Rosi Braidotti: The Posthuman.

Cambridge: Polity 2013. ISBN 978-0-7456-4158-4. 230 S. Preis: € 16,69.

  • Dominik Zechner

Abstract

Rosi Braidottis Deliberation über das Posthumane ist angesichts gegenwärtiger Bewegungen in den Geistes- und Kulturwissenschaften – oder, um den von der Autorin bevorzugten Begriff ins Treffen zu führen: den 'Humanities' – keine Zufälligkeit; vielmehr entspricht sie haargenau einer umfassenden Dynamik, die sich vor allem im anglo-amerikanischen Kontext seit einigen Jahren rapide und reich entfaltet: nämlich einer affirmativen Abkehr vom Menschen als dem Maß der Dinge, dem Nonplusultra aller Aneignung von Geist und Welt.

Die Konsolidierung des Fachs 'Animal Studies', die hohe Konjunktur des Begriffs der Ökologie im Theoretischen, die Hinwendung zu sogenannten 'objekt-orientierten' Ontologien mögen diese Tendenz symptomatisch charakterisieren. In diesem Sinne schreibt sich Braidotti in ein weites Feld posthuman(istisch)er Forschungsanstrengung ein. Die Autorin selbst, wollte man eine Schublade für ihr Werk bereithalten, würde sich am ehesten das Etikett des 'Neo-Materialismus' gefallen lassen: Eine Denkbewegung mit stark feministischer Schlagseite, die für gewöhnlich mit den Namen Elizabeth Grosz, Jane Bennett, Karen Barad und Manuel De Landa assoziiert wird. Die Motivation dahinter besteht darin, Materie in ihrem auto-poietischen Charakter, also in ihrer unabhängigen, physischen Entfaltung zu denken. Nicht umsonst verweist Braidotti, im Rechtfertigen ihres Tuns, gerne auf die sogenannte 'Gaia-Hypothese' (S. 84), derzufolge, zurückgehend auf Lynn Margulis und James Lovelock, die Biosphäre als selbstorganisierter Lebenszusammenhang begriffen wird, innerhalb dessen einzelne Lebensformen nur in Relation zu den jeweils übrigen vorgestellt werden können.

Welcher Name philosophiegeschichtlich für diese Art von Argument geradezustehen hat, liegt auf der Hand: Spinoza. Und zwar ein durch das jüngere französische Denken gefilterter. So versteht sich Braidotti zunächst als Schülerin von Deleuze und Foucault – und, durch die interpretativen Linsen des Ersteren hindurch – als Auslegerin des spinozistischen Immanenzgedankens: "The 'Spinozist legacy' […] consists in a very active concept of monism, which allowed these modern French philosophers to define matter as vital and self-organizing, thereby producing the staggering combination of 'vitalist materialism'. Because this approach rejects all forms of transcendentalism, it is also known as 'radical immanence'" (S. 56). Die berühmte Frage des Althusser-Schülers Pierre Macherey, 'Hegel oder Spinoza?', entscheidet sich bei Braidotti demnach zweifellos zugunsten des Letzteren – die Arbeit der Theorie müsse sich heute von der Einheit der Substanz und der Multitude ihrer lebendigen Ausdrücke, vor deren Hintergrund die Einmaligkeit des Menschen radikal an Boden verliert, her bestimmen.

Das Fragwürdig-Werden des Menschen als Brennpunkt unseres Weltverständnisses ist dabei natürlich keine revolutionäre Nouveauté. Spätestens seit Heideggers "Brief über den Humanismus", in dem Jean-Paul Sartre höflich aber bestimmt ausgerichtet wird, dass der Existenzialismus eben kein Humanismus sein könne, arbeitet sich die Kontinentalphilosophie am Abschied vom Menschen ab. So folgten auf Heidegger Foucaults 'Ende' und Derridas 'Enden des Menschen', in jüngerer Zeit etwa Peter Sloterdijks Menschenpark-Fantasie und Donna Haraways Mediationen über den Cyborg-Charakter des Lebendigen; mit Judith Halberstam, Ira Livingston (Posthuman Bodies) und N. Katherine Hayles (How We Became Posthuman) erfuhr das Posthumane in den 1990er-Jahren schließlich seine begriffliche Prägung.

