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Stefanie Freyer/Katrin Horn/Nicole Grochowina (Hg.), FrauenGestalten Weimar-Jena um 1800. Ein bio-bibliographisches Lexikon.

Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2. überarb. Aufl. 2009. (Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800. Ästhetische Forschungen 22). ISBN 978-3-8253-5656-9. 453 S., 74 Abb. Preis: € 58,--.

Rezensiert von: Beate Hochholdinger-Reiterer

In Zeiten, in denen die Beschaffung von Informationen vermeintlich egalisiert und globalisiert ist, mutet es nahezu anachronistisch an, ein gedrucktes bio-bibliographisches Lexikon über Frauen zu veröffentlichen, die um 1800 in Weimar-Jena nachhaltig gewirkt haben. Vergessen scheint, dass das heute allgegenwärtige Verlinkungsprinzip einen genuinen Bestandteil lexikalischer Wissensaufbereitung darstellt und stets großen Anteil an der durch Lexika hervorgerufenen Leselust hat. Mit großem Vergnügen taucht man nun also, blätternd statt klickend, ein in die 95 Biographien der zum Großteil heute völlig unbekannten FrauenGestalten (erst die eigenwillige Typografie erschließt das Wortspiel).

 

Die mühselige und verdienstvolle Arbeit an diesem bio-bibliographischen Lexikon erfolgte innerhalb des Teilprojekts 'Geschlechterbeziehungen und Aufklärung', das dem großen Sonderforschungsbereich 'Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800' zugeordnet ist. Wie bei den Publikationen dieses "Forschungsverbundes" (S. 9) üblich, zeichnet sich auch das vorliegende Lexikon durch fundierte Recherchen, Nutzbarmachung der speziell in Weimar und Jena vorhandenen wertvollen Quellen zum 18. Jahrhundert sowie durch innovative und zu weiteren Forschungen anregende Fragestellungen aus. Schon die inhaltliche Schwerpunktsetzung auf FrauenGestalten in Weimar und Jena um 1800 verändert den traditionellen Forschungsfokus, der lange Zeit ausschließlich auf "die großen Vier" (S. 11), Goethe, Schiller, Wieland und Herder, ausgerichtet war. Denn "das außerordentlich schaffensreiche Milieu der Residenzstadt und der Universitätsstadt war keineswegs rein männlich geprägt, sondern wurde ebenso von Frauen maßgeblich gestaltet" (S. 11).

 

Als Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, Gründerinnen von Geselligkeitskreisen und literarischen Zirkeln, als Lehrerinnen und speziell während der Napoleonischen Kriege als sozial Engagierte, selbst als Unternehmerinnen, ob dem Adel oder dem Bürgertum entstammend, trugen Frauen dazu bei, dass das kulturelle Potenzial der 'Doppelstadt' Weimar-Jena um 1800 auch jenseits der Grenzen des Herzogtums wahrgenommen wurde und diese bis heute den "Ruf eines Zentralortes klassischer deutscher Kultur" (S. 11) genießt. Neben bekannten Persönlichkeiten, wie Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach oder Charlotte von Stein, fanden in das Lexikon vor allem jene Frauen Eingang, die von der Forschung bisher nur marginal beachtet wurden. Protagonistinnen, deren Namen ausschließlich als Ehefrauen oder Geliebte bekannter Männer tradiert wurden, präsentiert das Lexikon mit ihren eigenen schriftstellerischen Arbeiten oder gesellschaftlichen Aktivitäten (z. B. Charlotte von Schiller, Christiane Vulpius oder Charlotte von Kalb).

 

Drei Auswahlkriterien, die gemeinsam zutreffend sein mussten, waren für die Porträtierung im Lexikon ausschlaggebend: Die Frauen sollten zwischen 1770 und 1830 in Weimar oder Jena gelebt haben oder dorthin auf Besuch gekommen sein (wie z. B. Germaine de Staël), sie sollten durch ihr Engagement "nachhaltig gewirkt oder gestalterisch hervorgetreten sein" (S. 13) und sie sollten durch ihre gesellschaftliche und personelle Vernetzung nachweislich zu "Synergieeffekte[n]" (S. 13) beigetragen haben. Daraus resultierte eine Zusammenstellung, in der Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Generationen vertreten sind und in der sich auch die Vielfalt der gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten spiegelt. Ausgeschlossen bleiben mussten einstweilen jene Frauen, deren Lebensläufe und Wirken nur mehr sehr schwer nachvollziehbar sind. Mit der Nennung der Namen in der "Einleitung" verbinden die Herausgeberinnen die Hoffnung, dringend notwendige weitere Forschungen anzuregen.

