Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen (Hg.): Kein letztes Wort. Die Filme von Rainer Erler.

München: edition text + kritik 2013. ISBN 978-3-86916-269-0. 110 S. Preis: € 18,–.

  • Anna Koblitz

Abstract

Er machte Filme "so intelligent wie möglich, so trivial wie nötig" (S. 67) und ließ darin rund um den Globus Papier zu Zucker zerfallen, Wissenschaftler den berühmten 'Nürnberger Trichter' erfinden oder einen skeptischen Journalisten Kontakt zu Außerirdischen aufnehmen. Gut endete das nie. Das bewährte Duo Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen lenkt mit seinem neuen Buch endlich wieder einmal die Aufmerksamkeit auf einen heute kaum noch Gekannten und zu Unrecht Vergessenen des deutschen Film- und Fernsehens: den Autorenfilmer Rainer Erler.

Auf weniger als hundert Seiten entsteht in essayistischer Form unter Zuhilfenahme von Zeitzeugenberichten und umfassendem Quellenmaterial das lebendige Bild eines außergewöhnlichen Filmschaffens zwischen den Jahren 1962 und 1989. Die Geschichten, die Rainer Erler in seinen Filmen erzählt, leben wieder auf und mit ihnen der gesellschaftliche und persönliche Kontext, in dem sie entstanden und tief verwurzelt sind. Dabei wird alles von zwei ineinander verwobenen roten Fäden zusammengehalten. Das ist zunächst die Entwicklung von Rainer Erler als Autorenfilmer und dann die Frage, die er in seinen Filmen immer wieder stellt und die auch heute noch so aktuell ist wie damals: Was ist das und was wird das für eine Welt sein, in welcher der Mensch seine Erfahrungen und Erkenntnisse nicht vernunftbegabt handhaben kann? Wer mit dem vorliegenden Buch seinen Blick in die Vergangenheit richtet, kann – im Gegenlicht der damaligen Perspektive in eine unbekannte Zukunft – vielleicht auch seine momentane Gegenwart in einem neuen Licht sehen.

Rainer Erler. Kein letztes Wort ist nach der Publikation Rainer Erler der Akademie der Künste in Berlin, 2009 in der Reihe "Archiv Blätter" erschienen, die zweite Buchveröffentlichung über Rainer Erler.

Erler war ein Autorenfilmer der ersten Stunde. Aus Frust der Bavaria abtrünnig geworden, gründete er 1972 seine eigene Produktionsfirma. Filme produzierte er in erster Linie fürs Fernsehen – weil "Gesellschaftskritik […] auf jeden Fall nicht ins Kino gehört, denn die Gesellschaft, die kritisiert werden könnte, die ist ja nicht mehr im Kino zu finden. […] Ich meine, dafür haben wir ja das Fernsehen" (S. 36). Die Ergebnisse sind aus heutiger Sicht weder Papas Kino noch dem Jungen Deutschen Film zuzuordnen, allenfalls gibt es Ähnlichkeiten. Jacobsen und Aurich nennen entsprechende Beispiele, allerdings ohne ausführlich darauf einzugehen.

Der Fernseh-, Film-, Buchautor, Produzent und Regisseur mit einem besonderen Interesse für die Naturwissenschaft und dem Talent zum 'visuellen Erzählen' begründete 1970 mit dem Fernsehfilm Die Delegation seine eigene Filmgattung: den "Science-Thriller" (S. 45). Ganz bewusst verzichtete Erler auf den Zusatz "Fiction", denn ihn interessiert "zukünftig Mögliches" und nicht das, "was es nicht nur nicht gibt, sondern auch nie geben kann" (S. 43). In ihrem Kapitel "Erkenntnis, keine Utopie" bezeichnen die Autoren Erlers fünfteilige Fernsehserie Das blaue Palais als Gegenentwurf zur Raumpatrouille Orion. Der vermeintliche 'Segen', den wissenschaftliche Erkenntnis und Fortschritt bringen, verwandelt sich in den Händen von Erlers Protagonisten immer in etwas Katastrophales; besonders dann, wenn die menschlichen Protagonisten den Maschinen und den dämonischen Möglichkeiten ähnlich werden, die sie selbst geschaffen haben – und darüber ihre Menschlichkeit, vor allem aber ihre Angst verlieren.

