Peter Bogdanovich: Wer hat denn den gedreht? Gespräche mit Robert Aldrich, George Cukor, Allan Dwan, Howard Hawks, Alfred Hitchcock u.a.

Vorw. v. Hellmuth Karasek. Zürich: Haffmans 2000 (arte Edition). 1023 S., Buchleinen (Gewebe). ISBN 3-251-00463-8. Preis: ATS 569,-/DM 78,-/sFr 78.- .

  • Matthias Wittmann

Abstract

 

Ein Buch darüber "Wieviel wir alle gewonnen und was wir verloren haben". Peter Bogdanovich gehört zu jener Generation von Hollywood-Regisseuren, die zum Film kamen, als das alte Studiosystem gerade zerfiel. Wie etwa Martin Scorsese war auch Bogdanovich ein Zu spät-Geborener des Films, der nostalgisch auf das goldene Zeitalter Hollywoods zurück- und zu den Regiehelden jener Zeit aufblickte. Was zunächst als Pech erscheinen mag, war jedoch gerade seine Chance; und nicht nur seine, sondern die einer ganzen Generation von amerikanischen Filmstudenten, nämlich Bilderbewahrer und Bilderstürmer gleichzeitig zu sein, den Einfluss der Vergangenheit mit dem Einfluss der Gegenwart wie der Nouvelle Vague zu verbinden, Klassisch-Mythisches an Persönliches zu koppeln. Diese Mischung aus Nostalgie und Avantgarde - wobei Bogdanovich sicherlich eher Traditionalist denn Bilderstürmer war -, kann als wesentliches Charakteristikum des New Hollywood betrachtet werden. Eine weitere Gemeinsamkeit der Filmemacher dieser Generation war das Beharren auf einer an die Nouvelle Vague angelehnten Politique des Auteurs, bei der es um die Verteidigung des persönlichen Ausdrucks eines Regisseurs (= auteurs) gegenüber den Disziplinierungsversuchen durch Publikumsgeschmack und Produktionsauflagen ging.

Neben diesem Selbstverständnis als Autorenfilmer gibt es jedoch noch eine weitere Verbindungslinie zur Nouvelle Vague. Bogdanovich, der nach seiner Ausbildung an der Stella Adler Theatre School in New York zunächst als Theater- und Fernsehschauspieler bzw. als Off Broadway-Regisseur tätig war, machte sich nämlich schon bald einen Namen als Filmkritiker, u.a. für die Zeitschriften Movie, Esquire, Film Quarterly und Film Culture. Letztere, von Jonas Mekas gegründete Zeitschrift war ein wesentliches Organ der New American Cinema-Bewegung, vergleichbar mit der Bedeutung von Cahiers du Cinéma für die Nouvelle Vague. Wie Godard zeigte auch Bogdanovich, dass die Tätigkeit des Filmkritikers und die des Filmemachens keine unvereinbaren Gegensätze bilden müssen. Ähnliches schreibt auch Hellmuth Karasek in seinem ansonsten durchaus verzichtbaren Vorwort zu Wer hat denn den gedreht?: "Kritiker, heißt die Regel, sind wie Eunuchen, sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht. [...] Bogdanovich wußte nicht nur am besten, wie es geht, er konnte (und kann) es auch." (S. 11)

Erst nachdem Bogdanovich als Filmkritiker, -chronist und Verfasser von Monographien für das Museum of Modern Art u.a. über Orson Welles (1961), Howard Hawks (1962), Alfred Hitchcock (1963), John Ford (1967) oder Fritz Lang (1968) tätig gewesen war, begann er selbst Filme zu drehen, zunächst unter der Ägide von Roger Corman, der seinen ersten Spielfilm Targets (1968) produzierte. Danach folgten Filme wie Last Picture Show (1971), What's up, Doc? (1972), Nickelodeon (1976) und Texasville (1990).

