlichen Strukturierung auf. Chions Überlegungen zu Wechselbeziehungen zwischen Bild und Ton sind jedoch oftmals spekulativ und führen in ihrer Überbetonung des Akustischen zu weit hergeholten Thesen. Nichtsdestotrotz sind seine Ausführungen wichtige Anregungen für eine audio-visuelle Filmwissenschaft.

 

Im abschließenden Kapitel "Multidirektionales Hören" erläutert Christina Kubisch, eine der bedeutendsten Klangkünstlerinnen der Gegenwart, ihr Arbeitskonzept. Kubisch beschäftigt sich vor allem mit interaktiven, elektromagnetischen 'Audiowalks'. Diese Spaziergänge machen die lautlose Geräuschwelt unserer technisierten Umgebung hörbar. Sicherheitssysteme, Mobilfunknetze, Klimaanlagen und jede Form elektromagnetischer Induktion werden dadurch hörbar gemacht und zu einer interaktiven Klanginstallation geformt.

 

Die künstlerischen Arbeiten von Michel Chion und Christina Kubisch sind auf den zwei beigelegten DVDs dokumentiert. Ebenso finden sich darauf Vorführungen lautpoetischer Sprachspiele von Gerhard Rühm. Herausgegriffen sei hier die wundervolle Performance Solange als möglich. Dabei sitzt Rühm in Vortragspose vor einem Mikrophon und spricht den Vokal "a" und zwar solange als (körperlich) möglich. Zuerst noch als klarer Vokal gesprochen, gleitet die Stimme langsam vom deutlich Hörbaren ins Gurgelnd-Krächzende ab, bis Rühm schließlich verstummt. Beachtenswert ist auch die Gestaltung des Buches. Zeichnungen der Vortragenden und graphische Darstellungen illustrieren jeden Beitrag.

 

Die Intention, akustische Wahrnehmung nicht als singuläres Phänomen und nicht in Abgrenzung zu anderen Sinneswahrnehmungen zu begreifen, ist das Ziel der weit gestreuten Beiträge des Sammelbandes. Medienübergreifend und im besten Sinne interdisziplinär versammelt der Band Bild, Ton und Schrift. Auffallend ist die Redundanz vieler Beiträge, die oftmals nicht nur die selben Themen, sondern auch identische Beispiele und Belege zitieren. Dieser Umstand ist sicher auch der gemeinsamen Arbeit und Reflexion während der Tagung geschuldet. Eine verstärkte inhaltliche Abgrenzung der einzelnen Beiträge innerhalb der fünf Themengebiete hätte auch die programmatische Forderung eines 'acoustic turns' stärker untermauert. Inspiration und Ausgangsmaterial hierfür bietet der Band aber auf jeden Fall zur Genüge.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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