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Corinna Kirschstein, Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig.

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009. (Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung 1). ISBN 978-3-86583-101-9. 225 S., Preis: € 24,90.

Rezensiert von: Andreas Kotte

Der Eröffnungsband einer viel versprechenden Reihe 'Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung', initiiert von Gerda Baumbach, zielt einerseits auf einen wissenschaftshistorischen Beitrag zur Geschichte der Theaterwissenschaft überhaupt und andererseits auf eine spezielle Untersuchung der älteren Leipziger Theaterwissenschaft im Umfeld der Neugermanistik. Er setzt sich also für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts unter dem Aspekt des Theaterbegriffs kritisch mit Fachgeschichte auseinander. Zu diesem Zweck wird eine Gliederung in drei Kapitel vorgenommen. Das erste untersucht das Verhältnis der Theaterwissenschaft zur Neugermanistik. Das zweite Kapitel widmet sich der Wirkung der bürgerlichen Theaterhistoriographie auf die Formierung der Theaterwissenschaft. Und im dritten stehen die Einflüsse praktischer Retheatralisierungsbewegungen der Jahrhundertwende auf die frühe Theaterwissenschaft im Zentrum.

 

Schon diese Ausgangslage zeigt, dass gegenüber bisherigen fachgeschichtlichen Untersuchungen methodisch eine erhebliche Erweiterung einzubeziehender Problembereiche angestrebt wird. Neben den Bezügen zu den Philologien werden von der Autorin nun auch theaterhistoriographische Programmatiken, theaterhistorische Gesellschaften, Theatersammlungen, Auseinandersetzungen über Schauspielkunst, Bühnen und eben Retheatralisierungsbestrebungen in den Blick genommen. Sie möchte, was dem Diskurs gut tut, eine lebendige historische Materialfülle wiedergewinnen, um auf dieser Basis die Frage nach den Wurzeln des Faches neu zu stellen.

 

Da die Leipziger theaterwissenschaftlichen Forschungen im untersuchten Zeitraum nicht an einem eigenständigen Institut etabliert worden sind, erfolgt von vornherein eine programmatische Loslösung von der bisher zentralen Institutionalisierungsgeschichte. Die Autorin fokussiert auf Albert Köster, einen theaterhistorisch interessierten Germanisten, der 1899 einen Ruf der Leipziger Universität für den neugermanistischen Lehrstuhl erhielt. Er fungiert fortan als Schlüsselfigur für alle Analysen. Seine (zu) wenig wahrgenommenen Schriften werden zusammengetragen und fundiert kommentiert. Seine theaterhistorisch orientierten Tätigkeiten werden penibel ausgebreitet und dargestellt, obwohl eine postume Anerkennung der Leistungen des schon 1924 verstorbenen Wissenschaftlers nicht wirklich zu erwarten ist. Einige der Quellen erweisen deutlich, dass man ihn – neben dem oft gewürdigten Max Herrmann, neben Hans Knudsen, Artur Kutscher, Carl Niessen und Julius Petersen – durchaus zu den herausragenden Theaterwissenschaftlern zu zählen hat. Daher fordert die Autorin in ihren Ausführungen, die dem Verhältnis von Theaterwissenschaft und Germanistik gelten, zu Recht einen Perspektivwechsel, der das Verhältnis dieser beiden Wissenschaften nicht wie bisher als ein Gegeneinander, sondern als ein Mit- und Nebeneinander begreifbar macht. Sie widerlegt Stefan Corssens These, dass es sich anfangs um eine 'Zwangsehe' zwischen Germanistik und Theaterwissenschaft handelte, es sollte eher gefragt werden, ob nicht die schon etablierten Strukturen im Bereich der Germanistik zur Entfaltung der neuen Wissenschaft beitrugen.[1]

 