Das heute wohl bekannteste Beispiel eines Science-Thrillers von Rainer Erler ist Fleisch aus dem Jahr 1979: Ein frisch verheiratetes Paar verbringt seine Flitterwochen mit einer Autoreise durch die USA. Das Roadmovie endet unvermittelt und der Science-Thriller beginnt, als das Paar plötzlich von zwei Männern verfolgt wird, die ihre Organe rauben wollen. Damals Dystopie, liest sich der Film heute wie eine überspitzte Illustration der Systematik von inzwischen real – und unvergleichlich grausamer als im Film dargestellt – existierendem Organhandel. Jacobsen und Aurich interessiert bei ihrer Besprechung des Films vor allem die Figur der "Dr. Rey Jackson", der sie ein eigenes Kapitel widmen: Die vermeintliche Initiatorin des Organhandel-Systems will nämlich etwas, was man als Betrachtender nicht von ihr erwartet: es selbst verlassen und zerstören, so sehr, dass sie sich am Ende dafür opfert.

Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen wählen für ihr Buch einen direkten Einstieg. Sie dringen gleich zum Auftakt zum Zentrum von Rainer Erlers Schaffen vor und setzen mit dem Film Zucker. Eine wirklich süße Katastrophe aus dem Jahr 1989 das (beinahe) Ende seiner filmischen Autorenschaft an den Anfang. In Zucker trägt der Protagonist einen Pudel auf dem Arm, der Überträger von im Labor gezüchteten Bakterienstämmen ist, die alles Papier und Metall auf der Erde zerfressen. Aurich und Jacobsen stellen dann eine Assoziation zu Goethes Faust her: Da kommt der Teufel in Form eines Pudels über die mit einem magischen Bannsymbol bemalte Schwelle, kann aber – verwandelt in Mephistopheles – nicht mehr hinaus. Dieses Bannzeichen aus Faust, das die bösen Geister hinein, aber nicht mehr hinaus lässt, entleiht sich Rainer Erler als Symbol für seine Produktionsfirma pentagramma. Erler rechnet in seinen Filmen aus, was dabei herauskommt, wenn alles so weiterläuft wie bisher. Neueste Entwicklungen spinnt er weiter und verankert so seine Filme fest in der Gegenwart. Das Schreckensbild, das dabei entsteht, soll seine Betrachter aufrütteln und dazu bringen, die Weichenstellung des Fortschritts noch einmal zu überdenken und vor allem die eigene Unfähigkeit einzusehen, mit diesem fahrenden Zug mitzuhalten. Ärger mit den kritisierten Interessengruppen gehört für Erler zum Filmemachen. Mit dem letzten Kapitel "Der Zauberlehrling" schließen die Autoren elegant wieder an das Faust-Thema an: "'Grundsätzlich habe ich meine Seele nie verkauft', sagt Rainer Erler" (S. 81).

In den dazwischen liegenden zweiundzwanzig Kapiteln werden die verschiedenen Handlungsoptionen von Erlers interessantesten Figuren und die sie bestimmenden Faktoren beleuchtet – unterbrochen von essayistischen Einschüben wie dem schon genannten Kapitel "Erkenntnis, keine Utopie". Unter ähnlichen Vorzeichen handelnde Figuren fassen die Autoren in Kapiteln zusammen; dabei werden verschiedene Schaffensphasen von Erler behandelt – beispielweise die Zeit bei der Bavaria. Damals entstanden vor allem satirische Parabeln wie Seelenwanderung (1962), ein Vor-Wirtschaftswunderfilm, der zeigt, dass man als 'Welt-Organisierer' vor allem zwei Dinge nicht brauchen kann: Humanismus und Moral. Der Film wirft die Frage auf, wie viel der deutschen Nachkriegsgesellschaft ihre Moral eigentlich wert ist, und spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Es gibt 'kein letztes Wort.'

