Sirkku Aaltonen/Areeg Ibrahim (Hg.): Rewriting Narratives in Egyptian Theatre. Translation, Performance, Politics.

New York/London: Routledge 2016. (Reihe: Routledge Advances in Theatre and Performance Studies, Bd. 45). ISBN: 978-1-138-94644-6. 288 S., 17 s/w Abb., Preis: £ 115,―.

Rezensiert von Caroline Herfert

Mit Fokus auf Übersetzungsprozesse, Aufführungen und Politik vereint Rewriting Narratives in Egyptian Theatre Zugänge aus Cultural Studies, Translations- und Theaterwissenschaft sowie aus der Theaterpraxis, um Perspektiven auf Gegenwart und Geschichte von Theater in Ägypten eröffnen. Der Sammelband leistet damit eine Reihe von 'Grenzüberschreitungen' – disziplinär, geographisch, sprachlich, historisch – und stellt bekanntere und unbekanntere Narrative ägyptischen Theaters reflektiert zur Diskussion.


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Hélène Beauchamp/Flore Garcin-Marrou/Joëlle Noguès/Élise van Haesebroeck (Hg.): Les Scènes philosophiques de la marionnette.

Montpellier: L’Entretemps/Institut International de la Marionnette 2016. (Reihe: La main qui parle). ISBN 978-2-35539-226-9. 318 S., Preis: € 26,00.

Rezensiert von Laurette Burgholzer

Was ist der Mensch? Was ist ein lebendes Wesen? Wie begreifen wir die Bande zwischen Geist und Materie? Kein geringeres Unterfangen als das Abarbeiten an derartig existenziellen Fragen haben sich die Herausgeberinnen des Sammelbandes Les Scènes philosophiques de la marionnette auf die Fahnen geschrieben. Eine Ausgangsthese dient zur Rechtfertigung dieses Forschungsinteresses: Gegenwärtige technologische Entwicklungen, Repräsentanten des Posthumanen, seien eng verwoben mit neuen Entwicklungen des wissenschaftlichen, philosophischen und anthropologischen Denkens. Es gelte daher, das Reflexionsmodell der Marionette – nebst den im Gegenwartstheater ebenso präsenten Automaten, Robotern, digitalen Avataren und Cyborgs – zu reaktivieren, denn "la marionnette nous aide depuis longtemps à penser ce qu'il y a en nous d''autre' que l'humain" und sei ein wertvolles Werkzeug pour appréhender nos avatars ou prothèses contemporaines" (S. 12).


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Annette Kappeler: L’œil du Prince. Auftrittsformen in der Oper des Ancien Régime.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: eikones NFS Bildkritik NCCR Iconic Criticism). ISBN 978-3-7705-6138-4. 249 S., 48 s/w Abb., Preis: € 34,90.

Rezensiert von Stephanie Schroedter

Interdisziplinarität oder gar Transdisziplinarität ist und bleibt eine Herausforderung für wissenschaftliche ebenso wie für künstlerische Forschung – eine überaus spannende und lohnende, wenn sie gelingt, ein bedauerlicher Fauxpas, wenn sie misslingt. Um es gleich vorwegzunehmen: Annette Kappeler zeigt in ihrer an der Universität Konstanz abgeschlossenen Dissertation, die nun im Druck vorliegt, in vorbildlicher Weise auf, wie man sich auf das Glatteis abseits eindeutiger disziplinärer Zuordnung begeben kann, ohne deshalb auf nur rudimentär durchdrungenem Fachwissen/-können auszurutschen. Für den Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik der Universität Basel war sie als Literaturwissenschaftlerin und Romanistin, gleichzeitig professionelle Musikerin (Violine/Viola mit einem Schwerpunkt im Bereich der sogenannten 'Alten Musik') zweifellos ein Glücksfall. Dass es ihr durch ihre Musikpraxis leicht fiel, sich einem zumeist von der Musikwissenschaft okkupierten Thema, Entwicklungen der Tragédie en musique zwischen dem späten 17. und späten 18. Jahrhundert, zu nähern, mag nicht weiter erstaunen. Bewundernswert ist hingegen, mit welchem Adlerblick sie sich bei ihren akribischen Recherchen in einschlägigen Pariser Archiven und Bibliotheken Bildquellen nähert und diese durch ihre Disziplinen übergreifende Perspektive erfrischend unverstellt aufzuschlüsseln vermag.


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Hanjo Kesting: Bis der reitende Bote des Königs erscheint. Über Oper und Literatur.

Göttingen: Wallstein 2017. ISBN 978-3-8353-3126-6. 415 S., Preis: € 24,90.

Rezensiert von Michael Berger

Die Frage nach dem Verhältnis von Wort und Ton, Libretto und Komposition durchzieht die gesamte 400-jährige Operngeschichte; sie wurde bereits ausgiebig diskutiert und je verschiedentlich beantwortet. Hanjo Kesting legt mit seinem Buch Bis der reitende Bote des Königs erscheint gewissermaßen eine Einführung in das Thema vor. Anstatt jedoch historische Entwicklungen linear aufzuzeigen, setzt der Autor auf lebendig erzählte Episoden, die einen Eindruck vermitteln sollen von der Entstehung bedeutender Kunstwerke und von der Schwierigkeit künstlerischer Zusammenarbeit. Kesting, langjähriger Kulturredakteur und Verfasser zahlreicher Schriften zu literarischen und musikalischen Themen, liefert in seinem Buch 19 essayistische Portraits, welche Wechselwirkungen zwischen Literatur und Musik in ihrer jeweiligen Zeit beispielhaft darstellen. Das Buch wird von einer kurzen Skizze der Problematik eingeleitet. Der anschließende Hauptteil ist in vier Abschnitte gegliedert; der erste Teil behandelt das 18. Jahrhundert in beispielhaften Episoden. Die drei darauffolgenden Teile beschäftigen sich mit dem 19. Jahrhundert, der Operette und dem 20. Jahrhundert.


