Margarete Wach: Krzysztof Kieślowski. Zufall und Notwendigkeit.

Marburg: Schüren 2014. 2. verbesserte und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-89472-729-1. 624 S. Preis: € 48,–.

Autor/innen

  • Thomas Ochs

Abstract

Monographische Arbeiten zu bestimmten Persönlichkeiten, Künstlern oder Künstlerinnen sind von Grund auf zwei Gefahren ausgesetzt: die Unmöglichkeit auf Vollständigkeit und die Einseitigkeit der Perspektive. Das Bewusstmachen dieser beiden Probleme kann methodisch Abhilfe leisten, um dem nicht anheimzufallen. Eine Offenheit gegenüber dem Gegenstand lässt mehrere Perspektiven zu, die in der Regel vom Lesenden interpretiert werden können. Die jeder Thematik inhärente stete Unvollständigkeit offenbart sich insbesondere über langjährige Forschung und Auseinandersetzung. Im Rahmen der Edition film-dienst liegt mit Krzysztof Kieslowski. Zufall und Notwendigkeit von Margarete Wach die 2. Auflage einer Monographie vor, die gegenüber der Erstauflage eine signifikante inhaltliche und materielle Erweiterung inkludiert. Über einen kurzen Rückblick auf das von Wach bereits 2001 veröffentlichte Buch eröffnet sich die Möglichkeit einer Buchrezension, die jene beiden Notwendigkeiten einer filmwissenschaftlich sinnvollen Konfrontation mit einem der einflussreichsten europäischen Regisseure der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reflektiert. Wach tritt die Überarbeitung ihrer Erstauflage mit dem Ziel an, einerseits die fortdauernde Rezeption Kieslowskis zu berücksichtigen und andererseits den Einfluss seines Werkes bis in die Gegenwart zu reflektieren.

Krzysztof Kieslowski wurde am 27. Juni 1941 geboren und ist am 13. März 1996 gestorben. Fast sein ganzes Leben ist er einer kommunistischen Diktatur in Polen ausgesetzt, die von 1945 bis 1989 anhält. Seine filmische Arbeit wird durch dieses Regime und vor allem die darin vorherrschende Zensur maßgeblich beeinflusst und geprägt. Er reflektiert diese Reibung und Auseinandersetzung mit dem politischen System stets aufs Neue in seinen Filmen. Das Beschreiben der Wirklichkeit in der Volksrepublik Polen steht in einer Tradition, der sich Literaten, Essayisten und mit Kieslowski auch eine Gruppe von Filmschaffenden verschrieben haben, um die Bedingungen der eigenen Existenz, die Tristesse und graue Welt in Polen verstehen zu lernen. Für Kieslowski bleibt dieses Beschreiben der Welt Maxime und Grundelement seiner filmischen Arbeit. Er "zeigte die Erosion abendländischer Moralnormen in den modernen Gesellschaften, vermied aber die Attitüde eines Weltverbesserers und entzog sich in seiner mehrfach kodierten, eine Vielzahl von Lesarten implizierenden Erzähltechnik konsequent Interpretationen, wodurch er sie erst recht herausforderte" (S. 464). Der Beschreibung der alltäglichen Wirklichkeit stehen Protagonisten gegenüber, die in ihrer Selbstdefinition gleichzeitig die Identität ihres Landes mitschreiben.

Zunächst lohnt jedoch ein Blick zurück auf die Erstauflage aus dem Jahr 2001, welche unter dem Titel Krzysztof Kieslowski. Kino der moralischen Unruhe erschienen ist. Mit der ersten umfassenden Analyse dieses polnischen Regisseurs im deutschen Sprachraum setzt Wach am Fuße der Jahrtausendwende einen Maßstab für die polnische Filmgeschichtsschreibung. Das Buchcover dieser Ausgabe zeigt ein Filmstill aus La double vie de Véronique. Der Text erscheint ganz programmatisch im Verlag des katholischen Instituts für Medieninformation. Denn nicht nur mit der Dekalog-Reihe widmete sich Kieslowski einem religiösen Thema. Nur in kleinen und doch entscheidenden Nuancen unterscheidet sich die Erst- von der Neuauflage. Die beiden signifikantesten Veränderungen sind die Titeländerung und das neue Buchcover. Die Neuauflage zeigt ein Bild des Regisseurs bei den Dreharbeiten zu seiner Trilogie Trois couleurs. Die Erstauflage perspektiviert allein durch diese beiden Änderungen, die sich sehr auf die Bezeichnung des Kinos der moralischen Unruhe und den dadurch implizierenden Parametern konzentrieren, ein offeneres Verständnis seiner Arbeit. Kieslowski als Person rückt mehr in den Vordergrund. Wach arbeitet die Formeln 'Zufall' und 'Notwendigkeit' in ihrem Text Stück für Stück als entscheidende Elemente seiner Filmästhetik heraus. Insofern gewinnt die Publikation durch kleine Änderungen und eine rein quantitative Erweiterung von ca. 100 Seiten an inhaltlicher Qualität und  Professionalität in der äußeren Aufmachung.

Wachs Publikationsliste weist sie als Spezialistin zum polnischen Kino aus. Diesbezüglich ist vor allem ihre Herausgeberschaft bei der exzellenten Filmgeschichte Der polnische Film. Von seinen Anfängen bis zu Gegenwart maßgebend. Dieses Buch bietet einen integrierenden Überblick über die polnische Filmgeschichte, die sich an wichtigen gesellschaftlich-politischen Zäsuren in Europa orientiert. Der Schüren Verlag startete damit in Zusammenarbeit mit Wach eine Reihe zum polnischen Film, die durch die 2. Auflage des Kieslowski-Bandes und voraussichtlich von der Publikation Nouvelle Vague Polonaise? ergänzt wird.

