Friedrich Balke/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.): Medien der Bürokratie.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: Archiv für Mediengeschichte, Bd. 16). ISBN: 978-3-7705-6128-5. 176 S., 2 s/w Grafiken, 15 s/w Abb., 2 s/w Karten, Preis: € 19,90.

Rezensiert von Ulrike Wirth

Medien der Bürokratie – das lässt an staubige Aktendeckel und ewig ladende Webformulare denken. Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl haben alles andere als einen spektakulären Titel gewählt, geben damit aber ein ambitioniertes Vorhaben zu erkennen. Wird doch mit dieser Setzung nicht nur auf die Analyse operativer Verfahrenstechniken, sondern auf eine gewaltige, zweifach gebrochene Übersetzungsleistung hingewiesen: Wer die rekursive Dopplung der äußeren Wirklichkeit als Welt in den Akten und als physische Realität dieser Akten in der Welt symmetrisch untersuchen will, muss Medien nicht bloß instrumentell als Kulturtechniken der Bürokratie sondern Bürokratie(-geschichte) gleichermaßen in Abhängigkeit der Medien denken und hierbei auch deren ungesteuerte Effekte in den Blick nehmen. Wen die Abgründe einer solchen Programmatik nicht schwindelig, sondern neugierig machen, der/dem bietet der 16. Band des Archivs für Mediengeschichte eine kenntnisreiche, transdisziplinäre Textsammlung.


>> zum Artikel

Jennifer Eickelmann: 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter. Phänomene mediatisierter Missachtung aus Perspektive der Gender Media Studies.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-4053-3. 332 S., Preis: € 32,99.

Rezensiert von Julia Preisker

Ausgehend von den Debatten über 'Hate Speech' im Netz erarbeitet Jennifer Eickelmann in ihrem Buch 'Hate Speech' und Verletzbarkeit im digitalen Zeitalter ein Konzept über verletzende Sprache, welches insbesondere die Konstitution von Subjekten im Spannungsfeld von Realität und Virtualität in den Fokus rückt. In Anlehnung an Judith Butler, Donna Haraway und Karen Barad kommt die Autorin zu einer Betrachtungsweise, die "Subjekte und ihre Körper […] erst durch performativ wirksame Intraaktionen von Mensch und Technologie im Entstehen" begreift (S. 280). In Bezug auf verletzende Sprache im Netz bedeutet dies folglich, dass "eine machtförmige und potenziell gewaltsame Internetpraxis diese Medienkörper verändern, angreifen, verletzen kann" (ebd.).


>> zum Artikel

Katja Glaser: Street Art und neue Medien. Akteure – Praktiken – Ästhetiken.

Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Locating Media | Situierte Medien, Bd. 17). ISBN: 978-3-8376-3535-5. 414 S., m. farbigen Abb., Preis: € 34,99.

Rezensiert von Anne Ganzert

Mit ihrer Monografie Street Art und neue Medien. Akteure – Praktiken – Ästhetiken schließt die Autorin Katja Glaser eine methodologische und theoretische Lücke, die sich durch mediale Entwicklungen im akademischen Umgang mit Street Art ergeben hat. Indem sie auf medien- und kunstwissenschaftliche Ansätze zurückgreift, gleichzeitig aber durch medienethnografische Beobachtung nicht nur nah am, sondern geradezu im, Forschungsfeld agiert, gelingt ihr eine ganzheitliche Perspektive auf den Konnex der Street Art mit den sogenannten 'Neuen Medien'. In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie versteht Glaser dabei mobile Medien nicht als unveränderlich beschreibbare Geräte, sondern als dezidiert prozessuale, im-Werden-begriffene Interfaces, die in erster Linie durch ihre Medienpraktiken beschreibbar werden. Ganz ähnlich steht es um die im Titel aufgerufenen Ästhetiken, die Glaser nicht bei den RezipientInnen verortet, sondern stattdessen als situative, eingebettete und erscheinende Pluralität verstanden wissen will.

