Volker Pantenburg: Einfachheit ohne Vereinfachung. Zur Praxis Harun Farockis.

Zürich: Diaphanes 2025. ISBN: 978-3-0358-0746-2. 448 Seiten, 35,00 €.

Autor/innen

  • Gideon Hempel

DOI:

https://doi.org/10.25365/rezens-2026-1-04

Abstract

Mit dem plötzlichen Tod des Filmemachers Harun Farocki 2014 riss seine seit Mitte der 1960er Jahre anhaltende Produktion von Film-, Text- und Kunstprojekten abrupt ab, deren Beforschung allerdings – spätestens seit den 1990er Jahren (S. 11) – einen stetig anwachsenden Stapel an Wissenschaftspublikationen hervorbrachte. Nicht nur die von Farocki selbst durch etwa seine Lehrtätigkeit in den USA (Berkeley) bewirkte Internationalisierung der Farocki-Forschung, sondern auch die Gründung des Harun-Farocki-Instituts (HaFI) 2015 in Berlin-Wedding stehen im Zeichen eines intensivierten Interesses an dem Denken und Schaffen des Filmkünstlers. Das ist kaum überraschend, denn die Fragen, die Farocki stellt und bearbeitet, werden, vor allem in Zeiten, in denen Bilder von Kriegen wieder vermehrt die Berichterstattung im Fernsehen und in den Zeitungen bevölkern, wieder relevant. Das Betrachten von Bildern ist nämlich immer schon voraussetzungsreich gewesen (vgl. S. 41). Und so lenkt Harun Farocki schon früh die Aufmerksamkeit durch einfache Fragen, "Wie Filme sehen?" (S. 241) oder "Wie funktionieren Bilder?" (S. 227), auf eben jene mikropolitischen Voraussetzungen, die unsere Bilderwelten stetig begleiten. Bei Farocki verschiebt sich die Frage der Wahrnehmung von Bildern hin zu jenen Fragen, die die Logik und Funktionsweise der Bilder selbst betreffen (vgl. S. 247). Das zeigt sich bereits in seinem 1969 veröffentlichten Film Nicht löschbares Feuer (DE), in dem Farocki die Verletzbarkeit des eigenen Körpers gegen die "Gefahr abstrahierender Bilder" (S. 61) einsetzt.

Überschrieben mit dem lakonischen, antididaktischen Motto, das Farocki von Jahr zu Jahr wieder als erklärtes "Lernziel" an der Akademie der bildendenden Künste Wien angibt, Einfachheit ohne Vereinfachung gewähren Volker Pantenburgs zusammengestellte Texte durch historiografische Überlegungen, ein hier erstmals publiziertes Interview zwischen Pantenburg und Farocki und akribische Archivarbeit (besonders beim WDR und der DFFB) einen Einblick in die Produktionsumstände der Filmlandschaft der BRD. Die Texte stehen dabei im engen Zusammenhang mit der Publikation der Schriften Farockis vom HaFI, von denen bisher sieben Bände erschienen sind und in denen auch drei der hier wiederpublizierten Texte als Nachworte enthalten sind.

Anders als in Pantenburgs wichtiger 2006 erschienener Arbeit zu den Schnittstellen des filmischen Theoriedenkens bei Jean-Luc Godard und Harun Farocki Film als Theorie beschäftigen sich die hier versammelten Aufsätze und Kurztexte nicht nur mit den fertiggestellten Langfilmen Farockis, sondern vor allem auch mit den unfertigen oder weniger bekannten Arbeiten und Texten sowie den Konzeptions- und Recherchephasen und besonders ausführlich auch mit der Lehrtätigkeit Farockis. Im Zentrum steht so eine Auseinandersetzung mit dem Nachlass Farockis, der als Para-Archiv (S. 13) einen Zugang zu den Arbeitsweisen und Kooperationspraktiken ermöglicht, die Prozesshaftigkeit und den zeitweiligen Pragmatismus von Farockis Tätigkeit ins Blickfeld rückt.