In Wer hat denn den gedreht? - sofort springt der immense Umfang des Buches (1023 Seiten!) ins Auge - vereint Bogdanovich Interviews mit sechzehn der berühmtesten Hollywood-Regisseure, von Allan Dwan über Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Fritz Lang, Otto Preminger, Don Siegel, Josef von Sternberg und Robert Aldrich bis zu Sidney Lumet. Die abgedruckten Interviews stammen größtenteils aus Bogdanovichs Zeit als Filmkritiker in den 60er Jahren und waren für die oben schon erwähnten Zeitschriften Film Culture, Esquire oder Film Quarterly bestimmt. Einige davon wurden dort auch veröffentlicht, andere wiederum fanden erst mit dem vorliegenden Buch Öffentlichkeit. Bogdanovich weist in seinem sehr umfangreichen Vorwort darauf hin, dass die Karrieren der interviewten Regisseure die gesamte Filmgeschichte abdecken, "vom Beginn des Mediums vor dem Anfang des 20. Jahrhunderts über seinen Aufstieg, seine goldenen Jahre und seinen Niedergang bis zu seinem Fall (und seiner Auferstehung?)" (S. 18). Deshalb sind die Kapitel auch chronologisch nach den Geburtsjahren der Regisseure geordnet, was ungefähr der Reihenfolge entspricht, mit der sie ins Filmgeschäft eingetreten sind. Am Anfang steht der Filmpionier Allan Dwan, am Ende Sidney Lumet, dessen Regietätigkeit bis in die 90er reicht. Jedes der Interviews ist von Bogdanovich mit einem Einführungskommentar versehen, in dem er die Stellung des Regisseurs im Rahmen der Filmgeschichte erläutert und schildert, wie die Gespräche zustande gekommen sind bzw. welche Ansatzpunkte er bei den Fragestellungen gewählt hat.

Fast allen Regisseuren ist gemeinsam, dass sie zur Zeit des Stummfilms aufgewachsen sind und ihre Karrieren in dieser Ära begonnen haben. Sie hatten maßgeblichen Einfluss innerhalb der Filmindustrie und prägten Bogdanovich sowohl persönlich als auch beruflich. Dieser sieht darin sein großes Glück: Viele Vorbilder, von denen er lernen konnte, waren zu Beginn seiner Filmtätigkeit noch am Leben. Um diese "Schuld abzutragen", führte er auch die Interviews, als einzige Möglichkeit, "ihre (Anm.: der Regisseure) Großzügigkeit, ihr Wissen und ihre Erfahrung zu teilen und dazu beizutragen, ihre größten Tugenden weiterzugeben", wie Bogdanovich mit dem für ihn so typischen, die Grenzen des Erträglichen stellenweise sprengenden Ehrfurchtspathos bemerkt (S. 18). In diesem Sinne versteht er die Filmgeschichte als eine Art "Staffellauf [...], bei dem ein Stück Holz von einem Läufer an den nächsten weitergegeben wird. Dieses Buch ist im Geiste den nächsten Läufern gewidmet." (S. 25) Filmwelt als Wettkampfarena also und Filmemachen als Teamsportart! Das erscheint signifikant für das Verhältnis Bogdanovichs und vieler anderer Hollywood-Regisseure zum Filmemachen.

Titelgebend für das Buch war eine Aussage von Howard Hawks, der auf die Frage, welche Regisseure er bevorzuge, gegenüber Bogdanovich Folgendes antwortete: "Mir gefallen fast alle, bei denen man merkt, wer den Film eigentlich gedreht hat. [...] Denn der Regisseur ist der Geschichtenerzähler und sollte auf seine eigene Art erzählen." Dieser Ausspruch ist auch als Zitat dem Buch vorangestellt und könnte zunächst - wüsste man nicht, dass er von einem der größten Film-Handwerker Hollywoods getan wurde - als programmatischer Kerngedanke einer Politique des Auteurs erscheinen. Sicherlich entspricht es auch Bogdanovichs Absicht, zu einer Neubewertung der als Handwerker abqualifizierten Hollywoodgrößen einzuladen und aufzuzeigen, dass Persönlichkeit und Handwerk nicht unbedingt ein Widerspruch sein müssen. Über die Intention seines Buches und seiner Interviews sagte Bogdanovich Folgendes: "The intention of the book was, to find the person in the films and the films in the person."

