Amrei Bahr/Gerrit Fröhlich (Hg.): "Ain't Nothing Like the Real Thing?". Formen und Funktionen medialer Artefakt-Authentifizierung.
Bielefeld: transcript 2025. ISBN: 978-3-8394-6120-4. 292 Seiten, open access.
DOI:
https://doi.org/10.25365/rezens-2026-1-07Abstract
Authentizität hat gegenwärtig Konjunktur. Das zeigt sich in Alltagsdebatten ebenso wie in Diskursen verschiedenster (kultur-)wissenschaftlicher Disziplinen. Beinahe ubiquitär taucht das Phänomen an unterschiedlichen Stellen und in diversen Spielarten auf. Es wird in verschiedenen Kontexten je unterschiedlich akzentuiert und geht dabei mit vielfältigen (bisweilen widersprüchlichen) Implikationen, Logiken und Politiken einher. So adressiert es vielschichtige Aushandlungen von Selbst- und Weltverhältnissen, bringt Erwartungshaltungen ins Spiel und mobilisiert Sehnsüchte sowie Affekte. So unterschiedlichen Phänomenen wie bspw. Spielzeug, Kleidung, Reisen oder Kunstwerken wird ebenso Authentizität zu- bzw. abgesprochen wie auch Individuen, ihren Verhaltensweisen, Praktiken, Aussagen oder Haltungen. Zum Gegenstand und "Werkzeug" (vgl. S. 9) konfliktreicher (In-)Authentizitätszuschreibungen werden dabei immer wieder auch mediale Artefakte und Gefüge (vgl. S. 8f). Unter welchen Bedingungen derartige Zuschreibungen in unterschiedlichen Kontexten wirksam werden, wie sie Plausibilität erlangen und welche Implikationen damit jeweils einhergehen (können), beleuchtet der vorliegende Sammelband auf eindrückliche Weise. Er befragt in diesem Sinne "die Vielfalt der diversen Authentizitätszuschreibungen" (S. 8) und fokussiert dabei den Gegenstandsbereich der (medialen) Artefakte (vgl. ebd.).
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Authentischen ist ebenso vielfältig wie uneindeutig, sie durchzieht verschiedenste Disziplinen und ist mit diversen Gegenstandsbereichen befasst (vgl. S. 7). Die damit einhergehende Vielfalt der Authentizitätsauffassungen bringt der Band dabei keineswegs mit einer grundsätzlichen "Willkür" oder gar "Inhaltsleere" des Begriffs in Verbindung (vgl. S. 7f). Vielmehr wird der Versuch unternommen, ebendiese begriffliche Diversität im Kontext wissenschaftlicher Auseinandersetzungen produktiv zu machen. Es geht hier dementsprechend weder um eine "Vereinheitlichung" (S. 8) der je verschieden ausgerichteten Konzeption noch um eine Bestimmung des vermeintlich "einzig wahre[n] Authentizitätsbegriff[s]" (S. 8).
Der von Amrei Bahr und Gerrit Fröhlich herausgegebene Band zielt angesichts dessen auf "eine kontext- und disziplinübergreifende Verständigung über den Wert und die Funktion" (S. 8) konkreter begrifflicher Fassungen und damit verbundener (In-)Authentizitätszuschreibungen. Diese erklärte Zielsetzung der Herausgeber*innen löst der Band insofern ein, als er auf eindrückliche Art herausarbeitet, wie sich verschieden akzentuierte Begriffe, Anliegen, Fragestellungen und Analysen "gegenseitig erhellen" (S. 8). Der Band eröffnet ein weites Feld interdisziplinärer Auseinandersetzungen und gewährt so einen differenzierten Blick auf den überaus vieldeutigen Phänomenbereich der Authentizität. Die dargebotene Bandbreite an Untersuchungsgegenständen, theoretischen Bezügen, Zugriffen sowie methodischen Vorgehensweisen gibt Anstoß zur weiteren Beschäftigung. Der Band setzt damit Impulse, die verschiedenen Disziplinen mit ihren jeweiligen Fokussierungen den Einsatz erlauben. Gerade für medienkulturwissenschaftlich ausgerichtete Auseinandersetzungen erweist sich der Band dabei als reichhaltiger Fundus an Anschlussmöglichkeiten. Insbesondere mit ihrem charakteristischen Insistieren auf die eigenlogische Wirkungsweise der Medien könnte die Medienkulturwissenschaft hier produktiv anknüpfen und im Kontext der verschiedenen Untersuchungsbereiche eigene Perspektivierungsschwerpunkte einbringen.
