Amy Ireland/Maya B. Kronic: Cuter Akzelerationismus.
Leipzig: Merve 2025. ISBN: 978-3-96273-084-0. 180 Seiten, 18,00 €.
DOI:
https://doi.org/10.25365/rezens-2026-1-10Abstract
Dass Niedlichkeit gegenwärtig eine Konjunktur erfährt, scheint offensichtlich: Spuren, Objekte und Figurationen des Niedlichen finden sich in unübersichtlicher Menge bei der Kommunikation auf sozialen Netzwerken (über GIFs, Memes bis hin zu Kurzvideos) oder in der Gestaltung von Medientechnologien wieder (wie im Fall von Care-Robotern oder virtuellen Haustieren). Amy Ireland und Maya B. Kronic versuchen in Cuter Akzelerationismus diesem Phänomen nachzuspüren: Woher kommt das Cute? Und wohin treibt es uns? Die bei Merve erschienene, deutsche Ausgabe ist eine Übersetzung des englischsprachigen Buchs Cute Accelerationism, das 2023 im Urbanomic Verlag erschienen ist und sich auch dadurch auszeichnet, dass der Schreibstil literarisch-künstlerische und populärkulturelle Züge mit wissenschaftlichen verbindet.
Der Text versucht, die titelgebende 'Beschleunigung' des Niedlichen im Schreiben selbst umzusetzen: "Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, wovon ein Buch handelt und der Art, wie es gemacht ist" (S. 46). Das vierzigseitige, "[hyperdichte, chaosmotische, heiße] Gemisch" (ebd.) erschließt sich im Detail nur im Mit-Einbeziehen der insgesamt über hundert Seiten umfassenden Anmerkungen. Auf Ebene der Formulierungen lassen Ireland und Kronic mit dem Cuten ihr zentrales Thema in den Text einsickern. So zitieren sie beispielsweise "Martin Kawaiidegger" (S. 12) oder bezeichnen den deutschen Text als "Blabbersetzung" der "cutigierten" zweiten Auflage (S. 4). Selbst cis-patriarchale Strukturen entkommen der Verniedlichungsmaschine nicht: Das Patriarchat wird über den gesamten Text hinweg nur als "Daddy Admin" (S. 25) zum Ziel von Kritik.
Das Wissensobjekt des cuten Akzelerationismus, das Ireland und Kronic hier zu etablieren versuchen, zeichnet sich durch eine sich stetig beschleunigende Prozesshaftigkeit aus: Cuteness, als "Idee, die nur durch Teilnahme erkannt werden kann" (S. 6), bewege sich in einem Prozess der Beschleunigung aus dem Feld der natürlichen Evolution über ein Umfeld des Markts und seine Warenkulturen hin zu Datenbanklogiken (vgl. Endnote 155, S. 150). Diese Bewegung zeichnen die Autor*innen nach, indem sie zunächst nach einer Definition des Cuten suchen und dessen kulturelle Emergenz im 20. Jahrhundert beschreiben: von einem einfachen Deskriptor hin zu einem "Produktionsfaktor für synthetische Objekte" (S. 14), der erst retroaktiv aus der kapitalistischen Aneignung heraus in Diskurse des Natürlichen eingeschrieben wurde. "An der Schwelle des Unrepräsentierbaren" (S. 12) hat das Cute entsprechend keinen festen Inhalt. Vielmehr verwandle es sich in einer stetig beschleunigenden Prozessualität mit den Kulturphänomenen, die es prägt (vgl. S. 13).