Einigen Protagonisten aus Erlers Filmen sind eigene Kapitel gewidmet, wie zum Bespiel der schon genannten "Dr. Rey Jackson" oder "Rolf". Der Protagonist in Sonderurlaub (1964), Erlers "erstem großen politischen Fernsehfilm" (S. 19), erschießt als DDR-Grenzsoldat einen Republikflüchtling. Der Film konzentriert sich darauf, wie die Tat den Täter so weit verändert, dass er sich, um seine Schuld loszuwerden, schließlich selbst zum Opfer macht und ebenfalls – scheinbar über die Grenze flüchtend – erschossen wird. Konrad Wolf fand den Film 'ausgezeichnet' und zwischen Erler und Wolf entstand eine lebenslange Freundschaft, wie man aus dem Buch erfährt, das so auch einen Anknüpfungspunkt hat an die im Jahr 2005 von Jacobsen und Aurich veröffentlichte Biografie Der Sonnensucher. Konrad Wolf.

Es geht also in den Filmen von Rainer Erler nicht nur um düstere Zukunftsvisionen, die er seit den 1970er-Jahren unter möglichst autonomen Bedingungen – mit Titeln wie Operation Ganymed (über die unerwartete Rückkehr einer Weltraumdelegation), Plutonium (eine Dokufiktion über Plutoniumhandel und Atombomben) oder News (über die Probleme bei der Entsorgung von atomaren Brennelementen) – produzierte, sondern auch um beunruhigende Verhältnisse in seiner Gegenwart. Das machen Aurich und Jacobsen in ihrem Buch klar und zeigen den Regisseur als Optimisten: Er hält eine bessere Zukunft, eine Gesellschaft die Verantwortung übernimmt, für möglich.

Ein Film, der einen Blick in die Vergangenheit wirft, ist Der Attentäter (1969) – im Buch unter dem Namen des Protagonisten "Georg Elser" zu  finden. Hier zeigen die Autoren, wie Erler eine multiperspektivische Erzählform entwickelt. Anhand dieser oder den epischen Serien Jan Billbusch (1970–72) und Das blaue Palais (1974–76) wird klar, dass Erler auch formal seiner Zeit voraus war bzw. mit seinem Werk bis in unsere Zeit hineinreicht.

In ihrem durchwegs lesenswerten Buch zeichnen Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen ein einprägsames, aber kein geschlossenes und allumfassendes Bild des Autorenfilmers, seinen in der Gegenwart verankerten Zukunftsvisionen und wie er zunehmend auf Emotionen setzt: die Aussage "so intelligent wie möglich, so trivial wie nötig" (S. 67) wurde zu seinem Leitsatz. Auch wenn die Filme oft satirische Elemente in sich haben, ist es Erler mit seiner – parallel zum sogenannten 'Fortschritt' immer aktueller werdenden – Botschaft und ihrer Vermittlung bitter ernst.

Autor/innen-Biografie

Anna Koblitz

Studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Nebenfachschwerpunkte Judaistik und Interkulturelle Kommunikation. Freiwilliges Soziales Jahr in Israel, Mitarbeit in verschiedenen kulturellen und sozialen Einrichtungen. Diverse Veröffentlichungen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Zurzeit Tutorin am Institut Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Abschluss mit Diplom voraussichtlich im Frühjahr 2014.

Veröffentlicht
2013-12-12
Zitationsvorschlag
Koblitz, A. (2013). Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen (Hg.): Kein letztes Wort. Die Filme von Rainer Erler. [rezens.Tfm], (2013/2). Abgerufen von https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/r281
Ausgabe
Rubrik
Film