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Scott Loren, Jörg Metelmann (Hg.): Melodrama After the Tears. New Perspectives on the Politics of Victimhood.

Amsterdam: Amsterdam University Press 2016, ISBN 978 90 8964 673 6, 360 Seiten, 99 Euro.

Rezensiert von: Claus Tieber

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Melodrama setzte erst relativ spät ein. Christine Gledhills Sammelband Home is Where the Heart Is (1987) war der gelungene Versuch, das Thema auf die filmwissenschaftliche Karte zu setzen. Der Einfluss von Peter Brooks' Studie zum Melodrama in der Literatur (The Melodramatic Imagination, 1976) einerseits und ein feministischer Ansatz, der den Fokus auf die Rezeption der als "women's films" und "weepies" verschrienen Filme legte, prägten die Forschung. Linda Williams schließlich hat den Begriff des Melodramas neu interpretiert und nicht mehr nur als Genre, sondern als Erzählweise bzw. kulturelle Praxis definiert.

 

Daran anknüpfend weist der vorliegende von Scott Loren und Jörg Metelmann herausgegebene Band über die Text- und Rezeptionsforschung von Film und Fernsehen hinaus und macht sich auf die Suche nach dem melodramatischen Narrativ in öffentlichen Diskursen, unabhängig von den Medien, über welche diese kommuniziert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einem der zentralen Merkmale melodramatischer Erzählweisen: dem Opfer bzw. den (Selbst)Viktimisierungsstrategien.

 

Der erste Beitrag des Bandes stammt von Thomas Elsaesser, der Opfernarrativen in aktuellen politischen Diskursen und Filmen attestiert, dass im Unterschied zum 19. Jahrhundert, in dem sich Tugendhaftigkeit noch durch Leiden und Torturen beweisen musste, heute der Opferstatus automatisch Rechtschaffenheit und Tugendhaftigkeit zusichere. Elsaesser verbindet damit auch einen Paradigmenwechsel des politischen Diskurses von der legitimen Vertretung von Interessen hin zu einer allgemeinen post-ideologischen Politik im Namen von Menschenrechten und einer Weltöffentlichkeit.

 

Der Sammelband folgt naturgemäß nur einigen der von Elsaesser ausgelegten Fährten. Die einzelnen Beiträge sind in drei Teile geordnet: Cultures of Suffering and Cinematic Identities wird vom erwähnten Essay von Elsaesser eingeleitet. Dem folgt ein Artikel von Linda Williams, in dem sie die Fernsehserie The Wire auf ihre melodramatischen Elemente hin untersucht. Weitere Beiträge in diesem Teil beschäftigen sich mit Melodrama und dem Kriegsfilm, mit der Repräsentation von 'Rasse' im melodramatischen Kontext, der ja bereits für Williams einer der Ausgangspunkte für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema in ihrem Buch Playing the Race Card: Melodramas of Black and White from Uncle Tom to O.J. Simpson (2002) war. Abgeschlossen wird der Teil mit einer Diskussion von Stanley Cavells Interpretation der Filme von Max Ophüls durch Ulrike Hanstein.

 

Der zweite Teil wird von den Herausgebern Modernity and the Melodramatic Self betitelt. Hervorzuheben ist hier der Beitrag von Eva Illouz, der sich mit den melodramatischen Inszenierungen in den Talkshows von Oprah Winfrey auseinandersetzt. Dabei stellt Illouz die Inszenierung eines "Spektakel des Leidens" fest, welche einer Politik des Mitleids folge, in dem Geständniszwang und das Selbstbewusstsein über den eigenen Opferstatus wichtige Rollen spielen.

 

Der dritte und letzte Teil widmet sich schließlich den Collective Traumas and National Melodramas, die schon im einleitenden Text von Elsaesser Erwähnung finden. Dabei sind es zwei Traumata, auf die sich die hier versammelten Beiträge beziehen: 9/11 und der Holocaust.

 

Am Ende steht schließlich ein Interview der Herausgeber mit der großen alten Dame der Melodrama-Forschung, der eingangs erwähnten Christine Gledhill. Dabei wird nicht nur wissenschaftshistorisch zurückgeblickt, sondern auch noch ein Punkt angesprochen, der ansonsten den ganzen Band überabwesend ist: Der Bösewicht. Gerade im Melodrama, welches so sehr auf Dichotomien und ein manichäisches Weltbild aufbaut, ist der 'villain' zentral: Opfer ohne Bösewichte kann es daher nur schwerlich geben.

 

Ein Band, der sich den Bösewichten im Melodrama widmet, steht somit noch aus. Ein anderer Punkt, der im vorliegenden Band vernachlässigt wird, sind die Gegenbewegungen zu den Viktimisierungsstrategien und damit das In-Frage-Stellen der Grundthese vieler Beiträge: Sind moralischer Opferstatus und Viktimisierungsstrategien nicht sowohl im öffentlichen wie auch im filmischen Diskursschon wieder überholt? Ist das Opfer wirklich noch eine moralische Figur in einer Gesellschaft, in der das Wort allein mittlerweile zum Schimpfwort verkommen ist? Gibt es nicht zumindest Tendenzen, die dem entgegenwirken? Etwa in Filmen wie Un Prophète (2009) oder Elle (2016), in denen ganz bewusst mögliche Opferrollen verworfen werden? Werden diese Figuren dann zwangsläufig zu Tätern, zu Bösewichten? Stößt die melodramatische Erzählweise damit an ihre Grenzen? Und: Sind all diese Fragen noch innerhalb des Konzepts Melodrama verhandelbar? Diese und weitere Punkte wären im Anschluss an diesen Sammelband zu diskutieren.

 

Melodrama After the Tears hat jedenfalls eines der zentralen Konzepte filmischer Narration neu belebt und über das ursprüngliche Anwendungsgebiet hinaus brauchbar gemacht. Die Anregungen und Spuren, die in dem Band zu enthalten sind, sind es jedenfalls wert, weiter verfolgt zu werden.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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