Andreas Kilb, Rainer Rother u. a.: Stanley Kubrick.

Film: 8. (Berlin: Bertz, 1999). 320 Seiten, 806 Fotos / Bildsequenzen, 17 x 22 cm. ISBN 3-929470-78-0. Preis: DM 29,80 / ATS 218,- / SFr 29,-

  • Wolf Huber

Abstract

Stanley Kubrick: Eine literarische Retrospektiv

Am Sonntag, den 7. März 1999 stirbt Stanley Kubrick im Alter von 70 Jahren auf seinem Landgut in der Grafschaft Hertfordshire, England. Die Filmwelt hat einen ihrer progressivsten Regisseure verloren, die Welt trauert um einen großen Künstler.

Stanley Kubrick wurde in der Bronx in New York geboren und arbeitete sich zum charismatischsten aller Regisseure empor. Einen Großteil seines kreativen Lebens verbrachte er in England, um der kommerziellen Maschinerie Hollywoods zu entgehen. Seine Filmographie zeichnet sich vor allem durch Qualität aus, Quantität interessierte Kubrick nicht. In den letzten zwanzig Jahren seines Schaffens drehte er gerade einmal drei, insgesamt nur dreizehn Filme – doch jeder einzelne ist ein Meisterwerk.

Der Berliner Bertz-Verlag reagierte mit seinem achten Filmbuch Stanley Kubrick. Film: 8 prompt. Unter der Redaktion von Dieter Bertz referieren dreizehn Autoren über das Gesamtwerk Stanley Kubricks. Das Buch öffnet mit einer Einleitung, die den Titel Vorspann: Kubrick kontrovers trägt und die beiden Artikel Eine Welt ohne Mitleid von Lars-Olav Beier und Der Herr des Auges von Andreas Kilb enthält. Beide Artikel sind deutschen Zeitungen (FAZ und Die Zeit) entnommen, eignen sich trotz zwangsläufiger inhaltlicher Überschneidungen bestens als cineastische Vorspeise und führen chronologisch und stichwortartig in die Welt des Stanley Kubrick ein.

Danach folgt das Kernstück des Buches. Alle dreizehn Filme des Meisterregisseurs werden von den Autoren in zeitlich chronologischer Reihenfolge und mit genügend Raum für eingehendere Analysen vorgestellt. Seine Frühwerke Fear and Desire (Autor: Chris Chang), Killer's Kiss (Lars Penning), The Killing (Robert Müller) und Paths of Glory (Christoph Haas) leiten über in das Monumentaldrama Spartacus (Rainer Rother); danach folgen die berühmtesten Filme Kubricks: Lolita (Lars Penning), Dr. Strangelove (Gerhard Midding), 2001: A Space Odyssey (Michael Esser), A Clockwork Orange (Andrea Hanke und Annette Kilzer), Barry Lindon (Rainer Rother), The Shining (Frank Schnelle), Full Metal Jacket (Stefan Reinecke) und der letzte Film Kubricks Eyes Wide Shut (Andreas Kilb). Besonders erwähnenswert sind die von Wiltrud Hembus und Dieter Bertz gestalteten Bildsequenzen, die die Machart und Inhalte der Filme hervorragend visualisieren. Sämtliche Photographien stammen, soweit dies kontrollierbar war, aus den Filmen selbst. Die Unart vieler Filmbücher, Standphotos, die zu Werbezwecken aufgenommen wurden, als Filmszenen zu präsentieren, wurde hier dankenswerterweise vermieden.

Rainer Rothers Essay Der Stilist - Die Konstruktion der Werke Stanley Kubricks rundet die Textbeiträge ab. Eine hyperpräzise Filmographie, eine ausführliche Bibliographie, Angaben zu den AutorInnen und ein Index (in vielen Filmbüchern leider auch nicht immer selbstverständlich) beenden den Band.

Daß es dem Bertz-Verlag gelungen ist, noch im Todesjahr Stanley Kubricks ein Filmbuch über dessen Gesamtwerk zu veröffentlichen, ist erstaunlich. An manchen Stellen kommt es durch fehlende inhaltliche Absprachen zwar zu Wiederholungen, fünf der insgesamt 16 Artikel sind keine Originalbeiträge, sondern anderen Publikationen entnommen, aber das Resultat ist angesichts des Zeitdrucks bewundernswert. Auswahl und Anordnung der Artikel greifen fließend ineinander über. Im gesamten Buch wird kein Wort über Kubricks Tod verloren (nur selten finden sich Formulierungen wie "der unlängst verstorbene Kubrick" und dergleichen), vermutlich wollte der Verlag vermeiden, daß ihm Geschäftemacherei mit einem Verstorbenen vorgeworfen wird. Das Buch ist in der Tat keine sentimentale Hommage an einen jüngst verstorbenen Regisseur, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk eines großen Künstlers.

Wie verfaßt man eine Filmbuch, das einerseits inhaltlich fundiert, andererseits aber auch kommerziell erfolgreich sein soll? Die perfekte Lösung ist noch nicht gefunden, aber der vorliegende Band kommt diesem Anspruch mit Sicherheit sehr nahe. Stanley Kubrick. Film: 8 hebt sich wohltuend von der Masse der bunten und wenig aussagekräftigen Filmzweitverwertbücher ab und verbindet geschickt Inhalt und Präsentation. Ein lesenswertes Buch für alle, die Kubrick bereits kennen, und ebenso für alle, die ihn erst entdecken wollen.

Autor/innen-Biografie

Wolf Huber

Geboren in Feldkirch. Studium der Theaterwissenschaft und Publizistik. Lebt in Wien.

Veröffentlicht
2000-01-20
Zitationsvorschlag
Huber, W. (2000). Andreas Kilb, Rainer Rother u. a.: Stanley Kubrick. [rezens.Tfm]. Abgerufen von https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/r174
Rubrik
Film