Anna Rebecca Hoffmann: An Literatur erinnern. Zur Erinnerungsarbeit literarischer Museen und Gedenkstätten.

Bielefeld: transcript 2018. (Reihe: Edition Museum, Bd. 32). ISBN 978-3-8376-4308-4. 462 S., 14. Abb., Preis: € 44,99.

  • Marcel Behn

Abstract

Wie wird in personalen, literaturmusealen Einrichtungen an Schriftsteller_innen erinnert? Dieser Frage geht Anna Rebecca Hoffmann in ihrer tiefschürfenden empirischen Studie An Literatur erinnern. Zur Erinnerungsarbeit literarischer Museen und Gedenkstätten nach. Die Autorin verfolgt darin das zweifache Ziel, sämtliche Aufgabenbereiche literaturmusealer Einrichtungen zu katalogisieren und auf der Grundlage erinnerungstheoretischer Annahmen zu untersuchen, wie ebendiese Einrichtungen konkret kulturelle Erinnerungsarbeit leisten. Analysegegenstand der Studie sind zehn Literaturmuseen in Deutschland zu Bertolt Brecht, Georg Büchner, Günter Grass, Heinrich von Kleist, Gotthold Ephraim Lessing, Karl May, Wilhelm Raabe, Anna Seghers, Theodor Storm und Erwin Strittmatter. 

Ausführlich resümiert die Autorin zu Beginn ihrer Studie den bisherigen Forschungsstand zum Ursprung und zur Entwicklung literaturmusealer Einrichtungen. Ausgehend von einem historischen Überblick über die Ausprägungen und Funktionsveränderungen von Literaturmuseen seit der Antike bis ins 19. Jahrhundert benennt Hoffmann aktuelle wissenschaftliche Ansätze zur Typologisierung literaturmusealer Ausstellungspraktiken sowie Systematisierungsversuche der mit der Ausstellung historischer Objekte verfolgten Zwecke. Gewandt werden im Zuge dieser Erläuterungen phänomenale Differenzierungen und begriffliche Definitionen vorgenommen, die das Vorhaben schärfer konturieren.

Im Folgekapitel setzt sich die Autorin kritisch mit der Theorie des kulturellen Gedächtnisses Aleida und Jan Assmanns auseinander, in deren umfassendem Œuvre sie argumentative Schwächen identifiziert, die sie zu zwei erkenntnistheoretisch relevanten Modifikationen der Theorie veranlassen. Zum einen wird die nur ungenügende terminologische Unterscheidung zwischen Erinnerung und Gedächtnis zum Anlass einer Präzisierung der Funktion literaturmusealer Einrichtungen als "Manifestationen kollektiver Erinnerungsakte" (S. 64) genommen. Zum anderen wird die Gleichsetzung von Erinnerung und Sakralisierung, wie sie die Assmann'sche Theorie annimmt, um erlebnistheoretische und ökonomische Aspekte erweitert, um gegenwärtige Tendenzen literaturmusealer Kuratierung – welche gegenwärtig mit den Schlagwörtern "Disneysierung" und "McDonaldisierung" (S. 78) diskutiert werden – zu berücksichtigen. Denn gerade die Identifizierung der grundsätzlichen Ausrichtung literaturmusealer Einrichtungen zwischen Sakralem und Profanem habe, so bemerkt die Autorin zurecht, Konsequenzen für die Ausgestaltung der jeweils betriebenen Erinnerungsarbeit. 

Besonders hervorzuheben ist das klar beschriebene, auf das zentrale Erkenntnisinteresse hin ausgerichtete Methodendesign der Monografie. Nach einführenden Bemerkungen zu den Kriterien ihrer Fallauswahl erläutert Hoffmann überzeugend ihr "methodentriangulierendes Erhebungsverfahren" (S. 83), bestehend zum einen aus leitfadengestützten Expert_inneninterviews mit den zum Erhebungszeitpunkt zuständigen Leiter_innen der ausgewählten literaturmusealen Einrichtungen, sowie zum anderen aus Analysen der jeweiligen Ausstellungen selbst. Anzuerkennen ist in diesem Zusammenhang, dass die Autorin dabei nicht nur wissenschaftliche Gütekriterien qualitativer Forschungsmethoden benennt und ausführlich erklärt, sondern darüber hinaus deren konsequente Umsetzung innerhalb ihrer Arbeit reflektiert und ausweist. 

