Teresa Kovacs/Peter Scheinpflug/Thomas Wortmann (Hg.): Schlingensief-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.

Stuttgart: Metzler 2025. ISBN: 978-3-476-05849-2. 516 Seiten, 99,99 €.

Autor/innen

  • Sebastian Cwiklinski

DOI:

https://doi.org/10.25365/rezens-2026-1-02

Abstract

In der Handbücher-Reihe des Metzler-Verlags erscheinen seit vielen Jahren Kompendien zu wichtigen Schriftsteller*innen und Philosoph*innen aus Vergangenheit und Gegenwart, wobei in der Literatur der Schwerpunkt bei deutschsprachigen Autor*innen liegt. Berücksichtigt wurden dabei so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Aristoteles, Homer, Sigmund Freud, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Hannah Arendt und Ingeborg Bachmann, wobei nur eine kleine Minderheit der mit einem Handbuch Bedachten Frauen waren. Zu Künstler*innen wurden bis jetzt mit Ausnahme von Joseph Beuys keine eigenen Kompendien zusammengestellt.

Nun wird Christoph Schlingensief (1960–2009) ein Handbuch gewidmet, was insofern eine Herausforderung war, als sich dessen Werk einer einfachen Kategorisierung in Sparten der Kunst entzieht: Nach Anfängen als Filmregisseur (im Alter von acht Jahren!) war er unter anderem Theaterregisseur, Hörspielautor, Fernsehmacher, Aktions- und bildender Künstler sowie Autor. Als Bezeichnung für diese Vielfältigkeit hat sich in der Forschung seit einem viel beachteten Symposium mit anschließender Buchveröffentlichung (Janke/Kovacs 2011) der Ausdruck "Gesamtkünstler" etabliert. Teresa Kovacs, Peter Scheinpflug und Thomas Wortmann, die Herausgeber*innen des vorliegenden Bandes, sind bereits durch einschlägige Veröffentlichungen als Schlingensief-Expert*innen ausgewiesen (Janke/Kovacs 2011; Höving/Holweck/Wortmann 2020; Scheinpflug/Wortmann 2022). Auch die meisten Autor*innen des Handbuchs haben schon zum Künstler geforscht und publiziert.

Das Handbuch ist in zehn Teile mit insgesamt 68 Beiträgen gegliedert, wobei der erste Teil der Person und Persona Schlingensief gewidmet ist. In den zweiten bis achten Teilen geht es dann, nach Genres gegliedert, um einzelne Werke des Künstlers, während der neunte Teil zentrale, im Schaffen Schlingensiefs immer wiederkehrende Themen und der zehnte Traditionslinien behandelt. Sowohl die Teile des Handbuchs als auch die Artikel zu seinen Werken innerhalb der einzelnen Teile folgen im Rahmen des Möglichen einer chronologischen Anordnung.

Der transmediale Charakter von Schlingensiefs künstlerischem Schaffen bringt einige Schwierigkeiten für das Handbuch mit sich, da der Künstler eine künstlerische Idee oft auch in mehreren unterschiedlichen Medien umsetzte und es deshalb immer wieder Verbindungen zwischen zwei oder mehr Werken gibt, die auch ein Handbuchartikel zu berücksichtigen hat. So muss etwa in Chikako Kitagawas Beitrag zu Schlingensiefs Inszenierung von Wagners Parsifal in Bayreuth (2004–2007) zwangsweise auf seine Parsifal-Bezüge in anderen Werken wie in Die Berliner Republik oder der Ring in Afrika oder die Wagner-Rallye verwiesen werden: Wenn es bei Schlingensief, wie Kitagawa mit einem Zitat der Theaterwissenschaftlerin Ulrike Hartung aus dem Jahr 2011 festhält, "'seit dieser Operninszenierung kaum ein Werk zu geben [scheint]'", das "'ohne Parsifal – sei es in Form von Musik, Text oder symbolischen Verweisen – auskommt'" (S. 287), dann ist es auch die Aufgabe eines Handbuches, auf solche Verbindungen hinzuweisen, und das tut das Schlingensief-Handbuch. Vermeintliche Doppelungen von Informationen erweisen sich bei genauerem Hinsehen als notwendige Verweise auf intermediale Verbindungen zwischen Werken, weshalb die Herausgeber*innen für die aufwändige Redaktionsarbeit zu loben sind.

