Varonika Darian/Peer de Smit (Hg.): Gestische Forschung. Praktiken und Perspektiven.

Berlin: Neofelis 2020. ISBN: 978-3-95808-246-5. 348 Seiten, 90 Illustrationen, Preis: € 28,00.

Autor/innen

  • Freda Fiala

DOI:

https://doi.org/10.25365/rezens-2021-2-03

Abstract

Das Gestische oszilliert zwischen Phänomen und Begriff, flüchtiger Erfahrung und medialer Spur. Es regt zu multiplen Assoziationen an, wodurch Forschende in ihrer Differenzierung und Kontextualisierung besonders gefordert sind. Dieser bei Neofelis erschienene Band versammelt transdisziplinäre Beiträge zum Gestischen, die diese Pluralität seiner Bewegungen aufgreifen und analysieren.

Die Beiträge sind in fünf Kapiteln lose thematisch gruppiert: Zu Beginn stellt Gestisches Denken, gestisch forschen mit Fabian Goppelsröders "Geste als Figur im Denken" eine philosophiegeschichtliche Lesart des Gestischen vor. Veronika Darians "Forschen als Geste – Gestisches in (Er-)Forschung" nimmt, im Folgenden, anhand diverser ‘Fundstücke’ speziell die ‘unterbrechende’ Wirkung der Geste u.a. mit Walter Benjamin, Bertolt Brecht sowie Giorgio Agamben in den Blick. Auch Ernst Machs und Dürers Zeichnungen, sowie Gayatri Spivaks postkoloniale Theorie dienen ihr als Anhaltspunkte in der Frage nach der Haltungsgeste und der physischen Disposition von Wissenschaftler*innen. Ihr ausschweifender Artikel lenkt schließlich den Blick auf Darians eigene Forschungspraxis. Eine Aufmerksamkeit für das Gestische fördere darin "den Akt der Haltungseinnahme" (S. 77) – einen bewusst und unbewusst eingesetzten wissenschaftlichen Habitus, der Forschenden ihre Verantwortung gegenüber hegemonialen Wissens- und Machtstrukturen bewusst machen könne.

Das zweite Kapitel wendet sich Gestischem in "Sprache, Schreiben und Aufzeichnen" zu. Peer de Smit durchstreift Paul Celans Texte, in denen er "Begegnungen mit vereinzelten Worten" ortet. (S. 21)  Er begreift den fragmentierten, brüchigen Charakter von Celans Sprache in ihrem kinästhetischen Potential, als sie die Wahrnehmung auf das richtet "was sich in der Sprache als Bewegung gestisch ereignet". (S. 114) Mit Isa Wortelkamp widmet sich noch eine weitere Autorin der Reflexion von Schreiben in Bewegung. In ihrem Beitrag "Szenen des Schreibens in zeitgenössischem Tanz" zeigt Wortelkamp am Beispiel von William Forsythes Projekten Motion Bank und Synchonous Objects, wie der Tanz, als Choreographie, ins Digitale übertragen, gespeichert und zugänglich gemacht wird. Mit Anne Theresa de Keersmaecker und Cy Twombly erkundet sie im Anschluss zwei weitere Protagonist*innen des Choreographischen, denen "die Schrift folgt", als jede Form der Analyse "ein Schreiben in Bewegung" ist. (S. 137)

Michael Renner erkundet Konventionen und Abweichungen der Schreibgeste für Praxis und Lehre der visuellen Kommunikation, wozu er ausgewählte graphische Beispiele und das Phänomen der Handschrift analysiert. Vor dem Hintergrund von Hanna Arendts Ausführungen aus der Vita activa betont Renner dabei die soziale und kulturelle Prägung, die "im Schreiben das Sprechen und Handeln in einer einzigartigen Weise" manifestiert, sodass "die Spur der Schreibgeste sowohl die Individualität […] als auch die Identität" (S. 119) zu erkennen gebe.

