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Inge Baxmann/Sebastian Göschel/Melanie Gruß/Vera Lauf (Hg.), Arbeit und Rhythmus. Lebensformen im Wandel.

München: Fink 2009. ISBN 978-3-7705-4766-1. 259 Seiten, zahlreiche Abb., Kart., Preis € 32,90/CHF 52,90.

Rezensiert von: Vera Kropf

Im Fokus von Arbeit und Rhythmus. Lebensformen im Wandel steht die "Frage nach den Auswirkungen und Potentialen der Umstrukturierung von Arbeit für soziale Lebensformen und –rhythmen" (S. 7). Das sind Schlaglichter auf eine Umbruchssituation, in der wir uns eben jetzt befinden; auf die Neuverhandlung des Verhältnisses von Arbeit und Leben und auf die damit einhergehende Verunsicherung, in der schlagwörtlichen Figur des sich selbst vermarktenden 'flexiblen Menschen' repräsentiert.

 

Ich schreibe diese Zeilen auf dem Balkon eines Hotelzimmers während eines Schiurlaubs auf einer österreichischen Alm, zwischen Frühstücksbuffet, Langlaufen und abendlichem Schwimmbadbesuch – eine Situation, die inhaltlich wie formal dem Thema des Buchs, das ich hier rezensiere, sehr gut entspricht. In Zeiten tragbarer Computer und mobiler Internetverbindungen haben sich die traditionellen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschoben, ja sind in Auflösung begriffen: "Arbeit explodiert und diffundiert in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und ins Private" (S. 9).

 

Ausgehend von einer von den HerausgeberInnen im Herbst 2007 für das Tanzarchiv Leipzig kuratierten Ausstellung mit dem Titel mitArbeit. Lebensrhythmen im Wandel versammelt diese Publikation disziplinenübergreifend sowohl wissenschaftliche als auch künstlerische Beiträge. Sie handeln vom Menschen als "rhythmisches Tier" (Marcel Mauss, zit. nach Baxmann, S. 30) und der Automatisierung der Arbeitswelt, von der Körperlichkeit oder auch Immaterialisierung von Arbeit (vgl. z.B. Stuhr, S. 59-73), von 'soft skills' und "Körperwissen" (z.B. bei Baxmann, S. 26 ff), den "Wissenstechniken des Körpers" (ebd., S. 29) – mithin von Aspekten, die den Rahmen des schriftlich Vermittelbaren sprengen und daher auch nur unter Einbeziehung künstlerischer Zugänge für die Kulturgeschichtsschreibung produktiv gemacht werden können (vgl. S. 7).

 

Die kulturhistorische Aufarbeitung der Verschränkung von Rhythmus, Bewegungskulturen, Arbeit und Kunst, die hier begonnen wird, folgt der Verschiebung des Arbeitsbegriffes vom Industrialisierungsschub des späten 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen der Arbeitswissenschaften, über das Zeitalter fordistischer Fließbandproduktion (vgl. dazu vor allem Baxmann, S. 15-35) bis zum heutigen "Drill in einem Männerbüro" und dem Rhythmus des "Homo sedens" an seinem Computerarbeitsplatz (vgl. den Beitrag von Göschel, S. 79-99)?

 

Arbeit und Rhythmus – Schon der Titel verweist auf die (für die Arbeitswissenschaften wie den Rhythmusdiskurs der nachfolgenden Jahrzehnte gleichermaßen einflussreiche) gleichnamige Schrift (1896) des Leipziger Nationalökonomen Karl Bücher: wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit Büchers utopischer Vision "einer alles umfassenden Tätigkeit [...], die keine Trennung zwischen Kunst und Arbeit, Arbeit und Freizeit, Beruf und Leben, Individuum und Gemeinschaft, privat und öffentlich kennt" (S. 8) durch die verschiedenartigen Beiträge. Im Gegensatz zur entfremdeten, mit Mühe und Anstrengung verbundenen Arbeitsrealität – und der daraus hervorgehenden Abscheu, dem "horror laboris" – erklärt Bücher jene ursprüngliche, das Notwendige mit Genuss und Befriedigung verknüpfende, rhythmisch-lustvolle Tätigkeit zum eigentlichen Naturzustand der Arbeit und Quell aller Künste (vgl. Baxmann, S. 30 und Göschel, S. 87ff). Die "Einheit von Arbeit und Leben" – diese für die Moderne zentrale Utopie scheint nun, oberflächlich betrachtet, "im Postfordismus realisiert; doch die heutige Version des flexiblen Menschen, der sich seine Work-Life-Balance selbst organisiert, wird selten als Verwirklichung des Traums von der 'glücklichen Arbeit' erfahren" (S. 9). In diesem Sinne befassen sich die Beiträge dieses Bandes recht kritisch mit den historisch wechselnden ideologischen Instrumentalisierungen solcher Arbeitsutopien: So etwa in einer kulturhistorischen Skizze über den "Traum von der glücklichen Arbeit" in der Moderne und ihre Kulturtechniken der Synchronisation (im Beitrag von Baxmann, S. 15-35). Oder auch in Form einer soziologischen Fallstudie, die nach den "Grenzen der Entgrenzung" (Beitrag Voß/Weiß, S. 37) fragt: etwa anhand jener aktuellen "Ideologie der Subjektivierung" (Stichwort 'Ich-AG', S. 43), welche das Fallen der räumlichen, zeitlichen und inhaltlichen Grenzen zwischen Arbeit und Nichtarbeit im Namen der Freiheit und Selbstverwirklichung anpreist, jedoch die damit verbundenen Belastungen unterschlägt (wie etwa die Zunahme der "Gefühlsarbeit", S. 40).