 

Die bewusst weit gefassten Auswahlkriterien rufen selbstverständlich auch Nachfragen hervor, wie z. B. nach den Gründen, weshalb Caroline von Humboldt kein eigener Beitrag gewidmet ist. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Wilhelm zog sie 1794 nach Jena, verkehrte als Jugendfreundin Charlotte von Schillers fast täglich mit deren Familie, beteiligte sich an den Arbeiten ihres Mannes und konzipierte eigene Projekte (vgl. dazu Hazel Rosenstrauchs eindrucksvolle Studie Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt. Frankfurt am Main 2009). Gerade Caroline von Humboldts Lebensweg ist ein Paradebeispiel für die im Lexikon so stark hervorgehobene Bedeutung der sozialen Kontakte, die zahlreiche Protagonistinnen als "Initiatorinnen geselliger Zirkel im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach" nützten und dadurch "die kulturelle Blüte beförderten" (15f.). Dass die Forschung bislang vornehmlich die institutionalisierten und zumeist männlich dominierten Geselligkeitskreise dokumentiert und analysiert, die im privaten Rahmen von Frauen veranstalteten Zusammenkünfte dagegen weitgehend negiert hat, lässt sich als unreflektierte Einlösung der bürgerlichen Geschlechterordnung mit ihrer Dissoziation der männlichen und weiblichen Sphären in Öffentlichkeit und Privatheit lesen.

 

Das vorliegende Lexikon stellt es sich nun zur Aufgabe, auf Basis der biografischen und bibliografischen Grundlagenforschung nicht nur den 'weiblichen' Anteil an der kulturellen 'Blüte' Weimar-Jenas sichtbar zu machen, sondern diesen auch als eigenständigen und prägenden Beitrag umzuwerten. Allerdings läuft die im Übrigen etwas unscharfe Argumentation, wonach für einen Großteil der vorgestellten Frauen "die klassische [!], von der Forschung für das ausgehende 18. und beginnende 19. Jahrhundert als wesentlich benannte Trias der 'Gattin, Hausfrau und Mutter' zu kurz" (S. 12) greife, Gefahr, gerade den von bisherigen Forschungen betriebenen rückprojizierenden Gehalt eben nicht zu benennen, die porträtierten Frauen als Ausnahmeerscheinungen zu präsentieren und damit - ungewollt - die fragwürdig gewordenen Forschungsergebnisse des 19. und 20. Jahrhunderts zu stützen. Das vorliegende Lexikon lässt sich aber gerade als Beleg dafür heranziehen, dass um 1800 die Ordnung der Geschlechter in der Praxis eben keineswegs dermaßen strikt geschlechtlich strukturiert war, wie uns die späteren Jahrhunderte glauben machten.

 

Eindrucksvoll gelingt es den Herausgeberinnen das für das Aufklärungszeitalter charakteristische Dialogische hervorzuheben, wenn sie das Augenmerk auf diejenigen Zusammenkünfte lenken, die sich speziell dem - weit gefassten - Literarischen widmeten. Die gemeinsame Lektüre, das gegenseitige Vorlesen und die Diskussion von (auch selbst verfassten) Texten waren genuiner Bestandteil der Geselligkeit. Ab dem frühen 19. Jahrhundert erfolgte dann eine oftmals strukturierte Organisation in Zirkeln und die schrittweise Institutionalisierung des gemeinschaftlichen Lesens.

 

Besonders aufschlussreich für TheaterhistorikerInnen sind die durch das Lexikon nachvollziehbaren Aktivitäten von Frauen im Bereich des Laienschauspiels. Das bekannteste Beispiel ist das von Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach betriebene Weimarer Liebhabertheater, an dem LaienschauspielerInnen wie auch die populäre professionelle Sängerschauspielerin Corona Schröter als Mittelpunkt desselben mitwirkten.

 

Bezeichnenderweise übertrug der regierende Herzog Carl August 1791 die Leitung des neu gegründeten Weimarer Hoftheaters nicht seiner Mutter Anna Amalia, sondern Johann Wolfgang von Goethe, der dieses bis 1817 leitete, übrigens unter tätiger Mitwirkung seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Christiane Vulpius. Die Bestrebungen Anna Henriette Schütz', ihr ambitioniertes Laienschauspiel mit Professorengattinnen in Jena zu professionalisieren, wurden durch den Widerstand des Herzogs zunichte gemacht. Offensichtlich war die Furcht vor Konkurrenz für das Weimarer Hoftheater so groß, dass der Herzog ein absolutes Verbot des Laienschaupiels verfügte, das selbst Aufführungen im privaten Rahmen untersagte.