Auch ein zweiter Befund ist nicht auf das Handbuch und seine Anlage zurückzuführen, sondern darauf, wie Christoph Schlingensief in und außerhalb der Forschung wahrgenommen wird. Als Künstler bezog sich dieser immer wieder parodierend auf Phänomene der Wirklichkeit, um zu provozieren und sowohl Mitspielende als auch das Publikum aus der Reserve zu locken. Dabei spielte Schlingensief mit vermeintlich unvorhergesehenen Vorkommnissen, die aber nur zum Teil wirklich unvorhergesehen, oft aber sorgfältig inszeniert waren. Typisch für die Forschung ist nun, dass sie hinter jeglichem Schritt von Christoph Schlingensief planvolle Absicht vermutet und das Anarchische in dessen Ansatz zu wenig berücksichtigt. Gut illustrieren lässt sich dies an der Rezeption seines Fernsehprojekts Talk 2000, einer parodierenden Talkshow-Simulation in acht Folgen von 1997, die in der Kantine der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gedreht und im Kulturfenster des Privatsenders RTL ausgestrahlt wurde. Der Artikel von Peter Scheinpflug zu diesem Projekt im Handbuch stellt "Schlingensiefs Dekonstruktion der Konventionen und Authentizitätsstrategien" (S. 227) und seinen Versuch, "das Publikum durch Störungen und Verfremdungseffekte zur Reflexion über Authentizität [anzuregen]" (S. 228), gut dar und zeigt im Einzelnen, mit welchen Strategien er dabei arbeitete. Nun war aber auch Talk 2000 durch Schlingensiefs Improvisieren gekennzeichnet. Nicht hinter jeder Handlung von ihm in der Talkshow-Simulation sind tiefe Gedankengänge zu entdecken – oft waren sie schlicht das Ergebnis von Stegreifhandlungen. Die Grenzen des Verfahrens, mit einer Mischung aus inszenierter Provokation und spontaner Improvisation zu schocken, lassen sich übrigens dann beobachten, wenn sich ein Talkshowgast wie der Entertainer und Medienprofi Harald Schmidt angesichts von Schlingensiefs Provokationen nicht schockiert zeigt, sondern voll in sie einsteigt und damit dessen Absichten unterläuft.1

Die Forschung und analog hierzu auch die einzelnen Beiträge zum Handbuch beleuchten das anarchische Element zu wenig und tendieren dazu, jegliches Handeln Schlingensiefs als planvolle, durchdachte Aktionen zu erklären, deren tiefe Bedeutung noch zu erschließen sei. Manchmal kann die Wirklichkeit aber auch banaler sein: Wenn beispielsweise ein Medienprojekt von Schlingensief durch extreme Bewerbung und aufdringliches Marketing gekennzeichnet ist, muss dahinter nicht zwangsläufig die Absicht stecken, Kritik an den Vermarktungsmechanismen der Medienwelt zu üben – es könnte sich auch schlicht und einfach um den Versuch handeln, ein Projekt zu vermarkten, zumindest sollte eine solche Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Diese Tendenz der Suche nach einem tieferen Sinn ist aber nicht den Autor*innen des Handbuches anzulasten, sondern Resultat einer Forschungstendenz.