Die Bezeichnung 'Kino der moralischen Unruhe', die von dem Nachwuchsregisseur Janusz Kijowski geprägt wurde, meint eine Periode von 1976 bis 1981, in die sich u. a. Werke wie Das Personal (1975) von Kieslowski, Der Mann aus Marmor (1976) von Andrzej Wajda und Tarnfarben (1976) von Zanussi einordnen lassen. Kieslowskis Filme wenden sich direkt gegen die politischen Verhältnissen in Polen und sind als Unterstützung der politischen Opposition zu betrachten, die sich im Kontext der Random Unruhen und der Arbeiterstreiks in den Jahren 1976/77 zu formieren beginnt. In ihrem fünften Kapitel beschreibt Wach einen sozialgeschichtlichen Abriss dieser Bewegung. Das 'Kino der moralischen Unruhe' ist eine Bezeichnung für das Spielfilmkino der Zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Dieses Kino wurde maßgeblich von den Lyrikern und Essayisten Adam Zagajewski und Julian Kornhauser sowie Stanislaw Baranczak beeinflusst.

In dem Kapitel "Moral und Revolte" erarbeitet Wach erstaunliche Parallelen zwischen der Philosophie Albert Camus' und den philosophischen Fragestellungen in den Filmen von Kieslowski. Diesem Abschnitt ist ein bezeichnendes Zitat des Regisseurs vorangestellt: "Alle Pessimisten weisen auf die Werte hin. Das macht den Beruf aus, ein Pessimist zu sein" (S. 24). In der Tradition von Camus stehend, sieht Kieslowski keinen transzendenten Sinn in der Welt, sondern den Menschen als einer Pluralität von Sinnangeboten ausgesetzt, die ihn gleichsam als Individuum zu desozialisieren drohen. Für den Regisseur liegt die Lösung dieses Problems und der Hoffnung darauf in der Liebe.

"Seine Skepsis und Desillusionierung durchsetzen Kieslowskis Affirmation des Lebens und der Liebe mit Elementen des Nihilismus als einer Art Überlebensstrategie oder Einsicht in die Komplexität menschlicher Natur und in die ontologische Kontingenz – mögliche Paradoxien und Widersprüche eingeschlossen" (S. 29). In dieser Anerkennung der Paradoxien des Lebens vereint sich Kieslowski wieder mit dem Denken von Camus. Die Sehnsucht nach dem Transzendenten ist zwar da, wird aber vom Rationalismus überzogen. Die pessimistische Grundeinstellung zum Leben und die Revolte gegenüber allem bisher übersinnlich Anerkannten, fordern einen wertschöpferischen Zug heraus. Wach gelingen in diesem Kapitel entscheidende Bezugspunkte, Kieslowskis Werk aus einer philosophischen Perspektive heraus zu verstehen. Sie öffnet damit einmal mehr den Blick auf seine Filme für komplexere Forschungen auf diesem Gebiet. Vor allem die Abkehr vom gesellschaftlichen Engagement aus den Zeiten des Kinos der moralischen Unruhe hin zu einem existenziell-metaphysischen Kino eröffnen Fragestellungen, die noch unbeantwortet sind. In diesem Zusammenhang sind es auch Persönlichkeiten wie Krzysztof Piesiewicz, Zbigniew Preisner und Slawomir Idziak, die Kieslowskis Filmarbeit prägen und welche Wach in den Fokus der Analyse rückt.

Nach 624 Seiten voller polnischer Kultur- und Filmgeschichte entwickelt sich nicht nur ein Bild von Krzysztof Kieslowski, sondern ein schier unendliches Ausmaß an Möglichkeiten, um sich mit diesem polnischen Regisseur auseinanderzusetzen. Die Leidenschaft und Kenntnis, mit der sich Margarete Wach dem Thema widmet, inspiriert während der Lektüre dieses Buches und fordert geradezu heraus, sich mit diesem Regisseur und vor allem mit dem polnischen Kino vermehrt auseinanderzusetzen. Es ist möglich zu konstatieren, dass Kieslowski aufgrund seines Werkes und seiner europäischen Biographie eine Figur mit besonderem kulturwissenschaftlichen Bemessungsgrad ist, die gleichsam nur aus einer solchen Perspektive heraus reflektiert werden kann. Wachs Monographie blickt mit genau diesem Verständnis auf diese Persönlichkeit und ihr gelingt damit eine Arbeit, die in der Konsequenz vielschichtig, bereichernd und auffordernd ist.

Autor/innen-Biografie

Thomas Ochs

Magister der Philosophie im Fachbereich der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien mit weiteren Schwerpunkten der Deutschen Philologie und Kunstgeschichte. Diplomarbeit zu Jacques Audibertis Molière. Herausgeber der interdisziplinären Online-Plattform filmdenken.eu. Mitarbeit an den Publikationen Jura Soyfer. Ein Studi(en) Projekt am TFM und dem Magazin SYN 02–03. Filmarchivar in Bern und Wien 2009–2012. Projektassistenz bei der VIDEONALE.14 in Bonn. Aktives Mitglied des Vereins Lichtspiel / Kinemathek Bern. Zur Zeit Promovend an der Universität Mainz im Exzellenzprogramm Performance and Media Studies unter dem Teilprojekt Concepts of Holiness mit einem Thema zu Nihilismus, Theatralität und Kinematografie.

Veröffentlicht

2015-06-29

Ausgabe

Rubrik

Film