Inhalt der Ausgabe 2018/1

Sirkku Aaltonen/Areeg Ibrahim (Hg.): Rewriting Narratives in Egyptian Theatre. Translation, Performance, Politics.

New York/London: Routledge 2016. (Reihe: Routledge Advances in Theatre and Performance Studies, Bd. 45). ISBN: 978-1-138-94644-6. 288 S., 17 s/w Abb., Preis: £ 115,―.

Rezensiert von Caroline Herfert

Mit Fokus auf Übersetzungsprozesse, Aufführungen und Politik vereint Rewriting Narratives in Egyptian Theatre Zugänge aus Cultural Studies, Translations- und Theaterwissenschaft sowie aus der Theaterpraxis, um Perspektiven auf Gegenwart und Geschichte von Theater in Ägypten eröffnen. Der Sammelband leistet damit eine Reihe von 'Grenzüberschreitungen' – disziplinär, geographisch, sprachlich, historisch – und stellt bekanntere und unbekanntere Narrative ägyptischen Theaters reflektiert zur Diskussion.


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Hélène Beauchamp/Flore Garcin-Marrou/Joëlle Noguès/Élise van Haesebroeck (Hg.): Les Scènes philosophiques de la marionnette.

Montpellier: L’Entretemps/Institut International de la Marionnette 2016. (Reihe: La main qui parle). ISBN 978-2-35539-226-9. 318 S., Preis: € 26,00.

Rezensiert von Laurette Burgholzer

Was ist der Mensch? Was ist ein lebendes Wesen? Wie begreifen wir die Bande zwischen Geist und Materie? Kein geringeres Unterfangen als das Abarbeiten an derartig existenziellen Fragen haben sich die Herausgeberinnen des Sammelbandes Les Scènes philosophiques de la marionnette auf die Fahnen geschrieben. Eine Ausgangsthese dient zur Rechtfertigung dieses Forschungsinteresses: Gegenwärtige technologische Entwicklungen, Repräsentanten des Posthumanen, seien eng verwoben mit neuen Entwicklungen des wissenschaftlichen, philosophischen und anthropologischen Denkens. Es gelte daher, das Reflexionsmodell der Marionette – nebst den im Gegenwartstheater ebenso präsenten Automaten, Robotern, digitalen Avataren und Cyborgs – zu reaktivieren, denn "la marionnette nous aide depuis longtemps à penser ce qu'il y a en nous d''autre' que l'humain" und sei ein wertvolles Werkzeug pour appréhender nos avatars ou prothèses contemporaines" (S. 12).


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Annette Kappeler: L’œil du Prince. Auftrittsformen in der Oper des Ancien Régime.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: eikones NFS Bildkritik NCCR Iconic Criticism). ISBN 978-3-7705-6138-4. 249 S., 48 s/w Abb., Preis: € 34,90.

Rezensiert von Stephanie Schroedter

Interdisziplinarität oder gar Transdisziplinarität ist und bleibt eine Herausforderung für wissenschaftliche ebenso wie für künstlerische Forschung – eine überaus spannende und lohnende, wenn sie gelingt, ein bedauerlicher Fauxpas, wenn sie misslingt. Um es gleich vorwegzunehmen: Annette Kappeler zeigt in ihrer an der Universität Konstanz abgeschlossenen Dissertation, die nun im Druck vorliegt, in vorbildlicher Weise auf, wie man sich auf das Glatteis abseits eindeutiger disziplinärer Zuordnung begeben kann, ohne deshalb auf nur rudimentär durchdrungenem Fachwissen/-können auszurutschen. Für den Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik der Universität Basel war sie als Literaturwissenschaftlerin und Romanistin, gleichzeitig professionelle Musikerin (Violine/Viola mit einem Schwerpunkt im Bereich der sogenannten 'Alten Musik') zweifellos ein Glücksfall. Dass es ihr durch ihre Musikpraxis leicht fiel, sich einem zumeist von der Musikwissenschaft okkupierten Thema, Entwicklungen der Tragédie en musique zwischen dem späten 17. und späten 18. Jahrhundert, zu nähern, mag nicht weiter erstaunen. Bewundernswert ist hingegen, mit welchem Adlerblick sie sich bei ihren akribischen Recherchen in einschlägigen Pariser Archiven und Bibliotheken Bildquellen nähert und diese durch ihre Disziplinen übergreifende Perspektive erfrischend unverstellt aufzuschlüsseln vermag.