Das "Gestische in-situ" titelt das dritte Buchkapitel, und stellt mit Angelika Jäkel (zusammen mit Maren Gebhard, Adriana Könemann und Tine Voecks), sowie mit Till Boettger/Martina Reichelt zwei Beiträge vor, die der Qualität des Gestischen für die räumliche Erfahrung und für bauliche Situationen nachgehen. Hier wird insbesondere die Funktionalität der körperlichen Geste für das Verstehen des Verhältnisses von Mensch und Umwelt betont.

Die Beiträge des folgenden Kapitels "Gestisches Aneignen, gestisch agieren" umkreisen Ausdrucksformen, die sich durch ein jeweils spezifisch gestisches Moment kennzeichnen, bzw. in ihrer Entwicklung eng an ein solches gebunden waren. Den Anfang macht dabei Jessica Hölzl, die sich einer detaillierten Inszenierungsanalyse von Tim Spooners ‘Assembly of Animals’ widmet. Das Agens des Gestischen untersucht auch Mischa Braun im Text "Gestische Praktiken der ‘Umwendung’ populistischer Diskurse", wenn er zwei Theaterproduktionen analysiert, welche die Reprogrammierung der Geschichte zum Zweck nationalistischer Machtpolitik zum Thema haben. Am Beispiel von Magyar adác und des darin verhandelten Narrativs des in Ungarn nationalpolitisch missbrauchten Akazienbaums und am Beispiel der Aktion RescEU veranschaulicht er, wie die Komplexitäten gestischer An- und Enteignung historischer Narrative durch die theatrale Praxis perspektiviert werden können.

Mit Hirata Eiichîros Beitrag zur Bedeutungsdimension der Körpergeste in Bezug auf das japanische Tenno-System wird der Band, welcher die Deutungshoheit westlicher Theoriebildung ansonsten unerfreulich wenig in Frage stellt, zumindest um eine nicht-europäische Perspektive ergänzt. Hirata fragt darin, wie eine konformistische Betrachtungsweise die ambiguen Gesten des Tenno "ausschließlich auf einen eindeutigen Sinn der autoritären, vergöttlichten Handlung reduzieren will." (S. 242) Das gestische Repertoire im Körpertheater der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das sich durch scheinbar ‘belanglose’ und ‘unverständliche’ Bewegungen charakterisiert, sieht er in einer Verbindung mit dieser mysteriösen Ritualität des Tenno. Als deren "dekonstruktive Haltung" in die Ambiguität der Interpretation von Gesten interveniert, könne diese als "Präventionsmittel gegen die Eskalation in eine radikale Richtung wie den Ultranationalismus" (S. 252) wirksam werden.

Mit den Beiträgen von Maren Witte und Melanie Haller gibt dieser Abschnitt zusätzlich Einblicke in die Arbeit von Performer Martin Clausen ("Bummeln als Geste"), sowie in die geschichtlichen Zusammenhänge von Bekleidung und Bewegung ("Zur Relationalität des Gestischen").

