Lea Schneider: Radikale Verletzbarkeit. Schreibweisen bewusster Selbstentblößung zwischen Sozialen Medien und Literaturbetrieb.

Bielefeld: transcript 2024. ISBN: 978-3-8376-7423-1. 304 Seiten, 50,00 €.

Autor/innen

  • Christina Ernst

DOI:

https://doi.org/10.25365/rezens-2026-1-11

Abstract

Autofiktionale Erzählungen haben Konjunktur; das zeigt nicht zuletzt der Erfolg etwa von Chris Kraus' zum feministischen Kult-Klassiker avanciertem Memoir I Love Dick (1997) oder Annie Ernaux' Autosoziobiografien, für die sie 2022 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Auch jenseits des etablierten Literaturbetriebs finden vor allem solche Texte Anklang, die ein in der Lebensrealität der Autor*innen verankertes Ich als "Knotenpunkt gesellschaftlicher Kräfte" (Graw/Weingart 2019, S. 39) mobilisieren, um über abjekte, transgressive sowie schambehaftete Körper- und Begehrensformen zu schreiben. Social-Media-Plattformen wie Instagram, Twitter oder WeChat erweisen sich dabei als die idealen Publikationsorte dieser Schreibweisen, da sie aufgrund ihrer medialen und sozialen Nutzungsweisen autobiografische und intersubjektiv affizierende Lesarten nahelegen würden, so die zentrale These in Lea Schneiders sehr lesenswerter, 2024 bei transcript veröffentlichter Dissertationsschrift Radikale Verletzbarkeit.

Schneider, selbst auch als Lyrikerin und Übersetzerin tätig, bezeichnet die von ihr untersuchten Beispiele – in den 2010er Jahren zunächst online, später im klassischen Buchformat veröffentlichte Texte anglofoner sowie deutsch- und chinesischsprachiger Autorinnen – insofern als radikal verletzbar, als diese die eigene Verletzbarkeit bewusst und exzessiv aufsuchen würden. Von Verletzbarkeit (und nicht von Verletzlichkeit) zu sprechen betone daher, wie auch am englischen Vulnerability zu sehen sei, eine aktive, ermöglichende Fähigkeit anstelle eines passiven Zustands (vgl. S. 11). Im Zusammenspiel von Praktiken der affirmativen Bezugnahme auf Stilformen des Unterhaltungs-, Amateurs- und Trash-Registers, des Thematisierens devianter und beschämender Körperlichkeiten sowie der Verschmelzung von Text-Ich und Autor*innen-Ich, durch die das "Sicherheitsnetz der Fiktionalität" (S. 12) ausgehebelt wird, entstehe so "ein Schreiben [...,] das sich so umfassend angreifbar macht, dass es eine analytische Qualität gewinnt" (S. 23). Als Strategie "methodische[r] Schwäche" (ebd.) bzw. "bewusster Selbstentblößung" (siehe den Untertitel) ziele es darauf ab, die Vorbedingungen und Ausschlüsse normativer Literatur- und Subjektbegriffe sichtbar zu machen und diese aus einer Position der (gegenderten) Partikularität und Abhängigkeit zu konfrontieren.

Im einleitenden Kapitel nimmt Schneider daher eine konzeptionelle Verortung radikaler Verletzbarkeit als feministische Strategie vor. Sie deutet sie im Kontext der Vulnerability Studies und Prekaritätstheorien von Martha Fineman und Judith Butler, die Vulnerabilität, das relationale Angewiesensein auf andere, anstelle von Autonomie als konstitutiv für das menschliche Subjekt begreifen, das zugleich situativ und sozial unterschiedlich verteilt sei (vgl. S. 27–30). Vorläufer für die digital publizierten Texte, die mit Scham und Verletzbarkeit als "Provokation und Analysewerkzeug" (S. 37) arbeiten, findet sie in den Body-Art-Performances der 1970er und 1990er Jahre (vgl. S. 40f), den fotografischen Autopathografien auf Instagram (vgl. "Sad Girl Theory", S. 51), sowie, wie sie später im Fazit ergänzt, in der Spoken-Word-Szene (vgl. S. 258), die Verletzbarkeit über den exponierten Körper der Künstler*innen bzw. Autor*innen herstellen und an Rezeptionsräume der Kopräsenz rückgebunden sind.