Kirschstein geht systematisch und überzeugend gegen die in der Fachgeschichte gängige Meinung vor, dass die Germanistik und die Theaterwissenschaft verfeindet gewesen wären. Anhand der Berufungsverhandlung von Köster, in der auch die Bühnengeschichte als eine Lehrverpflichtung erwähnt wird, stellt sie fest, dass Kösters theatergeschichtliches Engagement in Leipzig nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfunden wurde. Die Geringschätzung der theatergeschichtlichen Forschung sei nur für München belegt. Artur Kutscher ist Anfeindungen von Seiten der Germanisten ausgesetzt, weil er als einziger seine wissenschaftliche Arbeit ganz an die Fragen des zeitgenössischen Theaters bindet. In Kösters Lehre hingegen schlagen sich dessen Kenntnisse der aktuellen Literatur und der Theaterszene nicht nieder, obwohl er sich in einem später auch publizierten Vortrag "Das Bild an der Wand" schon 1909 mit dem Verhältnis von Drama und Theater beschäftigt. Zwischen der jungen Theaterwissenschaft insgesamt und der zeitgenössischen Literatur entsteht keine fruchtbare Beziehung. So wird z. B. der Expressionismus weithin abgelehnt und mit Brechts Baal kommt es zu einem veritablen Theaterskandal in Leipzig, in dessen Folge auch Köster das Stück abfällig kritisiert.

 

Warum der Germanistikprofessor sich nicht für ein selbständiges theaterwissenschaftliches Institut einsetzt, wird damit begründet, dass er "wurzelloses Spezialistentum" vermeiden wolle. Eine Reihe neu erschlossener Quellen (darunter Mitschriften Erich Kästners) erhellen das Wirken von Kösters 'Leipziger Schule' – eine Kirschstein'sche Begriffsbildung analog zur 'Berliner Schule' Max Herrmanns. Kösters breiter Theaterbegriff sowie Auszüge aus Aufsätzen – z. B. "Theatergeschichte" von 1916 – lassen keine Zweifel zu an seinem Engagement in Sachen Theatergeschichte. Im berühmten Herrmann-Köster-Streit zur Rekonstruktion der Nürnberger Hans-Sachs-Bühne will die Autorin zwar keine "Belege oder Indizien für das Für und Wider, Richtig oder Falsch der erschlossenen Bühnenform […] sammeln" (S. 50), sondern die Bedeutung dieses Rekonstruktionsversuchs ermitteln, gleichwohl stellt sie sich doch hinter Köster. In ihrer gesamten Herrmann-Rezeption, die das Buch durchzieht, setzt sie sich produktiv und kritisch von den 1998 noch wegweisenden Argumentationen Stefan Corssens ab und nähert sich jenen an, die Stefan Hulfeld in seiner Geschichte der Theatergeschichtsschreibung von 2007 vertritt, womit ein Qualitätsgewinn für den Fachgeschichtsdiskurs einhergeht.[2] Corinna Kirschstein etabliert Albert Köster als zentrale Figur des theaterhistoriographischen Diskurses und kontextualisiert dann in zunehmend weiten Kreisen sein Wirken.

 

So greift das zweite Kapitel auf die Theaterhistoriographie des 19. Jahrhunderts und jene zum 19. Jahrhundert zurück, offeriert mit Eduard Devrient und Max Martersteig gewissermaßen den wissenschaftshistorischen Vorlauf zu Köster. Die darauf folgende erstmalige Darstellung der Rolle der theaterhistorischen Gesellschaften und Sammlungen erweitert und vertieft den Fachdiskurs: Der Leitaspekt 'Universitätsinstitut' der Herrmann-Forschung wird hier durch den der 'Sammlung' ersetzt. Zwar schränken der frühe Tod Kösters und die Nicht-Verwirklichung seines Plans einer Theatergeschichte von vornherein die Ergiebigkeit der Ergebnisse ein, aber dennoch gelingt auf diesem notgedrungen beschrittenen Weg eine eindrückliche Bewertung der 'Leipziger Schule'. Wie Kösters Schüler Alfred Jericke schreibt, liegt noch vieles "unverarbeitet in diesen reichen Schätzen vor, und anderes ist in der Gedankenwelt des Forschers schon zur reichen Frucht geworden" (S. 120). In der Gedankenwelt der Lehre wurden die Bühnenmodelle und die Tausenden "Glasbilder" (S. 119) rege zur Erörterung von Problemen der Bühnengeschichte genutzt, aber unverarbeitet blieb das Material in Hinsicht auf ein prägendes theaterwissenschaftliches Gesamtkonzept. Der Verkauf der Sammlung nach München wird auf der Grundlage präziser Quellenrecherche dann als ein vorläufiges Ende theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig beschrieben.