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Hanjo Kesting: Bis der reitende Bote des Königs erscheint. Über Oper und Literatur.

Göttingen: Wallstein 2017. ISBN 978-3-8353-3126-6. 415 S., Preis: € 24,90.

Rezensiert von Michael Berger

Die Frage nach dem Verhältnis von Wort und Ton, Libretto und Komposition durchzieht die gesamte 400-jährige Operngeschichte; sie wurde bereits ausgiebig diskutiert und je verschiedentlich beantwortet. Hanjo Kesting legt mit seinem Buch Bis der reitende Bote des Königs erscheint gewissermaßen eine Einführung in das Thema vor. Anstatt jedoch historische Entwicklungen linear aufzuzeigen, setzt der Autor auf lebendig erzählte Episoden, die einen Eindruck vermitteln sollen von der Entstehung bedeutender Kunstwerke und von der Schwierigkeit künstlerischer Zusammenarbeit. Kesting, langjähriger Kulturredakteur und Verfasser zahlreicher Schriften zu literarischen und musikalischen Themen, liefert in seinem Buch 19 essayistische Portraits, welche Wechselwirkungen zwischen Literatur und Musik in ihrer jeweiligen Zeit beispielhaft darstellen. Das Buch wird von einer kurzen Skizze der Problematik eingeleitet. Der anschließende Hauptteil ist in vier Abschnitte gegliedert; der erste Teil behandelt das 18. Jahrhundert in beispielhaften Episoden. Die drei darauffolgenden Teile beschäftigen sich mit dem 19. Jahrhundert, der Operette und dem 20. Jahrhundert.


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Vincenzo Mazza: Albert Camus et L’État de siège. Genèse d’un spectacle.

Paris: Classiques Garnier 2017. (Reihe: Études sur le théâtre et les arts de la scène, Bd. 9). ISBN 978-2-406-06549-4. 459 S., Preis: € 49,00.

Rezensiert von Laurette Burgholzer

Als 2017 L'État de siège von Albert Camus, ganze 59 Jahre nach der Uraufführung, erstmals wieder in einem großen Haus inszeniert wurde – im Pariser Théâtre de la Ville, in der Regie von Emmanuel Demarcy-Mota – interpretierte das französische und US-amerikanische (Gastspiel-)Publikum im Kontext bevorstehender Wahlen und erfolgter Regierungswechsel das Stück als Prophezeiung: Der auf die Bühne gebrachte Belagerungszustand durch finstere Mächte, repräsentiert durch eine personifizierte Pest, spreche vom Aufstieg des Front National, von den neuen politischen Zuständen unter Trump. Ebenfalls 59 Jahre nach der Stückpremiere erschien mit Albert Camus et 'L'État de siège'. Genèse d'un spectacle eine theaterhistoriographische Monographie, die die beinahe vergessene Uraufführung von 1948 thematisiert. Zugleich entwickelt sie, von diesem mikrohistorischen Kreuzungspunkt ausgehend, ein Bild der theaterpraktischen, literarischen, künstlerischen, politischen Verflechtungen in Frankreich von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit.


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Nanako Nakajima/Gabriele Brandstetter (Hg.): The Aging Body in Dance. A Cross-cultural Perspective.

London/New York: Routledge 2017. ISBN 978-1-1382-0006-7. 180 S., Preis: £ 26,99 (Paperback).

Rezensiert von Adam Czirak

Dass das 'Reifen' künstlerischer Kreativität bei Tänzer_innen mit dem Altern des Körpers Hand in Hand geht und somit einen ambivalenten Prozess darstellt, deutet Yvonne Rainer, Choreografin und eine der Autor_innen des Sammelbandes The Aging Body in Dance, mit einer lakonischen, aber beredten Gegenüberstellung an: "Graphic artists, musicians, photographers, composers and writers don't age; they mature." (S. 18) Wohlgemerkt: Der als Schöpfer und Medium des Tanzes zugleich zu verstehende Körper verliert mit der Zeit an Bewegungsvirtuosität und physischer Kapazität und auch das Interesse des Publikums – so die Beobachtung der vorliegenden Aufsatzsammlung – lässt mit den Jahren nach. Das gilt zumindest für Nordamerika und Europa. Der prekäre Status alternder Tänzer_innen wird in den vorliegenden, facettenreichen Beiträgen jedoch nicht nur aus ökonomischer, kultureller, medizinischer und institutioneller Perspektive beleuchtet, sondern auch auf differenzierte Weise um- bzw. aufgewertet: Statt 'disability' führen die Herausgeberinnen Nanako Nakajima und Gabriele Brandstetter eine "different ability" (S. 2) ins Feld, um eine Qualität 'reifender' Tänzer_innen jenseits der Konstruktionen von Inklusion und Exklusion stark zu machen. Damit wird natürlich das Verständnis von Tanz, ja seine genuine Ontologie angesprochen und zugleich in Frage gestellt; dieses politische Programm verbindet die einzelnen Beiträge.