Über ein zweiseitiges Kapitel zur Topologie des Niedlichen, die sich den Autor*innen nach vor allem durch "unbekümmerte Oberflächlichkeit" und "geschwollene Superflachheit" (S. 17) auszeichne, gelangen Ireland und Kronic zu Fragen von Affekt, Begehren und Libido: Das Cute löse (gemäß Konrad Lorenz' Kindchenschema) Fürsorgeimpulse aus, die sich als "angeborene Verhaltensmuster […] zum Nachteil der Fortpflanzung übertriggern" (S. 19) ließen. Ireland und Kronic sehen hierin das queere Potential, cis-heterosexuelle Fortpflanzungslogiken zu unterwandern. Dabei irritiert die biologistische Trope des Kindchenschemas an dieser Stelle, weil Ireland und Kronic in den Anmerkungen selbst eine fundierte, umfangreiche Kritik an evolutionsbiologistischen Narrativen vorbringen (vgl. Endnote 149, S. 133–136). Die Widersprüchlichkeit, einerseits auf die transgressiven Potentiale des Cuten zu verweisen, andererseits Konrad Lorenz' biologisierende, sexistisch geprägte Ausführungen zum Kindchenschema affirmativ zu verwenden, löst der Text nicht auf.
Stattdessen geht er zur scheinbaren Ambivalenz zwischen Fürsorge und Aggression über, die das Cute auslöse (vgl. S. 20) und die als "Vermischung von Trieben, die normalerweise mit weiblichen und männlichen Rollenbildern assoziiert werden" (ebd.), eine subversive Form des Begehrens bewirke. Als "alchemistischer, hermaphroditer Avatar" (Endnote 51, S. 76) markiere das Cute einen Trieb, der sich nicht erfüllen lasse, weil das Cute sich in der Ambivalenz zwischen Fürsorge und Aggression stetig gegen-aktualisiere (vgl. S. 20f). Ireland und Kronic stellen im Anschluss an diese affektive Struktur die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Cuten und Konsum. In diesem Kontext beschreiben sie die stete Dopplung von Konsum und Konsumiert-Werden: "Cute […] läuft letztendlich auf ein Einschmelzen jeder Polarität oder Unterschiedung zwischen Haben und Sein, zwischen possessiver Libido und Selbst-Objektifizierung hinaus" (S. 23).
Diesen Prozess der Selbst-Objektifizierung beschreiben sie dann im Zusammenhang mit Fragen von Zeit- und Körperlichkeit. Das Cute als oxymoronische, "zugespitzte Stumpfheit" (Endnote 69, S. 80) finde sich über den Prozess der (Selbst-)Verniedlichung als anti-biologistisches Potential wieder, das "neue Formen des Werdens, neue abstrakt-erotische Zustände" (S. 26) ermögliche. Eine zentrale Figur des Cuten ist für Ireland und Kronic dabei das Ei, das ihnen als paradigmatisches Objekt niedlicher Zeitlichkeit dient. Für die Autor*innen geht diese Zeitlichkeit mit der Aufforderung einher, sich von binären Narrativen über das Cute und Kindliche zu emanzipieren: "Werde um Himmels willen nicht erwachsen, bleibe das Ei, das du schon bist, […] lass die Oberfläche deines Körpers von der Oberfläche der Welt abgleiten wie unzählige halb abgeschleckte Gummis" (S. 28).
Cute-Sein erscheint hier als utopische, anti-identitäre Subjektposition. Durch die Abwesenheit von Interiorität, die stete Veruneigentlichung von Geschlecht, Begehren und Reproduktion sowie durch die Betonung des Virtuellen (hier definiert als das Feld "unterhalb der organisatorischen Schwelle eines jeden Körpers" (Endnote 93, S. 91)) erwirke das Cute als Prozessualität demnach eine Abkehr von immer bereits kapitalisierten und biologisierten 'authentischen Identitäten'. Ein besonders exemplarisches Beispiel hierfür ist dabei die "Schizo Datenbank" (Endnote 155, S. 150), in deren Beschreibung Ireland und Kronic die cute Gestaltung von Anime-Charakteren und -Maskottchen als frei rekombinierbare, affektive Datenbank begreifen.