 

Das dritte Kapitel thematisiert im Spannungsfeld von Theatergeschichte und Theaterpraxis weitere drei Gebiete, nämlich das bürgerliche Theaterkonzept, das Theaterkunstwerk und die Theaterschulen. Die Autorin rückt diesmal Max Martersteigs zu Unrecht vergessene Theorien zur bürgerlichen Schauspielkunst ins Zentrum der Aufmerksamkeit und verfolgt den Umgang mit dem 'Theaterkunstwerk'. Sie beginnt mit einer profunden Auseinandersetzung zu Drama und Theater, in der besonders zu denken gibt, dass Max Herrmann – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – das Theater-Spiel stärker betont als die Theater-Aufführung. Das 'Theaterkunstwerk' wird zum Film in Verhältnis gesetzt, zur Gründung der Vereinigung der künstlerischen Bühnenvorstände, zur Gründung der Theaterschulen, und unter dem Blickwinkel der Regie betrachtet. Der Ausblick fasst die Suchfelder der Theaterbegriffe, des Wissenschaftsverständnisses und der historiographischen Annäherungsmodelle zusammen und diskutiert sie aus heutiger Perspektive.

 

Auch wenn man zuweilen lenkende Zusammenfassungen sucht, die die Logik des Aufbaus und den Argumentationsstrang noch stärker hätten hervortreten lassen, generiert sich doch insgesamt ein imposantes Bild: Erstmals in der Fachgeschichte wird Albert Köster in seinem gesamten Werk und unter Einbezug unterschiedlichster Quellen kritisch gewürdigt. Dies hat eine Neusichtung der Fachentwicklung zur Folge, die die Autorin auch gleich selbst an die Hand nimmt. Sie arbeitet dabei weniger genealogisch, sondern eröffnet Suchfelder. Auf solche Weise fließen einerseits zahlreiche neue Materialien in den Fachgeschichtsdiskurs ein, andererseits schmelzen frühere normative Einschätzungen dahin. So wird zum Beispiel unzweifelhaft nachgewiesen, dass jemand, der gemeinhin mit dem Satz zitiert wird "Das Schicksal behüte uns vor Lehraufträgen, die nur auf Theatergeschichte lauten" (S. 32), sehr wohl nicht nur eigene theaterhistorische Leistungen vorzuweisen hat, sondern sich auf seine Art auch für die neue Wissenschaft vom Theater einsetzte und an ihrer Begründung Anteil hatte.

 

Ungeachtet des eigentlichen Wertes bleibt nur erhalten, was dokumentiert ist. Im Zeitalter der Diskurse, die sich ausschließlich um bereits Dokumentiertes ranken, zeigt Kirschstein eindrucksvoll, was Grundlagenforschung, wenn man sie denn (auch für andere Städte) ernsthaft betreiben würde, noch hervorzubringen vermöchte. Das Buch erfasst die Fachgeschichte einmal vom Rand statt vom vermeintlichen Zentrum her und frischt sie durch gut konturierte Dekonstruktion der ehernen Institutionsgeschichte auf, weshalb man fortan an ihm nicht mehr vorbeikommt. Wer unter dem beträchtlich ausgreifenden Haupttitel Theater Wissenschaft Historiographie die komplette Neufassung der Fachgeschichte unter Aufnahme Leipzigs erwartet, wird vielleicht unbefriedigt bleiben, wer aber gemäß dem Untertitel die Anfänge theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig zu verstehen trachtet, findet wesentlich mehr als dies, nämlich wertvolle Anregungen und komplexe Bausteine einer Fachgeschichte in spe.

 

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[1] Vgl. Stefan Corssen, Max Herrmann und die Anfänge der Theaterwissenschaft. Mit teilweise unveröffentlichten Materialien, Tübingen 1998 (Theatron 24).

[2] Vgl. Stefan Hulfeld, Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis. Wie Wissen über Theater entsteht, Zürich 2007.

 

Veröffentlicht am 16.11.2010 (Ausgabe 2010/2)

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