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Artur Pełka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama.

Bielefeld: transcript 2016. ISBN 978-3-8376-3484-6. 228 S., Preis: € 34,99.

Rezensiert von David Krych

Die "politische Potenz der Sprache" (S. 21) in deutschsprachigen Theatertexten bestimmt der an der Universität Łódź tätige Theater- und Literaturwissenschaftler Artur Pełka zum Kern- und Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Unter dem Titel Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels diskutiert der Autor Theater- oder Textarbeiten, die sich mit zentralen und an Konsequenzen reichen politischen Ereignissen resp. 'Krisen' seit 9/11 auseinandersetzen.


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Lucia Rainer: On the Threshold of Knowing. Lectures and Performances in Art and Academia.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Critical Dance Studies, Bd. 46). ISBN 978-3-8376-3804-2. 228 S., 96 Abbildungen, Preis: € 34,99.

Rezensiert von Marcel Behn

In On the Threshold of Knowing hinterfragt Lucia Rainer die Dichotomie von Kunst und Wissenschaft, indem sie die intrinsische Performativität wissenschaftlicher wie künstlerischer Wissensproduktion demonstriert. Die Monografie wurde 2015 als Dissertation an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg angenommen und ist auf Englisch verfasst. Seit 2016 ist Lucia Rainer, die als Performerin und Forscherin interdisziplinär tätig ist, Professorin für Ästhetik an der Medical School Hamburg.


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Friedrich Balke/Hanna Engelmeier: Mimesis und Figura. Mit einer Neuausgabe des 'Figura'-Aufsatzes von Erich Auerbach.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: Medien und Mimesis, Bd. 1). ISBN: 978-3-7705-6096-7. 192 S., Preis: € 19,90.

Rezensiert von Valerie Dirk

"Etwas wie eine Geschichte des europäischen Realismus hätte ich niemals schreiben können", stellt der Romanist und Philologe Erich Auerbach am Ende seines literaturwissenschaftlichen Grundlagenwerks Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur fest, welches er in den 1940er Jahren im Istanbuler Exil verfasste. Dieses programmatische Zitat bildet einen der Dreh- und Angelpunkte für Friedrich Balkes und Hanna Engelmeiers Nachvollziehen der zentralen Auerbach'schen Begrifflichkeiten: Mimesis, Wirklichkeit und – untrennbar davon – Geschichte. Zur Hand nimmt das Autor_innenduo dabei den kurz nach Auerbachs Emigration entstandenen Text Figura (1938), den sie – möchte man sagen – als ,Vorausdeutung' auf Mimesis lesen und so genau nach der Methode der Figuraldeutung verfahren, die Auerbach in Figura entwirft. Diese Re- und Querlektüren werfen neue Schlaglichter auf Auerbachs Begriffe und Methoden und deren Nachwirken und Anschlussfähigkeit für die Geschichts-, Literatur- und Filmwissenschaft.


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Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder. Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik 1949-1963.

Göttingen: V&R unipress 2017. (Reihe: Cadrage., Bd. 004). ISBN 978-3-8471-0743-9; 451 S., 32 Abb., 1 CD, Preis: € 65,00.