Wie der Titel des Buches schon deutlich macht, geht es in Wer hat denn gedreht? vor allem um eine Verbeugung vor dem Mythos des Wer und nicht in erster Linie um das Wie. Bogdanovich tritt seinen Interviewpartnern als ehrfürchtiger, wissbegieriger und bewundernder Schüler gegenüber und nur selten als Kollege. Er gibt den Regisseuren äußerst viel, ja teilweise zuviel Raum für Selbstinszenierungen und -mythologisierungen. Ganz anders verfuhr ja Truffaut in seinem umfassenden, unter dem Titel Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? veröffentlichten Interview. Truffaut empfand sich als Kollege, was als Interview begann, gestaltete sich unter seiner Regie immer stärker zu einem Fachgespräch unter gleichberechtigten Filmprofessionisten.

Aussagesätze verwendet Bogdanovich nur sporadisch, weswegen sich John Ford zu dem entnervten Ausspruch hinreißen ließ: "Verdammt, Bogdanovich! Können Sie denn nichts als Fragen stellen!? Ich meine, Herrgottnochmal, haben Sie noch nie was von einem Aussagesatz gehört?" (S. 16) In dieser Rolle des neugierigen und lästigen Schülers scheint sich Bogdanovich jedoch äußerst wohl gefühlt zu haben, was auch in seinem Vorwort anklingt, wenn er sein Können aus seiner Neugier und den Fragen, die er seinen Vorbildern gestellt hat, erklärt.

Bogdanovichs Fragetechnik erinnert stellenweise stark an Kolportagejournalismus. Interessant sind für ihn vor allem Anekdoten aus dem Leben der Regisseure und Insiderstories aus Hollywood, also ein bisschen Klatsch und Tratsch aus der Glamourwelt. Zudem wiederholt sich das Frageschema ständig. Fast jedes Interview beginnt mit Fragen danach, was die Regisseure am Film interessiert hat und wie sie zum Film gestoßen sind, gefolgt von einem chronologischen Abklopfen aller Karrierestationen und Filme der Regisseure. Hierbei stellt Bogdanovich oftmals pro Film nur eine Frage, ein Nachfragen bleibt größtenteils aus. Besonders bei Filmen, die ein eindringlicheres Nachbohren verdient hätten, wirkt es äußerst frustrierend, wenn Bogdanovich abrupt das Thema wechselt, wodurch man den Eindruck bekommt, er würde sein Interviewkonzept stur abspulen.

All diese fragetechnischen Mängel ändern jedoch nichts am äußerst wertvollen und enorm aufschlussreichen Gehalt des Buches. Zudem wurden die Gespräche, wie Bogdanovich im Vorwort schreibt, (seltsamerweise?!) nachbearbeitet, verkürzt und stilistisch geglättet, sodass die oben genannten Kritikpunkte nur in Bezug auf die abgedruckten Interviewformen Gültigkeit beanspruchen können.

Die Gespräche sind in Länge und Detailliertheit sehr unterschiedlich. Es gibt ausführliche Interviews mit Howard Hawks, Alfred Hitchcock und Allan Dwan - die allesamt ein eigenständiges Buch konstituieren könnten und teilweise auch als solches geplant waren - und sehr kurze, teilweise unvollständige mit Edgar G. Ulmer, Leo McCarey und Josef von Sternberg. Das Interview mit Sternberg gibt paradoxerweise gerade ob seiner Kürze besonders viel Aufschluss über die als äußerst schwierig bekannte Regiepersönlichkeit. Sternberg, der nie gerne über seine Filme sprach, gab auf jede Frage betont kurze und schroffe Antworten, die sich auf "Ja", "Nein", "Weiß nicht" oder "Stimmt nicht" beschränkten.