Warum sie ihren Gegenstand dennoch als ganz zeitgeistig und dringend begreift, erklärt Braidotti im ersten Viertel ihres Traktats, worin gefordert wird, das Neinsagen einzustellen und über die Humanismus-Kritik des 20. Jahrhunderts noch ein Stück weit hinauszugehen: "Posthumanism is the historical moment that marks the end of the opposition between Humanism and anti-humanism and traces a different discursive framework, looking more affirmatively towards new alternatives" (S. 37). In dergestalt effektvoller Assertorik kommt der deleuzianische Spinozismus, durch den sich dieser Text animiert sieht, unumwunden auf seine Kosten. So firmiert 'Affirmation' – und zwar durchweg – als jene Kampfvokabel, in die Braidottis gesamte Argumentation ihr unbeschränktes Vertrauen investiert: Wo sich endlich die Epoche dekonstruktiver Melancholie ihrem Ende zuneigt, kann Politik als Handlung wieder bejaht werden – doch Handlung braucht, per definitionem, ein Subjekt. Genau dieses versucht die Autorin aus den Überresten des, nach den legitimen Anschlägen der anti-humanistischen Kritik, in Trümmern liegenden humanistischen Wertegerüsts zu retten.

Zwischen dem humanistischen Angebot einer subjektiven Ipseität, die eher modellhaft ausschloss als dass sie eine menschliche Gemeinschaft beschwor (und letztlich die radikale Unterdrückung aller geschlechtlichen, rassischen, ökonomischen etc. Abweichungen vom europäischen weißen Mann programmatisch mit sich führte), und seiner ersatzlosen Abschaffung, soll demnach eine dritte Option sich auftun – eine Art von Subjektivität, die keinen universalen Standard ins Recht setzt, sondern sich relational (Deleuze würde schreiben 'transversal') vorstellt, das heißt: als differentieller Bezugspunkt inmitten der Multiplizität von Lebensformen unseres ökologischen Zusammenhangs. "Posthuman subjectivity expresses an embodied and embedded and hence partial form of accountability, based on a strong sense of collectivity, relationality and hence community building"

(S. 49). Die Lücke, die diese feierliche Einsetzung einer neuen Handlungsmacht offen lässt, bezieht sich dabei auf das 'Wie' des Umsetzens. Politik als Handlung bedarf einer strategischen Disposition, zumindest eines Plans, der Richtung und Vorgehen determiniert. Weil Braidottis Gedankengang sich an diesem Dilemma der Praxis vorbeizustehlen scheint, entsteht eine unweigerliche Ratlosigkeit darüber, auf welche Weise sich das posthumane Subjekt denn nun konkret manifestieren soll.

Noch diffiziler wird der Status dieser Subjektivität, wenn nach der Umwelt gefragt wird, innerhalb derer ihre Realisierung statt hat. Braidotti schlägt vor, einen singulären, allumfassenden Lebenszusammenhang zu denken, der sich in seinem Zentrum nicht mehr auf die Figur des Menschen als 'anthropos' hin zuspitzt; stattdessen soll das Leben selbst als kreative Kraft affirmiert werden, die den Rahmen der Spezies übersteigt, um den kosmischen Zusammenhalt an sich zu garantieren: "As a brand of vital materialism, posthuman theory contests the arrogance of anthropocentrism and the 'exceptionalism' of the Human as a trancendental category. It strikes instead an alliance with the productive and immanent force of zoe, or life in its non-human aspects" (S. 66). 'Zoe', der griechische Term für eine Lebendigkeit, die allen Lebewesen gemeinsam ist, wird von der Autorin in Stellung gebracht, um den verbrauchten, anthropozentrisch justierten Begriff des 'Bios' abzulösen (womit auch eine Substitution des foucaultschen 'biopouvoir' durch eine vitalistische 'Zoe'-Politik einhergeht). Dem posthumanen Subjekt inhäriert mithin ein Solidaritätsverhältnis der Arten untereinander, die Teilhabe an einem produktiven Lebensprozess, der mehr ist als bloß menschlich.