Rezensiert von Bernhard Groß

Die These von der "reaktionären Moderne", die der Historiker Jeffrey Herf für die (Kultur-)Politik des Nationalsozialismus aufgestellt hat, wurde in Bezug auf den Film zuletzt eindrucksvoll in Laura Heins 2013 erschienener Studie Nazi Film Melodrama nachgewiesen: Heins stellt unter anderem heraus, dass NS-Melodramen das seinerzeit liberalste Scheidungsrecht in Europa propagandistisch flankierten und dies zugleich mit Darwin'scher 'Zuchtauswahl' verquickten. Johannes von Moltke hat 2005 mit seiner bahnbrechenden Studie No Place Like Home. Locations of Heimat in German Cinema in Anlehnung an Herf für den Heimatfilmdiskurs der 1950er Jahre, dessen Bezüge er über das NS- und das Weimarer Kino bis ins 19. Jahrhundert zurück und in die Gegenwart des Anti-Heimatfilms des Neuen Deutschen Films verfolgt, den Begriff der "nostalgischen Modernisierung" geprägt. Verbunden sind in diesem Begriff die Widersprüchlichkeit eines gleichzeitig konservativen bzw. revisionistischen Erzählens und Inszenierens auf der einen und eines Modernisierungsdiskurses auf der anderen Seite. Dies kennzeichne, so Moltke, den Heimatfilm der 1950er Jahre.


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Martin Seel: "Hollywood" ignorieren. Vom Kino.

Frankfurt am Main: S. Fischer 2017. ISBN 978-3-10-397224-5. 288 S., Preis: € 24,00.

Rezensiert von Vrääth Öhner

"Hollywood" ignorieren: Unter diesem im Vergleich zum Vorgänger geradezu riskanten Titel hat Martin Seel 2017 eine Sammlung von großteils bereits publizierten Aufsätzen vorgelegt, die seine in Die Künste des Kinos 2013 entwickelten Thesen aufnehmen, variieren und erweitern sowie deren Erklärungskraft an ausgewählten Beispielen vorführen. An der Grundkonstellation seiner Philosophie des Kinos hat sich damit freilich nichts geändert. Für Seel gehört das Kino zu den Künsten, weil es nicht nur in einem spannungsreichen Verhältnis zu den anderen Künsten und ihren Verfahren steht, sondern mit seinen eigenen Mitteln eine ästhetische Erfahrung erzeugt, die jener der anderen Künste zugleich ähnlich und dennoch hinreichend eigenständig ist. Wie die anderen Künste auch setzt das Kino sein Publikum der Spannung zwischen Aktivität und Passivität, zwischen "phänomenaler Bewegung und leiblich-seelischer Bewegtheit" (S. 34) aus, radikalisiert diese Spannung aber insofern, als "alle Aktivität des Verstehens […] im Kino in einer gesteigerten Passivität fundiert ist" (S. 39f.). Gesteigert ist diese Passivität deshalb, weil im Kino mehr als anderswo den Zusehenden "die Regie über die Zeit und die Richtung ihres Vernehmens […] abgenommen" (S. 40) wird. Seel zufolge führt das zu einer Intensivierung jener der ästhetischen Erfahrung eigenen Befreiung von zweckbestimmten Vollzügen, welche die übrigen, außerkünstlerischen Praktiken der Menschen beherrschen: "Indem die Zuschauer [dem] visuellen wie akustischen Diktat [des Films] unterliegen, kommen sie einer Erfüllung des Begehrens näher als irgendwo sonst, ihre Lage einmal nicht bestimmen zu müssen, sondern sich von ihr bestimmen lassen zu können" (S. 39).


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Friedrich Balke/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.): Medien der Bürokratie.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: Archiv für Mediengeschichte, Bd. 16). ISBN: 978-3-7705-6128-5. 176 S., 2 s/w Grafiken, 15 s/w Abb., 2 s/w Karten, Preis: € 19,90.

Rezensiert von Ulrike Wirth

Medien der Bürokratie – das lässt an staubige Aktendeckel und ewig ladende Webformulare denken. Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl haben alles andere als einen spektakulären Titel gewählt, geben damit aber ein ambitioniertes Vorhaben zu erkennen. Wird doch mit dieser Setzung nicht nur auf die Analyse operativer Verfahrenstechniken, sondern auf eine gewaltige, zweifach gebrochene Übersetzungsleistung hingewiesen: Wer die rekursive Dopplung der äußeren Wirklichkeit als Welt in den Akten und als physische Realität dieser Akten in der Welt symmetrisch untersuchen will, muss Medien nicht bloß instrumentell als Kulturtechniken der Bürokratie sondern Bürokratie(-geschichte) gleichermaßen in Abhängigkeit der Medien denken und hierbei auch deren ungesteuerte Effekte in den Blick nehmen. Wen die Abgründe einer solchen Programmatik nicht schwindelig, sondern neugierig machen, der/dem bietet der 16. Band des Archivs für Mediengeschichte eine kenntnisreiche, transdisziplinäre Textsammlung.