Das Buch zeichnet sich zudem durch ein hohes Maß an Selbstreflexion aus, sowohl bezüglich der Methodik, als auch der persönlichen Begeisterung Glasers für die Werke und deren SchöpferInnen. So schreibt sie selbst, dass das Buch auch dem medialen Wandel unterliegt, bzw. unterliegen wird (S. 360), und ihr eigenes Schreiben ein situatives Festschreiben ist: Bestandsaufnahme, Archiv und Speicher – Funktionen, die im Laufe des Textes gerade auch den diversen Smartphone Apps zugeschrieben werden, die durch Fotografie und Kartenfunktionen die symptomatisch flüchtigen Werke der Street Art zu fixieren streben.


>> zum Artikel

Geert Lovink: Im Bann der Plattformen. Die nächste Runde der Netzkritik.

Bielefeld: transcript 2017. ISBN 978-3-8376-3368-9. 262 S., Preis: € 24,99.

Rezensiert von Katja Grashöfer

In seiner 2017 erschienenen Publikation Im Bann der Plattformen (engl.: Social Media Abyss, 2016) löst Geert Lovink ein, was er im Untertitel verspricht: Die nächste Runde der Netzkritik fokussiert auf Online-Plattformen, die laut Lovink alles andere als 'sozial' sind. Technische Zentralisierung, ökonomische Monopolisierung und kulturelle Dissoziation sind die Folge eines zu Social-Media-Apps verengten Internets, dessen anfängliche Freiräume und Freiheitsträume ihr utopisches Potential eingebüßt haben. Stattdessen regiert die kapitalistische Gewinnsucht allerorten und bedient sich dazu der Daten der Netzwerk-Nutzer_innen. Überwachung statt Ermächtigung, Wallet Garden statt freier Entfaltung. Das Soziale ist dabei bloß noch "ein Spezialeffekt der Software" (S. 42).


>> zum Artikel

Henning Schmidgen: Horn oder Die Gegenseite der Medien.

Berlin: Matthes & Seitz 2018. ISBN 978-3-95757-464-0. 344 S., 80 Abb., Preis: € 40,00.

Rezensiert von Jana Herwig

Der Tastsinn boomt – in den Mediengeräten ebenso wie am Büchermarkt. Mit Horn oder Die Gegenseite der Medien nimmt sich Henning Schmidgen die Frage vor: Wie steht es eigentlich um den Tastsinn DER Medien?


>> zum Artikel

Susan Leigh Star: Grenzobjekte und Medienforschung.

Hrsg. v. Sebastian Gießmann/Nadine Taha. Bielefeld: transcript 2017. (Reihe: Locating Media | Situierte Medien, Bd. 10). Print-ISBN: 978-3-8376-3126-5. 536 S., Preis: € 29,99 (print)/Open Access (digital)*.

Rezensiert von Melanie Konrad

Susan Leigh Star war eine US-amerikanische Soziologin, Feministin, Technik- und Wissenschaftsforscherin deren Denken in der Chicago School of Sociology und dem symbolischen Interaktionismus verwurzelt ist. Sie beschäftigte sich in Kooperation mit anderen Forscher_innen ab den 1980ern mit Wissenschaftsphilosophie, Sozio-Informatik, Artificial-Intelligence-Forschung und Bürokratie-, Wissens- und Wissenschaftskulturen. Es war ihr ein Anliegen über die kooperative Produktion von Wissen unter heterogenen Bedingungen zwischen Menschen und zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten in Erarbeitung einer jeweils adäquaten Grounded Theory zu reflektieren. Interessant für die Medienforschung im engeren Sinn sind vor allem ihre medienethnografischen und medientheoretischen Zugänge zur Informationsverarbeitung anhand "vermittelnde(r) Praktiken und Objekte" (S. 14), ihre frühen Arbeiten zu Computerforschung (Computer-Supported Cooperative Work, CSCW) und marginalisierter Arbeit sowie ihre Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie von Michel Callon, John Law und Bruno Latour.


>> zum Artikel