 

Ein weiteres Beispiel für die prinzipielle Neuperspektivierung von Forschungen zur Definition des Weimarer Hofes stellt die von den Herausgeberinnen angeregte Fokussierung auf die Angestellten des regierenden und des erbprinzlichen Hofes dar, deren Anteil an der Ausbildung der kulturellen 'Blüte' bisher gänzlich unbeachtet geblieben ist. So lässt sich nachweisen, dass die Hofdamen und Oberhofmeisterinnen der regierenden Herzogin Louise sowie der Erbprinzessin Maria Pavlovna sowohl selbst künstlerisch tätig gewesen sind als auch aufgrund ihrer herausragenden Positionen auf das Mäzenatentum des Hofes Einfluss genommen haben.

 

Die einzelnen Artikel, alle namentlich gezeichnet, sind einheitlich gegliedert: Der zweigeteilte Artikelkopf enthält alle Namen der jeweiligen Protagonistin (Geburtsname und Name nach der Eheschließung) und deren Lebensdaten, typographisch abgesetzt folgen die Angaben zu Beruf bzw. Funktion und Tätigkeit sowie die zeitlichen Daten zum Aufenthalt in Weimar-Jena. 74 Artikel sind zusätzlich mit Porträtabbildungen versehen. Die anschließenden Biographien verzeichnen die wesentlichen Lebensstationen, wobei der Schwerpunkt verständlicherweise auf die in Weimar-Jena verbrachten Zeiten gelegt ist. Besonderes Augenmerk ist auf die Darstellung der vielfältigen Vernetzungen und persönlichen Beziehungen der Porträtierten gerichtet. Die zahlreichen Verweisungspfeile vermitteln einen Eindruck von den existierenden Netzwerken und laden zum Nachvollzug einer daraus resultierenden zweiten 'biographischen Ebene' ein, die Privates wie Öffentliches gleichermaßen erfasst - ein Zusatznutzen, der bei Einzelbiographien in diesem Ausmaß niemals evident werden kann. Abgeschlossen wird jeder Artikel mit einer Bibliographie, in der gegebenenfalls eigene Werke, ungedruckte und gedruckte Quellen sowie vorhandene Sekundärliteratur gelistet sind. Für einige porträtierte Frauen erfolgten hier erstmals umfassende Werkverzeichnisse, "in denen nicht nur Übersetzungen, Herausgeberschaften und eigenständige, sondern auch anonym und pseudonym veröffentlichte Werke versammelt sind" (S. 23). Am Umfang der vorhandenen Sekundärliteratur, die teilweise nur in Auswahl geboten wird, ist auf einen Blick das Ausmaß der bisherigen Forschungen zu den einzelnen Protagonistinnen ersichtlich. Als Besonderheit der Bibliographie heben die Herausgeberinnen die vollständige Nennung aller Lexikonartikel hervor, in denen die jeweiligen Frauen verzeichnet sind, wodurch deren Tradierung im Laufe der Jahrhunderte transparent wird.

 

Ein Namenregister aller im Lexikon erwähnten Personen und ein Abbildungsverzeichnis beschließen den Band. Wünschenswert wäre ein Sachregister gewesen, in dem sich beispielsweise die Vielfalt der Berufe, Funktionen und Tätigkeiten abgebildet hätte. Auch damit wäre ein Strang der bislang unterrepräsentierten Geschichte 'weiblicher Öffentlichkeit' um 1800 dokumentierbar geworden. Schlussendlich wäre eine gesonderte Zusammenstellung aller Beiträgerinnen und Beiträger eine Geste zur Sichtbarmachung dieser jahrelangen und erfreulich geglückten Zusammenarbeit gewesen.

 

Das bio-bibliographische Lexikon FrauenGestalten Weimar-Jena um 1800 versteht sich als Grundlagenerforschung der "Konfiguration 'Weimar-Jena um 1800'" (S. 14) sowie als Beitrag zur Frauen- und Geschlechterforschung. Beiden Ansprüchen wird das Lexikon in hohem Maß gerecht. Darüber hinaus zeichnet es sich durch Neuperspektivierungen, Anregungen zu weiterführenden Arbeiten sowie durch den Mut, noch nicht geschlossene Forschungslücken zu benennen, aus. Als wahre Fundgrube für unterschiedlichste Forschungsinteressen wird es mit Sicherheit bald zu den unverzichtbaren Standardwerken zählen. Der eingeschlagene Weg, ein vermeintlich gut dokumentiertes Gebiet wie das als 'Weimarer Klassik' (zu) eng gefasste Phänomen durch Ausweitung der Untersuchungsgegenstände und unter geschlechtertheoretischen Fragestellungen neu lesbar zu machen, erscheint äußerst vielversprechend. Für Überraschungen und Erschütterungen gesicherten Wissens ist zweifelsohne gesorgt.

 

Veröffentlicht am 16.11.2010 (Ausgabe 2010/2)

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