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Jennifer Eickelmann: 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter. Phänomene mediatisierter Missachtung aus Perspektive der Gender Media Studies.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-4053-3. 332 S., Preis: € 32,99.

Rezensiert von Julia Preisker

Ausgehend von den Debatten über 'Hate Speech' im Netz erarbeitet Jennifer Eickelmann in ihrem Buch 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter ein Konzept über verletzende Sprache, welches insbesondere die Konstitution von Subjekten im Spannungsfeld von Realität und Virtualität in den Fokus rückt. In Anlehnung an Judith Butler, Donna Haraway und Karen Barad kommt die Autorin zu einer Betrachtungsweise, die "Subjekte und ihre Körper […] erst durch performativ wirksame Intraaktionen von Mensch und Technologie im Entstehen" begreift (S. 280). In Bezug auf verletzende Sprache im Netz bedeutet dies folglich, dass "eine machtförmige und potenziell gewaltsame Internetpraxis diese Medienkörper verändern, angreifen, verletzen kann" (ebd.).


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Katja Glaser: Street Art und neue Medien. Akteure – Praktiken – Ästhetiken.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Locating Media | Situierte Medien, Bd. 17). ISBN: 978-3-8376-3535-5. 414 S., m. farbigen Abb., Preis: € 34,99.

Rezensiert von Anne Ganzert

Mit ihrer Monografie Street Art und neue Medien. Akteure – Praktiken – Ästhetiken schließt die Autorin Katja Glaser eine methodologische und theoretische Lücke, die sich durch mediale Entwicklungen im akademischen Umgang mit Street Art ergeben hat. Indem sie auf medien- und kunstwissenschaftliche Ansätze zurückgreift, gleichzeitig aber durch medienethnografische Beobachtung nicht nur nah am, sondern geradezu im, Forschungsfeld agiert, gelingt ihr eine ganzheitliche Perspektive auf den Konnex der Street Art mit den sogenannten 'Neuen Medien'. In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie versteht Glaser dabei mobile Medien nicht als unveränderlich beschreibbare Geräte, sondern als dezidiert prozessuale, im-Werden-begriffene Interfaces, die in erster Linie durch ihre Medienpraktiken beschreibbar werden. Ganz ähnlich steht es um die im Titel aufgerufenen Ästhetiken, die Glaser nicht bei den RezipientInnen verortet, sondern stattdessen als situative, eingebettete und erscheinende Pluralität verstanden wissen will.

Das Buch zeichnet sich zudem durch ein hohes Maß an Selbstreflexion aus, sowohl bezüglich der Methodik, als auch der persönlichen Begeisterung Glasers für die Werke und deren SchöpferInnen. So schreibt sie selbst, dass das Buch auch dem medialen Wandel unterliegt, bzw. unterliegen wird (S. 360), und ihr eigenes Schreiben ein situatives Festschreiben ist: Bestandsaufnahme, Archiv und Speicher – Funktionen, die im Laufe des Textes gerade auch den diversen Smartphone Apps zugeschrieben werden, die durch Fotografie und Kartenfunktionen die symptomatisch flüchtigen Werke der Street Art zu fixieren streben.


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Geert Lovink: Im Bann der Plattformen. Die nächste Runde der Netzkritik.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-3368-9. 262 S., Preis: € 24,99.

Rezensiert von Katja Grashöfer

In seiner 2017 erschienenen Publikation Im Bann der Plattformen (engl.: Social Media Abyss, 2016) löst Geert Lovink ein, was er im Untertitel verspricht: Die nächste Runde der Netzkritik fokussiert auf Online-Plattformen, die laut Lovink alles andere als 'sozial' sind. Technische Zentralisierung, ökonomische Monopolisierung und kulturelle Dissoziation sind die Folge eines zu Social-Media-Apps verengten Internets, dessen anfängliche Freiräume und Freiheitsträume ihr utopisches Potential eingebüßt haben. Stattdessen regiert die kapitalistische Gewinnsucht allerorten und bedient sich dazu der Daten der Netzwerk-Nutzer_innen. Überwachung statt Ermächtigung, Wallet Garden statt freier Entfaltung. Das Soziale ist dabei bloß noch "ein Spezialeffekt der Software" (S. 42).


