Marie-Luise Angerer: Affektökologie: Intensive Milieus und zufällige Begegnungen.

Lüneburg: meson press 2017. ISBN: 978-3-95796-090-0. 72 S. Preis: € 11,90. Open-Source-Version

Rezensiert von Melanie Konrad und Stefan Schweigler

Marie-Luise Angerers neue Publikation Affektökologien. Intensive Milieus und zufällige Begegnungen (2017) aktualisiert ihre Studie zum Begehren nach dem Affekt (2005) hinsichtlich theoriebildender Felder (bei Angerer "Milieus"), die gegenwärtig in je unterschiedlicher Weise Zugriffe auf Affekttheorie forcieren. Die kurze Verschriftlichung ihrer Potsdamer Antrittsvorlesung (2016) verdichtet ein kompliziertes Vorhaben, denn der zum Nachdenken und Nachschlagen anregende Text steigt auf einer recht komplexen Stufe des Einschätzens der Gegenwart von Affektologie ein. Die Autorin bespricht einige Traditionen von Affekttheorie, legt zentrale, wiederkehrende aber auch minoritäre Argumentationen akzentuiert frei und führt diese in einem Votum für eine Affektlehre der Intensitäten, des Politischen und radikaler Zeitlichkeit zusammen, welche sie skizzenhaft in Aussicht stellt.


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Roland Barthes: Auge in Auge. Kleine Schriften zur Photographie. Hrsg. von Peter Geimer und Bernd Stiegler.

Berlin: Suhrkamp 2015. ISBN 978-3-518-29755-1. 352 S. Preis: € 20,00.

Rezensiert von Dominik Schrey

Zweifellos ist Roland Barthes einer der wichtigsten Impulsgeber der Fotografietheorie. Verteilt über die knapp drei Jahrzehnte seit der Publikation seines ersten Buchs Am Nullpunkt der Literatur (Le Degré zéro de l'écriture) 1953 bis zu seinem Tod als Folge eines Verkehrsunfalls im Jahr 1980 hat er sich in zahlreichen Texten mit fotografischen Bildern, dem Werk einzelner Fotografen und 'der PHOTOGRAPHIE' an sich beschäftigt. Nachhaltig den Diskurs geprägt hat dabei vor allem sein letztes zu Lebzeiten erschienenes Buch Die helle Kammer (La Chambre claire, 1980), das heute häufig als eine Art Testament der Fotografie in einem – vermeintlich – 'postfotografischen' Zeitalter gehandelt wird. Von der Digitalisierung selbst, die in den folgenden Jahren die Fotografie maßgeblich verändern sollte, ist hier natürlich noch keine Rede. Stattdessen exerziert Barthes in seinem eigenwilligen letzten Essay virtuos das gesamte Spektrum jener 'spektraler' Metaphern durch, die die Auseinandersetzung mit der Fotografie bis heute bestimmen. Die helle Kammer oszilliert stilistisch zwischen Ontologie und persönlicher, fast schon intimer Trauerarbeit: Der Text wird gleichsam vom Geist der verstorbenen Mutter 'heimgesucht', deren Fotografie zwar Ausgangspunkt zentraler theoretischer Reflexionen ist, dabei jedoch nie gezeigt wird und so lediglich als 'abwesende Präsenz' durch das Buch geistert.


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Wendy Hui Kyong Chun: Updating to Remain the Same. Habitual New Media.

Cambridge (MA): MIT Press 2016. ISBN: 978-0-262-03449-4. 246 S. Preis: € 32,49 (Hardcover).

Rezensiert von Ulrike Wirth

Der Arbeitstitel von Wendy Hui Kyong Chuns Updating to Remain the Same. Habitual New Media (2016) lautete Imagined Networks. Warum der Netzwerkbegriff nicht im Buchtitel aufscheint, jedoch eine Schlüsselrolle im formalen wie argumentativen Aufbau einnimmt, wird in der Lektüre nachvollziehbar. Schließlich möchte Chun unter Bezugnahme auf Jean-Luc Nancy ein Netzwerk mobilisieren, das außerhalb sauberer Verbindungslinien und Knotenpunkte eine (medialisierte) Gemeinschaft herzustellen vermag und plädiert, digitale Öffentlichkeitsräume zu imaginieren, die die 'Verletzlichkeit' ihrer UserInnen dereinst nicht sanktionieren.


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Gabriella Giannachi: Archive Everything. Mapping the Everyday.

Cambridge/London: MIT 2016. ISBN: 9780262035293. 240 S. 56 s/w Abbildungen. Preis: € 41,99.

Rezensiert von Doris Posch

Gabriella Giannachis jüngste Publikation Archive Everything (2016) ist weniger eine historische Abhandlung der Entstehungsgeschichte des Archivs als Sammlungs- und Dokumentationsstätte als vielmehr ein aktives Verhandeln des Archivierens als Praxis, die in die Alltagskultur einfließt und von der partizipativen User_in mitgeneriert wird. In fundierten transdisziplinären Fallstudien legt die Autorin ein überzeugendes Plädoyer zu einem gegenwärtigen Archivverständnis von "Everything" im "Everyday" vor, das gleichermaßen an Museums- und Medientheoretiker_innen sowie Kurator_innen gerichtet ist.


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Brian Massumi: Politics of Affect.

Cambridge/Malden: Polity 2015. ISBN: 978-0-7456-8982-1. 232 Seiten. € 20,90.

Rezensiert von Hauke Lehmann

Der sogenannte affective turn, der in Medien- und Kulturwissenschaften bereits seit längerem zu verzeichnen ist und mittlerweile auch die Sozialwissenschaften erreicht hat, besitzt ganz offensichtlich politische Implikationen – insbesondere, aber nicht nur, für eine Kritik des Neoliberalismus. Diese sind auch von zahlreichen Forschern aufgegriffen und ausformuliert worden, etwa durch Michael Hardt und Antonio Negri, Lauren Berlant, Sara Ahmed oder Nigel Thrift. Der vorliegende Band, eine Sammlung von Interviews mit dem Philosophen und Affekttheoretiker Brian Massumi, verspricht zumindest in seinem Titel, diese Verbindung von Politik und Affekt auf eine systematische Grundlage zu stellen.


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Dominik Schrey: Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur.

Berlin: Kulturverlag Kadmos 2017 (Kaleidogramme: Bd. 147). ISBN 9-783865-993458. 406 S., 40 farbige Abbildungen. Preis: € 29,80.

Rezensiert von Bianca Westermann

Die Smartphonehülle zitiert die Musikkassette, während Blockbuster einen analogen Look durch digitalisiertes Filmkorn erhalten; gleichzeitig zelebrieren Fans analoger Spiegelreflexkameras die Entschleunigung der (Digital-)Fotografie und immer mehr Musiker_innen lassen ihre Alben parallel zur digitalen Veröffentlichung wieder auf Schallplatten pressen. Dominik Schreys Dissertation untersucht diese Faszination des Analogen, dessen Fetischisierung es gleichsam als "Sehnsuchtsort digitaler Medienkultur" (S. 148) erscheint lässt. Seine umfassende Analyse macht deutlich: Die Analoge Nostalgie ist weit mehr als ein ästhetischer Effekt; sie ist ein Diskursphänomen, das es erlaubt, den (digitalen) Medienwandel der letzten Jahrzehnte zu reflektieren.


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