Der Band versammelt elf Beiträge, die im Rahmen einer solchen Rezension nur ausschnitthaft diskutiert werden können. Verwiesen sei deshalb auf die Einleitung der Herausgeber*innen, die einen ersten Einblick in die jeweiligen Auseinandersetzungen gewährt. Die einzelnen Texte nehmen im Sinne der oben bereits diskutierten Ausrichtung (mediale) Artefakte in den Blick, befragen diese mit je spezifischen Forschungsinteressen und machen dabei verschiedene theoretische Überlegungen produktiv. "Gerade im Kontrast der unterschiedlichen Herangehensweisen" (S. 8) wird so die konstruktive Vielzahl "von Authentizitätsverständnissen im Kontext medialer Artefakte" (S. 17) deutlich. Die Auseinandersetzung mit einer facettenreichen Vielfalt von Analysegegenständen zeigt, dass (In-)Authentizitätszuschreibungen mediale Artefakte, Wissensbereiche und Formationen betreffen. So befasst sich der erste Beitrag (vgl. S. 19–50) mit den "ersten empirischen Visualisierungen eines Schwarzen Lochs" (S. 20), während andere Aufsätze wiederum so heterogene Gegenstände wie Schallplatten (vgl. S. 71–100), virtuelle Ausstellungsräume (vgl. S. 243–268), Tagebücher (vgl. S. 169–196), Deepfakes (vgl. S. 149–168), mindere Technik (vgl. S. 51–70) oder Mode (vgl. S. 219–242) fokussieren. Dementsprechend gerät dabei auch das Phänomen der Authentizität selbst auf denkbar unterschiedliche Weisen in den Blick und ist an verschiedene Fragen sowie Logiken gekoppelt. Trotz dieser diversen Untersuchungsgegenstände und Zugriffe ist den Beiträgen gemein, dass sie das Authentische als eine (machtvolle) Verfertigung betrachten, die mit spezifischen Rationalitäten einherzugehen scheint. Die Authentizität erweist sich so als eine komplexe Konstruktion, die im Kontext verschiedenster kultureller und wissenschaftlicher Konstellationen unter konkreten Bedingungen (immer wieder neu) hervorgebracht wird. So zeigen bspw. Joana van de Löcht und Doris Reisinger (vgl. S. 169–196), dass die Authentizität autografischer Artefakte (z. B. Gemälde oder Tagebücher) mit einer Vielzahl von (wissenschaftlichen) Analysen und Urteilen einhergeht, die "Wahrscheinlichkeitsindizien" (S. 191) bilden, anhand derer dann erst Einstufungen konkreter Artefakte vorgenommen werden. In diesen Prozessen spielen stets verschiedene, miteinander verwobene Kriterien eine Rolle (vgl. S. 191). Den Verfertigungscharakter des Authentischen betonen auch Georg Fischer und Johannes Coughlan (vgl. S. 197–218) in ihrer Auseinandersetzung mit dem "Phänomen des dunklen Tourismus" (S. 197). Veranschaulicht wird dabei "die soziale Konstruktion von Authentizität als gesellschaftliche […] [sowie] touristische Ressource" (S. 198). Konstruktionsprozesse der Authentizität stehen ebenso im Mittelpunkt des Textes von Paula Muhr (vgl. S. 19–50). Der Beitrag fokussiert die ersten auf "empirischen Datensätzen" (S. 20) basierenden Darstellungen eines Schwarzen Lochs. Deren Authentizität wurde, wie Muhr eindrücklich aufzeigt, "durch ein elaboriertes medienspezifisches Evidenzverfahren […] konstruiert, ausgehandelt und beglaubigt" (S. 44). Auch im Kontext der Beschäftigung mit Mode gerät Authentizität als (flüchtige) Hervorbringung in den Blick (vgl. S. 219). Wenn Verena Potthoff und Ulla Stackmann (vgl. S. 219–242) das Authentische in diesem Kontext als einen performativen Effekt betrachten, dann geht es ihnen dabei um die Auseinandersetzung mit der machtvollen Konstruktion von Geschlecht. Fokussiert wird die Frage, wie unterschiedliche "Strategien des Gendercrossing" im Sinne einer "Neubewertung sozialer Normen" (S. 219) wirksam werden können.