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Henning Schmidgen: Horn oder Die Gegenseite der Medien.

Berlin: Matthes & Seitz 2018. ISBN 978-3-95757-464-0. 344 S., 80 Abb., Preis: € 40,00.

Rezensiert von Jana Herwig

Der Tastsinn boomt – in den Mediengeräten ebenso wie am Büchermarkt. Mit Horn oder Die Gegenseite der Medien nimmt sich Henning Schmidgen die Frage vor: Wie steht es eigentlich um den Tastsinn DER Medien?


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Susan Leigh Star: Grenzobjekte und Medienforschung.

Hrsg. v. Sebastian Gießmann/Nadine Taha. Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Locating Media | Situierte Medien, Bd. 10). Print-ISBN: 978-3-8376-3126-5. 536 S., Preis: € 29,99 (print)/Open Access (digital)*.

Rezensiert von Melanie Konrad

Susan Leigh Star war eine US-amerikanische Soziologin, Feministin, Technik- und Wissenschaftsforscherin deren Denken in der Chicago School of Sociology und dem symbolischen Interaktionismus verwurzelt ist. Sie beschäftigte sich in Kooperation mit anderen Forscher_innen ab den 1980ern mit Wissenschaftsphilosophie, Sozio-Informatik, Artificial-Intelligence-Forschung und Bürokratie-, Wissens- und Wissenschaftskulturen. Es war ihr ein Anliegen über die kooperative Produktion von Wissen unter heterogenen Bedingungen zwischen Menschen und zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten in Erarbeitung einer jeweils adäquaten Grounded Theory zu reflektieren. Interessant für die Medienforschung im engeren Sinn sind vor allem ihre medienethnografischen und medientheoretischen Zugänge zur Informationsverarbeitung anhand "vermittelnde(r) Praktiken und Objekte" (S. 14), ihre frühen Arbeiten zu Computerforschung (Computer-Supported Cooperative Work, CSCW) und marginalisierter Arbeit sowie ihre Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie von Michel Callon, John Law und Bruno Latour.


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Ana Sofia Elias, Rosalind Gill, Christina Scharff (Hg.): Aesthetic Labour. Rethinking Beauty Politics in Neoliberalism.

London: Palgrave 2017. Print-ISBN: 978-1-137-47764-4. 402 S., Preis: € 35,30.

Rezensiert von Louise Haitz

Die Herausgeberinnen reagieren mit ihrem Band "Aesthetic Labour" auf eine von ihnen proklamierte Ex- und Intensivierung der "Beauty Pressures" auf Frauen, die in neoliberal aktualisierten Schönheitspolitiken spezifisch subjektiviert werden. Sie versammeln 21 Aufsätze von mehr als 21 Forscherinnen, die verschiedene Aspekte der global vorherrschenden "Beauty Politics" in sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungen beleuchten. Der Band ist in drei Teile aufgeteilt: I. "Aesthetic Labouring", II. "Risk, Work and (Post)Feminist Beauty", III. "Empowerment, Confidence and Subjectivity".


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Stefanie Göweil: Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung. Ein geschlechterkritischer Blick auf Gesellschaft und Schule.

Gießen: Psychosozial-Verlag 2017. (Reihe: Forschung Psychosozial). ISBN 978-3-8379-2677-4. 309 S., Preis: € 39,90.