Das Schlingensief-Handbuch genügt allen Ansprüchen, die ein Werk dieser Art zu erfüllen hat, in jeder Hinsicht: Es ermöglicht Interessierten (sowohl Forscher*innen als auch interessierten Leser*innen), gezielt Informationen zu Abschnitten in Christoph Schlingensiefs Leben oder zu seinen Werken nachzuschlagen und sich über den aktuellen Forschungsstand zu informieren. Gleichzeitig ist es eine Fundgrube für alle, die einzelnen Spuren genauer nachgehen und tiefer in die Schlingensief-Forschung einsteigen wollen. Auf diese Weise ist es ein Muss für jede und jeden, die sich mit dem Werk des Gesamtkünstlers Christoph Schlingensief vertraut machen wollen. Dem Handbuch ist eine gute Aufnahme zu wünschen.

 

Anmerkungen:

1 Bereits in der sorgfältig edierten und auch ausgestrahlten Folge mit Schmidt, der dritten von Talk 2000, sind Schlingensiefs Schwierigkeiten zu beobachten, wenn seine Provokationen ins Leere laufen (vgl. Schlingensief/Schmidt 2025(1997), 7′30″–10′30″). In herausgeschnittenen, nicht in die ausgestrahlte Folge übernommenen Sequenzen werden diese Schwierigkeiten noch deutlicher (vgl. Schlingensief/Schmidt 2009(1997), 5′38″–6′40″).

Quellen:

Höving, Vanessa/Holweck, Katja/Wortmann, Thomas (Hg.): Christoph Schlingensief: Resonanzen. München: edition text + kritik 2020.

Janke, Pia/Kovacs, Teresa (Hg.): Der Gesamtkünstler. Christoph Schlingensief. Wien: Transit 2011.

Scheinpflug, Peter/Wortmann, Thomas (Hg.): Arbeit am Bild. Christoph Schlingensief und die Tradition. Paderborn: Brill Fink 2022.

[Schlingensief, Christoph/Schmidt, Harald]: "Harald Schmidt bringt Christoph Schlingensief mit seinen Sprüchen zum Schwitzen | Talk 2000 (3/8)". In: Deutsche Fernsehgeschichte, 7. Dezember 2025, https://www.youtube.com/watch?v=xUme4L7AUFk (24.04.2026); Orig.: "Deutscher Humor", Episode 3 von Talk 2000, RTL, 28. September 1997.

[Schlingensief, Christoph/Schmidt, Harald]: "Harald Schmidt macht Schlingensief fertig". In: pitklong, 5. September 2009, https://www.youtube.com/watch?v=BhZRclRzFVc (03.01.2026); Orig. 1997.

Autor/innen-Biografie

Sebastian Cwiklinski

Literaturwissenschaftler, Turkologe und Historiker, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin sowie bis 2023 Lehrbeauftragter für Turkologie an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Geschichte und Identitätspolitik in Mittel- und Osteuropa, im postsowjetischen Raum und der Türkei sowie filmwissenschaftliche Studien.

Zuletzt erschienen:

–  [Rezension:] Sergey Toymentsev (Hg.): ReFocus: The Films of Andrei Tarkovsky. Edinburgh: Edinburgh University Press 2021. In: Apparatus. Film, Media and Digital Cultures in Central and Eastern Europe 19, 2024. https://www.apparatusjournal.net/index.php/apparatus/article/view/372/681 (03.01.2026).

– [Rezension:] Andrej Tarkowski: Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Mit einem Vorwort von Dominik Graf. Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Hans-Joachim Schlegel. Übersetzung der Ergänzungen von Yvonne Griesel. Berlin: Alexander Verlag 2021. In: rezens.tfm 2023/2. https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/7913 (03.01.2026).

– [Tagungsbericht:] International Conference "Cinéfemmes. Women's Cinema of the 21st Century. From Film d'Autrice to Genre Cinema". FernUniversität in Hagen (Germany), February 9–11, 2023. In: Apparatus. Film, Media and Digital Cultures in Central and Eastern Europe 16, 2023. https://www.apparatusjournal.net/index.php/apparatus/article/view/337/624 (03.01.2026).

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Veröffentlicht

2026-05-12

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Theater