Mit dem abschließenden Buchteil "Gestisches Forschen in actu" gelingt es schließlich, die dominierende wissenschaftliche Herangehensweise zu einer tatsächlich gestischen Reflexion hin zu öffnen. Michael Wehren, Mitglied der Gruppe friendly fire bespricht zunächst, in einem dichten, mit Verweisen durchsetzten Pamphlet, die ‘Zerlegung’ des Begriffs aus künstlerischer Sicht. Im anschließenden Artikel dokumentieren Rée und Peer de Smit ihre Erfahrungen eines praktischen Projekts mit Studierenden. Sie beschreiben sensibel die Herangehensweise, wie sie in einer psychiatrischen Klinik eine ‘forschende Praxis’ zum Thema Festhalten und Berühren durchführen. Die Nähe der Begebenheit vermag dabei, eine distanzierte wissenschaftliche Haltung auf eine um-fassende, geradezu profunde Probe zu stellen: Das Beispiel zeigt, wie ein gestischer Forschungsansatz in Konflikt mit einer ergebnisorientierten Wissenschaft gerät; die in Projektrahmen, Zwischenberichten und Evaluationen denkt. Als physische Erkenntnisform erfordert die situative Bindung des Gestischen, es vielmehr in Relationen, Schichten und Pluralitäten zu begreifen. So betonen Rée und Peer de Smit: "Als wir uns eines Tages mit einsatzbereiter Videokamera dabei ertappten, wichtige Momente der Arbeit festhalten zu wollen, befiel uns im selben Augenblick eine bodenlose Scham, Scham nicht sowohl gegenüber denen, die mit Herz und Seele bei der Sache waren, sondern auch Scham angesichts des Unterfangens, etwas festhalten zu wollen, was festgehalten dessen beraubt wird, was es wesentlich ausmacht: Bewegung." (S. 319) Es lässt sich daher die Frage stellen, wie in der Gegenwart das Gestische und das Mediale zunehmend in ein produktives Verhältnis gesetzt werden müssen.

Facettenreich ist schließlich auch das Gespräch zwischen Ulrike Hass und Sven Lindholm am Abschluss des Bands. Darin perspektivieren sie gestisch Forschende als Teilhabende an einer vielschichtigen Szene, an deren Kräftefeld sie als Mit-Gestalter*innen und Entwickler*innen teilhaben. Ihre Diskussion kreist unter anderem um die Frage, wie sich Relationen zwischen Teil und Ganzem, Anteilnahme und Einverleibung, sowie Haltungen des (künstlerischen) Empfangens und (wissenschaftlichen) Forderns ‘beweglich halten’ lassen. Künstlerische und (geistes-)wissenschaftliche Erkenntnis bilden ergänzende Teile eines solchen szenischen Forschungskonzepts. Insbesondere in installativen künstlerischen Beispielen verorten Hass und Lindholm mit Vilém Flusser dabei ein ontologisches Potential der Geste, ihre Relevanz für eine Erkenntnis, die jenseits der bloßen Bedeutungsebene liegt.

Als die Publikation abweichende, sich teils ergänzende und lustvoll widersprechende Reflexionen auf das Phänomen des Gestischen anbietet, findet sich jene proklamierte Offenheit zuletzt auch im editorischen Konzept wieder. In einem Band versammelt, lesen sich die einzelnen fachspezifisch geprägten Beträge wie einander abwechselnde "Phasen" (S. 328), die jeweils noch eine begriffliche Transformation in die aktive und produktive Suche nach dem Gestischen einbeziehen. Der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit, der einzelnen Beispielen in einer derartigen Kollektion zukommt, ist offenkundig als Teil der versuchten Annäherung an das letztlich unfasslich bleibende Gestische und sein Erscheinen zu begreifen. Eine Lücke offenbart sich jedoch hinsichtlich prognostisch relevanter Verbindungen, insbesondere zur Thematik der Berührungs- und Emotionsforschung.

Auf symbolische Weise wird der nach wissenschaftlichen Kriterien organisierte Band von einer von Rée de Smit gestalteten Tuschezeichnung durchzogen, die den linearen Lesefluss wiederholt überraschend durchbricht. Alleine schon dieser minimale Eingriff verweist auf die Möglichkeiten einer themenbezogenen medialen Selbstreflexion und ist eine überaus willkommene Ergänzung für die eigene, gestische Leseerfahrung.

Autor/innen-Biografie

Freda Fiala

Doktorandin an der Universität Wien. Sie studierte Theater- Film- und Medienwissenschaft und Sinologie in Wien, Berlin, Hong Kong und Taipei. Sie beschäftigt sich forschend und schreibend: mit Theater- und Performancekulturen in Ostasien, interkulturellen Inszenierungsformen, sowie den darstellenden Künsten als Mittel und Methode internationaler Kulturbeziehungen.

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Veröffentlicht

2021-11-30

Ausgabe

Rubrik

Theater

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