Mit Blick auf die Funktionslogiken von Social-Media-Plattformen als Publikationsräume von Schreibweisen radikaler Verletzbarkeit analysiert Schneider im zweiten Kapitel die medialen Affordanzen, d. h. die technischen Voraussetzungen sowie die Rezeptionserwartungen an sprachliche Codes, angemessene Inhalte und kommunikative Verhaltensweisen, die in der Praxis des Lesens und Schreibens entstehen (vgl. S. 56). Durch das Wegfallen von Fiktionalitätsmarkern, der durch den "Context Collapse" (S. 78) hervorgerufenen Intimisierung von Öffentlichkeit, in der diese die Eigenschaften des Privaten annimmt (vgl. S. 74) sowie durch die Oralisierung und Informalisierung von Schriftsprache zu einer schriftlichen Mündlichkeit (vgl. S. 84f) entstehe eine Authentizitätsästhetik, die eine Rückbindung des Geschriebenen an die Person der Autor*in hervorruft. Schneider betont, dass digitale Authentizität an einen bestimmten Stil rückgebunden ist, den sie als "calibrated amateurism" (S. 71) beschreibt, der einen Effekt von Unverstelltheit und Glaubwürdigkeit herstellen soll. Authentizität wird so im Kontext von Social-Media-Literaturen zu einem neuen ästhetischen (und politischen) Wert, der neben oder an die Stelle von klassischen Literarizitätskriterien tritt, wie Schneider in ihrem Fazit ausführt (vgl. S. 276f). Als Herausforderung ihrer eigenen Rezeptionspraxis nennt Schneider im Analysekapitel (3) die materielle Ephemeralität und Unbeständigkeit der Texte sowie ihrer Umgebung, des Social-Media-Feeds. Die Präsentationsform der Texte ändert sich beständig, zugleich sei eine klare Text-Kontext-Trennung für Internet-Literatur problematisch aufgrund des Kommunikationszusammenhangs, in dem sie rezipiert werde. Schneider plädiert daher für eine performativitätstheoretische Lesart der Texte als Ereignis anstatt als Objekt (vgl. S. 90).

In einer genauen und detaillierten Analyse bespricht Schneider ihre drei gewählten Beispiele für radikal verletzbare Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur: Dodie Bellamys Blogprojekt "The Buddist", Ianina Illitchevas ironische Twitterposts über Sexualität, emotionale Bedürftigkeit und chronische Krankheit, sowie Yu Xiuhuas auf Weibo und WeChat veröffentlichte Gedichte. Zentrale Konzepte radikaler Verletzbarkeit entwickelt sie hier an und mit den Texten, so wie die von Bellamy selbst so bezeichnete "Oppositional Weakness", die positive und widerständige Aneignung von Verletzbarkeit, die Gefühle der Scham und der Schwächung nicht nur zulässt, sondern ausführlich erkundet, mit dem Ziel, aufdringlich und unbequem zu sein (vgl. S. 132f). Als transgressiv versteht Schneider die Texte insofern nicht aufgrund ihrer Vulgarität, sondern durch die ausgestellte Bedürftigkeit, die sie anhand ihrer Beispiellektüren als feministische Schreibstrategie der Autorinnen herausarbeitet.

Im ausführlichen Fazit (Kapitel 4) fasst Schneider das diskursive Herstellen der eigenen (etwa wegen Geschlecht, Klassenzugehörigkeit und Behinderung/Krankheit) marginalisierten Existenz durch Selbstentblößung der eigenen Schwäche; die ironische Aneignung und Umdeutung gesellschaftlicher Zuschreibungen im Sinne der von José Esteban Muñoz beschriebenen Taktik der "disidentification" (S. 260); sowie die naive, ins Extrem gesteigerte Übererfüllung von Klischees als drei unterschiedliche Strategien, die mit Verletzbarkeit als ästhetisch-politischem Prinzip arbeiten. Gerade in letzterer erkennt sie eine "Strategie, die Verletzbarkeit aushalten bzw. tatsächlich als Position einnehmen will" (S. 262f) und damit Passivität, Weigerung und Selbstherabsetzung als Formen des Widerstandes postuliert. Am Ende plädiert Schneider dafür, die von ihr untersuchten Schreibweisen radikaler Verletzbarkeit, ihre medialen Affordanzen und Wertungen als "zumindest teilweise Wiederherstellung von vormodernen, stärker von einer Kultur von Mündlichkeit geprägten literarischen Praktiken zu denken" (S. 275). Konzepte wie Schriftlichkeit, professionelle Autorschaft und ein autonomer Literaturbegriff ließen sich dann so nicht mehr als Norm begreifen, sondern durch die Renaissance von (konzeptueller) Mündlichkeit im Internet verunsichern und partikularisieren. Schneiders Ausführungen in Radikale Verletzbarkeit erweisen sich somit als bereichernder Ansatz für eine medienkulturwissenschaftliche Perspektive auf literarische Praktiken und ihre sozialen Funktionen.

 

Quellen:

Graw, Isabelle/Weingart, Brigitte: "Entre nous. Ein Briefwechsel über Autofiktion in der Gegenwartsliteratur zwischen Isabelle Graw und Brigitte Weingart". In: Texte zur Kunst 115, 2019, S. 39–63. https://www.textezurkunst.de/de/115/entre-nous/, abgerufen am: 06.05.2026.

Autor/innen-Biografie

Christina Ernst

Universitätsassistentin am Lehrstuhl Kulturgeschichte Audiovisueller Medien am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Forschungsschwerpunkte sind u. a. Autosoziobiografie und Autotheory, Klassentheorie und Queer Studies.

Letzte Publikation:

– "Gebrochene Evidenzen des Sozialen. Zum Einsatz der Fotografie in der Autosoziobiografie". In: TFMJ. Journal for Theater, Film and Media Studies 69/1–4, 2025, S. 28–35.

Cover: Radikale Verletzbarkeit

Downloads

Veröffentlicht

2026-05-12

Ausgabe

Rubrik

Medien