Julia Willms: Töten zeigen. Zur Situierung von Gewaltbildern in Medienkulturen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Bielefeld: Transcript 2025. ISBN: 978-3-8394-1239-8. 330 Seiten, 49,00 € / Open Access.
DOI:
https://doi.org/10.25365/rezens-2025-2-08Abstract
Dokumentarische Bilder absichtsvoller Tötungen stellen eine Zumutung dar, die sich mit etablierten Rezeptions- und Wirkungstheorien kaum angemessen fassen lässt. Die 2025 im transcript Verlag veröffentlichte Dissertation von Julia Willms geht deshalb konsequenterweise nicht den gängigen Weg, der Analyse einen monolithischen Theorieteil voranzustellen. Stattdessen wird die Untersuchung durch vier Reflexionsbegriffe strukturiert – Geste, Paratext, Anschlusskommunikation und Verwicklung –, die jeweils den Zugang zu einem einschlägigen Fallbeispiel eröffnen. Diese Begriffe werden nie glossarisch fixiert, sondern gewinnen stets im Kontakt mit den konkreten Medienartefakten von neuem Kontur. Überzeugend ist, dass die Kapitel zwar je auf ein Konzept fokussieren, dabei aber stets die Dimensionen der übrigen mitdenken und Anregungen zum Weiterdenken eröffnen.
Das untersuchte Material wirft beständig die Frage auf, warum bestimmte Darstellungen, trotz des visuellen Tabus, Tötungen öffentlich zu zeigen, dennoch und oftmals weitgehend sanktionsfrei sichtbar werden können. Willms geht dieser Frage vor allem mit Blick auf die im Untertitel prominent gesetzte "Situierung von Gewaltbildern" nach. "Situierung" (S. 17-22) leitet sich in diesem Fall weniger von Autorinnen wie Donna Haraway oder Lucy Suchman her, sondern ist insbesondere von Erving Goffmans Rahmenanalyse inspiriert. Wenngleich die Arbeit auch die Situierung im erstgenannten Sinne ernst nimmt – was vor allem mit dem Begriff der "Verwicklung" (S. 223-235) adressiert wird –, versteht Willms unter "Situierung" vor allem zweierlei: Erstens, dass Bilder absichtsvoller Tötung in "voneinander abhängige[n] Medienumgebungen produziert" (S. 12) werden, und zweitens, dass ihre Rezeption in wandelbaren, von paratextuellen Rahmungen geprägten medialen Milieus stattfindet, die in den untersuchten Fällen "auf alltägliche und heterogene Mediennutzungszwecke abzielen" (ebd.). Es ist in diesem Sinne nicht in erster Linie die Situierung der menschlichen Akteur*innen, die solche Bilder herstellen oder verbreiten, die interessiert, sondern die medienökologische Verortung der Bilder selbst.
Den Auftakt der minutiösen Close Readings bildet der dänische Kurzfilm Løvejagten (1907), der die Tötung – extra zu diesem Zweck angekaufter – Löwen zeigt. Als Reflexionsbegriff dient in diesem Kapitel die "Geste" (S. 37-53), mit der eine wesentliche These von Willms Arbeit profiliert wird: Bilder absichtlicher Tötung operieren mit einer "doppelten Intentionalität" (S.48), weil ihnen nicht nur eine Absicht der Tötung vorausgeht, sondern sie immer auch auf eine Sichtbarmachung dieser Tötung für ein Publikum zielen. Die "Geste" ist an dieser Stelle ein weit verstandener Begriff, der nicht allein körperlich-gestische Zeichen meint oder ausschließlich die Deixis betrifft, auch performative oder symbolische Zeichen werden in einem übertragenen Sinne als Geste gedeutet.
Es mag zunächst erstaunen, dass die erste Analyse gerade die Tötung und Misshandlung von Tieren thematisiert. Im Verlauf des Kapitels wird jedoch herausgearbeitet, dass das mediale Exponieren von Tötungen immer in weitreichendere gesellschaftspolitische Lagen verstrickt ist. Systematisch macht Willms greifbar, warum solche Gewalt im Diskurs überhaupt als legitim erscheinen kann: weil sie sich einerseits nicht gegen privilegierte, hegemoniale Positionen richtet und andererseits durch diskriminierende Hierarchisierungsprozesse (z. B. Anthropozentrismus, Kolonialismus) als zeigbar akzeptiert wird. Daneben legen Willms Ausführungen überzeugend offen, wie Institutionen (Museen, Archive etc.) und akademische Disziplinen (z. B. die Filmwissenschaft und Skandinavistik) dieser Legitimierung ebenfalls zugearbeitet haben.
Dass die von Willms konstatierte "doppelte Intentionalität" ethische Implikationen mit sich führt, lässt sich auch am zweiten Beispiel der Studie ablesen, das sich auf eine der sehr wenigen Bewegtbildaufnahmen systematischer Tötung aus dem Dritten Reich bezieht. Willms geht vor allem den verschiedenen Rahmungen und Paratexten nach, in die die von Reinhard Wiener gefilmten Szenen eingespannt sind und waren: Solche paratextuellen Rahmungen sowie die Frage nach Authentizität grundieren das gesamte Kapitel, das sehr genau nachzeichnet, wie der Film – zunächst innerhalb des Rechtsdiskurses, später in Archiven und kommerziellen Zusammenhängen – Sichtbarkeit erlangen konnte. Willms rekonstruiert präzise, wie diese Bilder zwischen juristischem Beweiswert, musealer Ausstellung und revisionistischer Umdeutung oszillieren. Paratexte erscheinen dabei nicht als Beiwerk, sondern als Schauplätze von Machtkämpfen, in denen Gewaltverhältnisse stabilisiert oder infrage gestellt werden. Das Kapitel ist nicht nur hervorragend recherchiert, es beweist auch Willms Gespür für vermeintliche Nebensächlichkeiten, die in anderen Arbeiten eventuell nur Fußnotenstatus hätten, hier jedoch zentrale Bedeutung gewinnen. So etwa die frappierende Geschichte der Akquise und Rekontextualisierung des Films durch den geschichtsrevisionistischen Archivar Karl Höffkes (vgl. S. 129-141).