Je gesprächiger ein Regisseur war, desto detaillierter und scharfsinniger fielen auch Bogdanovichs Fragestellungen aus. Zu den anregendsten zählen seine Interviews mit Fritz Lang, Howard Hawks, Don Siegel, Otto Preminger und Alfred Hitchcock, wo Bogdanovich die Rolle des scheinbar naiven und devoten Fragestellers verlässt und ähnlich wie Truffaut im Verlauf des Gesprächs zu einem Fachkollegen wird, der auch selbst seine Meinung zu den besprochenen Filmen kundtut und sehr filmimmanente Fragen stellt. Diese Gespräche erschließen auf kurzweilige Art das Leben der Regisseure, die Entstehungsgeschichte ihrer Filme, die einzelnen Phasen der Filmherstellung, die Arbeitsbedingungen und das Studiosystem, Besetzungsprobleme, die Arbeit mit den Schauspielern, die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Drehbuchautor, den Widerstand der Studios gegenüber bestimmten Ideen und somit den ewigen Konflikt zwischen Idee und Realisierung. Besonders interessiert zeigt sich Bogdanovich bei Fragen rund um die Probleme und Möglichkeiten von bestimmten filmtechnischen Stilmitteln wie Zoom oder Weitwinkel.

Fritz Lang erzählt darüber, wie ihm die Idee zu Metropolis in New York gekommen ist und über seine Konflikte mit Goebbels. Er redet über die Unterschiede zwischen den Arbeitsbedingungen in Deutschland und in den USA, über sein Verhältnis zum Western, über seine Zusammenarbeit mit Godard bei Le Mépris und seine Schwierigkeiten damit, in Farbe zu drehen. Darüber hinaus erfahren wir über sein Verhältnis zu Frauen und zum Kommunismus und über sein nie realisiertes Vorhaben, ein Porträt von Billy the Kid als Schwachsinnigen zu drehen. Dass Fritz Lang in Die Frau im Mond den Countdown erfunden hat, wird wahrscheinlich auch den wenigsten bekannt sein.

Otto Preminger schildert seine Kämpfe mit dem Studioboss Daryl Zanuck rund um den Film Noir-Klassiker Laura. Don Siegel erläutert seine Intentionen, mit Invasion of the Body Snatchers das Porträt einer hirnlosen Hüllengesellschaft zu drehen, und erzählt über seine Zusammenarbeit mit Clint Eastwood. Der legendäre Warner Bros.-Regisseur und Cartoonist Chuck Jones spricht über die Evolution von Wile E. Coyote usw.

Wer sich für Klatsch und Tratschgeschichten aus der Glamourwelt interessiert, wird ebenfalls bestens bedient. So gibt es zahlreiche Storys über Stars wie Lauren Bacall, Marlene Dietrich, Marilyn Monroe und Clark Gable, um nur einige wenige zu nennen, die in dem Buch Erwähnung finden.

Wer hat denn den gedreht? ist Anekdotenfundus, Filmchronik, Monographiensammlung, Wissensschmöker und Lehrbuch zugleich. Ein Buch zum Nachschlagen und Herumblättern, das - trotz Bogdanovichs stellenweise schwer erträglichem Hang zu Pathos und Nostalgie - in keiner Filmbibliothek fehlen sollte.

Autor/innen-Biografie

Matthias Wittmann

Geboren am 10. April 1976 in Wien. Seit 1994 Studium der Germanistik und der Philosophie an der Universität Wien. 1996-99 Nebenbetätigung als Filmvorführer im Künstlerhaus-Kino. Seit 1999 Mitarbeiter im Filmarchiv Austria.

Veröffentlicht
2000-12-21
Zitationsvorschlag
Wittmann, M. (2000). Peter Bogdanovich: Wer hat denn den gedreht? Gespräche mit Robert Aldrich, George Cukor, Allan Dwan, Howard Hawks, Alfred Hitchcock u.a. [rezens.Tfm]. Abgerufen von https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/article/view/r155
Rubrik
Film