Rezensiert von Sabine Prokop

Stefanie Göweil, Philosophin und Germanistin, die die Fächer Deutsch, Psychologie/Philosophie sowie Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an einem Wiener Gymnasium unterrichtet, stellt die Frage, was "gar nicht so neu im angeblich so Neuen des neoliberalen Ideals der Selbstunternehmer_in?" (S. 39) ist, und erarbeitet sowohl detailliert als auch tiefschürfend Grenzen und Chancen einer individualisierten Geschlechterordnung. Unter Anerkennung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen blickt sie – ausgehend von Österreich – auf das Bildungssystem als einem der Orte, wo "der neue Geschlechtervertrag an die Frau gebracht wird" (S. 39). Die Begeisterung und Hingabe der Autorin ist deutlich spürbar und stärkt die Bereitschaft der Leser_innen, sich auf die anspruchsvolle Darstellung von philosophischer, psychoanalytischer und feministischer sowie post-feministischer Theoriebildung einzulassen. Das 300-seitige Buch ist nichts zum schnell Lesen, aber ideal für vertiefende Auseinandersetzung mit dem Patriarchat als komplexem System von Benennung und Verschiebung sowie mit der symbolischen Ordnung der Geschlechter (weshalb die Begriffe Frau und Mann im Buch ohne Gendersternchen* benannt werden, sonst setzt Göweil verschiedene Möglichkeiten der gendergerechte/re/n Sprache ein). Dabei dient die Problematik der Subjektwerdung als roter Faden in den verschlungenen und immer wieder in weiteren und neuen Zusammenhängen wiederkehrenden Überlegungen. Das Buch bleibt jedoch nicht bei der dialektischen, inter- und transdisziplinären Analyse stehen, sondern zeigt Auswege auf, die weit über den schulischen Bereich hinausgehend gesellschaftlich relevant sein können und sollen.


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Lavinia Heller (Hg.): Kultur und Übersetzung. Studien zu einem begrifflichen Verhältnis.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Interkulturalität. Studien zur Sprache, Literatur und Gesellschaft, Bd. 8). Print-ISBN: 978-3-8376-2963-7. 305 S., Preis: € 34,99.

Rezensiert von Birgit Haberpeuntner

Was geschieht in akademischen Kulturen, "wenn sich Grundbegriffe ändern, wenn neue Begriffe eingeführt und bewährte in den Hintergrund gerückt werden, oder wenn bereits tradierte Begriffe eine andere Position innerhalb der Theoriearchitektur bzw. eines Fachdiskurses zugewiesen bekommen" (S. 8)? Diesen Fragestellungen widmeten sich die Teilnehmer_innen einer Tagung, die 2013 in Mainz vom Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft zum Zweck des "(selbst-)kritischen Austausch[s]" (ebd.) über Disziplinen hinweg ausgerichtet wurde. Die Tagung, sowie der vorliegende Tagungsband, Kultur und Übersetzung, verfolgen damit ein Programm, das vor allem vor dem Hintergrund der seit Jahren rege geführten Debatte zu dem begrifflichen Spannungsfeld zwischen 'Kultur' und 'Übersetzung' als besonders ambitioniert erscheint.


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Sonja Hnilica/Elisabeth Timm (Hg.): Das Einfamilienhaus.

Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 1/2017. ISBN 978-3-8376-3809-7. 176 S., Preis: € 14,99.

Rezensiert von Patrick Aprent und Melanie Konrad

Der vorliegende Band der Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2017 beschäftigt sich mit der materiellen und symbolischen Bedeutung des 'Einfamilienhauses' seit der Frühen Neuzeit. Sowohl für das Adelshaus, das Einfamilienhaus im Vorort, die Praxis des Heimwerkens sowie die aktuelle Neubewertung des Einfamilienhauses gilt, dass sie mit sozio-kulturellen und sozio-politischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit eng verzahnt sind. Im einführenden Text "Das Einfamilienhaus als neue anonyme Architektur. Bestand und Begehren" befassen sich die Autorinnen Sonja Hnilica und Elisabeth Timm mit dem suburbanen Einfamilienhaus als materiellem und kulturellem Erbe des 20. Jahrhunderts. Themenbereiche, wie die 'Freiheit' und 'Wohlstand' symbolisierende Wirkkraft des Einfamilienhauses, die Verschränkung mit Konsum-, Mobilitäts- und Medienverhalten im 20. Jahrhundert, die über diese Wohnform herausgebildete gesellschaftliche Ordnung (Kleinfamilie, Mittelschicht) sowie die heute zu lösenden Probleme in Strukturpolitik und Stadtentwicklung, werden allesamt überblicksartig skizziert und problematisiert. Ausgang ist ein historischer Abriss über die Entstehung dieser Bautypologie und im speziellen die Verflechtung mit politischen und sozioökonomischen Zuständen seiner Zeit. Weiters wird die (historische) wissenschaftliche Rezeption sowie der verfehlte Fachdiskurs zum Massenphänomen Einfamilienhaus beleuchtet. Der Text, welcher somit auch einen kurzen Ausblick auf das vorliegende Buch gibt, betont abschließend die Wichtigkeit, die fachspezifischen Positionen neu zusammenzubringen, um den 'Bestand' Einfamilienhaus besser zu verstehen.


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