Analysegenstand des dritten Teils der Studie bildet der Fall von Christine Chubbuck, die sich 1974 vor laufender Kamera das Leben nahm. Willms deutet die verschiedenen Formen der „Anschlusskommunikation“ (S. 146-151) – Presseberichte, Filme, Imageboards, Wikis – als Strategien des Kontingenzmanagements. Sie sind auf unterschiedliche Weise daran beteiligt, die Debatte um den bis heute unter Verschluss gehaltenen Film einzuhegen und zugleich aufrechtzuerhalten. Insbesondere die Analyse der Presseberichterstattung rekonstruiert den unmittelbar auf die Ausstrahlung folgenden mediale Auseinandersetzung und ordnet die Diskursfiguren ein, die im Anschluss an das perturbierende Ereignis zirkulierten.
Wie alle Kapitel des Buches, wird auch dieses von der Analysementalität geprägt, die in der Tradition des jeweiligen theoretisch-begrifflichen Rahmens steht. Während zuvor stärker die Spannungsverhältnisse und Ambivalenzen des Materials herausgearbeitet wurden, führen die systemtheoretischen Bezüge nun zu einer stärker schematisierenden Verortung, die auf klare Zuordnungen drängt. Dem funktionalistischen Desinteresse gegenüber Fragen der Affektivität begegnet Willms hingegen in origineller Weise, indem sie „den Begriff der Empfindung mit dem der Luhmann’schen Anschlusskommunikation zusammen[denkt]“ (S. 151). So eröffnet sie – dem systemtheoretischen Zugriff zum Trotz – in produktiv aporetischer Weise ein kritisches, standpunktorientiertes Nachdenken über die untersuchten Phänomene.
An diese Überlegungen schließt unmittelbar das vierte Kapitel mit dem Begriff der "Verwicklung" (S. 223-235) an, der zu den herausragendsten terminologischen Beiträgen der Studie zu zählen ist. Mit "Verwicklung" ist eine "Strukturform" (S. 227) gemeint, die an den Begriff des „entanglements“ (S. 225) – vor allem in den Konnotationen, die er bei Donna Haraway und Karen Barad erfahren hat – angelehnt ist. Willms erliegt dabei nicht der Gefahr, den Begriff als bloße Komplexitätstrope einzuführen, sondern nutzt ihn als Instrument, konkrete Bedingtheiten und Verhältnisse zu untersuchen, in die das Material eingebunden ist.
Am Beispiel des Livestreamings des Terroranschlags von Halle 2019 rücken diese Verwicklungen näher in den Blick: Plattformen, Zuschauer*innen, journalistische Akteur*innen, Ermittlungsbehörden – alle sind auf je eigene Weise in die anhaltende Sichtbarkeit des Materials verwickelt. Das Kapitel erschließt vor allem die sozialmedialen Milieus, in denen das Material verbreitet und ausgewertet wird, und konzeptualisiert sie als medialen Bedingungszusammenhang dieser Zirkulation. Damit schließt die Studie mit einem Konzept, das die komplexen medienökologischen Abhängigkeiten, Verantwortlichkeiten und Kompliz*innenschaften innerhalb von Prozessen medialer Teilhabe beschreibbar macht.
Julia Willms legt mit Töten zeigen eine materialreiche Studie vor, die das Korpus unsäglicher Bilder weder abgebrüht durchzuanalysieren versucht, noch das mit ihrer Entstehung verbundene Leid hinter übertheoretisierten Zugängen verschwinden ließe. Eine der bemerkenswertesten Qualitäten des Buchs liegt darin, dass Willms ihre eigene Position nicht neutralisiert. Immer wieder schiebt sie Reflexionen in der Ich-Perspektive ein, die auch ihre eigene affektive und epistemische Verwicklung markieren. Das ist mehr als ein Stilmittel: Es unterstreicht, dass der Umgang mit Gewaltbildern nicht ohne Mitverantwortung gedacht werden kann.
Die zentrale Einsicht der Arbeit ist unbequem, aber instruktiv: Die Sichtbarkeit von Gewalt ist nicht das skandalöse Außen der Medienkultur, sondern in ihr Zentrum eingelassen und wird durch dominante gesellschaftliche Hierarchisierungs- und Diskriminierungsformen moderiert. Die Frage ist nicht, ob Gewalt stattfindet, sondern wer diese Gewalt erleidet. Zeigbar wird entsprechend vor allem Gewalt gegen ohnehin marginalisiertes Leben. Damit liefert die Arbeit nicht nur ein analytisches Werkzeug, sondern auch eine politische Diagnose, deren Schlüsse gerade im Kontext der aktuellen Faschisierung ernst genommen werden müssen.
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