Jedwedem Naturalismusverdacht soll dabei allerdings postwendend der Wind aus den Segeln genommen werden, da Braidotti die Effekte der Technik selbst dem monistischen Relationsgeflecht der Lebensressourcen zuschreibt. Was nichts anderes bedeutet, als dass das technologische Artefakt der Physis nicht mehr gegenübersteht, sondern selbst als intelligent und vom generativen Lebensprozess beseelt verstanden wird. Damit geht der Zusammenbruch der Natur-Kultur-Distinktion einher, die sich in das Kontinuum eines einzigen energetischen Kontexts, in welchem natürlicher und technischer Substanzsausdruck ineinander übergehen, auflöst: "A rather complex symbiotic relationship has emerged in our cyber universe: a sort of mutual dependence between the flesh and the machine" (S. 113). Allein, bei aller Emphase für den medial-technischen Charakter der von ihr vorgeschlagen relationalen Subjektivität wehrt sich Braidotti vehement, den Immaterialitätsphantasien des Transhumanismus nachzugeben und betont wiederholt die unabweisbare Körperlichkeit ('embodiment') des Lebendigen.

Nicht zuletzt, reflektiert Braidotti im letzten Teil des Buchs, nimmt die posthumane Kondition die Arbeit der Universität in die Pflicht. Die traditionellen Geistes- und Kulturwissenschaften, die sich – der anglo-amerikanische Begriff der 'Humanities' lässt da keine Zweifel aufkommen – vom gesicherten Status des Subjekts Mensch her derivieren, riskieren ihre absolute Geltungseinbuße, gelingt es nicht, den disziplinären Anthropozentrismus zu brechen und zugleich das Nachmenschliche auf den zeitgemäßen Begriff zu bringen: "As a vitalist and self-organizing notion of 'matter' comes to the fore, the Humanities need to mutate and become posthuman, or to accept suffering increasing irrelevance" (S. 147). Ein Festhalten an den rigiden Grenzen der klassischen Disziplineneinteilung sei dabei mindestens kontraproduktiv, wenn nicht gefahrvoll. Um den Geist der Zeit zu fassen bedarf es einer grenzüberschreitenden Begriffsarbeit, die Braidotti vor allem in den am akademischen Rand florierenden 'Studies'-Formationen realisiert sieht (vgl. das gegenwärtige Interesse an den erwähnten 'Animal Studies', 'Disability Studies', 'Critical Science Studies', 'Extinction Studies' etc.) – das heißt in dynamischen Denkfeldern, die flexibler manövrierbar und methodisch offener sind als das traditionelle Fach es zulässt. Damit einher geht die vehemente Forderung der Autorin nach einer Neudefinition (besser: einem Sich-neu-etablieren) des Verhältnisses zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.

Dass Braidotti dem nüchternen Titel The Posthuman keinen Untertitel beifügt, gibt dem Werk eine enzyklopädische Note und kreiert den Eindruck, der Diskurs über das Nachmenschliche sei hier ganz konvenient eingerahmt und auf den Punkt gebracht worden. Während es zutrifft, dass die Autorin sich sehr bemüht zeigt, etwas wie eine posthumanistische Ideengeschichte möglichst umfassend wiederzugeben, darf dabei nicht übersehen werden, dass sich Braidotti einem spezifischen philosophiepolitischen Programm verschreibt, das im Lichte eines post-marxistischen Materialismus alles daran setzt, den 'Linguistic Turn' zu Grabe zu tragen: "The posthuman subject is not postmodern, because it does not rely on any anti-foundationalist premises. Nor is it post-structuralist, because it does not function within the linguistic turn or other forms of deconstruction" (S. 188). Was dabei unbeantwortet bleibt, ist die Frage, wie eine Theorie des Posthumanen an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen soll, wenn sie die Analyse der Sprache – unhintergehbares Moment jedwedes Repräsentationsprozesses – dem Nichts überlässt.

Autor/innen-Biografie

Dominik Zechner

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Philosophie an der Universität Wien; Abschluss mit einer Arbeit zum Begriff des Archivs im Denken Jacques Derridas. Auslandsstipendiat an der Tisch School of the Arts der New York University im Jahr 2011. Seit September 2013 Promotionsstudium an der Graduate School of Arts and Science der New York University unter der Betreuung von Prof. Avital Ronell. Vortragstätigkeiten in Österreich, der Schweiz, Portugal, Taiwan und den USA. Gegenwärtig Forschungen zum Begriff des Nihilismus bei Heidegger und Nietzsche.

Veröffentlicht
2013-12-12
Zitationsvorschlag
Zechner, D. (2013). Rosi Braidotti: The Posthuman. [rezens.Tfm], (2013/2). Abgerufen von https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/r285
Ausgabe
Rubrik
Kulturwissenschaft