 

Arbeitsutopie, Rhythmus, Tanz: Eine weitere Schlüsselfigur des Buches (neben Karl Bücher) ist der Tanztheoretiker und Ausdruckstänzer Rudolf von Laban (1879-1958), dessen kurzer Text "Was ist Arbeit?" (um 1920), programmatisch platziert, das letzte Drittel des Buchs einleitet (S. 171-173): "Arbeit nur für den Lohn ist keine Arbeit, nur Sklaverei. / An s[einer] Arbeit muss der Mensch Freude haben!" heißt es da (S. 171), und: "Arbeit ist der Nerf des Lebens!" (S. 173). Der folgende Beitrag wiederum wirft auch auf Laban kritisches Licht und problematisiert das Verhältnis jener Utopie der Einheit von Arbeit und Fest, die Laban in seinen "Bewegungschören" umzusetzen suchte, zur nationalsozialistischen Ideologie des "Volkskörpers" – der "tanzende Arbeiter" als zwiespältige Figur zwischen Befreiung und gruppendynamischer Indoktrination (vgl. den Beitrag von Gruß, S. 175-202).

 

Rhythmus, das ist nicht nur der Schlüssel zu jenem körperlichen Aspekt von Arbeit/Kunst, der das rational Erfassbare überschreitet und an tiefere Schichten der Wahrnehmung rührt, sondern auch zur Synchronisierung von Individuum und Gesellschaft und damit Teil der ökonomischen und politischen Verfasstheit der Welt. So kann der Taktrhythmus wie wir ihn kennen, jener Wechsel von betont und unbetont, keineswegs als naturgegebenes Phänomen genommen werden, sondern vielmehr als das Produkt einer Wahrnehmungsgewohnheit, die, so eine These, direkt aus der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, also vom Geld, hergeleitet werden kann (vgl. den Beitrag von Bockelmann, S. 103-111).

 

Ob als strenger Takt der Maschine, der dem Arbeiter die Bewegungen diktiert, ob als 'natürlicher' Ausdruck in Tanz und Gymnastik, welcher den zivilisatorisch geknechteten Körper zu befreien vermag, ob als erlernbares Bewegungsschema, das Effizienz produziert: Rhythmus ist von Beginn an ein zentrales Thema in den Arbeitswissenschaften und doch mangelt es auch hier durchwegs an befriedigenden Definitionen dieses strittigen Begriffs. 'Rhythmus' erscheint vielmehr als etwas der Arbeit Implizites und dieses Implizite der Arbeit ist ja generell "ein altes Problem der Arbeitswissenschaft" (Göschel, S. 94): "Viele Arbeitsprozesse sind rein verbal nicht erklärbar, so lassen sich zwar beispielsweise alle Arbeitsschritte zum Backen eines Brotes angeben, die Mengenverhältnisse anwenden usw. Wie genau aber der Brotteig gewalkt werden muss, welche Teigkonsistenz die Beste ist, sind zum einen Erfahrungswerte, die zum anderen auf impliziten und personalen Voraussetzungen beruhen." (Ebd.). – Der Köper als Instrument der Welterfahrung ist Träger und Agent jenes Rhythmus, dessen Teil die Arbeit ist.

 

In einer ungewöhnlich engen interdisziplinären Verschränkung von Kunst, Soziologie, Kultur-, Tanz- und Arbeitswissenschaften dringt dieses Buch tief in die politischen und ökonomischen Implikationen von Körperrhythmen im postfordistischen Krisenkapitalismus ein. Das Buch verweist den/die LeserIn auf sich selbst und regt dazu an, die eigene Situation zu reflektieren und, auch ganz körperlich, der Frage nachzuspüren, wie Arbeit und Leben ineinander übergreifen – mal verwirrend, mal zermürbend, mal befruchtend –, nicht nur in der Herausforderung einer bewussten Einteilung der Zeit sondern vor allem auch als gelebter Rhythmus.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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