Die affektive Zuneigung zu diesen Charakteren (moé) überführe demnach die 'Übertriggerung' der biologischen Niedlichkeitswirkung in kapitalisierten Kontexten (beispielsweise in der Produktgestaltung) in die Form einer Datenbank mit austauschbaren Niedlichkeitsmerkmalen (vgl. S. 36). Als 'übernormales' Kulturphänomen erwirke das Cute in der kawaii Charaktergestaltung eben wieder eine Veruneigentlichung von reproduktiven Logiken des Begehrens (vgl. ebd.), weil dessen Ziel außerhalb dieser Logiken liege, geprägt von "Zeichen, die nichts bezeichnen, beschreiben oder repräsentieren" (ebd.). Die Frage, ob die Zeichen japanischer Kawaii-Kultur nicht doch gewissen kulturell-historischen Repräsentationsmustern folgen, stellen sich Ireland und Kronic nicht. Aus der "Schizo Datenbank" resultiere dabei eine entsprechende "Datenbank-Sexualität", die für die "Sozio-Biologie" ungreifbar sei (S. 38).
Abschließend antworten Ireland und Kronic auf die Abwertung von Cuteness in kulturpessimistischen Kritiken sowie in der Evolutionsbiologie. Beide Strömungen der Niedlichkeitsforschung werden als "Eirahmungsfapparat" (S. 39) bezeichnet, der versucht, die subversiv-emanzipatorischen Potentiale des Niedlichen ei(n)zuhegen. In der Abgrenzung von diesen Diskussionen findet sich die wichtigste These, die Cuter Akzelerationismus aufstellt: Dass im Fall des Cuten "das Produkt mit dem Prozess" verwechselt werde (S. 40), ist hier treffend argumentiert und ein anschlussfähiger Impuls für die medienkulturwissenschaftliche Forschung zu Niedlichkeit. Der "Cute-Prozess" als "Interferenzmuster zwischen dem menschlichen Sensorium und irgendeinem komplexen, beständigen und attraktiven Ding" (Endnote 143, S. 129f) wird dabei zwar mit zunehmend mystifizierenden Qualitäten aufgeladen, verbleibt aber als ein Einsatz, den es ernst zu nehmen gilt.
Letztlich ist Cuter Akzelerationismus ein Versuch, die wahrgenommene Omnipräsenz des Niedlichen als subversiv-emanzipatorische Teleologie zu münzen. Der Endpunkt dieses Beschleunigungsnarrativs ist dabei das, was Ireland und Kronic spekulativ als cute KI bezeichnen, durch die sich das Cute final den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung entledigen würde (Endnote 155, S. 152). Diese spekulativen Momente machen die Argumentation des Textes undeutlicher als nötig. In der flauschigen Utopie, die Cuter Akzelerationismus entfaltet, ist zudem kaum Raum für Fragen von Gewalt und Marginalisierung, die dem Niedlichen auch immer anhaften. Gleichzeitig wäre der unerschütterliche Glaube an die sich stetig entfaltenden emanzipatorischen Potentiale des Niedlichen auch eine Stärke des Buchs, würde er nicht mit argumentativen Leerstellen und Widersprüchen einhergehen. Denn so anti-essentialistisch der Text sich auch aufzutreten anschickt, so fundamental sind für seine Argumentationen biologistische Konzepte angeborener Wirkschemata. Die Leerstellen eröffnen sich besonders dann, wenn die Frage gestellt wird, ob das Cute denn nicht auch etwas bedeuten darf.
Innerhalb von Irelands und Kronics Ausführungen, die mehr auf eine sich stetig beschleunigende, affektierende Leseerfahrung ausgelegt sind als auf Verständlichkeit, finden sich treffende Analysen, die zum Weiterdenken anregen. Diese lassen sich besonders dort finden, wo die Autor*innen das Cute als Modus der De-Identifikation feststellen, die Verbindung des Cuten mit Genderqueerness erkunden oder eine fundierte Kritik an evolutionsbiologischen Diskursen formulieren. In seiner performativen Textstruktur und Formulierung ist dem Text zudem ein künstlerischer Charakter nicht abzusprechen. Für eine medienwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Cuten ist Cuter Aktzelerationismus zumindest ein interessanter Impuls, der aber sowohl in seiner Argumentation als auch in seiner Textstruktur schwer greifbar bleibt. Denn zuweilen verlieren sich Ireland und Kronic im affektiven Sog der eigenen Verniedlichungsmaschine und laden das Cute mit derart mystifizierender Sprache auf, dass es letztlich zu einer undeutlichen Metapher wird.
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