In den Blick geraten zudem verschiedenste Effekte, Strategien, Relationalitäten und Implikationen des Authentischen. So fokussiert bspw. Angelika Schwarz "fotografische wie filmische Bilder der Unschärfe" (S. 53) und fragt nach deren Authentizitätseffekten (vgl. S. 51–70), während sich Johannes Waßmer mit "Strategien der Authentizitätsproduktion" (S. 269) beschäftigt. Dabei geraten Romane der Empfindsamkeit ebenso in den Blick wie deutschsprachiger "Straßenrap" der Gegenwart (vgl. S. 269–290). Isabel Kusche beschäftigt sich wiederum mit Deepfakes im Kontext politischer Öffentlichkeit und Kommunikation (vgl. S. 149–168). Dabei wird unter anderem herausgearbeitet, dass Deepfakes "nur das jüngste Beispiel einer tief verankerten Sorge sind" (S. 152), die mit der Möglichkeit einhergeht, politische Öffentlichkeit aktiv zu täuschen. Sascha Simons beschäftigt sich mit Datenforensik und digitaler Indexikalität (vgl. S. 101–124). In den Blick geraten Metadaten als potentielle Indizien der erschwerten "Beglaubigung medialer Darstellungen" (S. 101). Mit den Implikationen des Authentischen im Kontext Sozialer Netzwerke befasst sich Robert Dörre (vgl. S. 125–148). Der Beitrag zeigt (entgegen verbreiteten Vorurteilen), dass Authentizität hier "nicht nur als leere Sehnsucht [erscheint], sondern […] erfülltes Spiel sein" (S. 144) kann. Gerrit Fröhlich et al. (vgl. S. 71–100) wiederum begreifen das Authentische als "ein relationales Gebilde" (S. 71). Sie blicken auf das zeitweise Design der Chanel Beauté Boutique in Berlin Mitte und stellen eine in diesem Kontext wirksame "Verknüpfung von Vinylschallplatten und Luxuskosmetik" (S. 72) heraus. Felix Liedel (vgl. S. 243–268) fokussiert demgegenüber virtuelle Ausstellungsräume und beschreibt dabei "'Authentizität' als 'authentische Handlung'" (S. 265).
Konstruktionsprozesse, Verfertigungen, Strategien und Effekte des Authentischen, so zeigt sich, finden an den verschiedensten Orten und unter konkreten Bedingungen statt, sie gehen mit je spezifischen Implikationen einher und bringen Ein-/Ausschlüsse ins Spiel. Wie vielfältig (In-)Authentizitätszuschreibungen im Kontext medialer Artefakte auf diese Weise wirksam und bedeutsam werden, verdeutlichen die Aufsätze in ihrer Varianz. Sie suchen unterschiedliche Konstellationen der Verfertigung auf und legen Analysen vor, die zeigen, wie (kultur-)wissenschaftliche Zugriffs- und Interessensvielfalt produktiv wird. Der Band erweist sich damit als ebenso facettenreich wie das Phänomen der Authentizität selbst.
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