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Vincenzo Mazza: Albert Camus et L’État de siège. Genèse d’un spectacle.

Paris: Classiques Garnier 2017. (Reihe: Études sur le théâtre et les arts de la scène, Bd. 9). ISBN 978-2-406-06549-4. 459 S., Preis: € 49,00.

Rezensiert von Laurette Burgholzer

Als 2017 L'État de siège von Albert Camus, ganze 59 Jahre nach der Uraufführung, erstmals wieder in einem großen Haus inszeniert wurde – im Pariser Théâtre de la Ville, in der Regie von Emmanuel Demarcy-Mota – interpretierte das französische und US-amerikanische (Gastspiel-)Publikum im Kontext bevorstehender Wahlen und erfolgter Regierungswechsel das Stück als Prophezeiung: Der auf die Bühne gebrachte Belagerungszustand durch finstere Mächte, repräsentiert durch eine personifizierte Pest, spreche vom Aufstieg des Front National, von den neuen politischen Zuständen unter Trump. Ebenfalls 59 Jahre nach der Stückpremiere erschien mit Albert Camus et 'L'État de siège'. Genèse d'un spectacle eine theaterhistoriographische Monographie, die die beinahe vergessene Uraufführung von 1948 thematisiert. Zugleich entwickelt sie, von diesem mikrohistorischen Kreuzungspunkt ausgehend, ein Bild der theaterpraktischen, literarischen, künstlerischen, politischen Verflechtungen in Frankreich von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit.


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Nanako Nakajima/Gabriele Brandstetter (Hg.): The Aging Body in Dance. A Cross-cultural Perspective.

London/New York: Routledge 2017. ISBN 978-1-1382-0006-7. 180 S., Preis: £ 26,99 (Paperback).

Rezensiert von Adam Czirak

Dass das 'Reifen' künstlerischer Kreativität bei Tänzer_innen mit dem Altern des Körpers Hand in Hand geht und somit einen ambivalenten Prozess darstellt, deutet Yvonne Rainer, Choreografin und eine der Autor_innen des Sammelbandes The Aging Body in Dance, mit einer lakonischen, aber beredten Gegenüberstellung an: "Graphic artists, musicians, photographers, composers and writers don't age; they mature." (S. 18) Wohlgemerkt: Der als Schöpfer und Medium des Tanzes zugleich zu verstehende Körper verliert mit der Zeit an Bewegungsvirtuosität und physischer Kapazität und auch das Interesse des Publikums – so die Beobachtung der vorliegenden Aufsatzsammlung – lässt mit den Jahren nach. Das gilt zumindest für Nordamerika und Europa. Der prekäre Status alternder Tänzer_innen wird in den vorliegenden, facettenreichen Beiträgen jedoch nicht nur aus ökonomischer, kultureller, medizinischer und institutioneller Perspektive beleuchtet, sondern auch auf differenzierte Weise um- bzw. aufgewertet: Statt 'disability' führen die Herausgeberinnen Nanako Nakajima und Gabriele Brandstetter eine "different ability" (S. 2) ins Feld, um eine Qualität 'reifender' Tänzer_innen jenseits der Konstruktionen von Inklusion und Exklusion stark zu machen. Damit wird natürlich das Verständnis von Tanz, ja seine genuine Ontologie angesprochen und zugleich in Frage gestellt; dieses politische Programm verbindet die einzelnen Beiträge.


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Artur Pełka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama.

Bielefeld: transcript 2016. ISBN 978-3-8376-3484-6. 228 S., Preis: € 34,99.

Rezensiert von David Krych

Die "politische Potenz der Sprache" (S. 21) in deutschsprachigen Theatertexten bestimmt der an der Universität Łódź tätige Theater- und Literaturwissenschaftler Artur Pełka zum Kern- und Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Unter dem Titel Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels diskutiert der Autor Theater- oder Textarbeiten, die sich mit zentralen und an Konsequenzen reichen politischen Ereignissen resp. 'Krisen' seit 9/11 auseinandersetzen.


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Lucia Rainer: On the Threshold of Knowing. Lectures and Performances in Art and Academia.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Critical Dance Studies, Bd. 46). ISBN 978-3-8376-3804-2. 228 S., 96 Abbildungen, Preis: € 34,99.

Rezensiert von Marcel Behn

In On the Threshold of Knowing hinterfragt Lucia Rainer die Dichotomie von Kunst und Wissenschaft, indem sie die intrinsische Performativität wissenschaftlicher wie künstlerischer Wissensproduktion demonstriert. Die Monografie wurde 2015 als Dissertation an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg angenommen und ist auf Englisch verfasst. Seit 2016 ist Lucia Rainer, die als Performerin und Forscherin interdisziplinär tätig ist, Professorin für Ästhetik an der Medical School Hamburg.


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