Geht es Pantenburg, wie der Untertitel des Buches verrät, um die Praxis Harun Farockis – der eigentlich, wie man an einer Stelle erfährt, als Faroqhi geboren wurde (S. 25) –, so verläuft das "Verbundsystem" (S. 47) seiner Arbeiten entlang des Fernsehens über das Kino und mündet schließlich im Bereich der bildenden Kunst. In den Einzelproduktionen und -texten Farockis, die Einfachheit ohne Vereinfachung untersucht, wird im Sinne des Verbundes über längere Zeiträume an Projekten und Gedanken gearbeitet, die sich für Pantenburg häufig auch als Vorarbeiten zu größeren Produktionen lesen lassen. Orientiert an der Kritischen Theorie, namentlich Theodor W. Adorno, verfolgt Farocki beispielsweise die These, dass "der ökonomisch motivierte Zusammenschluss mehrerer deutscher großindustrieller Konzerne am Ende der 1920er-Jahre die Machtübernahme des Nationalsozialismus ursächlich mitbedingt habe" (S. 47). Dieses Argument, zeigt Pantenburg, ist gleichzeitig zentral etwa für den ersten Film Zwischen zwei Kriegen (DE 1978) wie den Film Erzählen (DE 1975) und die Fernsehsendung Industrie und Fotografie (DE 1979), die dadurch wiederum im Verbund stehen. Farocki überträgt also die ökonomische Notwendigkeit des "Verbundes" der Großindustrie im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs auf die eigene Arbeitsweise als Filmemacher (S. 47).

Anders als Ulrich Plenzdorf, sein Freund und Student an der DFFB, deren Kooperationen Pantenburg einen eigenen Text widmet (S. 273–297), bleibt Farocki kommerziell wenig erfolgreich. Dennoch findet Farockis Interesse am Fiktionalen in den Filmen Plenzdorfs einen Nachhall, was sonst nur in seinem Spielfilm Betrogen (DE 1985) anklingt. Daneben sind es Lehrfilme wie Anleitung, Polizisten den Helm abzureißen (DE 1969) oder Nixon kommt nach Berlin (DE 1969), die, obwohl erst nach dem Rauswurf Farockis 1968 von eben jenem Institut, an das er später (1978) als Lehrender zurückkehrte, entstanden, eine Erklärung andeuten, warum Farocki nicht die Laufbahn eines klassischen Spielfilmregisseurs einschlug.

Die vier Kapitel des Buchs, die sich wiederum in Unterkapitel und in einzelne Aufsätze aufteilen, orientieren sich an einigen "Kernbegriffen" (S. 13) Farockis. Beginnend bei dem Doppel "Arbeit / Archiv" über "Film / Kritik" und "Lernen / Lehre" bis "Bilder / Operationen" orientiert sich Einfachheit ohne Vereinfachung an Themenkomplexen, die immer wieder ineinandergreifen und ein fortlaufend zu ergänzendes Passepartout des Künstlers aufzeigen. Innerhalb dieser Kapitel werden zudem insgesamt elf Kurztexte eingefügt, die jeweils einzelne Filme und Installationen fokussieren. Diese Texte bieten nicht nur sinnvolle Übergänge und fungieren als Brücken zwischen den größeren Themenbereichen, sondern stellen durch ihre Fokussierung und Kürze auch einen immer wieder neu ansetzenden Einstieg für die Beschäftigung mit Farocki dar. Vor allem aber sind es die Überlegungen zur Didaktik bzw. Antididaktik, die verdeutlichen, wie in diesen Texten "jemandem [Farocki, Anm. G. H.] über die Schulter [gesehen wird], der nicht abgeklärt seine Forschungsergebnisse präsentierte, sondern freigiebig an seiner Forschung teilhaben ließ." (Eschkötter/Pantenburg 2014, S. 210). Farocki schreibt einmal, er wolle nicht Theorie vortragen, sondern seine theoretische Produktion sichtbar machen (vgl. S. 230) und Pantenburg wiederholt in diesen Texten dieses Anliegen, indem er aufzeigt, welche Verbindungen und bisher ungesehene Überschneidungen sich zwischen Farockis Denkprozessen, Arbeitsweisen und Lehrmethoden finden lassen. Daher empfiehlt sich das Buch nicht nur für die Farocki-Forschung, sondern auch für alle anderen Farocki-Interessierten, die hier auf ein Palimpsest unfertiger, ungesehener und unbeachteter Werke Farockis stoßen.

 

Quellen:

Eschkötter, Daniel/Pantenburg, Volker: "Was Farocki lehrt". In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 6/11, 2014, S. 207–211. DOI: 10.25969/mediarep/1328.

Autor/innen-Biografie

Gideon Hempel

Gideon Hempel studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Philosophie an der Universität Wien.

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Veröffentlicht

2026-05-12

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Rubrik

Film

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