Noch bevor sie sich ihren zentralen Erkenntnisinteressen zuwendet, nimmt sich Hoffmann eines weiteren Forschungsdesiderats an. Dem Mangel an Forschungsüberblicken zu den Gründungsprozessen literaturmusealer Einrichtungen begegnet die Autorin, indem sie auf Basis einer fallübergreifenden Auswertung der geführten Expert_inneninterviews vier grundlegende Aspekte der Institutionsgründung identifiziert und diskutiert: 1.) prämuseale Erinnerungsformen (z. B. die Errichtung von Denkmälern), 2.) Gründungsanlässe und ihre zeitlichen Kontexte (z. B. Jubiläen oder der Verkauf von Schriftstellerhäusern), 3.) örtliche und materielle Gründungsvoraussetzungen (z. B. die historische Verbindung zwischen dem Erinnerungsort und dem/r Erinnerten, oder auch das Verfügen über persönliche Gegenstände der jeweiligen Schriftsteller_innen) sowie 4.) das Engagement von Förderpersonen (etwa in Form von Privatpersonen, Vereinen, Gemeinden o. Ä.). 

Das umfangreichste Kapitel der Studie jedoch ist den exemplarischen Ausstellungsanalysen zur näheren Bestimmung literaturmusealer Ausstellungsnarrative gewidmet. In kritischer Auseinandersetzung mit den von Jana Scholze und Michael Parmentier jeweils unternommenen Ordnungsversuchen literaturmusealer Einrichtungen stellt Hoffmann fest, diese fokussierten vor allem den Einbezug von Ausstellungsobjekten, unter weitgehender Vernachlässigung der erzählerischen Strukturen, in welche diese stets auf besondere Weise eingebunden seien. Hoffmanns dezidiert literaturwissenschaftlich perspektivierter Beitrag zur Weiterentwicklung erwähnter Ordnungsversuche besteht darin, zunächst den übergeordneten "Ausstellungsansatz" sowie die räumliche wie dramaturgische "Struktur der Darstellung" (S. 166) der untersuchten Fallbeispiele zu spezifizieren, um erst daraufhin die Bedeutung materieller Exponate innerhalb dieser Struktur näher zu erläutern. 

Ausgehend von diesen zwei Kategorien unterscheidet Hoffmann – die Ordnungsversuche Scholzes und Parmentiers dabei wesentlich um erzähltheoretische Gesichtspunkte modifizierend und ergänzend – zwischen vier Grundformen literaturmusealer Präsentationsformen: 1.) Historische Inszenierungen, deren in der Originalität der verwendeten Räumlichkeiten und Materialien begründeter Anspruch auf Authentizität die Autorin grundsätzlich anerkennt, obgleich der jeweilige "Grad der Künstlichkeit der Inszenierungen" (S. 171) sie zur Bildung von Subkategorien veranlasst; 2.) Literarische Inszenierungen, die sich durch die "Überlagerung historischer Tatsachen und fiktiver Elemente" (S. 180) auszeichnen; 3.) Chronologische Darstellungsformen, die vornehmlich linear erzählte Lebensgeschichten von Autor_innen präsentieren, und 4.) Thematisch-modularisierte Darstellungsformen, die durch ihre selektive Auswahl und Kombination einzelner lebensgeschichtlicher oder werkimmanenter Aspekte die Besucher_innen zu Mitkonstituent_innen der musealen Narration machen. 

Nun erst wendet sich Hoffmann der Frage nach der Funktion von Exponaten innerhalb der ihnen übergeordneten Präsentationsformen zu. In Anlehnung an Susanne Lange-Greve geht Hoffmann dabei von einer dreifachen Funktion materieller Gegenstände in literaturmusealen Ausstellungen aus: zur Vergegenwärtigung der erinnerten Person durch auratische, aufgrund ihres direkten physischen Kontakts mit der Person als sakral wahrgenommene Gegenstände (etwa deren Schreibgerät); zur Bezeugung oder Veranschaulichung lebensgeschichtlicher Sachverhalte und Umstände durch originale, aus dem Lebensumfeld der erinnerten Person stammende Gegenstände (wie beispielsweise Urkunden oder Fotografien); oder zur "Vermittlung einer Impression historischer Zustände" (S. 206) durch sonstige, nicht diesem Lebensumfeld entstammende Gegenstände. 

Anschließend an diese induktive Herleitung der "Strukturen literaturmusealer Präsentationsformen" und "Facetten der funktionalen Einbindung von Objekten" (S. 208) setzt die Autorin mittels einer umfassenden vergleichenden Ausstellungsanalyse aller gewählten Fallbeispiele zur Klärung spezifischer Ausstellungsnarrative des Erinnerns an, da diese "in ganz wesentlichem Maße die Rezeption und Wahrnehmung der dort dargestellten Schriftsteller/innen mit[bestimmen]" (S. 208). Grundsätzlich betont sie die "Architextualität" (S. 285), d. h. das dem jeweiligen Gebäude inhärente narrative Moment, als die jeweilige Ausstellungserzählung maßgeblich mitbestimmenden Faktor. Einrichtungen, die vornehmlich auf historische Authentizität zielen, weisen dabei drei zentrale Narrative auf: die Erzählung der Authentizität des Raums an sich; die Erzählung der Relevanz des historischen Raums als in der Literatur der jeweiligen Schriftsteller_in verarbeitete Größe; und die Erzählung der Übereinstimmung von historischen und literarisch imaginierten Räumen. Außerdem weisen literarische Museen und Gedenkstätten neben einem selbstreflexivem Moment, in dem die Praxis des Ausstellens selbst thematisiert wird, zwei weitere Narrative auf, deren erinnerungskulturelle Bedeutung Hoffmann hervorhebt: zum einen das "Leidens- bzw. Opfernarrativ" (S. 287), das die Autor_innen als Vertreter_innen spezifischer Normen und Werte "retrospektiv als fortschrittlich" (287) erscheinen lässt, zum anderen das Narrativ "historischer Kontinuität" (S. 288), also des Nachweises der Aktualität ebendieser Normen und Werte und ihrer literarischen Vergegenwärtigung für die jeweilige Gegenwart. 

Im Folgekapitel geht Hoffmann dem zweiten zentralen Erkenntnisinteresse ihrer Arbeit hinsichtlich der verschiedenen Aufgabenbereiche literaturmusealer Einrichtungen nach. Unter Hinzunahme und Auswertung der geführten Expert_inneninterviews erarbeitet die Autorin einen eindrucksvollen tabellarischen Überblick über die verschiedenen pädagogischen, wissenschaftsnahen, öffentlichkeitskommunikativen, ausstellerischen und ökonomisch-administrativen Obliegenheiten literarischer Museen und Gedenkstätten. Diese produktionsästhetischen Aspekte, in Kombination mit den in der Ausstellungsanalyse gewonnenen Erkenntnissen, befähigen die Autorin zu einer abschließenden, erneut tadellos methodisch abgesicherten und anhand von Fallbeispielen begründeten Typenbildung literaturmusealer Erinnerungsformen in Hinblick auf ihre Erinnerungsarbeit: 1.) literaturmuseale Einrichtungen zur Erhaltung des authentisch-historischen Ortes, 2.) ausstellungsbetriebsorientierte literarische Museen, 3.) erlebnis- und veranstaltungsorientierte Museen sowie 4.) "Allrounder", die "die verschiedenen möglichen Schwerpunktlegungen literaturmusealer Einrichtungen in sich verein[en]" (S. 347). 

Anna Rebecca Hoffmanns Studie An Literatur erinnern. Zur Erinnerungsarbeit literarischer Museen und Gedenkstätten zeichnet sich besonders durch die Tragfähigkeit ihrer methodischen Fundierung, ihre sprachliche Klarheit, ihren produktiven kritischen Umgang mit der verwendeten Sekundärliteratur sowie durch eine durchweg stringente Argumentation und gelungene fallübergreifende Abstraktions- und Syntheseleistungen aus. Ein exemplarisches Beispiel geisteswissenschaftlichen Arbeitens und sicherlich ein künftiges Standardwerk der Forschung zu literaturmusealen Phänomenen.

Autor/innen-Biografie

Marcel Behn

Marcel Behn studierte in Erlangen und Bern Englische Literaturwissenschaft und Theater-/Tanzwissenschaft. Er ist Doktorand am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern und forscht dort im Rahmen des SNF-geförderten Forschungsprojekts Offene Manipulation. Figurentheater als Movens spartenübergreifender Theater-, Tanz- und Musiktheaterforschung zu Bühnenadaptionen von Heinrich von Kleists "Über das Marionettentheater".

 

Veröffentlicht
2018-11-15
Zitationsvorschlag
Behn, M. (2018). Anna Rebecca Hoffmann: An Literatur erinnern. Zur Erinnerungsarbeit literarischer Museen und Gedenkstätten. [rezens.Tfm], (2018/2). Abgerufen von https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/78
Ausgabe
Rubrik
Kulturwissenschaft